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Stéphane Hessel und die französische Drittklassigkeit

Ich schreibe das hier ungern. Denn ich bewundere Stéphane Hessel. Und weil ich ihn bewundere, habe ich mir die Lektüre seines Pamphlets „Empört euch!“ lange verkniffen. Neulich aber war ich eingeladen zu einer Feier zu seinen Ehren. Da las ich das Buch. Und musste mir die Feier verkneifen.

Hessel beginnt mit einer Zustandsbeschreibung der französischen Republik, einer „Gesellschaft der in die Illegalität Gedrängten, der Abschiebungen, des Misstrauens gegen Zuwanderer, in der die Sicherung des Alters, die Leistungen der Sozialversicherung brüchig geworden sind, in der die Reichen die Medien beherrschen“.

Hm.

Also, das Vorgehen der französischen Regierung etwa gegen Zigeuner und illegale – und legale – Zuwanderer finde auch ich empörend. Noch empörender finde ich allerdings die Tatsache, dass dies offensichtlich einer bedeutenden Minderheit der Franzosen nicht weit genug geht, wovon die Stimmen für Marine LePen zeugen.

Der Versuch des französischen Staats hingegen, die Franzosen endlich zur Einsicht zu bringen, dass sie etwas länger arbeiten müssen, wenn ihr Sozialsystem nicht kollabieren soll, finde ich nicht empörend. Allenfalls ihre Zaghaftigkeit könnte mich empören – Anhebung des Renteneintrittsalters von 60 auf 62 Jahre, wogegen eine bedeutende Minderheit der Franzosen Sturm läuft, allen voran die Sozialistische Partei.

Und dass „die Reichen die Medien beherrschen“, scheint mir, wenn es denn stimmt, ebenfalls gegen die Franzosen zu sprechen. Niemand zwingt sie, die von den Reichen beherrschten Medien zu konsumieren.

Man bekommt den Eindruck, wenn man unser Nachbarland betrachtet, dass die Franzosen, die schon aus Angst vor der Konkurrenz durch „polnische Klempner“ den europäischen Verfassungsvertrag ablehnten und nach wie vor Europa hauptsächlich als Mittel betrachten, deutsche Steuergelder via Agrarsubventionen in die Taschen französischer Großbauern umzulenken, jede Anpassung der Sozialsysteme an demografische Realitäten als Zumutung empfinden und ihre Wut darüber an den Fremden auslassen.

Hessel aber sieht das Problem woanders.

Hessel sieht das Problem in der „Macht des Geldes“. Er wettert gegen die „internationale Diktatur der Finanzmärkte“, für die er – natürlich – ein Bild aus der jüdischen Bibel verwendet, den „Tanz um das goldene Kalb“, und die seiner Meinung nach „es so weit gebracht haben, Frieden und Demokratie zu gefährden“.

Hallo?

Ich sehe weltweit so manche Gefährdungen für Frieden und Demokratie: Chinas Kommunistische Partei und Russlands autoritäre Führung, die verrückten Diktatoren in Pjöngjang und Teheran, Tripoli und Damaskus, das Terror-Franchising-Netwerk von Al Qaida und Co., Hamas und Hisbollah, somalische Piraten und mexikanische Drogenbarone, die unheimliche Macht Saudi Arabiens, die Islamisierung Pakistans, diverse autoritäre Populisten von Chavez bis – sagen wir es ruhig – Berlusconi, der Aufstieg des Rechtspopulismus in Europa, … Aber ausgerechnet „die Finanzmärkte“? (Der Ullstein-Verlag, natürlich nicht „von Reichen beherrscht“, formuliert die Sache schärfer. Auf dem Umschlag von Hessels Pamphlet, das sich in Deutschland allein 350.000 Mal verkauft und dem Verlag einen schönen Profit beschert hat, hat, heißt es, Hessel rufe zum Widerstand „gegen die Diktatur des Finanzkapitalismus“ auf. Lenin lebt.)

Zweifellos gehört die Finanzmacht zu den wichtigsten Waffen des Westens. Wer ausgerechnet sie ins Fadenkreuz seiner Empörung rückt, verfolgt eine gefährliche Agenda.

Nun gut.

Wie es der Zufall will, war Hessels Schrift kaum erschienen, da empörte sich die Jugend auch schon. Nur nicht in Frankreich, nur nicht gegen eine eingebildete „Diktatur des Finanzkapitals“ und die Zumutungen der Europäischen Union, sondern in der arabischen Welt, und gegen wirkliche Diktatoren, die – nicht nur im Falle Tunesien – bestens mit der französischen Elite vernetzt waren.

Es versteht sich von selbst, dass sich in Hessels Pamphlet nicht ein Sterbenswörtchen über die wirklich empörenden Zustände in der arabischen Welt findet.

Hessel behandelt überhaupt nur ein einziges außenpolitisches Thema. Welches wohl? Klar: Israel. Was denn sonst?

