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Freiheit(en), die ich meine

Über den Ex-Pastor Joachim Gauck nörgelte Pastor Friedrich Schorlemmer, der künftige Bundespräsident verfüge nur über das „Pathos der Freiheit“, nicht über das „Pathos der Gerechtigkeit“. Aus dem Umfeld der Bundeskanzlerin verlautete zuvor als Grund, Gauck abzulehnen, er „könne nur Freiheit“, sei also monothematisch. Völlig zu Recht schrieb Mathias Döpfner dazu in einem Kommentar für die Bild-Zeitung, immerhin habe Gauck ein Thema, und es gebe wahrlich schlechtere.

Die Frage ist, was man unter Freiheit versteht.

Joachim Gauck hat ein kleines Buch mit dem Titel „Freiheit“ geschrieben. Das Buch hätte aber eigentlich „Ich, Gauck“ heißen müssen, denn man erfährt darin erheblich mehr über seinen Gemütszustand als über den Zustand der Freiheit in der Welt.

Nun versuchen einige Vertreter der früheren kirchlichen Opposition in der DDR, zu denen wiederum auch Schorlemmer gehört, unter der Überschrift „Freiheit, die wir meinen“, eine Antwort darauf zu geben und den Freiheitsbegriff für sich zu reklamieren.

 

http://www.pnn.de/politik/629904/

 

Dieses Manifest verdient es, neben Martin Luthers „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ als Beispiel dafür gelesen zu werden, wie evangelische Theologen es schaffen, den Freiheitsbegriff in sein Gegenteil zu verwandeln. Luther bekanntlich schloss aus der inneren Freiheit des Christenmenschen, dass er es nicht nötig habe, für die äußere Freiheit zu kämpfen und begründete damit die verhängnisvolle Autoritätshörigkeit einer Kirche, die als antiautoritäres Bewegung begann.

Hier nun die Luther-Nachfolger aus Ostdeutschland:

„Wir sind wie Joachim Gauck durch diese Diktaturerfahrung gegangen. Uns hat, anders als ihn, nicht der Mangel an Freiheit am stärksten geprägt, sondern unser Kampf, unser Bemühen um ihre Durchsetzung in der DDR. Unser Freiheitsbegriff ist mehr als eine persönliche Selbstbehauptung, die am Ende nur zu einer Freiheit für Privilegierte führt. Wenn wir in der DDR in unseren Freiheits-Texten von Frieden, Gerechtigkeit und  der Bewahrung der Schöpfung sprachen, haben wir damit auch eine grundsätzliche Kritik an der modernen Industriegesellschaft verbunden.“ 

Neben der unterschwelligen Diffamierung des DDR-Bürgers Gauck, er habe die Diktatur erfahren, andere hätten aber gekämpft, ein Urteil, über dessen Stichhaltigkeit andere urteilen sollen, nicht ich, der ich die Gnade der westlichen Geburt genoss, enthält diese Passage eine Diffamierung der individuellen Freiheit des Citoyen, wie sie Gauck in der Tradition der Aufklärung und der Unabhängigkeitserklärung der USA versteht, als bloße „persönliche Selbstbehauptung, die am Ende nur zu einer Freiheit für Privilegierte führt“. Darüber kann ich mir sehr wohl ein urteil erlauben. Zunächst ist sie direkt der Rechtfertigung aller sozialistischen Diktaturen entnommen, die angeblich für „mehr“ als die persönliche Freiheit kämpften und dafür, leider, leider, die persönliche Freiheit abschaffen mussten. Diese verlogene Position wird aber mit einer „grundsätzlichen Kritik an der modernen Industriegesellschaft“ verbunden. Kapitalismuskritik, die – anders als bei Karl Marx etwa – nicht die Errungenschaften der Industrie, des Kapitalismus und der Moderne anerkennt, sondern sich nach einem vorindustriellen, vormodernen Zustand sehnt, ist  – wie Teile der Umweltbewegung und der „antiimperialistischen“ – in Wirklichkeit antimodernen – Blut-und-Boden-Linken  – schlicht und einfach reaktionär.

Weiter im Manifest:

„Gaucks Denken über Freiheit ist von dem Begriff  individueller ‚Selbstermächtigung’ bestimmt. Uns geht es um die aktive gesellschaftliche Öffnung und um die Freiheit aller. Es kommt nicht nur auf eine Haltung der Freiheit an, sondern auf eine Verfassung der Freiheit. Anpassung war für uns in der DDR keine Option. Wir haben Bevormundungen widersprochen, Freiräume mit anderen und für andere geschaffen und gesellschaftliche Veränderungen eingefordert. Diese Erfahrungen aus der DDR ermutigen uns, kritische Bürger im vereinten, demokratischen Deutschland zu bleiben.“ 

Die Freiheit aller gegen die Freiheit des Individuums auszuspielen ist erstens ein rhetorischer Trick, zweitens unlogisch, und drittens selbst für Sozialisten unannehmbar. Insofern fallen diese Kirchenleute ganz im Sinne Luthers weit hinter die theoretischen Voraussetzungen jenes Staates zurück, den sie – zu Recht – bekämpften. Im „Kommunistischen Manifest“ beschrieb Karl Marx das ersehnte Ziel der Revolution als „eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Und nur so kann Freiheit funktionieren  Aus diesem liberalen, antiautoritären Geist heraus schrieb Marx in der „Kritik des Gothaer Programms“ zur Rolle des Staats: „… auch heutig sind die Staatsformen frier oder unfreier im Maß, worin sie die ‚Freiheit des Staats’ beschränken.“ Natürlich war Marx unterm Strich trotz solcher Anwandlungen kein Liberaler, aber ich zitiere ihn hier, um zu zeigen, dass es nicht besonders „links“ ist, das Kollektiv gegen den Einzelnen auszuspielen. Es geht übrigens bei den von der Amerikanischen und der Französischen Revolution verkündeten Freiheitsrechten nicht um „Freiräume“, sondern um unveräußerliche Bürgerrechte, die jedem Individuum zustehen. Das bedeutet in der Tat die „Ermächtigung“ (so übersetzt Gauck das Wort „empowerment“) des Individuums und natürlich der Zusammenschlüsse von Individuen zur Durchsetzung gemeinsamer Interessen. In seinem Buch schreib Gauck, Bedenkenträger (schreckliches Wort!)  hätten ihm vom Gebrauch des Wortes „Ermächtigung“ abgeraten. In Deutschland hat das ja auch einen üblen Klang; aber die Ermächtigung, die Freiheit bedeutet, ist ja eben das genaue Gegenteil jener Ermächtigung des Staates, gegen die 1933 nur die SPD stimmte.  

Weiter im Manifest:

„Joachim Gauck hat die Erwartungen derjenigen beflügelt, die durch die Beschwörung des Antikommunismus die Freiheit verteidigen wollen. Die dringend erforderliche Kompetenz des künftigen Bundespräsidenten kommt aber nicht aus der Beschwörung der Vergangenheit, sondern aus der Fähigkeit, drängende Fragen der Zukunft zu thematisieren: Wie schaffen wir es, den Angriff der Finanzmärkte auf die Demokratie, unsere Lebensform der Freiheit, abzuwehren, den Skandal wachsender Verarmung vieler bei explodierendem Reichtum we­niger nicht länger hinzunehmen, den Raubbau an den natürlichen Lebensgrundlagen zu beenden,  das Zusammenleben der Menschen in kultureller und religiöser Vielfalt zu ermöglichen und neue Konflikte friedlich zu lösen?“ 

Dass Gauck seinen Freiheitsbegriff fast ausschließlich negativ aus dem Antikommunismus ableitet, ist richtig. Überzogen zwar, aber richtig. Und es stimmt auch, dass er dadurch manche unguten Erwartungen beflügelt  „Wir sind Präsident!“ jubelt schon die „Junge Freiheit“. Es stimmt auch, dass Gaucks fast reflexiver Antikommunismus ihn zu manchen unrichtigen Urteilen verleitet. Über die Irrtümer der Totalitarismustheorie hat Hannes Stein das Nötige gesagt. Über den Irrtum der Gleichsetzung der DDR-Diktatur mit der Stalin’schen Terrorherrschaft, wie sie Gauck in einem Beitrag zur deutschen Ausgabe des „Schwarzbuchs des Kommunismus“ explizit vornimmt (wodurch er über den Umweg über die Totalitarismustheorie implizit zur Gleichsetzung von DDR-Regime und Nazi-Diktatur gelangt), hat Micha Brumlik unter Rekurs auf Hannah Arendt Richtiges geschrieben. Wenn Gauck der „Occupy Wall Street“-Bewegung unterstellt, deren Anhänger wollten eine Staatsbank schaffen wie in der DDR, dann ist nicht die Occupy-Bewegung „unsäglich albern“, sondern Gaucks Kritik.

