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Völkische Sozialpolitik – Björn Höckes Tuttlinger Rede

Björn Höcke hat sich bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Tuttlingen endgültig vom Wirtschaftsliberalismus der „Lucke-AfD“ verabschiedet. Er wettert nun gegen den Neoliberalismus transatlantischer Provenienz. In der Auseinandersetzung zwischen Angela Merkel und Martin Schulz sieht er einen „Scheinwettbewerb des Systems“. Sich selbst inszeniert er als Hüter der „sozialen Gerechtigkeit“. Auf völkisch gewendet, versteht sich. Ein Kommentar.

Der Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke ist für seine Tabubrüche bekannt. Kündigt er einen Auftritt an, herrscht Spannung. Was wird er dieses Mal sagen? Wie weit wird er gehen? Wird er wie in Dresden im Januar 2017 erneut fordern, die deutsche Erinnerungskultur um „180 Grad“ zu drehen? Spricht er indes wie nun im baden-württembergischen Tuttlingen einmal weniger scharf, sollte man gleichwohl sehr genau hinhören. Denn auch mit für ihn vergleichsweise leisen Tönen kann er durchaus radikales Gedankengut transportieren, vielleicht sogar besser, zumindest anschlussfähiger für breite Wählerschichten.

Höckes Auftritt gestern Abend iin der Angerhalle in Tuttlingen-Möhringen war so ein Fall. Weitere Redner waren die AfD-Landtagsabgeordnete Christina Baum sowie der Bundestagskandidat Reinond Hoffmann. Höcke redete gemessen an seinen eigenen Maßstäben recht milde. Seine ihm sonst so eigene Intonation mit ihren redenden Pausen, der Modulation der Stimme und dem Sound der 30er Jahre, all das war zwar da, aber bis auf ein paar Ausnahmen wie: „Schluss mit der dekadenten Multi-Kulti-Spinnerei“ wirkte es so, als habe der Rechtsausleger der Partei sich einen Schalldämpfer in den Mund gesteckt. Vielleicht war das Taktik, wer weiß? Jedenfalls kam auf diese Weise recht harmlos das daher, was eine, man könnte sagen: „180-Grad-Wende“ in der Wirtschaftspolitik der AfD darstellt. Nämlich eine Abkehr vom ökonomisch liberalen Kurs der Anfangstage, von dem, was die „Professorenpartei“ einst wie eine Monstranz vor sich hergetragen hat.

Höcke-Sprech: Die „intakte Solidargemeinschaft“ und der „Gesellschaftsfrieden“

Björn Höcke benutzte gleich mehrere Kampfbegriffe, die man typischerweise eher von Linken kennt, wie „neoliberal“ oder „Globalisierung“. Er diskreditierte sie, indem er sie als Antipode zu dem darstellte, was er neuerdings „Gesellschaftsfrieden“ nennt. Das klang dann so: „Gesellschaftsfrieden herrscht in einem Staat, wenn man von seiner Hände Arbeit menschenwürdig leben kann. Gesellschaftsfrieden herrscht, wenn man bekommt, was man verdient und wenn man sich in einer intakten Solidargemeinschaft geborgen weiß.“

„Intakte Solidargemeinschaft“ ist typischer Höcke-Jargon, den er schon 2015 verwendet hat. Und zwar wie folgt „Und patriotisch sollte sie [die AfD] sein, weil die unumgänglichen und grundsätzlichen Reformen Kraftakte sind, die nur einer intakten Solidargemeinschaft glücken können.“ Um wiederum zu verstehen, was Höcke unter Patriotismus versteht, sollte man wissen, dass er einst beklagte, es gebe „nur noch 64,5 Millionen Deutsche ohne Migrationshintergrund“. Aus Sicht von Höcke zerstört ein Multi-Kulti-Ansatz also die „intakte Solidargemeinschaft.“

Man erinnere sich: Höcke fragte sich im letzten Jahr auf seiner Facebook-Seite (rhetorisch?), ob die „Multikulturalisierung“ eines „gewachsenen Volks“ „Völkermord“ im Sinne der Uno-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords sei. Mit anderen Worten: es geht ihm um eine völkische Solidargemeinschaft und um einen völkischen „Gesellschaftsfrieden“, der durch „Multikulturalisierung“ bedroht ist. Im Grunde könnte Höcke ebenso gut von einer „intakten Volksgemeinschaft“ sprechen, aber das traut er sich vermutlich nicht.