„Dass Juden Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich“, schreibt er. Ganz abgesehen davon, dass Richard Goldstone, der 2009 den Vorwurf erhob, israelische Truppen hätten Kriegsverbrechen in Gaza begangen, inzwischen diesen Vorwurf zurückgezogen hat: Was soll das? Sind Kriegsverbrechen von Christen, Muslimen, Hindus, Buddhisten oder Atheisten irgendwie „erträglich“?

Ich will hier nicht im einzelnen auf Hessels Argumente eingehen, auf die in der Tat unerträgliche Verharmlosung der Hamas, auf den totalen Mangel an Sympathie für den jüdischen Staat – denn das hieße, in die Falle zu gehen, die Hessel und Leute, die so denken wie er, aufstellen. Am Ende redet man selber nur noch über Israel, als wäre der jüdische Staat das Problem und nicht die Weigerung seiner autoritären Nachbarn, sein bloßes Existenzrecht anzuerkennen.

Kein Wort mehr davon.

Das Zentrum von „Empört euch!“ bildet ein philosophischer Exkurs über zwei verschiedene Auffassungen der Geschichte. Hessel bekannt sich als Hegelianer: „Die Philosophie Hegels gibt der langen Menschheitsgeschichte einen Sinn: die Freiheit des Menschen schreitet stufenweise voran. Geschichte ist eine Abfolge von Erschütterungen – und damit Herausforderungen. Die Geschichte der Gesellschaften schreitet voran, bis am Ende der Mensch seine vollständige Freiheit erlangt hat und damit der demokratische Staat in seiner idealen Form entstanden ist.“ Bekanntlich sah Hegel das Ziel der Geschichte im preußischen Staat, dessen Beamter er war, bereits realisiert. Hessel scheint dieses Ziel in jenem Frankreich realisiert zu sehen, dem er vor Jahrzehnten als Diplomat diente. Aber das nur nebenbei.

Diese Hegel’sche Geschichtsteleologie setzt Hessel in einen Gegensatz zu jener „Geschichtsauffassung“, die „als treibende Kraft die Freiheit, die Konkurrenz, das Streben nach ‚immer noch mehr’ – Fortschritt als Sturm mit der Kraft der Zerstörung“ sieht. Aber der Gegensatz ist, wie das Auftauchen des Worts „Freiheit“ in beiden Auffassungen andeutet,  wie zuerst Karl Marx zeigte und wie zuletzt Francis Fukuyama in seinem „Ende der Geschichte“ nachwies, nur scheinbar. Denn die evolutionäre Entwicklung der Marktwirtschaft  – darum geht es doch wohl bei jener zweiten „Geschichtsauffassung“ – ist untrennbar mit der Entwicklung der Demokratie verbunden; sie bedingen sich wechselseitig. Der Versuch, diese wechselseitige Bedingung zu leugnen, aufzuheben und zu bekämpfen, bildet die folgenschwerste intellektuelle Verirrung des modernen Frankreich, die Hauptursache jener Misere, die das Land, wenn sie nicht theoretisch und praktisch überwunden wird, zur ewigen, mürrischen Drittklassigkeit verurteilen wird.

Dagegen sich zu empören, würde sich lohnen.

 

 

 

 

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36 Gedanken zu “Stéphane Hessel und die französische Drittklassigkeit;”

  1. avatar

    “…Wenn sie hier schon postulieren, dass die Diskussion um Wörter Mumpitz ist, können sie mir vielleicht erklären, was Abbas eigentlich anerkennen soll. Was ist der jüdische Staat von dem Netanyahu in seiner Rede vor dem US-Kongress sprach? : der jüdische Nationalstaat oder der Jüdische Gottesstaat. Welche Folgen ergeben sich aus der Anerkennung eines jüdischen Staates für die arabischen Israelis? Ethnische Säuberungen, wie hier beschrieben?…”

    Abbas hat natürlich vollkommen recht, wenn er diese Forderung als sinnfrei zurückweist. Ich denke allerdings eher, dass sich Israels diesbezügliche Forderung an dem Bestreben orientiert, über diesen Umweg die nach wie vor offene Flüchtlingsfrage im eigenen Sinne zu präjudizieren. Eine grundlegende und formale Anerkennung Israels als jüdischer Staat durch die Palästinenser bedeutet weiter gedacht eine faktische Aufgabe der Rückkehrrechts. Tel Aviv würde sich im nächsten Schritt auf eben diese Anerkennung berufen, um das Rückkehrrecht für obsolet zu erklären. Nicht, dass irgend jemand davon ausgeht, dass sich dieses Rückkehrrecht irgendwann einmal praktisch verwirklichen ließe. Es wäre allerdings mit einer solchen Anerkennung auch als Verhandlungsgegenstand faktisch vom Tisch. Logisch: wenn ich Israel als jüdischen Staat anerkenne, kann ich keine Forderung erheben, die diesen jüdischen Charakter Israels negieren würde – nicht einmal im Sinne eines verhandlungstaktischen Faustpfandes, von dem ich bei entsprechender Gegenleistung abzurücken bereit wäre.

