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Pascal Bruckner und die Islamophobie

Pascal Bruckner ist ein Denker nach meinem Gusto; was vielleicht damit zusammenhängt, dass er in etwa so alt ist wie ich und vermutlich ähnliche – sagen wir: zwiespältige – politische Erfahrungen im Gefolge von „68“ gemacht hat. Schon 1979 veröffentlichte Bruckner ein Buch über die repressiven Folgen der so genannten sexuellen Befreiung, und wenn die Grünen das damals gelesen hätten, so wäre ihnen viel Ärger und einigen Kindern und Jugendlichen viel Leid erspart worden.


Bruckner hat auch gegen den postkolonialen „Schuldkomplex“ polemisiert, der die Europäer davon abhält, Verbrechen, Korruption und Intoleranz in der so genannten „Dritten Welt“ anzuprangern. Auch hier bin ich als Apologet des britischen Imperialismus ganz bei ihm. Schließlich muss ich Bruckner lieben, weil er sich – wie seine Mitstreiter André Glucksmann, Bernard-Henri Lévy und Alain Finkielkraut –von Michel Foucault und dem ganzen eleganten Unsinn des so genannten Post-Strukturalismus nicht blenden ließ.
Aus diesen Impulsen entspringt Bruckners Auseinandersetzung mit dem Islam und dessen Apologeten; und auch hier bin ich in Vielem ähnlicher Meinung. Vor fünf Jahren allerdings habe ich hier auf „Starke Meinungen“ ihm widersprochen; nämlich seiner Forderung, den Begriff „Islamophobie“ aus unserem Vokabular zu streichen. Hier ist mein damaliger Artikel, der einen Link zu Bruckners Beitrag enthält.

Bruckner hatte damals behauptet, der Begriff „Islamophobie“ sei „Ende der siebziger Jahre von iranischen Fundamentalisten erfunden worden“. Sein Ziel sei es, „den Islam zu etwas Unberührbarem zu erklären“ und Kritiker des Islam als Rassisten hinzustellen. Diese Behauptung kann man inzwischen auf jedem islamfeindlichen Blog nachlesen, sie gehört zum Standardrepertoire derer, die mit der Tabuisierung des Begriffs die Diskussion über die Sache selbst erschweren wollen.
Ich habe damals argumentiert, dass die Herkunft des Begriffs gleichgültig sei. Auch der Begriff „Antisemitismus“ stamme ja von Antisemiten und sei irreführend. Denn erstens hatten und haben Antisemiten bekanntlich nichts gegen Araber, sondern nur gegen Juden. Und zweitens sollte der Begriff suggerieren, der Antisemitismus als „wissenschaftliche Rassenlehre“ habe nichts mit dem alten religiösen Antijudaismus zu tun, während in Wirklichkeit die Grenzen zwischen religiösem und rassischem Judenhass schon immer fließend waren.
Nun hat Bruckner erneut einen Artikel über die Islamophobie veröffentlicht.

Ohne sich selbstkritisch mit seiner früheren Behauptung auseinanderzusetzen, stellt er nun fest, dass der Begriff „Islamophobie“ bereits Anfang des 20. Jahrhunderts von französischen Kolonialbeamten benutzt wurde. So rühmt der Kolonialbeamte Alain Qellien die „praktische und nachgiebige“ Religion des Korans und stellt fest, dass der Islam die europäische Herrschaft durch seine zivilisierende Art begünstigt, die Völker „vom Fetischismus und unwürdigen Praktiken“ abzubringen. Quellien kritisiert die Islamophobie als „europäischen Hang, einen Glauben zu verteufeln, der den Frieden im Kolonialreich aufrechterhält“.