Höcke, der neue Hüter „sozialer Gerechtigkeit“ und SPD-Kritiker

Verblüffenderweise, und das war das Novum in Tuttlingen, teilte Höcke nur anfangs gegen die CDU aus, um sich sodann beim Thema „Gesellschaftsfrieden“ ausführlich der SPD und ihrem Kanzlerkandidaten Martin Schulz zuzuwenden. Die „ach so soziale SPD“ sei es gewesen, welche „in den letzten 19 Jahren Hartz IV eingeführt“, „die Rente teilprivatisiert“ und „das Rentenniveau abgesenkt“ habe. Zugleich habe sie „die Mehrwehrsteuer erhöht, was gerade für Geringverdienende und kinderreiche Familien ein harter Schlag“ gewesen sei. Höcke sprach zudem über den großen Niedriglohnsektor und darüber, dass „die Schere zwischen arm und reich sich immer mehr öffne“ und nie größer als „in der Gegenwart“ gewesen sei. Und weiter: „Diese SPD der letzten 20 Jahre ist nicht sozial. Sie heuchelt nur ein soziales Gewissen aus wahltaktischen Gründen. Ihre Politik zielt eben nicht auf den Gesellschaftsfrieden. Sie ist genauso neoliberal wie alle anderen Altparteien auch. (…) Es bedeutet, dass die SPD auf der Seite der Reichen und Mächtigen steht.“

Nun pflegen rechtsnational ausgerichtete Parteien in der Wirtschafts- und Sozialpolitik nicht selten einen eher links angehauchten Kurs. Deutlich ist das etwa beim Front National zu sehen, den übrigens Beatrix von Storch aus genau (nur?) diesem Grund kritisch sieht. Auf diese Weise versuchen derartige Parteien, Protestwähler einzufangen, die sich ökonomisch abgehängt fühlen. Was die AfD betrifft, ist das insofern überraschend, als diverse Studien, zuletzt diejenige des „Instituts der deutschen Wirtschaft“ zeigen, dass das Gros der AfD Wähler gerade nicht wirtschaftlich abgehängt ist. Tatsächlich verfügen AfD-Sympathisanten mit EUR 2200 im Monat über ein etwas höheres Einkommen als der deutsche Durchschnitt. Wohlwollend könnte man allenfalls überlegen, ob eine Partei, die wie die AfD „Volkspartei“ sein möchte, einfach nur um jede Wählergruppe kämpft und in von der „Agenda 2010“ enttäuschten SPD-Anhängern ein Potential für sich selbst sieht. Mag sein, dass das auch bei Höcke mitschwingt.

Zwischen Merkel und Schulz herrscht für Höcke ein „Scheinwettkampf des Systems“

Aber so oder so: es geht um mehr: Um die Ablehnung der Globalisierung, um das Ressentiment gegenüber den U.S.A. Auch das gibt es unter Rechten wie Linken, aber es wird bei Ersteren anders hergeleitet. Neurechten wie Höcke geht es nicht um einen Klassenkampf, sondern um die Kritik am Liberalismus westlicher, vor allem amerikanischer Prägung als solcher. Dieser wird als „dekadent“ betrachtet. Die Globalisierung ist deshalb Feindbild, weil sie die, um wieder Höckes völkisch unterfütterte Wortprägung zu zitieren, „intakte Solidargemeinschaft“ in Frage stellt. In seinen eigenen Worten hörte sich das in Tuttlingen wie folgt an:

„Ihre Politik [Anm.: die der SPD] war wie die der anderen Altparteien auch in den letzten 20 Jahren eine Politik für die zehn Prozent Globalisierungsgewinner. Ich möchte, dass wir als AfD eine Politik für die 90 % Globalisierungsverlierer machen.“ Großer Applaus. Viele SPD-Anhänger hätten bis dahin vermutlich mitgeklatscht.