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    @Alt68er

    Ganz banal no risk no fun 🙂

    Natürlich beinhalten VC immer ein hohes Risiko, nicht umsonst kann man VC ins Deutsche mit Abenteuerkapital übersetzen.

    Das zur Zeit der dotcom Blase 2000 die VC auch haben Feder lassen müssen, wie Roland Ziegler richtig bemerkt ist Tatsache. In der Zwischenzeit haben sich die Strategien der VCs erheblich verbessert und die kurzfristigen Profitraten (wohlgemerkt netto! ) liegen durchaus wieder bei 50 bis 70%!

    Diese VC sind im allgemeinen nur für Investoren ab XXL Investtionen zugänglich.

    Damit die weniger Reichen 🙂 auch am Monopolyspiel teilhaben können 🙂 Gibt es zunehmend auch VC Fonds die einen geringeren Kapitaleinsatz erfordern, allerdings mit geringeren Profitraten (15%-25 %).

    ob die VCs den aktuellen Entwicklugen immer hertrotten ?? wie Roland Ziegler es beschreibt??

    Wenn ich mir die Samwer Brüder anschaue, und z.B. ihr http://www.citydeal.com , so haben sie einen guten Riecher dafür gehabt in nur kurzer Zeit sich ein großes Stück aus der Torte herauszuschneiden (Verkauf an Groupon )

    Dass selbst VC-Experten wie Peter Thiel (paypal und jetzt facebook)auch Flops landen siehe Clarium
    http://tinyurl.com/685mrm4

    heißt dennoch nicht das alle VC Teilnahmer an Clarium jetzt Pleite sind.

    Wie bei Aktien, heißt es auch banal:

    Lege nicht alle Eier in ein Nest!

    Und was die systemischen Risiken betrifft:

    Nach meiner Einschätzung gibt es zunehmend einen Kapitalmarkt, der nicht mehr der Kontrolle der nationalen Finanzinstitutionen unterlegt.

    Siehe, derzeit die Finanztransaktionen bei facebook (Goldman Sachs)

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    @Rita Groda

    ich muss sie enttaeuschen, als ich diesen Satz schrieb:

    Wenn hier Herr Levasydas fragt

    ”Wenn ich mir die Situation in Deutschland anschaue dann frage ich mich schon, warum Rentenbeitraege artfremd in den vergangenen Jahrzehnten verwand worden sind? ”

    ist das eine ganz typisch Französische Frage, die über den eigen nationalen Tellerrand nicht rausschauen kann.

    brefand sich mein Us passport in meiner Brieftasche und der Blick ueber den Tellerrand geschah von jenseits des Atlantik. 🙂 🙂

    Aber das koennen bei meiner Namensnennung nicht wissen!

    Was die Regelung der Wiedervereinigung betrifft, so zielte mein Argument daraufhin, dass die Finanzierung m.E. nicht ” sauber ” geschah.

    Das heisst hier wurden Aepfel mit Birnen zusammengeworfen !!

    Sinnvoller waere es gewesen, die Zuschuesse an den ostdeutsche Rentenversicherung gesondert auszuweisen.

    Wenn ich richtig orientiert bin schreibt so etwas die deutsche Buchhaltung im kommerziellen Bereich.
    vor.

    Und es stellt sich für mich auch die Frage;

    Ob Finanzmittel einer staatlichen Rentenversicherung in den Rehabilationsprozess fliessen sollen ?

    Soviel zu den von ihnen kritisierten Blick ueber den Tellerrand 🙂

    Das die Situation der Wiedervereinigung eine aussergewoehnliche war, will ich hier nicht in Frage stellen und habe auch nicht in Frage gestellt.

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    @Alt 68er
    “Können unsere gewählten Vertreter in den Nationalstaaten noch die Regeln setzen?”
    Warum nicht? Sie müssten sich dazu allerdings aus gewissen Verflechtungen (->Stamokap) lösen.
    Wir sind die, die das einfordern können.

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    @Alt 68 er: In der besten aller Welten ja, in unserer vorhandenen leider nicht. VC ist grundsätzlich schon sinnvoll: Gute Ideen jenseits der Kioskeröffnung lassen sich ohne VC nicht realisieren.

    Das systemische Risiko: VC trottet den aktuellen Entwicklungen träge hinterher. Ein Beispiel: Während der Entstehung der Internetblase, die 2000 platzte, haben VC-Gesellschaften Kapital in die absurdesten Veranstaltungen gesteckt. Danach haben sie, weil selber ohne Federn, dann gar nichts mehr finanziert. Beides hatte mit der Qualität der IT-Projekte nicht viel zu tun.

