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Bilder des morgenländischen Mobs gehen um die Welt

Seit dem legendären Satz des seinerzeitigen Staatsoberhaupts Christian Wulff, dass der Islam Teil Deutschlands sei, darf man fragen, was denn Teil Deutschlands, besser Europas, sein soll und was nicht. Ich debattiere in England über Fernsehbilder von einem morgenländischen Mob, der aller Orten Botschaften stürmt. Reaktion auf einen Tabubruch, gegen den man aufstehe. Es geht um Ikonoklasmus, vorgeblich. Ich sehe einen von Religionsführern aufgehetzten Mob, der symbolisch Rache nehmen will. Ich sehe Pogrome, fernsehgerecht inszeniert.

Es herrscht im FFTMC, meiner Oxforder Kneipe, eine bitterböse Stimmung. Es stehen Kommilitonen aller Länder beim Bier; das Wort führt in lautreinem Queens-English ein Herr mit Kopftuch, ein Inder, vermute ich. Hier wird über alles respektlos geredet, jedenfalls gelten keine Tabus. Aber das völkerrechtliche Tabu der Unberührbarkeit von Botschaften als exterritorialem Gebiet, das sollte doch gelten, sagt die Runde. Man bezweifelt, dass die religiöse Empfindsamkeit der Imane reinen Herzens ist. Man wittert Politik hinter dem Missbrauch der Religion.

 

Mein schottischer Freund, Stammgast im FFTMC, zitiert den englischen Komiker Mister Bean, der gesagt haben soll: „Das Recht zu beleidigen steht über dem Recht, nicht beleidigt zu werden.“ Und er meint das durchaus nicht ironisch. Er meint es. „Enlightment“ sagt er. Der Schotte glaubt, dass nicht nur die Dampfmaschine von Edinburgh aus die Welt verbessert hat, sondern auch die Aufklärung dort eingeläutet worden sei. Der Schotte glaubt im übrigen ohnehin, dass er für den besseren Teil der Menschheit verantwortlich ist.

Darüber lachen die Engländer, die Inder lächeln und die Waliser werden Bier holen geschickt. Tabus sind ein Zauberding. Derjenige, der an sie glaubt, den beherrschen sie. Und derjenige, dem sie nicht einleuchten, der stellt schon die falsche Frage. Wie es sich für einen Pub gehört, wird die Diskussion handfest. Dem Juden wie Moslem ist der Schinken, sprich das Schwein, tabu. Der Chinese isst keine Kaninchen. Der Inder, glauben wir zu wissen, verzehrt keine Kühe. Der Sikh (das Kopftuch ist ein Turban) widerspricht. Jedenfalls wollen alle keine Hunde. Also, sagt Joe, heute Abend mal nicht zum Cantonese Take Away.

Tabus sind sehr tiefsitzende, dem Wesen nach irrationale Verbote, die ein enormes Spektrum an Gefühlen aktivieren, von der Ehrfurcht über die Angst bis zum Ekel. Der Tod ist das universellste Tabu. Den Christen erinnerlich durch den Wunsch des auferstandenen Jesus an Maria Magdalena, die er von früher recht gut kannte: „Noli me tangere!“ Meint: Bitte berühr mich nicht. Das hat etwas mit Transzendenz und Heiligkeit zu tun, aber auch mit Botox, Leichengift, Totenruhe als Schutz für die lebenden.

Obwohl Tabus so archetypisch auftreten, als eherne Gesetze der Menschheit, unterliegen Tabus dem Wandel. Und kulturellen Unterschieden. Nehmen wir die unverhüllten Körper der Menschen. Nach dem Sündenfall, wegen des Sündenfalls erkannten Adam und Eva ja, dass sie nackt waren; was ihn weniger gestört hat als sie, finden wir im FFTMC. Was gestern noch als unaussprechlich galt, ist heute gebrochen und morgen üblich. Der Tabubruch ist Motor des kulturellen Prozesses, und zwar mit verzehrendem Appetit. Die Zahl der Tabus nimmt kontinuierlich ab. Nichts scheint den Menschen noch heilig, jedenfalls im Westen.

Wie explizit reden wir über den Geschlechtstrieb, sexuelle Praktiken, Dinge, die man früher „schmutzig“ nannte? Jetzt erzählen die Trunkenbolde Witze, die ich hier nicht wiederholen möchte. Auch nicht den über den Unterschied beim „sheep shaggin“ in Wales und in Schottland. Das ist das untere Ende des Themas, das obere behandelt zum Beispiel den Ikonoklasmus, das Bild-Verbot vieler Religionen. Aber darf man diese Dinge überhaupt in einen Zusammenhang bringen? Die Tabuisierten und Tabuisierer finden: Nein. „Anathema est“: Das ist kein Thema. Redeverbot. Sie sprechen nicht mal den Namen ihres Gottes aus, schon gar nicht in diesem Kontext, schon gar nicht in einer Kneipe.