Doch dann kam es, dann offenbarte Höcke, aus welcher Richtung seine Globalisierungskritik kommt. Er wandte sich frank und frei gegen „das System“, und zwar gegen das westliche: „Martin Schulz (ist) selbstverständlich keine Alternative zu Merkel. Es ist ein Scheinwettkampf des Systems, der hier aufgeführt wird. Martin Schulz und Angela Merkel gehören zu einer transatlantischen Politikelite, die unseren Rechtsstaat, unseren Sozialstatt und unsere nationale Identität auflösen will und uns damit um unseren Gesellschaftsfrieden bringen wird.“ Höcke sprach von einer „verbrauchten vaterlandslosen Kaste“. Um wenig später darauf zurückzukommen, dass „die Reichen immer reicher werden“. Falls jemand es vergessen haben sollte: Die Rede ist von einem Auftritt Björn Höckes, nicht von einem Vortrag Sahra Wagenknechts. Auch wenn diese seit geraumer Zeit ebenfalls nationale Töne mitschwingen lässt.

Ähnlich wie schon am 1. Mai, als Höcke gemeinsam mit dem neuen völkischen Arbeitnehmerflügel der Partei, „ALARM“ genannt, in Erfurt demonstrierte, wetterte Höcke auch in Tuttlingen gegen „neoliberale Heuschrecken“ und gegen die USA: „Der amerikanische Traum ist nicht unser Traum“.

Wird Alice Weidel Höckes Tuttlinger Äußerungen zur Sozialpolitik tolerieren

Man fragt sich, wie all das bloß zusammengehen soll mit den wirtschaftspolitischen Ansätzen von Alice Weidel, die sich zwar neuerdings lieber „freiheitlich“ statt „liberal“ nennt, aber Höckes heutiger Rede gleichwohl vermutlich nicht viel abgewinnen können wird. Aber wer weiß, vielleicht finden beide auch in ihrer, sagen wir vorsichtig: Haltung zu Flüchtlingen zusammen. Höcke jedenfalls meinte in Tuttlingen: „Unser Sozialsystem wird durch die Aufnahme durch immer mehr Migranten überfordert“. Gemeinsame Feindbilder helfen bekanntlich bei der Überwindung von Differenzen. Weidels scharfe Äußerungen in der Flüchtlings- und Migrationsfrage sind hinlänglich bekannt.

Eines ist gewiss: Wer, und das sind viele in der AfD, wirtschaftlich liberal eingestellt ist, muss sich seit gestern fragen, welche Häutungen er oder sie in der immer radikaleren, zugleich aber auch immer beliebiger werdenden AfD noch mitmachen möchte. Konservative, die von der CDU gesellschaftspolitisch enttäuscht sind, müssen sich fragen bzw. fragen lassen, ob sie weiterhin Teil einer Partei sein möchten, in denen der de facto Unausschließbare Björn Höcke sich anschickt, sozialvölkische Politik zu betreiben.

7 thoughts on “Völkische Sozialpolitik – Björn Höckes Tuttlinger Rede

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    Ich war gestern ebenfalls bei Höckes Auftritt in Tuttlingen. Gesellschaftsfrieden ist dann gewährt, wenn die leistenden Menschen in der Überzahlt sind gegenüber den nichtleistenden Menschen. Je mehr nichtleistende Menschen in ein Land einwandern, desto höher wird der Faktor Arbeit belastet und es lohnt sich für die leistenden Menschen nicht mehr, einer Arbeit nach zu gehen. Wenn gleichzeitig dann noch die leistenden Menschen als „Nazis oder Rechtspopulisten“ bezeichnet werden, hört der Spass endgültig auf.