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    @ Roland Ziegler

    Na ja, ich wollte von Moritz Berger wissen, wo er die systemischen Risiken bvon VC (bzw. die Risiken für das System sieht. Jetzt kann ich Sie fragen, wie sich das mit dem “Schummeln” verhält. In der besten aller Welten wäre ja VC ein Segen?

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    @Jean-Luc Levasydas: Que dommage – ich bin der Schuldige an der ungeheuerlichen Aufregung (“only in Germany”!) – ueber ob die Autokennzeichen in Quebec alle den Satz “Je me souvien” oder “Je me souviens” enthalten. Ich wollte doch nur klar machen – in Quebec wird jeder “erinnert”, dass er zu der Kultur Frankreichs gehoert – und nicht zu der Angloculture. Die Quebequecoise beschweren sich, dass man sie in Frankreich fragt: “Was fuer Sprache ist das ?” Ich kenne die Franco-Canadians nur als Nachbarn, als ich an der Ostkueste Floridas lebte: Jeder Quebecoise ueber 50, mit etwas Geld, wohnt im Winter in seinem “Condo” in Suedostflorida. Viele sprechen nur ein begrenztes Englisch. Gute Umgangsformen, freundlich, gute Nachbarn!

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    „Dass Juden Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich“, schreibt Hessel.

    Herr Posener, sie haben Recht mit ihrem Einwand, “genauso unerträglich, wie Kriegsverbrechen von Christen, Muslimen, Hindus, Buddhisten oder Atheisten. Kriegsverbrechen sind immer unerträglich.“ Die Palästinenser berichteten mir 1982 (Libanonkrieg) von den Massakern in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila, sie (wir) sorgten sich (uns) sehr um ihre Angehörigen. Kriege sind immer unerträglich, als persönliche Erfahrung sowieso. In einer solchen Situation Ursache, Wirkung und Anlass herauszufiltern, ist auch nicht wirklich einfach, vor allem auch von den verfügbaren Informationen abhängig. Genauso sind die Täter- und Opferbeziehungen nicht immer eindeutig. Schon gar nicht gibt es ein Täter- oder Opfervolk. Der Anspruch der Vorbildwirkung eines Staates, eines Volkes, einer Nation, einer Gesellschaftsordnung, einer Ideologie oder einer Religion ist immer problematisch, genauso wie der alleinige Wahrheitsanspruch.

    Deshalb bin ich froh in einem friedlichem Europa zu leben und nicht mehr dieser ständigen Kriegsangst und Kriegsrhetorik, wie im Kalten Krieg, ausgesetzt zu sein.

    Was mich am Kommentar von Iris Hefets aufgeregt hat? Die Unterstellung, selbst wenn sie richtig wäre, gehörte der Vorwurf, für mich, nicht in eine deutsche Zeitung, sondern direkt zum Adressaten. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, welche großen Schwierigkeiten aus einer solchen Fahrt entstehen können. Den Holocaust als Bezugspunkt (Fixierung) für ein weiteres Leben ist absolut schrecklich. Deshalb muss man sorgsam mit diesen Erinnerungen umgehen: Nicht verschweigen, aber vor allem nicht instrumentalisieren. Ja, ich musste mein Wissen, meine Erinnerung und meine Gedanken relativieren, um neue Bezugspunkte zu finden, um ein Verstehen wenigstens im Ansatz möglich zu machen. Dabei war ich doppelt belastet, als Deutsche und als Teil einer Familie, die Verfolgte des Naziregimes war.
    Alles ist relativ, nicht nur in der Physik.

    Stimmt nicht. Verbrechen sind nicht relativ, dafür gibt es keine Entschuldigung.

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    @Lieber Alan Posener: Habe mich kurz vom “Bauprojekt” um Ihnen fröhlichst zuzustimmen.
    Die Französischen Verhältnisse sind mir en famille so bekannt, wie Ihnen die Britischen.

    Wenn hier Herr Levasydas fragt”Wenn ich mir die Situation in Deutschland anschaue dann frage ich mich schon, warum Rentenbeitraege artfremd in den vergangenen Jahrzehnten verwand worden sind?”, ist das eine ganz typisch Französische Frage, die über den eigen nationalen Tellerrand nicht rausschauen kann.

    Antwort: Wir hatten in kürzester Zeit eine Wiedervereinigung zu bewerkstelligen, die sich leider nicht – wie Altkanzler Kohl proklamierte – aus der Portokasse finanzieren ließ.
    Das ist ein”Deutscher Aspekt” der bei der Deutschen Europa Frage” nirgends Berücksichtigung findet. Eher im Gegenteil.
    Ob Frankreich in der Lage – ebenso willens- wäre 19 Millionen Menschen mit allen damit verbundenen Kosten in das eigene System zu integrieren? Das würde ich persönlich mal stark bezweifeln.