Wie aber die Gauck-Kritiker einen angeblichen „Angriff der Finanzmärkte“ (wer, bitteschön sind „die Märkte“? und wie können diese Abstrakta einen „Angriff“ organisieren?) auf „unsere Lebensform der Freiheit“ abwehren wollen, nachdem sie gerade geschrieben haben, dass ihnen die Freiheit des Individuums nicht so wichtig sei; wie sie den Wohlstand der Vielen garantieren wollen, wenn die „die moderne Industriegesellschaft“ grundsätzlich ablehnen; wie der Multikulturalismus der Falle der Rechtfertigung reaktionärer Sitten entgehen will ohne die individuelle „Selbstermächtigung“, aus einem als unfrei erlebten kulturellen und religiösen Milieu auszubrechen; wie der Einsatz für den „Frieden“ der vergleichbaren Falle entgehen soll, reaktionären Herrschern carte blanche zur Unterdrückung ihrer Völker zu erteilen, wie gegenwärtig in Syrien – Antworten auf diese Fragen bleiben uns Gaucks reaktionäre Kritiker schuldig. 

Freilich hat sich Gauck – der sich gelegentlich als „links, liberal und konservativ“ – also everybody’s darling – bezeichnet hat – ein Hintertürchen offen gelassen, das es ihm ermöglicht, die Sache mit der Freiheit nicht so ernst zu nehmen. Zitieren wir den Präsidenten-Macher Jürgen Trittin, der vermutlich als linker Grüner inhaltlich eher auf der Linie der oben zitierten Gauck-Kritiker aus dem Osten liegt als auf der Linie Gaucks:

Wir haben uns deswegen bereits vor 20 Monaten für einen wertegeleiteten Konservativen entschieden, der in seinem politischen Leben immer für Freiheit und Verantwortung gestanden hat. Sein Freiheitsbegriff ist ein anderer als der der Neoliberalen.“ Und: „Gauck definiert Freiheit als Freiheit zu Verantwortung. Das trifft sich mit unseren Vorstellungen von Freiheit in der Verantwortung.“

Sofern die Begriffe „Freiheit zu Verantwortung“ oder „Freiheit in der Verantwortung“ überhaupt etwas bedeuten, sind sie Euphemismen für die Einschränkung der Freiheit im Namen der „Verantwortung“ – der Verantwortung für die Umwelt etwa, für künftige Generationen, für „kulturelle und religiöse Vielfalt“, für die religiösen Empfindungen von Fanatikern, für den Frieden, für „Werte“, für den „gesellschaftlichen Zusammenhalt“, was weiß ich.

Anstatt abstrakt über Freiheit, Selbstermächtigung und Verantwortung, Freiheit für alle oder Freiheit des Individuums zu schwafeln, schlage ich vor, die Freiheit, die wir meinen, konkret zu definieren. Ich kenne keine bessere Definition als die vier Freiheiten, deren Verwirklichung als Kriegsziel der USA und Großbritanniens von Franklin Delano Roosevelt und Winston Spencer Churchill  im „Atlantikcharta“ festgelegt wurden, die als Grundlage der Vereinten Nationen dienen, und die Norman Rockwell so wunderbar illustriert hat:

http://en.wikipedia.org/wiki/Four_Freedoms_(Norman_Rockwell)

1.                              Freiheit der Rede

2.                              Freiheit der Religion.

3.                              Freiheit von Mangel

4.                              Freiheit von Furcht

Es sind zwei „positive“ Freiheiten – Freiheiten „zu“ etwas, und zwei „negative“ Freiheiten – Freiheiten „von“ etwas. Wer in diesem Sinn freiheitlich denkt und handelt, wird nicht Freiheit und Gerechtigkeit, Freiheit und Verantwortung, Freiheit und Sicherheit, die Freiheit des einzelnen und die Freiheit aller, liberal und sozial gegeneinander auszuspielen versuchen. Es sind nicht alle frei, solange einer in Furcht vor staatlicher Verfolgung, Terrorismus oder Kriminalität lebt, Hunger leidet, wegen seiner Religion verfolgt wird – und  gegen all das nicht seine Stimme erheben kann. Das sind die Freiheiten, die ich meine.

Andere Freiheiten, die man fordern kann und sollte, etwa die unternehmerische Freiheit, rechtfertigen sich dadurch, dass sie diese Freiheiten stärken. Oder sie sind nicht zu rechtfertigen. Auch die Demokratie steht nicht über diesen Freiheiten. Sie ist ein Mittel, sie zu schützen. Ihre Einschränkung darf nicht mit dem Argument gerechtfertigt werden, die Mehrheit habe das demokratisch beschlossen.

Joachim Gauck und erst recht seine Kritiker aus der ehemaligen DDR mögen aber die Worte aus Lessings „Nathan“ bedenken:

Der Aberglaub‘, in dem wir aufgewachsen,
Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
Doch seine Macht nicht über uns. – Es sind
Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.


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75 Gedanken zu “Freiheit(en), die ich meine;”

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    …Ihrer Problematisierung von „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ als missverständliche Begriffe, die zu totalitären Versuchungen führen können, kann ich im Übrigen folgen.

    Hier frage ich mich nur, warum Sie zu glauben scheinen, dass dies bei „Freiheit“ nicht passieren kann. Gerade „Freiheit“ wurde in der Geschichte totalitärer Gesellschaften besonders häufig missbraucht. Trotzdem glaube ich auch, dass „Freiheit“ heutzutage besser verwendbar ist als „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“, die altertümlich sind und man renovieren müsste, etwa zu „Gleiche Rechte“ (equal rights) und „Solidarität“. Meine Hauptkritik: Beide Aspekte tauchen beim absoluten und in sich widersprüchlichen Freiheitsbegriff überhaupt nicht auf; sie sind aber elementare politische Forderungen.

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    …die Sicherheiten seien nicht als Einschränkung, sondern als Erweiterung der Freiheit formuliert, sagen Sie; dies sei das Neue und Wichtige. Neu und wichtig mag das sein, aber die Frage, die mich interessiert, ist, ob die Formulierung von der Erweiterung der Freiheit auch zutreffend ist?

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    @Katrin Kemmler: Sie haben schon recht, mich interessiert die korrekte Etikettierung meist mehr als der „Inhalt“; insb. dann, wenn sie falsch ist. Ich habe sogar das Gefühl, dass wir nur anhand von Etikettierungen über Inhalte informiert werden und deshalb sehr schnell einem Etikettenschwindel zum Opfer fallen.