    Wie sagte schon Milton Friedman: Man kann ein Sozialsystem haben und geschlossene Grenzen. Man kann offene Grenzen haben, dann aber kein Sozialystem. Man kann aber nicht offene Grenzen und ein Sozialsystem haben.

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

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    Ich kann mich erinnern, dass die CSU auch einmal damit geworben hat, sie sei nicht nur liberal und konservativ, sondern auch sozial. Wenn man Volkspartei werden will, muss man das Soziale abdecken.

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    “ Aus Sicht von Höcke zerstört ein Multi-Kulti-Ansatz also die „intakte Solidargemeinschaft.“

    Ich denke, da ist etwas wahres dran. Wir sehen es an dem bedrohlichen Aufstieg der Rechtsparteien und der strukturellen Schwäche der Linken. Wenn man Menschen in einem Lande ethnisch diversifiziert schafft das Bruchlinien und Konflikte, wovon dann die Rechtsparteien profitieren und die Gewerkschaften und die Linke geschwächt werden. Weil die Gewerkschaften nur noch mit „Mach meinen Kumpel nicht an“ Kampagnen die Arbeiterschaft versuchen zusammen zu halten und die Solidarität aufrecht erhalten, statt gegen Arbeitgeber zu schießen und die lohnabhängig beschäftigen Menschen zu vertreten. Multikulturalismus schwächt die Gewerkschaftsbewegung, indem es neue rassistische Fronten aufmacht. Offene Grenzen für Kapitalströme und Menschen und schwache Staatlichkeit sind die zentrale Forderung der neoliberalen Globalisierung, damit das internationale Kapital schalten und walten kann, wie es will, und die Staaten und Völker gegeneinander aufwiegelt werden. Natürlich sind die Kritiker von rechts überhaupt nicht an Solidarität interessiert. Absurd gleichwohl, dass dann die Linke neoliberale Forderungen vertritt.

    So wie der alte Kapitalismus die Völker in nationalistischen Kriegen gegeneinander aufgebracht hat, bringt der Neoliberalismus die Menschen in den Völkern und Staaten gegeneinander rassistisch auf und schwächt die Identität der Nationen durch Masseneinwanderung maximal kulturdistanter, schwerintegrierbarer Personen. Divide et impera. Rechtsidealisten wie der Höcke sind instrumentell, Hauptsache der Neoliberalismus herrscht mit seiner Liberalisierung für die Konzerne und Schleifung des Sozialstaats. Hat ja auch in Frankreich prima geklappt. Um die rassistische Rechtsextreme Marine Le Pen nicht zu kriegen haben alle vernünftigen Menschen den neoliberalen Banker Macron gewählt.

    Erstaunliche Selbstreflektion von Höcke, doch gerade sein völkischer Rassismus wird die Solidarität in der Gesellschaft noch tiefer untergraben und den Liberalismus der Menschen, nicht der Konzerne, schwächen.