    Ansonsten, guter Kommentar, lieber APO.

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    @derblondehans: OK. Das Thema beherrscht mich nicht mehr. Vor 1-2 Jahren war das noch anders, damals hat mich ein Kommentar von Iris Hefets in der TAZ: „Pilgerfahrt nach Auschwitz“ noch fürchterlich aufgeregt. Unter einer Pilgerfahrt verstehe ich wirklich etwas anderes.

    „Dabei ist eine differenzierte Auseinandersetzung über die Frage, wie angemessen an die Schoah erinnert werden kann, durchaus notwendig. Dass dieser Umgang nicht immer frei von Pathos, politischer Instrumentalisierung und Kitsch ist, wird niemand bestreiten. Wer die neu gestaltete Ausstellung der israelischen Gedenkstätte Jad Vaschem kennt, der weiß, dass das Ringen um ein angemessenes Gedenken durchaus auf hohem Niveau stattfinden kann. Wer aber das Gedenken an die Schoah pauschal als irrationalen Kult abstempelt, der beleidigt nicht nur das Andenken an die Opfer, sondern darf sich nicht beklagen, wenn er Applaus von Revisionisten jeder Couleur bekommt.“

    Quelle: ALEXANDER HASGALL: http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/lehren-aus-dem-holocaust/

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    @Moritz Berger/Alt 68er: Herr Berger hätte ausführen müssen, das Venture Capital bedeutet, dass für dieses Kapitel ein hohes Verlustrisiko besteht, das den hohen Renditeerwartungen gegenübersteht. Nur so kann unterm Strich ein Gewinn erwrtschaftet werden.

    Venture Capital kalkuliert einen Verlust von sagen wir 70 % des eingesetzten Gesamtkapitals. D.h. es werden aussichtsreiche Startups finanziert, von denen trotz der guten Aussichten statistisch sagen wir 70 % pleite gehen. Die erfolgreichen 30 % müssen durch ihre hohen Renditen diese Verluste ausgleichen.

    Dies ist das Geschäftsmodell der VC-Gesellschaften, eine Durchführung des Prinzips Hohe Risiken hohe Chancen, geringe Risiken geringe Chancen, das überall dort gilt, wo nicht geschummelt wird.

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    Cher Apo,

    hier noch eine Fundsache:

    Zumal sie offensichtlich nicht einmal richtig Französisch können. Es müsste ja heißen: “Je me souviens”. Mit “s” am Ende.

    So etwas kann nur von einem ehemaligen Lehrer stammen 🙂

    Sie Anglist wissen doch sicherlich dass das GB English Unterschiede zum American English aufweist.

    Deshalb hier zur Nachhilfe:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Quebecer_Franz%C3%B6sisch

    Und falls Sie nach Belgien reisen sollten:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Belgisches_Franz%C3%B6sisch

    oder in die Schweiz:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Belgisches_Franz%C3%B6sisch

    Und verlangen Sie bitte in der pâtisserie immer eine meringue nie ein baiser 🙂 🙂

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    @Kerstin
    “Wichtig erscheint mir dabei, wer die Regeln vorgibt und vor allem welche Regeln. Das ist Aufgabe der Politik. Der Staat ist seinen Bürgern verpflichtet, dafür erhebt er Steuern.
    Ich finde, damit haben Sie es auf den Punkt gebracht. Mit einer Dämonisierung des Finanzmarktes wird die von uns allen beauftragte Politik und Verwaltung aus ihrer Verantwortung entlassen.

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    Cher Apo,

    Sie haben sicherlich Recht, dass Frankreich in die Drittklassigkeit abrutschen wird. Das ist aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklung der Welt ein ganz normaler Prozess. Wie GB, Deutschland wird auch Frankreich in den nächsten 20 bis 30 Jahren in der dritten Reihe platz nehmen werden hinter China, India Brazil etc.

    Ein paar Anmerkungen zu einigen ihrer Argumente:

    Frankreich bezieht die meisten Agrarsubventionen:

    http://tinyurl.com/5udq4wx

    Aber sind sie so naiv zu glauben, dass die deutschen Bauern nicht auch Lobbyisten in Bruessel haben, die auch nach Subventionen schreien??

    Wussten Sie das per/capita die Deutschen mehr Subventionen von der EU erhalten als die Franzosen ??