    @Alan Posener: Mit der Etikettierung der beiden Sicherheiten als Freiheiten wird uns doch eine – sagen wir: Umetikettierung untergeschoben. Das passiert auch anderswo gerne mal, z.B. in der Innen- und Sicherheitspolitik. Gaucks „Verantwortung“ mag ein Gummibegriff sein; Roosevelts und Churchills „Freiheiten-von“, die eigentlich, wie Sie sagen, eher Sicherheiten sind, ist aber auch ein Gummibegriff. Ich sage ja nicht, dass wir diese Sicherheiten nicht brauchen könnten oder wollen sollten. Aber auch wenns pedantisch wirkt: Ich möchte den Unterschied nicht zugunsten eines vereinnahmenden Oberbegriffs „Freiheit“ aufgeben. (Um noch etwas Butter in den Topf zu werfen: Im politischen Bereich wimmelt es nur so von Etikettenschwindel; dies macht einen Großteil der Frustration aus, den diesem Bereich von der Bevölkerung entgegengebracht wird.)

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    Die Diskussion hat sich leider etwas von ihrem Ausgangspunkt entfernt. Der lautete: Die Kritik der Ost-Pfarrer an Gaucks Freiheitsbegriff ist falsch, weil er einen nicht näher definierten Begriff der „Freiheit für alle“ gegen die „individuelle Selbstermächtigung“ ins Spiel bringt. Das ist Demagogie. Dennoch ist Gaucks Freiheitsbegriff problematisch; einerseits, weil er ihn einschränkt durch „Verantwortung“, was ein Gummibegriff ist; andererseits weil er ihn auf die politische Freiheit einschränkt, während Roosevelt und Churchill begriffen haben, dass politische und religiöse Freiheit ergänzt werden müssen durch Sicherheit („Freiheit von Mangel“ ist soziale Sicherheit, und „Freiheit von Furcht“ meint vor allem Sicherheit vor Krieg, Verfolgung und Vertreibung). Dass der britische Konservative (eigentlich ein Liberaler) und der amerikanische Sozialdemokrat (eigentlich ein konservativer Paternalist) diese Forderungen nicht als Einschränkung der Freiheit (wie die ostdeutschen Pfarrer), sondern als ihre Erweiterung formulierten, ist das Neue und Wichtige – und das, was man statt allgemeinem Schwafeln von „Freiheit zu Verantwortung“ von Gauck gern hören würde. Mir scheinen diese vier Freiheiten auch produktiver als Losungen wie „Gleichheit“ (wenn ich keinen Mangel leide, ist es mir egal, wenn ein anderer hundertmal mehr verdient als ich) und „Brüderlichkeit“ (so lange mein Nachbar die Gesetze achtet, muss er nicht mein Bruder sein wollen).
    Am Ende sieht man deutlich an den Diskussionsbeiträgen etwa von „Parisien“, wie die Forderung nach Gleichheit und Brüderlichkeit in den Wunsch nach kultureller Gleischschaltung und die Intoleranz gegenüber Differenz mündet. Diese beiden Losungen der Französischen Revolution sind ja schon immer der Ausgangspunkt von totalitären Versuchungen und Versuchen gewesen.

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    Hm, jetzt könnte ich es mir leicht machen und Herrn Ziegler mit Herrn Berger streiten lassen.

    Herr Berger, auf politische Utopien lasse ich mich nicht ein. Die müssten als Apps schon sehr ausgetüftelt sein und eine längere virtuelle Testphase erlauben. Wenn Sie mir eine App programmieren, die in Ihren Augen unsere Gesellschaft verbessern wird, werde ich sie ausgiebig testen. Virtuell. Wenn sie ein gemeinsames Ziel erreicht, haben Sie meine Unterstützung für die reale Welt. Versprochen.

    Adam Smith hat keinen Schraubenzieher erfunden, er hat ganz genau beobachtet wie wir Menschen ticken und uns organisieren können. In einem gebe ich Ihnen voll und ganz recht: es gibt eine Angst vor Innovationen oder Änderungen. Aber eine Innovation um der Innovation willen, nur weil sie auf einer Apple-Plattform stattfinden soll? So leicht fangen Sie mich nicht ein.

    Herr Ziegler, in der Mitte zwischen unserer Krankenversicherung und dem amerikanischen System liegt die Schweiz. Wir befinden uns in der Tat damit am vermeintlich sozialistischen Rand. Das macht unseren Kapitalismus immer noch nicht zum Sozialismus. Ich merke schon, dass Sie gerne anhand der Etiketten argumentieren. In diesem Punkt, wie auch in der Frage der Religion, ist mir Alan Posener sehr sympathisch. Mich interessiert der konkrete Inhalt, wie er benannt wird, ist Nebensache. Hauptsache wir wissen beide, über was wir uns austauschen.

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    @Katrin Kemmler

    Sie bringen es genau auf den Punkt:

    “Liberale Demokratie setzt keineswegs Kapitalismus voraus”

    Mir fällt keine liberale Demokratie ohne Kapitalismus ein.

    Das was ich mehr oder weniger einfordere sind Innovation in unserem heutigen System.

    Bloß weil Ihnen keine liberale Demokratie ohne Kapitalismus einfällt ist es doch letztlich nicht ein Naturgesetz 🙂

    Vor 20 Jahren wäre Ihnen auch noch nicht eingefallen, an i-phones zu denken oder ?

    Daher meine Forderung den Adam Smith´schen Schraubenzieher durch eine intelligente app auf der Apple-Platform zu ersetzen.

  7. avatar

    …der Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ zeigt beide Aspekte unserer Wirtschaftsordnung: zentralistische Planung und privatwirtschaftliche Eigeninitiative. Das von ihm bezeichnete System ist durch die Globalisierung allerdings scheinbar etwas aus dem Gleichgewicht geraten.

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    @Katrin Kemmler: Betrachten Sie mal das Naheliegenste: unseren heutigen Staat. Marktwirtschaftlich lohnt sich weder der Straßenbau noch die Buslinie nach Klein-Kleckersdorf. Der von Lyoner so geschätzte Herr Sloterdijk hat ausdrücklich auf den sozialistisch-planwirtschaftlichen Charakter unseres Steuersystems hingewiesen. Für uns ist z.B. eine Krankenversicherungspflicht eine Selbstverständlichkeit; vielen Amerikanern kommt das erzkommunistisch vor.

  9. avatar

    „Liberale Demokratie setzt keineswegs Kapitalismus voraus“

    Mir fällt keine liberale Demokratie ohne Kapitalismus ein.

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    @Roland Ziegler

    Vielen Dank für Ihren Hinweis:

    http://m.faz.net/aktuell/feuil.....79150.html

    Vieeleicht brauchen wir auch mehr Greg Smith´s:

    http://www.zeit.de/wirtschaft/.....reaktionen

    http://www.nytimes.com/2012/03.....sachs.html

    Und was die Ökonomisierung der bisher “ weißen Flecken “ betrifft:

    nach health ist auch education ein “ Markt “ der Zukunft.

    Die Bertelsmannisierung des deutschen Bildungssektors äußert sich bislang nur in Studien der Bertelsmann-Stiftung, aber in den USA ist schon gut zu erkennen wo auch bald bei uns der Karren hinläuft:

    http://www.bertelsmann.de/News.....A-auf.html

    „“Thomas Rabe, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann AG, erklärte: „Bildung und insbesondere Services für Bildungsanbieter sind ein ebenso zukunftsträchtiges wie maßgeschneidertes Geschäftsfeld für ein global agierendes Medien- und Dienstleistungs­unternehmen wie Bertelsmann. Durch Megatrends wie die Digitalisierung und den wachsenden Einfluss des Privatsektors ergeben sich für uns enorme Chancen, die wir mit University Ventures flexibel nutzen wollen. Wir expandieren in ein wachstumsstarkes neues Geschäftsfeld und haben uns dabei nach sorgsamer Marktanalyse ganz bewusst für ein unternehmerisches Konzept entschieden, das auf einen sukzessiven Geschäftsaufbau setzt. Bei Bertelsmann werden unternehmerische Ideen Wirklichkeit; dafür ist die Partnerschaft mit University Ventures ein exzellentes Beispiel.““

    Daß Stiftungen nicht mehr nur “ Wohltaten “ stiften, wie Sie m.E. im herkömmlichen Sprachgebrauch verstanden werden, sondern letztlich auch ideale Möglichkeiten bieten um Steuerersparnisse zu erzielen wird oftmals übersehen.