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    „Björn Höcke hat sich bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD in Tuttlingen endgültig vom Wirtschaftsliberalismus der „Lucke-AfD“ verabschiedet. Er wettert nun gegen den Neoliberalismus transatlantischer Provenienz. In der Auseinandersetzung zwischen Angela Merkel und Martin Schulz sieht er einen „Scheinwettbewerb des Systems“. Sich selbst inszeniert er als Hüter der „sozialen Gerechtigkeit“.“
    Was bedeutet das alles? Bernd Höcke versucht sich darin, das zu machen, was alle Parteien – wie auch die Wirtschaftsunternehmen – machen (müssen): Reputationsmanagement. Dieses entspricht dem Demokratie-Modell Joseph A. Schumpeters, das das klassische der Volkssouveränität ablöste. „Die Demokratie ist eine politische Methode, das heißt: eine gewisse Art institutioneller Ordnung, um zu politischen – legislativen und administrativen – Entscheidungen zu gelangen, und daher unfähig, selbst ein Ziel zu sein, unabhängig davon, welche Entscheidungen sie unter gegebenen historischen Verhältnissen hervorbringt. Und dies muß der Ausgangspunkt für jeden Versuch einer Definition sein.“ Den Konkurrenzkampf um die Führung wird in ausdrücklicher Analogie zum „Begriff der Kunkurrenz in der wirtschaftlichen Sphäre“ bestimmt und das sog. VOlk mit einer „Gesellschaftsunternehmung“ in Form der AKtiengesellschaft verglichen. Es geht um die Organisation der „öffentlichen Meinung“, die Schumpeter zufolge die „Handlungsunfähigkeit der volonté général“ erzeugt, weil sie den Wählern die Kenntnis ihrer „langfristigen Interesse“ versperre. Der „Volkswille“ wird fabriziert „analog zur Art und Weise der kommerziellen Reklametechnik“, was erfolgreich ist, als ihre Methoden „rationale Argumente… und so auch die Gefahr, die kritischen Fähigkeiten des Volkes zu wecken“ vermeiden. (Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus, Demokratie. vor allem 444ff) Das war zwar nicht kritisch gemeint, aber wurde dann in der Bibel der APO, „Transformation der Demokratie“ von Agnoli und Brückner als „pluralsitische Einheitspartei“ kritisiert, heute spricht man dann gern von Populismus. Ich ziehe Max Webers „plebizitäre Führerdemokratie“ als Terminus vor, deren Beschreibung die heutige Zeit ziemlich trifft.
    „Der Führerdemokratie ist dabei im allgemeinen der naturgemäße emotionale Charakter der Hingabe und des Vertrauens zum Führer charakteristisch, aus welchem die Neigung, dem Außeralltäglichen, Meistversprechenden, am stärksten mit Reizmitteln Arbeitenden als Führer zu folgen, hervorzugehen pflegt. Der utopische Einschlag aller Revolutionen hat hier seine naturgemäße Grundlage. Hier liegt auch die Schranke der Rationalität dieser Verwaltung in moderner Zeit, – die auch in Amerika nicht immer den Erwartungen entsprach.“(Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Max Weber: Gesammelte Werke, Weber-WuG, S. 157)
    Daß Schumpeter dem Volk von vornherein die Fähigkeit bestritt, überhaupt politische Entscheidungen treffen zu können, war so eine Art kopernikanische Wende der Demokratietheorie. Nur wurde das in der „Konkurrenztheorie der Demokratie“, wie das die amerikanische Soziologie nennt, nur offener ausgesprochen.
    Die Freiheit der Wählerschaft gilt nur als „reagierende Freiheit“, sie „fließt nicht aus ihrer eigenen Intiative, sondern wird geformt… In allen normalen Fällen liegt die Initiative bei den Kandidaten, der sich um das Amt als Parlamentsmitglied und die damit jeweils verbundene lokale Führung bewirbt. Die Wähler beschränken sich darauf, sein Angebot entweder anderen vorzuziehen und es anzunehmen oder es abzulehnen.“(Schumpeter S. 449)
    Im Falle der AfD kommt ja nicht einmal das „Wir sind das Volk“ aus dem Volk, sondern wird vorgegeben und die Redner können auch nicht anders als möglichst oft in der „Lügenpresse“ vorzukommen. „Die Psychotechnik der Parteileitung und der Parteireklame, der Schlagworte und der Marschmusik ist kein bloßes Beiwerk. Sie gehören zum Wesen der Politik“(Schumpeter 449f)
    Ohne das zugeben zu dürfen, ist das auch die Geschäftsgrundlage populistischer Parteien wie der AfD und deren mehr oder weniger charismatischen Repräsentanten, die ja manchmal auch ohne Alkohol besoffen sind oder den Spott von Lichtenberg, daß manche heimlich saufen und öffentlich besoffen sind zu ihrem Leitbild gemacht haben. Man kann das natürlich auch humoristisch abhandeln, Bernd Höcke ist da ja dankbares Objekt von Spott.
    https://youtu.be/fGW1dU4KDV0