Die Geschichte europäischer und amerikanischer Versuche, den Islam – auch dessen radikalere Varianten – zu instrumentalisieren, wäre ein eigenes Buch wert. Man denke an die Mobilisierung der Mullahs gegen Mohammed Mossadeq im Iran; an die Bewaffnung der gegen die Sowjetunion kämpfenden Mudschaheddin in Afghanistan; oder an Israels Unterstützung islamischer Gruppen, um die national-marxistische PLO zu schwächen. Aber Bruckner geht jeder Auseinandersetzung aus dem Weg, die in Richtung „Schuldkomplex“ gehen könnte. Auch hier wie bei der Legende der Entstehung des viralen Begriffs „Islamophobie“ aus den Geheimlabors iranischer Gotteskrieger scheint Bruckner zur Selbstreflexion und zur Selbstkritik unfähig. Schade.
Denn nachdem er eben erst die Genese des Begriffs im kolonialen Europa des 19. Jahrhunderts verortet hat, schreibt er: „Ein Wort gehört nicht demjenigen, der es zuerst gebraucht hat, sondern denen, die es neu erfunden haben, um seinen Gebrauch populär zu machen.“ Also den iranischen Mullahs. Kopf also hat Bruckner Recht, Zahl haben seine Kritiker Unrecht.
Auf den naheliegenden Einwand, dass ein Wort niemandem „gehört“, sondern aus seinem Gebrauch erklärt werden muss, geht Bruckner erst gar nicht ein. Mag sein, dass manche Leute mit dem Begriff „Islamophobie“ jede Kritik am Islam als Rassismus hinstellen wollen. Mag auch sein, dass manche Leute mit dem Begriff „Antisemitismus“ ein wenig locker umgehen. Deshalb „gehört“ weder den einen noch den anderen der Begriff.