    Man denkt zu sehr an:

    „“Im Mittelalter entsprangen sie als Stift den frommen Gedanken des Stifters, der auch die Sicherung des eigenen Seelenheils im Blick hatte,…““

    (und vergißt dass, bereits damals:)…..aber auch als Gründungsstadt oder Siedlung, die den Stifter als Lehnsherr auf gute Rendite hoffen ließ.

    http://de.wikipedia.org/wiki/S.....ntwicklung

    Vielleicht sollten wir daher das Zitat von Brecht:

    „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank“

    ändern in : Was ist der Einfluß einer Bank auf das Bildungswesen gegen die Gründung einer
    (Bertelsmann-) Stiftung?? 🙂

    Rein marktwirtschaftlich haben die Bertelsmänner mit ihren education venture fonds recht.

    Siehe apple: http://www.apple.com/education/

    P.S.

    Nach der Immobilienkrise in den US fürchtet man derzeit die nächste Krise im Kreditgeschäft mit den Studenten:

    http://finance.fortune.cnn.com.....an-crisis/

    Ben Bernanke:

    The rapid growth of education loans requires „careful oversight“ from regulators, he added.

    Statt oversight vermisse ich allerdings hier das Wort “ foresight “ 🙂

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    Noch eine letzte Sache zu dieser begrifflichen Betrachtung: Man sollte Freiheit allgemein im Zusammenhang von Begrenzungen betrachten, dann kann man feststellen, dass nicht alle Begrenzungen gleichermaßen zu Unfreiheit führen. Zumindest gibt es qualitative Unterschiede, die nicht unter den Tisch fallen sollten. Bei Begrenzungen im engen Sinn kann man an die DDR-Grenze denken, die zweifellos massive Unfreiheit bedeutet und sich stark unterscheidet von einer EU-Binnengrenze, z.B. zwischen Deutschland und Frankreich. Aber auch im allgemeineren Sinn ist es so, dass z.B. die Grenzen, die bei einer guten Erziehung gezogen werden, dazu da sind, Halt und Orientierung zu geben, nicht zu Unfreiheit führen und deshalb keine Grenzen der Unfreiheit sind. Auch aus dieser Sicht erscheint mir die eingangs gegebene Definition, dass Freiheit die Abwesenheit von Zwängen ist, zutreffend. Die DDR-Grenze war eine Grenze des Zwangs; hier wurden Leute in ihrem Bestreben, die Grenze zu überwinden, mit unmenschlichen Mitteln an der Erfüllung ihres Ziels zurückgehalten. Eine Gefängnisgrenze ist in demselben Sinn eine Grenze des Zwangs. Die Strukturbildungen, Grenzziehungen durch zielgerichtetes Handeln u.ä., erzeugen demgegenüber keine Unfreiheit, weil sie keine Zwänge durchsetzen.

    @Moritz Berger: Ja, ich meine nur die Staatsform, nicht die Wirtschaftsordnung. Diese beiden Dinge sollte man unbedingt auseinanderhalten. Unsere Staatsform, d.h. unsere Verfassung, ermöglicht übrigens auch eine Planwirtschaft. Liberale Demokratie setzt keineswegs Kapitalismus voraus (obwohl sie sicherlich eine Tendenz dahin hat). Und ich gebe Ihenn völlig recht: die Ökonomisierung unseres Lebens schränkt unsere Freiheit definitiv ein; die Wirtschaft ist längst in viele unserer Spielräume eingedrungen und bestimmt uns fremd. Dies ist ein großes Problem; ich bin froh, dass Sie anhand vieler Beispiele und Nachweise hier auf dem Blog die Horizonte erweitern (In der aktuellen FAS steht ein Artikel zu Büchern, die das Büro als „Terrorzelle“ beschreiben…)

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    ….man kann in diesem Sinne auch fragen, wie sich die Liebe – sicher so etwas wie eine Elementarkraft – zur Freiheit verhält. Hier würde ich sagen, dass auch die Liebe etwas ist, das die Freiheit definitiv einschränkt. Aber dies spricht nicht gegen die Liebe, denn die bedeutet Glück (bzw. im Fall der unglücklichen Liebe ein scheiterndes Glücksversprechen). Wir befinden uns also in der Mitte zwischen Freiheit und Unfreiheit, und richten uns gesellschaftlich gegen die Kräfte, die uns oder andere beschränken, ohne zu beglücken.

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    @ Thorsten Zeiß: brilliant. Es gibt eine neue Währung: Zuneigung/Aufmerksamkeit. Ich bin noch nicht sicher, daher die Doppel-Benamsung. Sicher bin ich nur, dass die vor kurzem noch sehr eingeschränkten Freiheiten nicht ausreichen. Wackelig ist beim Posener Konzept die Angst vor der Furcht, denn wir fürchten uns immer noch.

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    @Torsten Zeiß: Sie haben schon recht: Der Mensch als soziales Wesen ist weder von Natur aus frei, wie es die Naturrechtler behaupten, noch strebt er überhaupt danach, wirklich frei zu sein. „Von Natur aus“ wächst man in einem familiären Korsett auf, aus dem man sich in der Pubertät ein wenig befreit, um es durch Peer Group und Beziehungskisten zu ersetzen.
    Über diese multiplen Unfreiheiten hinaus kann aber das soziale System Unfreiheiten produzieren, die nicht gut sind für den Menschen, sogar existentiell bedrohlich sein können. Um diese speziellen Unfreiheiten geht es, die sind nicht gewollt, jedenfalls nicht von denen, die sie erleiden müssen (was ja nie alle sind). Wenn in Ägypten alle darüber glücklich wären, dass die Frauen ihren minderen Platz einnehmen müssen, inklusive der Frauen, dann wäre dagegen gar nichts zu sagen. Man wendet sich deshalb dagegen, weil es einige – viele – eben nicht so wollen, aber nicht anders dürfen.

    @EJ: Dem Monotheismus der amerikanischen Freiheit steht die französische Dreifaltigkeit gegenüber, dazwischen steht der Dualismus der Formel Freiheit-in-Verantwortung. 4 ist schon zu kompliziert für uns; vier Begriffe lassen sich zudem nicht gut auf Demos skandieren. Kommt man bei der 4 an, hat man die 1 schon wieder vergessen. Ab 4 wird alles – wie wir an Poseners vierköpfiger amerikanischer Freiheit sehen – aus der 1 gebildet (4 = 4 * 1). So entsteht politische Mathematik 🙂

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    sorry es sollte heißen:

    Die sind doch schon in unseren Spielräumen existent oder??

    Nachsatz:

    Die zunehmende Ökonomisierung unserer Gesellschaft schränkt m.E. zunehmend die Freiheit ein…

    nur einmal über den Tellerrand geblickt 🙂

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    @Roland Ziegler

    ein Zwischenkommentar:

    „Die plurale, liberale Demokratie zieht sich weitestgehend aus den Spielräumen ihrer Bürger zurück, um ein Höchstmaß an Freiheiten zu ermöglichen.“

    Beziehen Sie das auf den Staat?

    Und wie sieht es letztlich mit nichtsstaatlichen Institutionen wie z.B. Unternehmen aus, im speziellen Oligopole …

    Da sind doch schon in unseren Spielräumen existent oder??

    Und schränken oftmals ein Höchstmaß an Freiheit ein!!

    Und da wären wir doch wieder bei der angebliche so freie Entscheidung des Bürgers 🙂 🙂

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    Es scheint hier Konsens zu sein, dass Menschen quasi natürlicherweise nach Freiheit streben. Dann ist es auch sinnvoll zu fragen, was man genau unter dieser Freiheit versteht und wie man sie am besten gewährt. Was aber, wenn schon die Grundannahme falsch ist?