    Aber Vorsicht! Öffentlicher Aufstieg und langsamer Abstieg in der Öffentlichkeit von Höcke und funktionalen Äquivalenten gehört zur Stategie, diese Art von Pubkameraden aufzubauen, um dann andere als Angebot aufzubieten, die die Unordnung, die daraus entsteht, wieder zu beseitigen, um just genau die völkische Ideologie durchzusetzen, die die Pubkameraden für den Geschmack zu laut ausposaunen. Oder: Der Höcke kann gehen, seine Ideologie bleibt bestehen. Von vielen Anhängern wie Mit- und ohne Glieder der AfD kann man sagen, sie tun es, aber wissen es nicht. Den Anintellektualisierten darunter ist es als Zynismus und bewußte Taktik zuzutrauen.
    Der AfD geht es in der Konkurrenzdemokratie auch nicht besser als anderen Parteien, zyklisch wechselten sich liberalistische und staatsinteventionistische Politik ab – das galt sogar für das Rußland Lenin und Stalins und co., wo sich Kriegskommunismus, Neue Ökonomische Politik und dann Kollektivierung sich ablösten – oder in Wahrheit immer Mischformen. Da muß dann auch der Höcke die Wähler bedienen, die als auf dem Arbeitsmarkt nicht wettbewerbsfähig, mit Liberalismus nichts anfangen können. Von Höcke eingeseift werden sie dann von Hartz4 rasiert, an dem ja nicht mal Schulz was ändern will, bis dann irgendwann die Unternehmerschaft, dem die zahlungsfähig Nachfragenden entzogen werden, um bedingungsloses Grundeigentum für ihre Kunden flehen, um ihre Ladenhüter loszuwerden.
    Als die Nationalsozialisten von jüdisch-bolschewistischen Kapitalistenpack sprachen, mag mal jemand gefragt haben, ist das kein Widerspruch und die Antwort bekommen haben, klappt das eine nicht, machen sie das andere. Da der Antisemitismus wesentlich Projektion war, verrät diese auch so einiges, was diejenigen machen wollen, die so projezieren. Klappt es nicht mit Liberalismus, dann eben Staatsinterventionismus, zumal das Ostzonenpublikum ja schon über Jahrzehnte daran gewöhnt ist. Es ist vielleicht zu optimistisch auf 4,9 % zu hoffen für die Alternative zu Deutschland und kein Zehntel Prozent mehr. Die „Lügenpresse“, die sie dann ja erst richtig inthronisieren werden, sollten sie Macht – zwar nicht bekommen aber – ausüben dürfen, haben sie dann von Erdogan gelernt, für den Sympathie zu haben kaum verschweigen können.
    „Intakte Solidargemeinschaft“ haben sie von Haider dem Freiheitlichen gelernt, der aus Goebbels Rede von „Volksgemeinschaft“ auf die von „Sozialpartnerschaft“ verfiel. Egal wlechen Euphemismus jemand wählt, die alte Einsicht gilt immer noch:
    „Im Begriff ‚Volksgemeinschaft ist das Volk nur Attribut, das Substantiv ist die Gemeinschaft. Die beschwörende Verdopplung – als schlösse der Begriff ‚Volk‘ den der Gemeinschaft nicht ohnehin ein – verrät einerseits Zweifel an der Berechtigung, die von Konjunkturzyklen und vom Sog der großen Fabrikzentren umhergewirbelte und zusammengewürfelte Bevölkerung industrialisierter Länder als Volk zu bezeichnen; die Wortbildung drückt andererseits aus, daß das Volk bloß der nebensächliche und auswechselbare Vorwand für die Hauptsache ist, nämlich die Gemeinschaft. Gemeinschaft schlechthin oder schicksalhafte, unkündbare Verbundenheit und distanzlose Nähe ist aber unter der Voraussetzung, daß die einzelnen nicht mehr Zwangsmitglieder eines Stammes, einer Kaste oder eines Standes sind und deshalb das Recht haben, sich in Parteien, Vereinen, mit Freunden oder Gleichgesinnten frei zu assozieren, nur als Ausnahmezustand möglich. Das Fronterlebnis im Schützengraben, die Erfahrung, daß unter dem trivialen Aspekt ihrer Verwundbarkeit durch herabhagelnde Granaten betrachtet, alle Menschen gleich sind, war bekanntlich der Ursprung der deutschen Gemeinschaftsideologie. Gemeinschaft, die Gleichheit nicht als gleiches Recht aller, ihre Verschiedenheit zu entwickeln, sondern als nivellierende Reduktion der einzelnen aufs Elementare durch äußere Elementargewalt zur Bedingung hat, ist nur ein anderer Name für Fremdenhaß. Im Krieg gegen das Ausland entdeckten die deutschen Soldaten die Wohltat des Verlusts von Distanz und Differenz zwischen den Einzelnen – Merkmal jeder Zivilisation. Umherwatend im gleichen Schlamm, eingehüllt in den gleichen Gestank von Latrinen und verdreckter Kleidung, denselben Entbehrungen. Strapazen und Gefahren ausgesetzt, wurden die einzelnen einander ähnlich. Diese Entwürdigung und Quälerei als Gemeinschaftserlebnis genießen zu können, setzt Leute voraus, die außer ihrer kreatürlichen Bedürftigkeit nichts gemeinsam haben, denen alle Zivilisation, alle Kultivierung und Humanisierung des Kreatürlichen fremd und verhaßt ist und dies deshalb lieben, sich in den Zustand bloß noch kreatürlicher Bedürftigkeit zu versetzen. Zur Ausnahmesituation, der die Gemeinschaft entsprungen ist, führt das Verlangen nach ihr daher unweigerlich zurück.“(W.Pohrt)