    Deutschlands Beitrag
    Der deutsche Beitrag zum EU-Haushalt betrug im Jahr 2009 (vor Korrekturen) etwas mehr als 20 Mrd. €. Mit knapp 20 % aller Beiträge der Mitgliedstaaten trug Deutschland vor Frankreich (17,5%) den größten Anteil.
    Allerdings flossen 2009 auch knapp 12 Mrd. € an EU-Zahlungen nach Deutschland, so dass ­der deutsche Netto-Beitrag 2009 vor Korrekturen etwas weniger als 9 Mrd. € betrug. Durch sog. Einmaleffekte (verringerter deutscher Anteil an den Mehrwertsteuer-Eigenmitteln) reduzierte sich der Netto-Beitrag für 2009 nochmals auf ca. 6,4 Mrd. €. 2008 hatte der deutsche Netto-Beitrag noch bei rund 11 Mrd. € gelegen. Aus Deutschland flossen damit zwar netto auch 2009 mehr in den EU-Haushalt als aus jedem anderen Mitgliedstaat. Legt man den Beitrag zum EU-Haushalt jedoch auf die Bevölkerung um (2009: 82 Mio. Einwohner), ergibt sich ein anderes Bild. Der deutsche Pro-Kopf-Anteil am EU-Budget betrug demnach 2009 netto ca. 78 € je Bürger. Pro-Kopf-Spitzenreiter war 2009 Dänemark mit 211 € pro Kopf, gefolgt von Finnland (114 €), Italien (102 €), Frankreich (100 €) und den Niederlanden (90 €). Die anderen Nettozahler waren Großbritannien, Österreich, Schweden, Irland und Zypern.
    Aus:

    http://tinyurl.com/64mzesz

    Und was den plombier polonais betrifft:

    Bereits 2008 wurde in Frankreich eine Liste mit 150 Berufen veröffentlicht, die es den 10 oestlichen Laendern ermoeglichte Arbeitskraefte nach Frankreich zu schicken:

    http://tinyurl.com/6edzvcg

    Wann wurde wohl der Arbeitsmarkt fuer den plombier polonais in Deutschland geoeffnet??

    Sie haben sicherlich Recht, dass der plombier polonais den rechten Gruppen in Frankreich als Argument fuer eine angebliche Gefahr fuer den franzoesischen Arbeiter gedient hat.

    Was ich allerdings an ihrem Beitrag kritisiere, dass sie letztlich auch sich populistischer Argumente bedienen…
    wie auch die rechten Gruppen!!

    Ein Zeichen wie weit sie letztlich in ihrem Job von der Wirklichkeit entfernt sind, dass heisst keine Bodenhaftung mehr haben ist auch ihre Kritik an den Protesten der franzoesischen Bevoelkerung gegen die Heraufsetzung des Rentenalters.

    Wie wollen sie als Dachdekker, das Beispiel immer wieder in Deutschland gehoert, mit 65 oder 67 auf das Dach klettern?

    Das die Rentenfinanzierung in allen Industrielaendern zunehmend Schwierigkeiten verursacht ist einsehbar. Wenn ich mir die Situation in Deutschland anschaue dann frage ich mich schon, warum Rentenbeitraege artfremd in den vergangenen Jahrzehnten verwand worden sind?

    Ob wir zukuenftig mit der ” evolutionaeren Marktentwicklung ” weiter kommen stellen sie ueberhaupt nicht in Frage.

    warum!! Waehrend Oekonomen mittlerweile Zweifel bekommen ob der Tanz um das goldene Kalb (ich verwende hier bewusst den Ausdruck aus dem Alten Testament) uns zukuenftig helfen wird die anstehenden Probleme der Welt zu loesen ???

    Vermitteln sie hier den Eindruck als wuerden Adam Smith und Hayek ins in die richtige Richtung lenken.

    Wenn ich wie kuerzlich am Flughafen eine deutsche Zeitschrift impulse in die Hand bekomme und auf der Titelseite lese:

    Teilen statt kaufen

    Dann frage ich mich schon ob Journalisten wie sie noch genuegend Antennen oder Sensoren haben, um die Alternativen zu unserer bisherigen kapitalistischen Gsellschaft zu erkennen.

    Dass zum Beispiel ein CEO einer drugstore Kette DM die Forderung nach einem Mindestlohn von 1300 € stellt und das in Deutschland ueberrascht mich.

    Und was die Macht des Finanzkapital betrifft, hier einen empfohlene Lektuere nach Hegel:

    http://tinyurl.com/6gpusjz

    Und wenn der Unterschied zwischen Arm und Reich groesser wird, dann haben wir eines Tages wieder:

    Le temps des cerises

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    @ Moritz Berger

    Ihr Hinweis auf Risikokapital und Renditeerwartungen von 50 – 60%. Welche Start-ups geben das her? Gibt es hier win-win-Konstellationen? Und worin liegt hier die Gefahr für das Gesellschaftssystem? Besteht hier nicht eher die Gefahr, dass Risikokapitalnehmer frühzeitig und zu sehr geruft wird bzw. der Risikokapitalgeber seine Investition abschreiben muss? – Das ist eine Laienfrage an einen Insider.