    Vielleicht streben die Menschen gar nicht nach Freiheit, sondern fürchten sich vor ihr wie vor nichts anderem? Man betrachte rückblickend, wie schnell das Freiheitspathos des Mauerfalls in ein „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, kommen wir zu ihr“ mündete. Darin ist gleich eine doppelte Unterwerfung enthalten: zum einen der schnelle „Anschluss“ an einen anderen Staat unter Verzicht auf die Geltendmachung eigener Interessen, zum anderen die freiwillige Unterwerfung unter das Gesetz des Mammons. Oder man betrachte, wie die Ägypter ihre neugewonnene Freiheit postwendend eintauschen gegen die freiwillige Unterwerfung unter ein islamistisches System, das – um nur ein Beispiel zu nennen – den Frauen noch weniger Rechte gewährt als die gestürzte Diktatur.

    Vielleicht ist „Freiheit“ ja eine romantische Illusion, eine Fata Morgana, die uns nur als solche fasziniert. Und so ist es wohl auch mit der Willensfreiheit. Wofür entscheiden wir uns, wenn wir die freie Auswahl haben? Wir nehmen das, was die anderen auch nehmen. Unser „Individualismus“ ist ebenso eine Einbildung wie die Autonomie unseres Begehrens, und beide haben die einzige Funktion, unserer Eitelkeit zu schmeicheln. Sich dieser Wahrheit zu stellen, ist vielleicht der einzige Weg, um wirklich frei zu sein. Doch dazu müssen wir über unseren Schatten springen, was bekanntermaßen unmöglich ist…

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    Keine der definierten Freiheiten, kann man haben. Freiheit muss man sich nehmen. Eine Freiheit, die gewährt wird, existiert nicht.

    Freiheit ist auch das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen. …und diese Beiträge erscheinen dann hier einfach nicht, gell Herr Posener.

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    Es gibt nur eine echte/wahre Freiheit – das ist die Willensfreiheit: ‚Die Freiheit, diese äußerste wertvolle Gabe der Natur, kommt nur dem Wesen zu, welche den Gebrauch der Intelligenz oder Vernunft besitzen.

    Macht wir was d’raus. Oder?

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    …und noch ein Gedanke zur These, Freiheit ohne Verantwortung wäre irgendwie verkehrt oder würde nicht richtig funktionieren: Das stimmt nicht. Selbstverständlich gibt es Freiheit ohne Verantwortung (nur eben nicht als Gesellschaftsprinzip). Eltern, die ihren Job ernst nehmen, wissen genau, was darunter zu verstehen ist: Die Oma passt auf die Kinder auf und man selber genehmigt sich einen guten Schluck aus der Freiheit-ohne-Verantwortung-Pulle. Überzeugte Singles wissen, was Freiheit bzw. Verantwortung bedeutet. Die beiden passen nicht zusammen, sie streben auseinander, wir müssen uns mit ihnen irgendwie arrangieren. Vollkommene Freiheit ist ein Zustand ohne jede Verantwortung.

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    @Parisien/Jean-Luc Levasydas: Handlungen entscheiden über daran anknüpfende Möglichkeiten und damit über die Freiheit. Sie erschließen Spielräume und verursachen damit Freiheit. Sie sind aber nicht die Freiheit. Außerdem richten sich Handlungen normalerweise darauf, neue Freiheiten erschließen. Der grundlegende Prozess des Erwachsenwerdens basiert auf Handlungen, die die Kinder bzw. Jugendlichen ausführen und anhand derer sie sich zusätzliche Möglichkeiten erschließen. Handlungen zielen also meistens auf den Erwerb von Freiheit.

    Hierbei wird Freiheit individuell betrachtet. Die Frage nach „Freiheit für alle“ betrachtet die Freiheit in der Gesellschaft. Freiheit ist eigentlich nicht in einer Gesellschaft verortet; deshalb ziehen sich die im radikalen Sinn freiheitssuchenden Eremiten ja auch bewusst aus ihr zurück. Gesellschaft ist per se freiheitsbegrenzend, die Frage ist, wo und wie sie ihre Begrenzungen setzt. In diesem Sinn gibt es freiheitlichere und weniger freiheitliche Gesellschaftsformen. Die plurale, liberale Demokratie zieht sich weitestgehend aus den Spielräumen ihrer Bürger zurück, um ein Höchstmaß an Freiheiten zu ermöglichen.

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    Ich sehe in dieser Theorie eines Liberalismus mit einer viergestaltigen Freiheit als übergeordnetes Axiom den Versuch, verschiedenartige Phänomene von einer monistischen Metaphysik begründen zu lassen. Mir erscheint die von 68er ins Spiel gebrachte französische Formel von „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ viel brauchbarer. Natürlich ist auch sie erläuterungsbedürftig – Herr Posener fragte in diesem Sinne: „Was ist Gleichheit?“ – aber das ist kein akzeptabler Einwand angesichts der Tatsache, dass die Alternative der besagten vierköpfigen Freiheit nicht minder erläuterungsbedürftig ist, wie der Artikel als solcher selber beweist.

    „Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit“ hat den Vorteil, dass ein viel weiterer Bereich der aktuell relevanten gesellschaftlichen Debatten berührt wird, als wenn man alle gesellschaftlichen Ziele auf „Freiheit“ als terminus technicus reduziert. Was „Freiheit“ ist, wurde erläutert; was also ist „Gleichheit“? Hiermit sind gleiche Rechte gemeint, das Prinzip, das etwa vor Gericht gilt (ein reicher Mörder hat im Prinzip die gleiche Strafe zu erwarten wie eine arme Mörderin). Man solte aber natürlich auch an Emanzipationsbestrebungen denken, insb. natürlich an die Gleichstelllung von Mann und Frau.
    Was schließlich ist „Brüderlichkeit“? Hiermit ist das Prinzip der Solidarität gemeint, das derzeit unter dem Namen soziale Gerechtigkeit ein wenig mit der Gleichheit zu verschmelzen droht.

    Auch diese französische Formel hat Nachteile, wie soeben angedeutet. (Auch kann man sich fragen, warum es drei Begriffe sein müssen und nicht vielmehr vier.) Aber sie ist gerade in ihrer Pluralität besser als eine quasimonotheistische Vergötterung des Freiheitsprinzips. Die Demokratie, die wir meinen, ist eben pluralistisch.

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    @ Jean-Luc
    Die französische Definition von Freiheit, die Sie bringen, ist vorzüglich:
    „D’un point de vue sémantique, on peut considérer la liberté comme étant l’ensemble de possibilités (ou de contraintes) qui sont physiquement ou socialement applicables à un individu, mais excluant d’autres possibilités (ou faisant disparaître d’autres contraintes). Cela signifie que nécessairement, l’attribution d’une possibilité d’agir, rend impossible une ou plusieurs autres possibilités d’agir et modifiera donc d’autant le champ de libertés d’un individu. Ou formulé de manière inverse, poser des contraintes permet d’atteindre de nouvelles possibilités. Il existe évidemment une infinité de tels ensembles, ce qui tend à faire désigner au mot liberté des notions parfois forts différentes dans l’espace et le temps.“

    Grob aus dem Stegreif übersetzt:
    – Aus einem semantischen Blickwinkel kann man die Freiheit betrachten als ein Ensemble von Möglichkeiten (oder Zwängen), die physisch oder sozial auf ein Individuum angewendet werden und die dabei andere Möglichkeiten ausschließen (oder andere Zwänge beseitigen). Das bedeutet zwangsläufig, dass die Anwendung einer Möglichkeit zu handeln eine oder mehrere andere Möglichkeiten zum Handeln ausschließt und daher den Freiheitsspielraum eines Individuums modifiziert. Oder anders herum: Zwänge aufzuerlegen bedeutet, neue Möglichkeiten zu erschließen. Offensichtlich gibt es eine Vielzahl solcher Ensembles, was dazu führt, das man mit dem Wort Freiheit, abhängig von Raum und Zeit, verschiedene Vorstellungen verbinden kann. –

    Für mich sehr realistisch. Es bedeutet, dass die Freiheit des einen die Einschränkung des anderen zur Folge hat. Anders formuliert: Meine Freiheit hört an der Grenze des anderen auf. Drastischer RÜckschluss: Wirkliche Freiheit für alle existiert nicht.
    Wir nehmen heute die Einschränkungen, von denen es reichlich gibt, gerade im Wechselbad der verschiedenen Kulturen unter je einem Dach, stärker wahr. Die Freiheiten sind uns dabei oft nicht bewusst, zumal sie langsam reduziert werden.
    Eine der Freiheiten, die ich selbst lebenslang vermisste: Die Freiheit, ausschlafen zu können, also Gleitzeit überall und auch in den Schulen zwei Schulbeginne. Im Prinzip braucht man zwei Anfangszeiten: Eine für sog. A-Menschen, eine für B-Menschen. Verteilung: ca. 50/50. Das bedeutet, dass eine Hälfte ca. 60 Jahre lang gequält wird.