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      Sehr schön: „Von Höcke eingeseift werden sie dann von Hartz4 rasiert, an dem ja nicht mal Schulz was ändern will, bis dann irgendwann die Unternehmerschaft, dem die zahlungsfähig Nachfragenden entzogen werden, um bedingungsloses Grundeigentum für ihre Kunden flehen, um ihre Ladenhüter loszuwerden.“

      Aber 4,9 % sind viel zu optimistisch. Die haben ein Pozential von ca. 10-20 %. Mehr aber nicht, zumindest nicht in Deutschland, dem reichsten Land der EU. Wenn die anderen 90-80 % zusammenhalten, ist das kein Problem. Dann sind das einfach Spinner, die viel zu viel beachtet werden. Eigentlich haben wir ganz andere Sorgen. Worüber man sich Gedanken machen muss, ist: Was passiert in den anderen EU-Ländern. Wie kann man eine Balance herstellen. Wie können alle ihr Selbstbewusstsein bewahren.

      „Identitäre“ sind Pubertäre. „Wer bin ich? Was gehört zu mir? Wieviel Andersartige verkrafte ich?“ – Das sind doch pubertäre Fragen. Wenns unbedingt sein muss, kann man die schon beantworten. Aber sie sind nebensächlich.

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    … dass Höcke ‚völkisch‘ sprach, kann ich in diesem thread nicht erkennen, das tun Sie, gleich 6x, werte Fr. L.B.. Höcke sprach von ‚Solidargemeinschaft‘ und ‚Gesellschaftsfrieden‘, wie Sie ihn sogar selber zitieren. Daran kann ich nix Falsches erkennen, aber an Ihrer ‚Kritik‘ sehr viel.

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