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    @derblondehans: Ich habe keine Judenphobie. Diese wurde auch nicht anerzogen, wenn auch immer wieder vom Antisemitismus in der DDR gesprochen wird, schon gar nicht in meinem Elternhaus, im Gegenteil. Ich war 1979 mit meiner Klasse in Krakau und Auschwitz, habe ich hier schon geschrieben, ich hatte dort einen schweren Zusammenbruch, posttraumatische Belastungsstörungen waren die Folge. Dabei konnte ich mich nur unter besonderen Bedingungen und auch nur teilweise erinnern. Ins Kino gehen, war auch ein Problem. Das Gefühl flüchten zu müssen, ist geblieben.

    Juden in der DDR gab es schon, wenn auch eher wenige.

    Vera Lengsfeld: Juden in der DDR- Ein Vortrag an der Universität Haifa
    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/juden_in_der_ddr_ein_vortrag_an_der_universitaet_haifa/

    Also ist es ausschließlich mein Problem. Trotzdem bleibe ich dabei, wenn man in ein Land fährt, hat man noch lange keine Übersicht über die wahren Verhältnisse des Landes.

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    @Kerstin

    Mein Unterbewusstsein gestattet mir nicht einmal in die Nähe von Synagogen zu gehen.

    … na, da brauchen Sie ja in Deutschland nicht oft die Straßenseite wechseln. Wusste gar nicht, das den ‘Ost’-Deutschen eine Judenphobie anerzogen wurde. Gab ‘s in der ‘DDR’ keine Synagogen?

  18. avatar

    Sehr geehrter Herr Posner,

    im Zusammenhang mit Ihrem Artikel zu Hessel ist mir aufgefallen, dass Sie die ” die Finanzmacht des Westens ” (was immer das auch sein mag??) als wichtigste Waffe des Westens ansehen.

    Wenn Sie ein bisschen näher sich mit der Geschichte und der Entwicklung des Kapitalismus beschäftigten würden und bitte nicht aus Ihrer philosophischen hegelschen Vogelperspektive 🙂 dann wüßten Sie doch dass der Kapitalismus und seine Entwicklung keinen Unterschied macht zwischen Demokratien, Diktaturen Drogenbaronen, Berlusconis und andere Gruppierungen.

    Was geschieht wohl mit dem Geld der Drogenbarone (geschätzte Einnahmen ( vor Steuern 🙂 ) ca 2 bis 2 Billionen € p.a. ) ??

    Und wie Alt68 erwähnt besitzt letztlich der ationalstaat fast keine Kontrolle mehr über die ” Fianzmacht ”

    War es nicht George Soros der GB fasst an den Rand des Ruins gebracht hat?

    Und wir war es mit den put und calls auf die Währungen in Thailand und Malaysia ?

    Oder nehmen Sie doch nur die Hypo Real Estate?

    Ich will Ihnen Ihren Kinderglauben an die Fianznzmacht nicht nehmen, aber ein kurzes Intership in einer Investmentbank oder einem VC würde Ihr Urteil sicherlich etwas korrigieren.

    Ich gehöre nicht zu Generation ” Empört Euch ” aber mit meinen Kollegen aus dem Finanzsektor (Altersgruppe ca. 30 bis 45 ) diskutieren wir außerhalb des normalen Businesstalk auch darüber wie die Finanzwelt sich weiter entwickelt und letztlich wo zukünftig auch Gefahren für unser Gesellschaftssystem entstehen.

    Wenn wie kürzlich bei einem Venture Capital Meeting die Teilnehmer davon sprechen dass die Rendite p.a. nicht unter 30% liegen darf und im Markt derzeit 50 bis 60 % an der Tagesordnung sind…….

    Ganz pragmatisch gehen Sie doch einmal zu Ihrer Hausbank und äußern den Wunsch Sie hätten gerne eine Wertanlage mit jährlich 20% Rendite p.a. und das für 2 Jahre !!!

    Das was Ihnen als Bürger heute vorgegaukelt wird, dass Institutionen wie die Bankenaufsicht alles im Griff haben…….

    Da kann ich als Beteiligter im Finanzbereich nur lachen.

    Es ist heute sehr einfach Nationalstaaten durch Währungsspekulationen an den Rand des Ruins, sprich der Zahlungsfähigkeit zu bringen.

    Nehmen Sie den Fall Breuer von der DB ein Satz auf einer Pressekonferenz in NY und schon war die Kirchgruppe zahlungsunfähig.

    Daher mein Appell an Sie:

    Nicht empört euch

    sondern:

    Wacht auf !!

    (nicht zu verwechseln mit den Zeugen Jehovas 🙂 )

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    @Alan Posener: Sie sind gut. Nach Israel reisen. Mein Unterbewusstsein gestattet mir nicht einmal in die Nähe von Synagogen zu gehen. Zum Glück gibt es ja noch genügend Bücher und das Internet. Letztlich sieht man doch nur, was man sehen will bzw. gezeigt bekommt.