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    Für mich macht die Freiheit von Furcht am wenigsten Sinn, ich schließe mich den Herren Ziegler und Parisien an.

    Und dann noch grundlegende Gedanken zur Freiheit und Verantwortung. Wortspiele à la ‚zu‘ oder ‚in interessieren mich nicht, aber sehr wohl, warum eine Freiheit ohne Verantwortung nicht funktionieren kann und ich das Grundgesetz gegenüber dem Konzept der Vier Freiheiten bevorzuge. Denn eine individuelle Freiheit hat da ihre Grenzen, wo die Persönlichkeitsrechte und Freiheiten eines Anderen beeinträchtigt sind.

    Nehmen wir die Meinungsfreiheit, sie wird durch Straftatbestände der Verleumdung oder Volksverhetzung begrenzt. Zu Recht, wie ich finde, denn hier ist die Würde anderer in Gefahr. Aber auch ohne Strafgesetzbuch, das ohnehin sehr selten zum Zuge kommt, wird die Meinungsfreiheit oft eindimensional falsch interpretiert. Besonders im Internet lässt sich das beobachten. Es gibt viele, die meinen, man dürfe Israel nicht kritisieren. Doch was passiert denn Schlimmes? Mir ist nur ein Gerichtsurteil bekannt, in dem ein Herr Karsli als Antisemit bezeichnet werden darf. Keine Strafe wegen Volksverhetzung, man darf ihn ungestraft als Antisemiten bezeichnen. Damit hat er zu leben, das ist die Verantwortung, die er für seine Äußerungen zu tragen hat.

    ‚Das muss man doch mal sagen dürfen.‘ Man darf, aber die wahre Erwartung dahinter ist, dass man es unwidersprochen sagen darf. Mehr noch, es gibt Politiker, die dafür gewählt werden wollen. Oder Autoren, die damit ihre Bücher verkaufen wollen. Doch es ist die Freiheit der anderen, ihm zu widersprechen oder nicht zu wählen.

    Noch relevanter wird ein Abwägen der Grundrechte, wenn es um Schutzbedürftige geht. Nach dem Konzept der vier Freiheiten könnte sich ein Pädophiler auf seine Freiheit vor Furcht (staatliche Verfolgung) berufen. Welche Freiheit eines Kleinkindes könnte man dagegen setzen? Freiheit vor Furcht? Es weiß hoffentlich nicht, was Missbrauch ist und kann es nicht fürchten.

    Angenommen ein Amokläufer bringt an einer Schule Menschen um. Er bekommt keinen Namen, keine persönliche Geschichte, nicht einmal Alter oder Haarfarbe werden bekannt. Nicht einmal den Titel ‚Amokläufer‘ wird er erhalten, sondern man berichtet über einen Geistig Gestörten. Angenommen, kindermordende Terroristen werden ebenso anonymisiert, sie haben keine Kommandonamen, man spekuliert nicht über ihre Motivation und verleiht Ihnen keine Legitimation aus einer wie auch immer gestalteten Opferrolle.

    Würden sie noch Kinder umbringen? Ich möchte die Freiheit der Medien, ihr Recht auf schnelle große Schlagzeilen und ausführliche Berichterstattung nicht einschränken. Ich möchte sie nur auf ihre Verantwortung aufmerksam machen. Man könnte Kinderleben damit schützen.

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    Alan Posener „zweitens schlage ich mit den Vier Freiheiten eine Definition vor, die ohne die sehr problematische “Gleichheit” (was heißt das?) und gar “Brüderlichkeit” (und willst du nicht mein Bruder sein…) als Einschränkungen der FReiheit auskommt. Was sagen Sie dazu?“

    Schätze, auch das gehört zur Freiheit ohne die problematische Gleichheit und den noch größeren Problembären Brüderlichkeit:
    http://www.spiegel.de/wirtscha.....73,00.html

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    Werter Herr Posener,

    sie haben mich nicht als Reatkioner beschimpft aber Schorlemmer und Co. Die mögen vielleicht reaktionär sein, das kann ich nicht beurteilen, da ich sie nicht näher kenne, die von Ihnen zitierten Passagen begründen Ihr Urteil jedoch nicht. Diese Zitate könnte ich auch unterschreiben, so dass ich in Ihren Augen wohl auch als reaktionär zu gelten habe.

    Was mag nur an den Zitaten reaktionär sein, habe ich mich gefragt. Reaktionär sind die Aussagen dann, wenn man als Aktio die Ideologie eines ungezügelten Marktradikalismus vertritt. Ein Marktradikalismus, der nur die Freiheit des Einzelnen kennt, aber die Werte Gleichheit und Solidarität (das scheint mir der passendere, weil weniger idealistische Begriff) vernachlässigt.

    Und da beschleicht mich der Verdacht, Sie beschimpfen mit dem Wort „Reaktionär“ Menschen, die bei ihrem streben nach persönlicher Freiheit auch die Freiheit des Nächsten nicht aus dem Auge lassen wollen. Menschen, die trotz und wegen ihrer Erfahrungen in einem totalitären „sozialistischen“ System noch an die Grundidee einer solidarischen Gesellschaft glauben. Ich hatte daher den Eindruck, Sie stört der sozialistische Einschlag in den Zitaten. Das ist mir zu überzogen, das klingt mir – verzeihen Sie den Vergleich der Sie wahrscheinlich mehr trifft als andere – ein wenig nach Kommunistenpanik á la Joseph McCarthy.

    Für mich klingen die Aussagen von Schorlemmer und Co. eher nach christlicher Soziallehre als nach Sozialismus oder Kommunismus.

    Wenn Sie vor christlichen Soziallehre mehr Angst haben als vor einem ugezügelten Marktkapitalismus, ist Ihnen wahrscheinlich nicht mehr zu helfen.

  27. avatar

    1. Freiheit der Rede

    Bereits eingeschränkt durch fundamentalen Islam und Islamapologetik.

    2. Freiheit der Religion.

    Bereits eingeschränkt bezüglich Judentum und Christentum durch den fundamentalen Islam und Islamapologetik.

    3. Freiheit von Mangel

    Bereits eingeschränkt durch z.B. a) Misswirtschaft des Turbokapitalismus oder b) Bebauung von Feldern für Ökosprit und hochgegehende Getreidepreise, was die Ärmsten trifft und beispielsweise zur Revolution in Ägypten beigetragen haben soll.

    4. Freiheit von Furcht

    Bei allen Entwicklungen nicht gewährleistet.

    Es wird jetzt hier von Schorlemmer und Co. etwas an Herrn Gauck kritisiert, was ich nun wiederum kritisiere: Die Bedrohung der Freiheiten für möglichst Viele durch die Fehlentwicklungen im Wirtschaftssystem. Er ist da in der Tat seinem romantischen Bild von vor 1989 verbunden. Daher fände ich auch jemanden wie Heiner Geissler, der auf diesem Auge nicht blind ist, in dieser Hinsicht geeigneter.

