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Ach, wie gut, dass niemand weiß…

Man hatte früher, jedenfalls bei News International, in jeder Redaktion einen Alk, dem man eine Flasche mitbrachte, wenn man jemanden brauchte, der was schrieb, was nicht so ganz gerade war. Oder wenigstens seinen Namen dafür hergab. Das Problem war nur, der Alk wollte Gesellschaft, man musste Stunden mit ihm in irgendeinem dieser elenden Fleet-Street-Pubs abgeben. Und ob er dann die Klappe hielt, das war auch ungewiss. Diese Nöte nimmt uns heute das Netz.

Es ist in der Blogosphäre normal geworden, anonym zu kommunizieren. Das finde ich wunderbar. Und all die lustigen Spitznamen, die man sich dann ausdenken kann. Cool. Es macht mir das Leben wirklich leichter. Ab und zu holt man sich eine kleine Beule, aber mehr wegen der äußeren  Umstände, nicht wegen des Rufmords selbst. Das ist inzwischen ein Kinderspiel, a piece of cake, wie der Engländer sagt. Zwischen Salon und Unterwelt, Milieu und Kanzlei gibt es keinen Unterschied mehr.

Man weiß aus dem Kino, dass man in den Bauch der Stadt Paris hinabsteigen kann. Nun erfahre ich es denkwürdig mittels einer veritablen Beule, dass das auch in London geht. Während ich mit Paul die engen Stufen hinabsteige und ein Souterrain sich an das nächste reiht, schlage ich mit dem Schädel an. Schlecht ist mir eh vom Geruch nach Bier und Bratfett, diesem Odem der miserablen englischen Küche. Vorbei an unsäglichen Toiletten, aus denen weht, was die Werbung frische Brise nennt, landen wir schließlich in einem kleinen fensterlosen Essraum.

Hier hocken Anwälte und Broker, die Flanellmännchen aus den Büros, die heutzutage die Fleet Street ausmachen. Die Tische kleben, Serviette wie Brot aus Pappe, nur der Yorkshire Pudding, der schmeckt nach  brauner Instantsauce, dazu Rind in Scheiben, Aufschnittstärke, und ein Rotwein aus Chile. Willkommen in den privaten Räumen des Ye Olde Cheshire Cheese.  Charles Dickens hat hier schon getrunken, als er noch  kein Poet des Molochs London war, sondern nur Journalist, Fleet-Street-Journalist, eine Kanalratte im ratpack dessen, was Rupert Murdoch erst Mitte der neunziger Jahre zerschlug, indem er schlicht in die Docklands floh. Das Gelände hatte Herr Göring zuvor freigeräumt.

Beim Käse, einem schottischen Schimmelmonstrum namens Stilton, kommt Paul zur Sache. Er hatte da Ärger mit diesem Politiker. Er will Rache. Das sagt er natürlich nicht so. Er will der gerechten Sache, seiner, zu ihrem Recht verhelfen, seinem. Aber er möchte dabei nicht missverstanden werden. Damit meint er, man soll ihn hinter dem Rufmord an seinem Konkurrenten nicht erkennen können. Denn ein Gentleman ist kein Heckenschütze. Natürlich nicht.

Ob ich ihm helfen kann? Leider nicht. Mein iPhone hat hier unten kein Netz. Erst im Taxi komme  ich wieder ins Netz. Eine meiner Sockenpuppen hat Paul dann in Sekunden den Gefallen getan, um den er mich gebeten hatte.  Es geht um eine abgehörte Mailbox, um Schwarzgeld, einen Nachtclub, ein schwarz aufgezeichnetes Gespräch mit einer Tänzerin, die schon mal bessere Zeiten gesehen hat, verbotene Rauschmittel,  ein Steuerproblem und  seinen Anspruch auf ein hohes Amt. Das Opfer wird morgen dementieren, dann kommt die Abschrift der Mailbox, und dann ist er übermorgen  in der Sun auf der Eins überm Bruch. Easy. Was mir nur Sorge macht: So glatt, wie das heutzutage läuft, wie lange noch wird Journalist ein Beruf sein? Wann kann das jeder, so dass es niemand mehr zahlt? Rupert Murdoch hat am Ende unsere Profession nicht gerettet, sondern ruiniert.

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4 Gedanken zu “Ach, wie gut, dass niemand weiß…;”

  1. avatar

    Zum Ausgleich: Wir müssen auch einiges aushalten, z.B.
    Martin Kippenberger:
    http://www.sueddeutsche.de/kul.....r-1.577417

    Ich finde Frösche wunderbar. Es wird Herbst- grässlich -, und man sehnt sich schon nach ihrem Quaken im Teich im Frühsommer. Anzunehmen ist, dass Jesus, der ja Lilien und Vögel bekanntlich mochte, auch nichts gegen Frösche gehabt hätte. Deshalb kann man diese Skulptur ebensogut als Attacke gegen die Franzosen auslegen, in the UK konsequent The Frogs genannt, weil sie die gut durchtrainierten Schenkel dieses Tiers verspeisen, was man wiederum als Anspielung auf den latenten Kannibalismus des Abendmahls auslegen kann.

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    Noch ein OT:
    Die Doppelblasphemie des Tages von Broder. Einladung zu neuem Doppelbeleidigtsein, während wir Christen uns mal einen ‚runterholen. Viel Spaß:

    „Leibowitz war ein streng orthodoxer Jude und ein Zionist; er setzte sich für eine völlige Trennung von Staat und Religion in Israel ein und warnte als einer der Ersten vor den Folgen der Besatzungspolitik. Er beherrschte ein Dutzend Sprachen und war von 1953 an Chefredakteur der 32-bändigen „Encyclopedia Hebraica“.

    Leibowitz sprach mit Respekt über das Christentum und den Islam, legte aber größten Wert auf Abgrenzung. Kam in seiner Gegenwart die Rede darauf, Jerusalem sei „die Wiege der drei großen monotheistischen Religionen“, konnte er richtig böse werden.

    „Was für ein Unsinn!“ schrie er dann, als habe jemand versucht, ihm weiszumachen, dass die Sonne im Westen auf- und im Osten untergeht.

    „Das Judentum und der Islam sind nicht in Jerusalem entstanden. Es sind Wüstenreligionen. Die einzige Religion, deren Wiege in Jerusalem stand, wenn man Bethlehem dazu zählt, ist das Christentum . Aber das ist nur sehr bedingt eine monotheistische Religion!“
    http://www.welt.de/debatte/art.....unsch.html

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    Mr. Kocks scheint der W.C. Fields der Oxford Pubs. Aber W.C. Fields war konservativ – im „Saloon“ interessierte er sich nur fuer „booze“ und „ladies“. W.C. Fields: „My Dear: I hear you have quite an interesting past! I like that in woman!“

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