Im FFTMC ist man von den lynchenden Horden, die die BBC überträgt, nicht begeistert. Man ist überhaupt vom Mob nicht begeistert. Ich sollte sagen, wofür das Kürzel über der Kneipentür steht. FFTMC heißt: „Far From the Madding Crowd“, schlecht übersetzt: Weit weg von der irren Masse, dem irrsinnigen Pöbel. Ich sage: „keine Sehnsucht nach dem Sportpalast!“; ich sage es auf deutsch und alle verstehen. Far From the Madding Crowd, das klingt elitär und westlich, riecht nach Westminster und ist ganz und gar snobistisch. Und ist auch so gemeint. Mir gefällt der Laden.

Unser Motto für diesen bierseligen Freitagabend: Das Recht zu beleidigen steht über dem Recht, nicht beleidigt zu werden. Das ist der Geist der Aufklärung: Allen Tabus wird auf die Schulter geklopft. Nicht von den Wächtern über das Tabuisierte, sondern von jenen, die kein Recht haben, weil sie keine Macht haben. Professorale Intellektuelle, Dichter ohne Einkommen, Privatgelehrte, Schreiberlinge.

Da ich wieder an der Reihe bin, was Kluges zu sagen und den Jungen vom Kontinent zu geben, zitiere ich einen Wiener Juden. Der vorbildliche Karl Kraus hat gesagt: „Journalisten schreiben, weil sie nichts zu sagen haben, und haben etwas zu sagen, weil sie schreiben.“ Das ist westliche Demokratie. So will ich Europa: Far From the Madding Crowd.

 

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11 Gedanken zu “Bilder des morgenländischen Mobs gehen um die Welt;”

  1. avatar

    „Das Recht zu beleidigen steht über dem Recht, nicht beleidigt zu werden.“

    Dieser Satz wird immer wieder als Ausfluss des Gedankens der Aufklärung verwendet.

    Insbesondere in der Diskussion um den Film „Die Unschuld der Muslime“ wird häufig angeführt, man müsse Beleidigungen aushlaten. Christen hielten Beleidigungen des Papstes ja auch aus.

    Doch auch eine ständige Wiederholung dieses Satzes macht diese These nicht wahr.

    Vielmehr steht dieses Aussage in fundamentalen Widerspruch zu den Regelungen des StGB. Demgemäß sind Beleidigungen (§ 185 StGB), üble Nachrede (§ 186 StGB) und Verleumdungen gegen Personen des politischen Lebens (§ 188 StGB) strafbar.

    Natürlich sind Institutionen nicht durch diese Vorschriften geschützt. Dies hat der BGH bspw. für die Institution der Polizei festgestellt.

    Dennoch:
    Der Zweck der Norm liegt darin, dass ehrverletzende Äußerungen sanktioniert werden, um das friedliche Zusammenleben in ener Gesellschaft zu gewährleisten.

    Die Frage, die sich also stellt, ist:
    Nützen Beleidungen unserem Zusammenleben?

    Sicherlich sind sie im Rahmen der Kunstfreiheit (bspw. im Kabarett) notwendig und richtig.

    Allerdings halte ich es für nicht erstrebenswert, dies auf die private Ebene zu übertragen.

    Denn dies würde im Grunde dazu führen, dass jeder jeden beleidigen dürfte. Wer sich dann verletzt fühlt, schließt sich dann selbst aus der aufgeklärten Gesellschaft aus. Ich halte das nicht für ein praktikables Gesellschaftsmodell.

    Im Übrigen finde ich die Beiträge auf Ihrer Seite sehr durchdacht und immer lesenswert.

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    Nein, das muss man nicht „verstehen“. Das darf man nicht „verstehen“. Seit Jahren sprengen sich Sunniten und Schiiten im Irak in die Luft. Seit Monaten massakrieren Assads Truppen die eigene Bevölkerung und militante Islamisten tun in undurchsichtiger Rolle mit. Seit Jahrzehnten verrecken Muslime in den ärmsten Ländern Afrikas und Asiens und Potentaten in streng rechtgläubigen Regimen schieben ihren Familienclans Reichtümer zu. Seit einigen tagen johlen Hunderttausende wegen eines Videos und skandieren Todeswünsche an den Westen. Und dies alles im Namen der einzig wahren und letzten Religion. Die Reihe könnte man lange fortsetzen.

    Das „verstehen“ zu wollen, bedeutete auch die Hysterie der braunen Horden beim Reichsparteitag und im Sportpalast zu verstehen.