    Zum vorletzten Absatz:
    „Es sind zwei „positive“ Freiheiten – Freiheiten „zu“ etwas, und zwei „negative“ Freiheiten – Freiheiten „von“ etwas. Wer in diesem Sinn freiheitlich denkt und handelt, wird nicht Freiheit und Gerechtigkeit, Freiheit und Verantwortung, Freiheit und Sicherheit, die Freiheit des einzelnen und die Freiheit aller, liberal und sozial gegeneinander auszuspielen versuchen. Es sind nicht alle frei, solange einer in Furcht vor staatlicher Verfolgung, Terrorismus oder Kriminalität lebt, Hunger leidet, wegen seiner Religion verfolgt wird – und gegen all das nicht seine Stimme erheben kann. Das sind die Freiheiten, die ich meine.“

    Solange dieses Wirtschaftssystem, dass wir heute sehr ausgeufert vorfinden, den Diener vor China macht, können Sie locker 1 Milliarde Menschen von oben genannten Freiheiten abketten. Und in Indien gibt es mehr Milliardäre, während in den Slums die Tuberkulose zugenommen hat. Und Afrika leidet unter zu hohen Zöllen für landwirtschaftliche Produkte.
    Noch was dazu: Keiner glaubt’s mehr, das dies das beste Wirtschaftssystem ist, nicht mal ein Yachtbesitzer – der dürfte manchmal nachts Albträume haben. Es war mal gut. Wenn man böse sein will, kann man es als degeneriert bezeichnen oder gierig. Wenn man zurückhaltend ist, dann am ehesten als überdehnt. Bekanntlich halten überdehnte Systeme nicht.
    Aber toll geschrieben.

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    Alan Posener “Ich würde lieber einen Staat von Prostituierten leiten lassen als von Heiligen. Darüber gilt es nachzudenken.“

    Das hatten wir doch – cum grano salis – mit der Affäre Wulff & Freunde. Wer hat denn da am meisten geeifert, die Nutten oder die Heiligen (Poseners Kommentare dazu hoben sich wohltuend von den eifernden Verdammungen ab)? Bigotterie ist nicht nur eine Sache der Christenmenschen. Dafür fand SPIEGEL-Online den wohl passenden Ton gegenüber einem Mann, der schwer angeschlagen und schwer beschädigt ist „Wulff gönnt [sic!] sich Ruhe im Kloster“ – auch das noch, der Mann macht vor nichts Halt.

    Interessant wäre, ob die Huren (mit oder ohne Zuhälter) an der Macht das schöne Gut Lust (oder wenn man will: Triebabfuhr) verknappen und verteuern oder inflationieren und verbilligen. Wirds die unsichtbare Hand zum Guten wenden oder gehts wie bei gutgelaunten Versicherungsgesellschaften nach meritokratischen Gesichtspunkten: Klassehuren für die Top-Guns, jedem das Seine? Wäre doch schön, wenn hier der nackte Wert gelten würde.

    Wie wärs mit Heiligen Huren?

    „Die „hässlichste Sitte“ in Babylon, meinte der Historiker Herodot (um 490 bis 425 vor Christus), sei die massenhafte Kuppelei im Ischtar-Tempel. Einmal im Leben müssten alle Frauen des Landes dort niedersitzen und sich – gegen Geld – „einem Fremden preisgeben“.

    „Reiche und hochmütige“ Damen, lästerte der Altgrieche, fahren im „verdeckten Wagen“ vor.“ (http://www.spiegel.de/spiegel/.....29004.html)

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    …schließlich die „Freiheit von Mangel“: Davon sind wir und insb. die amerikanische Gesellschaftsordnung weit entfernt. Freiheit von etwas, das uns aufgrund von Abwesenheit (=Mangel) einschränkt, wirkt zudem seltsam konstruiert.

    Ich komme zu dem Schluss, dass die amerikanische Formel von den vier Freiheiten der Weisheit letzter Schluss nicht sein kann. Sie ist altertümlich und bedarf der Renovierung. Ich denke, die beste Formel ist Freiheit als Abwesenheit von Zwängen. Schlicht und ergreifend.

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    …Korrektur: Posener kommentiert die Furcht doch: „Furcht vor staatlicher Verfolgung, Terrorismus oder Kriminalität“. Seltsam, dass es nicht um Freiheit von staatlicher Verfolgung, Terrorismus oder Kriminalität geht, sondern um „Freiheit von Furcht“ vor staatlicher Verfolgung, Terrorismus oder Kriminalität. Es geht doch in der Formel generell um Furcht, also auch um Phobie? Was ist, wenn wir uns unsere Furcht nur einbilden? Oder umgekehrt: Solange niemand Angst davor hat, wären staatliche Verfolgung, Terrorismus oder Kriminalität in Ordnung. Normalerweise möchte man schon von Kriminalität geschützt sein, unabhängig davon, ob man befürchtet, bestohlen zu werden oder nicht.

  31. avatar

    Erstaunlich ist die vierte der genannten Freiheiten, die Freiheit von Furcht (die Herr Posener bezeichnenderweise nicht weiter kommentiert). Eine solche Freiheit ist normalerweise weder individuell noch gesellschaftlich zu leisten; sie besteht in den seltensten Fällen und kommt mir als Forderung so abwegig vor wie eine Forderung nach einer Freiheit vom Tod. Die Angst vor dem Tod ist Teil des Lebens, man kann der Furcht allenfalls etwas entgegenstellen.

  32. avatar

    68er: ….. Freiheit UND Gleichheit UND Brüderlichkeit.

    Nur Freiheit ist ein bisschen zu wenig. Finde auch ich.

    Wenn ich damit für Sie sofort Reaktionär oder Kommunist bin, was bei Ihnen wohl nahe beieinander zu liegen scheint, bin ich es gerne.

    Gleichheit und Brüderlichkeit? … Sie sind verdurstet, 68er. Wie alle Kommunisten

  33. avatar

    Ein Nebenaspekt bei Religionsfreiheit: Damit ist nicht nur gemeint, dass man jede Religion ausüben darf, die man möchte, sondern auch, dass man auch gar keine Religion ausüben darf. So wie man bei der Redefreiheit auch nicht reden muss (oder für die Beinfreiheit keine langen Beine haben muss 🙂 ). Das ist weniger selbstverständlich als es aussieht: Es gibt Leute, die bescheinigen den Atheisten bzw. Agnostikern, dass sie eine Religion hätten, die Religion des „Nicht“. Das ist aber Unsinn, eine Religion des „Nicht“ haben allenfalls Satanisten; es besteht durchaus die Möglichkeit, keine Religion zu haben, und die meisten Atheisten bzw. Agnostiker haben eben keine Religion.

  34. avatar

    @Jean-Luc Levasydas: Ja, man kann sagen, dass der Begriff von Freiheit normalerweise eine Gemeinschaft voraussetzt, in der (bzw. VON deren Ansprüchen) man frei sein kann. Ein Eremit stellt einen Sonderfall dar, aber auch er ist in Bezug auf die Gemeinschaft frei, die er verlassen hat.

    Ein gutes Beispiel für die scheinbare „Freiheit-zu“ ist, wenn man sich seit langem vorgenommen hat, ein bestimmtes Buch zu lesen und nun endlich die Zeit dazu findet. Dann sagt man: „Ich habe endlich die Freiheit zum Lesen.“ Damit ist gemeint, dass die Umstände, die dieses Lesen vorher verhindert haben, nun nicht mehr gegeben sind. Es ist eine Freiheit VON beschränkenden Umständen, die einem nun ermöglicht, das Buch zu lesen.