Wie so manchem Renegaten fehlt Bruckner der alte Gegner Kommunismus, an dem er sich abarbeiten kann. Und so behauptet er, dass „mit den Weihen der nützlichen Idioten von links und rechts, die stets auf der Pirsch nach einem neuen Rassismus sind“ in Gestalt der „Islamophobie“ ein „neues Meinungsdelikt“ entstanden sei, „das dem der ‚Volksfeinde’ in der einstigen Sowjetunion gleicht.“
Nun, Bruckner müsste es besser wissen. In der Sowjetunion bedurfte es keiner Bekenntnisse zu irgendwelchen Ideologien, und auch keiner Kritik daran, um als „Volksfeind“ liquidiert zu werden. Es gab dafür Quoten, und sie wurden erfüllt, die Lager und Erschießungsräume waren gefüllt mit gläubigen Stalinisten, die meinten, einem „Versehen“ zum Opfer gefallen zu sein.
Es ist schlimm genug, dass Vertreter islamischer Staaten und Organisationen jegliche Kritik des Islam als „Islamophobie“ abqualifizieren und aus Anlass der dänischen Mohammed-Karikaturen – in der Tat im Bunde mit so verschiedenen Leuten wie Papst Benedikt XVI und – ausgerechnet! – dem blasphemischen katholischen Renegaten Günter Grass – die Verächtlichmachung des Islam kritisiert und dessen Verbot gefordert haben. Man muss das nicht durch einen völlig überzogenen und unsinnigen Vergleich entwerten.
Wie schon vor fünf Jahren bemüht Bruckner in diesem Zusammenhang ein Argument, das ebenfalls zum Standardrepertoire derjenigen geworden ist, die Islamophobie nicht wahrhaben wollen. „Bleibt ein Mysterium: Die Wandlung von Religion in Rasse, denn die erneute neue Einteilung der Welt in Rassen scheint nach einem halben Jahrhundert das wohl verblüffendste Resultat der Kämpfe gegen Diskriminierung, die stets von neuem das Unheil schaffen, von dem sie sich befreien wollen. Die Operation ist heikel, steht aber kurz vorm Gelingen: Eigentlich dachten wir, dass universelle Religionen wie der Islam oder das Christentum viele Völker umfassen und sich nicht auf eine Ethnie beschränken lassen. Nun aber stellt der Begriff der Islamophobie eine Verschmelzung zwischen einem Glaubenssystem und seinen Gläubigen her. Ein Angriff auf den Islam entwürdigt also die Muslime, Kritik am Christentum entwürdigt die Christen.“
Etwas weniger – nun ja: französisch – ausgedrückt, sagt Bruckner hier: Eine Religion ist doch keine Rasse. Im Aufsatz von 2010 hat er es denn auch klarer ausgedrückt: „Aber ein Bekenntnis lässt sich so wenig mit einer Rasse gleichsetzen wie eine säkulare Ideologie. (…) Hat nicht der französische Präsident selbst, dem wahrlich kein Lapsus zu schade ist, die Islamophobie mit dem Antisemitismus verglichen? Ein tragischer Irrtum. Rassismus attackiert Menschen für das, was sie sind: schwarz, arabisch, jüdisch, weiß.“ Während die Religionskritik, ebenso wie die Kritik einer „säkularen Ideologie“, Menschen angreift für das, was sie denken; es steht ihnen ja frei, anders zu denken.
Natürlich „lässt sich eine Religion nicht mit einer Rasse gleichsetzen“. Zumal die „Rasse“ selbst ein Konstrukt ist. Aber es gibt eben doch entscheidende Unterschiede zwischen der Religion und einer „säkularen Ideologie“, sagen wir dem Kommunismus, Faschismus oder Liberalismus. Alle Religionen praktizieren die frühkindliche Indoktrinierung. Das tun zwar Ersatzreligionen wie Kommunismus und Nationalsozialismus auch, wo sie die Staatsmacht haben, und nicht ohne Erfolg, wie man an der DDR beobachten konnte. Aber nichts kann an die Intensität einer freiwilligen Indoktrination durch die Eltern heranreichen. Man wird in einer freien Gesellschaft nicht als Kommunist oder Nationalsozialist geboren; wohl aber, wenn die Eltern gläubige oder auch nur traditionelle Anhänger einer Religion sind, als Christ, Jude, Moslem, Hindu oder Atheist. Denn die Kinder können nicht beeinflussen, was ihnen erzählt oder vorenthalten wird.
In der Pubertät oder dem frühen Erwachsenenalter ist die Glaubenskrise und oft genug die Ablösung vom Glauben seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts in Teilen des Westens und in bestimmten Schichten üblich geworden, zum Beispiel bei den emanzipierten jungen Juden, deren Eltern noch aus dem Shtetl stammten, aber auch bei Katholiken, die gegen die Priesterherrschaft und die Lustfeindlichkeit ihres Milieus rebellierten. Aber man weiß aus tausend literarischen Zeugnissen, wie schwer sich der Ablösungsprozess gestaltete, wie oft dem Aufbegehren die reuige Rückkehr folgte; und noch heute gibt es in Deutschland Gegenden, wo der Katholizismus die mehr oder weniger selbstverständliche Leitkultur ist, deren Dogmen und Rituale nicht ernsthaft hinterfragt werden. Im Islam ist das – von einer dünnen Oberschicht in manchen Ländern abgesehen – noch weniger der Fall. Und deshalb ist die Islamophobie – wenn sie denn unterstellt, dass jeder Moslem für jedes im Namen des Islam begangene Verbrechen, für jedes dumme Koran-Wort oder für die unterstellte Rückständigkeit der islamischen Kultur sozusagen als Mitglied des Kollektivs auch mit haftet, eine neue Form des Rassismus; so wie der Antizionismus, der ihren Apologeten zufolge ja auch „nur“ Kritik einer säkularen Ideologie und ihrer Praxis ist, eine neue Form des Antisemitismus darstellt.
Deshalb ist es so wichtig, zwischen Islamophobie und Kritik am Islam zu unterscheiden. Ich bin nicht islamophob, aber … (ach, ich liebe solche Formulierungen!) … aber ich bleibe dabei, dass die Darstellung der Mariengeschichte im Koran eine vergröbernde Variante ist, die mit der Poesie des Evangeliums nicht mithalten kann. (Um nur einen Kritikpunkt zu nennen, und nicht einmal einen sehr wesentlichen.) Den Apologeten und Funktionären des Islam liegt natürlich wenig daran, zwischen Kritik und Islam und Islamophobie zu unterscheiden, was verständlich ist. Darin ähneln sie ihren Brüdern im religiösen Geist in den anderen Konfessionen. Auch mir wurde von katholischer Seite unterstellt, ich sei antikatholisch oder überhaupt ein Christenhasser, als ich Benedikt XVI kritisierte. Ähnlich hörte ich es von protestantischer Seite nach Veröffentlichung meiner kritischen Thesen zu Martin Luther. Aber es gibt einen Unterschied zwischen meiner Kritik und der Verfolgung von Christen als „Ungläubige“ durch den IS oder als Staatsfeinde durch Lenin und Stalin. Übrigens gibt es auch einen Unterschied zwischen der Diskriminierung und Verfolgung von Christen in vielen muslimischen Ländern und der Islamophobie von Pegida und Co. in Europa.
Aber das macht die Islamophobie nicht besser. Erstaunlich versöhnlich schließt Pascal Bruckner: „Soll der Islam auf unserem Boden zur Normalität werden, dann muss er genau den gleichen Status bekommen wie die anderen Konfessionen: weder bornierte Verteufelung (…) noch blinde Verehrung. Das Beste, was man sich für den Islam wünschen kann, ist weder die ‚Phobie’ noch die ‚Philie’, sondern die wohlwollende Gleichgültigkeit auf dem Markt der Spiritualität, der allen Gläubigen offen steht. Doch gerade diese Indifferenz wollen die Fundamentalisten nicht.“
So ist es. Ich wiederhole also, was ich Bruckner vor fünf Jahren vorschlug: Streiten wir uns nicht um Worte. „Nennen wir das Kind, wie wir wollen: Es gibt eine Form der Islam-Kritik, die (…) dabei ist, die Vorstellung von Bürgern verschiedener Güteklasse zu etablieren. Getrieben wird sie von einer der McCarthy’schen Kommunisten-Hysterie vergleichbaren irrationalen Angst, die ich „Islamophobie“ nenne. (Ja, es gab auch kommunistische Spione in den USA; ja, es gibt islamistische Terroristen. Aber Hysterie und Angst sind keine guten Ratschläge im Kampf gegen Feinde der offenen Gesellschaft.) Vorschläge für bessere Namen nehme ich gern entgegen. Wer aber leugnet, dass ein solcher Prozess der Ab- und Ausgrenzung überhaupt im Gange ist, der leidet offenkundig unter Realitätsverlust.“