    Dazu muss man sagen, wir wissen, wie solches Verhalten zustande kommt. Wir haben es in unserer Geschichte erfahren.
    Und wir haben die Freiheiten erkämpft und entwickelt, Unsäglichkeiten in unseren Gesellschaften zu benennen, Verbesserungen zu fordern und Herrschende abzuwählen. Dies ist gegen die Religionen geschehen und hat ihnen weitgehend ihre gesellschaftlichen Bestimmungsrechte entzogen

    Deshalb reklamieren wir aus unserer säkularen Gesellschaft heraus gegenüber dem Islam einen kulturellen Vorsprung. Er hat mit den derzeitigen Verhaltensweisen keinen Anspruch auf Gleichbehandlung in der Zivilisation.

    Der von links und grün lang gepflegte bequeme liebedienerische Kulturrelativismus muss ein Ende haben.

    Dies ist eine aufklärerisch-linke Position. Die hat sich immer dadurch ausgezeichnet, die Dinge beim Namen zu nennen und eine „Assoziation (anzustreben), in der die Freiheit jedes Einzelnen die Voraussetzung für die Freiheit aller ist“ (Marx/Engels, Komm. Manifest)

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    Besonders die letzte Zeile finde ich wertvoll, weil wohl zutreffend:
    Broder:
    „Der Infantilismus der Demonstranten, die untereinander mit Handys kommunizieren, ansonsten aber in der steinigen Welt des 7. Jahrhunderts leben, färbt auf deren Versteher ab. Hieß es nach der Fatwa gegen Salman Rushdie, die „Satanischen Verse“ seien kein literarisches Meisterwerk, sondern vor allem dazu bestimmt, die Gefühle der Moslems zu verletzen, hat man die Mohammed-Karikaturen, die in der dänischen Zeitung „Jyllands Posten“ erschienen sind, als „primitiv“ und „künstlerisch wertlos“ abgetan, so ist es „diesmal ein dumm-dreister Film, in dem der Prophet Mohammed und der Islam auf ideologisch üble und dazu noch handwerklich billige Weise verächtlich gemacht werden“ – als ob die Qualität des Film das wäre, was die Moslems zur Rage treibt. Nimmt jemand an, die Söhne Allahs würden begeistert Beifall klatschen, wenn es nicht „ein dumm-dreister“ und „handwerklich billiger“ Film wäre, sondern ein Meisterwerk von Pasolini oder Tarantino?“
    http://www.welt.de/kultur/arti.....ndert.html

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    Besuche in Kneipen, ob snobistisch oder nicht, sind durchaus belebend. Es fällt auf , dass Klaus Kocks auf diesem blog mittlerweile zu den besten und originellsten Autoren gehört, während manch anderer Profi hier nur noch gähnende Langeweile in Sachen Selbstbeweihräucherung abliefert. Viel Spaß weiterhin im FFTMC Mr.Kocks.

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    Wer in „Deutsche Welle“ (International) solches wie „Pop-Export“ bemerkt, oder „Zimmer frei“ – kann sehr gut verstehen warum „Pussy Riot“ von einigen NATO-Europeos als Ausdruck von „Kultur und Gesang“ klassifiziert wird! Auch wenn in BBC die ehrfuerchtig-zitternde Stimme eines Sprechers die Zeremonialbesuche „their royals highnesses, the Princes of Cambridge“ lobhudelt. Dagegen sind die jungen „Machos“ in Kairo und Benghazi eigentlich wuerdige Eiferer ihrer spartanischen Religionstradition welche in der Neolitik erdacht wurden.

  6. avatar

    Naja, wer Zivilisation für sich beansprucht, sollte eine Möglichkeit gefunden haben mit Beleidigung umzugehen und seinen Kindern solches beizubringen, jenseits von Mord & Totschlag, oder?
    Da ist das Duellieren des 19 Jh. zivilisierter, als der „morgenländische Mob“.

  7. avatar

    … ooops. Noch einmal:

    … lassen wir den größten europäischen maoistischen Kommunisten aller Zeiten, den Genossen Barroso zu Wort kommen:

    … sein Sprecher Olivier Bailly: ‚Wir verteidigen immer entschieden die Meinungsfreiheit, aber wir denken, dass derartige Elemente nichts mit Meinungsfreiheit zu tun haben. Meinungsfreiheit sollte nicht verwechselt werden mit der Verbreitung von Hass, Intoleranz und Vorurteilen‘.

    Darauf sprach ein Journalist die harte Kritik der EU am Pussy-Riot-Urteil an. Die Reaktion des Barroso-Sprechers: ‚Wie könnte man diese beiden Dinge vergleichen? Sie haben nichts miteinander gemein.‘ Der Auftritt der Band in einer Kirche habe schließlich nicht Hass, Intoleranz oder Vorurteile verbreitet, sondern sei ein Ausdruck von Kultur und von Gesang‘ gewesen.

  8. avatar

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