  35. avatar

    Kommen Sie, 68er, erstens habe ich Sie nie als Kommunist oder Reaktionär beschimpft (liegen sie nahe beieinander? Warum zitiere ich ausgerechnet aus dem Kommunistischen Manifest GEGEN die reaktionären ostdeutschen Kirchenleute?); zweitens schlage ich mit den Vier Freiheiten eine Definition vor, die ohne die sehr problematische „Gleichheit“ (was heißt das?) und gar „Brüderlichkeit“ (und willst du nicht mein Bruder sein…) als Einschränkungen der FReiheit auskommt. Was sagen Sie dazu?

  36. avatar

    Dieses plötzlich erwachende nie dagewesene Interesse an den „Innereien“ eines BP, beinahe ganz parteien- religionsübergreifend, zeigt mir nur eines: Die Wulff-Affäre war offenbar einfach zu schön. Ganz gleich, wer nachgefolgt wäre, die Neigung, sich in Unwesentliches zu verbeißen, bleibt. Als hätte man sonst nichts zu tun.

  37. avatar

    Herr Posener,

    Sie mißverstehen Schorlemmer & Co. mit Fleiß.

    Die Formulierung „grundsätzliche Kritik der modernen Industriegesellschaft“ ist vielleicht ein wenig unpräzise, zielt aber doch nicht darauf ab eine vorindustrielle Gesellschaft einzuführen.

    Ich lese das Schreiben so, dass die Bürgerrechtlcher bei Gauck die von Ihnen auch zitierte „Freiheit von Mangel“ – hierzulande auch „Brüderlichkeit“ oder „Solidarität“ genannt – etwas vernachlässigt sehen.

    Ausserdem entsteht der Eindruck, Sie hätten sich vo, Ideal der Gleichheit abgewandt, wenn Sie kritisieren, dass die Bürgerrechtler fordern, Freiheit solle nicht das Privileg einiger Starker sein.

    Es geht den Bürgerrechtlern, wenn ich sie richtig verstehe, also um Freiheit UND Gleichheit UND Brüderlichkeit.

    Nur Freiheit ist ein bisschen zu wenig. Finde auch ich.

    Wenn ich damit für Sie sofort Reaktionär oder Kommunist bin, was bei Ihnen wohl nahe beieinander zu liegen scheint, bin ich es gerne.

  38. avatar

    @Roland Ziegler

    Ihre Ausfuehrungen zum Begriff Freiheit finde ich sehr interessant.

    wenn man unter wikipedia Freiheit eingibt kommt man in der deutschen Version auf nur eine Nennung:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Freiheit

    und diese linguistische Herleitung:

    Das Wort „Freiheit“ ist als Abstraktum zum Adjektiv „frei“ gebildet, das sich aus dem indogermanischen Wurzelnomen (ig.) *per(e)i- „nahe, bei“ (=„das, was bei mir ist“, das persönliche Eigentum) entwickelt hat. Etymologischen Vermutungen zur Folge hat es seine heutige Bedeutung über das germanische *frī-halsa= „jemand dem sein Hals selbst gehört“, der also über seine Person verfügen kann.[2] Ebenfalls aus der indogermanischen Wurzel lässt sich herleiten, dass jemand, der frei ist, zu einer Gemeinschaft von einander Nahestehenden und Gleichberechtigten gehört,[3] zwischen denen ein friedlicher Zustand herrscht und die diesen inneren Frieden gemeinsam gegen Übergriffe von Dritten verteidigen. Somit wäre „Freiheit“ als Rechtsstatus immer relativ zu einer Gruppe und an die Bereiche, in denen diese normative Herrschaft ausübt, gebunden.[4]

    In der englischen Version von freedom ist die Auswahl groesser:

    http://en.wikipedia.org/wiki/Freedom

    Freedom may refer to:
    [edit] Philosophy

    Free will, the ability to make choices
    Liberty
    Political freedom, in the context of the relationship of the individual to the state
    Economic freedom

    In der franzoesischen Version : liberté

    wieder nur ein direkter wiki Eintrag:

    http://fr.wikipedia.org/wiki/Libert%C3%A9

    und hier noch die semantische Ableitung:

    D’un point de vue sémantique, on peut considérer la liberté comme étant l’ensemble de possibilités (ou de contraintes) qui sont physiquement ou socialement applicables à un individu, mais excluant d’autres possibilités (ou faisant disparaître d’autres contraintes). Cela signifie que nécessairement, l’attribution d’une possibilité d’agir, rend impossible une ou plusieurs autres possibilités d’agir et modifiera donc d’autant le champ de libertés d’un individu. Ou formulé de manière inverse, poser des contraintes permet d’atteindre de nouvelles possibilités. Il existe évidemment une infinité de tels ensembles, ce qui tend à faire désigner au mot liberté des notions parfois forts différentes dans l’espace et le temps.

  39. avatar

    Auf die Gefahr hin, etwas schwafelig zu werden: Freiheit „zu“ etwas ist unverständlich, Freiheit ist immer eine Freiheit von etwas. „Freiheit zu Verantwortung“ o.ä. ist eine schrecklich spröde Konstruktion, die um des lieben Pathos willen verbirgt, dass „Verantwortung“ eben gerade nicht „Freiheit“ ist. Verantwortung nimmt uns in eine Pflicht; Freiheit entbindet uns von einer Pflicht.

    Entsprechend sind Ihre zwei „Freiheit-zus“ eigentlich „Freiheit-vons“: Für die „Freiheit der Rede“ ist es wichtig, dass ich genauso frei bin, eben nicht zu reden und v.a.D. dem Gerede anderer nicht zuhören zu müssen. Freiheit von der Rede. Diese letzere Freiheit ist gerade heutzutage besonders wichtig.

    „Freiheit der Rede“ bedeutet: Wenn ich mich entschließen sollte zu reden, dann darf ich reden, was ich will. Freiheit der Rede = Freiheit von Einschränkungen der Rede. Freiheit von.

  40. avatar

    Lieber Alan Posener, das ist wundervoll, Klasse!!! Viele der Links- wie Rechtsprotestantischen Buergerrecgtler hatten nie einen Begriff von Freiheit. Da ist lediglich von der Freiheit der Christenmenschen etwas zu hören, die letztlich meist Gemeinschaft vor Individualitaet setzt. Toll, toll, toll.

  41. avatar

    Don Camillo: Ich würde lieber einen Staat von Prostituierten leiten lassen als von Heiligen. Darüber gilt es nachzudenken.

  42. avatar

    Herr Posener: Das Problem liegt an „Uns“ !

    – In der Erwartung alles für alle zu sein, erwachsen keine Heiligen, sondern Prostituierte. –

    Darüber gilt es nachzudenken!

  43. avatar

    Die Agenten/Innen der Macht, die dienen mir mehr der Erheiterung, denn der Orientierung. Ich kann mir nicht helfen, aber das nenn´ ich meine Freiheit.

    Es bedarf deshalb auch keiner philosophischen Orgasmen um festzustellen, dass das Dschungel-Camp beim Publikum deutlich besser ankommt, als der Polis. Die sind einfach orgineller!

  44. avatar

    Das Problem bei Gauck ist sein intimes Verhältnis von Freiheit und Nation. Das konnte sich in Deutschland nach 1945 nicht entwicklen. Und die vier Freiheiten sind im Orginaltext der Atlantik-Charta anders beschrieben worden als in ihrer späteren Popularisierung. Das lässt mich zweifeln, was nun genau gemeint war.
    Für soziale Sicherheit standen auch Präsidenten wie Kennedy. Der Hinweis auf die vier Punkte ist in jedem Fall gut, um die Debatte zu konkretisieren. Das ist ausgezeichnet. Deutschland ist nicht nur Hegel und sein Staat, sondern auch Schleiermacher.
    Für Freiheit und Bürgergesellschaft stehen auch Pfarrer (!) wie Schleiermacher. Deutschland hat hier eine gute Tradition. Auch der Katalog der Grundfreiheit in der Paulskirchenverfassung kann sich sehen lassen. Schleiermacher und die Paulskirche stehen mehr für Freiheit als die USA.

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