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61 thoughts on “Pascal Bruckner und die Islamophobie

  1. avatar

    Am Ende ist irgendwie alles Rassismus, gewiß. Die Auffassung, die Sie hier vertreten, ist es dann freilich auch: die Auffassung nämlich, daß Leute aus religiösen Gesellschaften – heute also vor allem: Muslime – eine besondere Rücksichtnahme verdient haben. Weil sie indoktriniert sind und unfrei und nicht im gleichen Maß selbstbestimmt wie unsereiner. Man bezeichnet diese Auffassung auch als einen „racism of lower expectations“. Die Frauenrechtlerin und Ex-Muslima Maryam Namazie verkürzt ihn ganz gut auf die Formel „‘We’ can handle offence; ‘they’ can’t“ (in ihrem Aufsatz „Charges of offence and Islamophobia are secular fatwas“ von 2012: http://freethoughtblogs.com/ma.....lar-fatwas).

  2. avatar

    … die WELT-Kultürin, Betül Ulusoy: ‘Ein Leser erzählt mir einmal von einem christlichen Erdkundelehrer: “Der war immer nett, nur an christlichen Feiertagen nicht. Dann wurde nämlich aus dem Erdkundeunterricht kurzerhand ein Religionsunterricht. Wies man ihn darauf hin, flog man aus dem Unterricht.” Wenn wir in Zukunft über Gefahren diskutieren, denke ich auch an solche Lehrer, meine Schuldirektorin und alle anderen, die es nicht so ernst nehmen wollen mit unserer verfassungsrechtlich garantierten Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Das gibt mir Hoffnung.’

    … da klappt meinem Hamster der Unterkiefer herunter. An christlichen Feiertagen [sic!] hat der Lehrer bla, bla … wirklich, es ist beschämend, Dummheit kann ja berichtigt werden – aber doof bleibt doof. Oder?

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