    Wenn sie hier schon postulieren, dass die Diskussion um Wörter Mumpitz ist, können sie mir vielleicht erklären, was Abbas eigentlich anerkennen soll. Was ist der jüdische Staat von dem Netanyahu in seiner Rede vor dem US-Kongress sprach? : der jüdische Nationalstaat oder der Jüdische Gottesstaat. Welche Folgen ergeben sich aus der Anerkennung eines jüdischen Staates für die arabischen Israelis? Ethnische Säuberungen, wie hier beschrieben?

    Vertreibung der Palästinenser und Demokratie in Israel – geht das zusammen?
    Quelle: http://www.hagalil.com/archiv/2011/05/24/westbank-6/

    Abbas sagt: „Wir haben den Staat Israel in den Grenzen von 1967 anerkannt. Ob er sich als jüdischer Staat, als hebräischer Staat oder als zionistischer Staat definiert, ist seine Sache. Von mir aus kann er sich nennen, wie er will. Aber er kann mich nicht dazu zwingen, diese Definition zu übernehmen.“
    Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69003658.html

    Sie sagen Gier bringt Fortschritt, dann können wir uns doch gemeinsam darüber freuen.

    Der Traum vom Tigerstaat Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-78145163.html

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    @Alan Posener: Wake-up call! Brasilien hat Weltwirtschaftsrank # 7 and waechst dreimal schneller als Deutschland. Fast alle Nationen in Lateinamerika, besonders in Suedamerika -haben den vielfachen Wirtschaftswachstum der EU. Wer glauben Sie, sind die Inhaber der HUNDERT TAUSENDEN (vielleicht Millionen) von Ferienapartments oder Strandhaeuser an den 20,00 km Ozeanstraenden in Lateinamerika ? Viele Millionen in Suedamerika und Lateinamerika wuerden ihren Lebensstandard nicht fuer den typischen Lebensstandard in Deutschland oder Europa tauschen. In Lateinamerika leben auch Millionen Familien welche ueber die Jahrhunderte weiter vererbt haben. Aber der Deutsche sieht nur die Rio-Favelas im TV, oder die Dokumentare der katholischen Kirche welche Spenden sammelt, und der German, welcher “mehrmals in USA war” (und es deshalb “kennt”) – war auch mit einer Tour in Lateinamerika, wo Kinder gebettelt haben…Sorry for the wake-up call, sieh youtube Video “Conheca Vilhena” – eine typische Kleinstadt im Wirtschaftsboom.

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    @ Alan Posener

    “… und es gibt in der Welt mehr Israel-Experten als Israel-Besucher” – Aua, da haben Sie mich auf dem falschen Standbein erwischt; ich habe dort lediglich mal ein Sabbath-Jahr verbracht, aber das ist schon lange her, das war z.Z. des ersten Golfkriegs. Ich habe dort einige Lehren erhalten, darunter folgende:

    Bei den Alarmen vor den Liebesgrüssen von Saddam Hussein hatten wir uns – in war in einem Kibbutz – in einem Cheder Atum, einem abgedichteten Raum zu isolieren, die Gasmaske aufzuziehen und die News im TV zu verfolgen. Nach ein paar Tagen haben einige Kibbutzim und ich (alleine hätte ich das nicht gewagt), uns entschlossen, wenn wir im Speiseraum sassen, bei Alarm sitzen zu bleiben und weiter zu essen. Die Wahrscheinlichkeit, in diesem ländlichen Kibbutz von einer Scud getroffen zu werden war geringer als ein 6er im Lotto. Ich habe wohl den gemeinschaftstiftenden Sinn der Maßnahme verstanden, aber mich für eine realitätsangemessene Abweichung vom großen Narrativ (alle Juden/Israelis [und ich solidarisch] sitzen gemeinsam unter der Gasbedrohung), eine Befreiung aus der “Geschichte” entschieden.

    Ich habe nie an die “Konventionelle Weisheit” geglaubt (wer glaubt eigentlich daran?), dass die Lösung des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern der Dietrich zur Lösung aller anderen Konflikte in der Region ist. Warum auch? Es würde reichen, wenn dieser Konflikt einigermaßen entschärft wäre (und damit auch nicht mehr als Ausflucht genommen werden könnte). Umgekehrt erscheint mir Ihre “unkonventionelle Weisheit” mit Verlaub als eine Legitimation des Aufschubs von Handlungen, die man auch jetzt in Angriff nehmen könnte. Es wäre doch schön, wenn im Heiligen Land neben den Palästinensern auch Israel (Israel ist nicht nur die “Einzige Demokratie im Nahen Osten”, sondern auch Besatzungsmacht) etwas zum Demokratisierungsprozess im Nahen Osten beitragen würde. Oder sollte die Demokratisierung dort das Sahnehäuptchen, der Schlußstein in der Entwicklung des Nahen Ostens sein?

    “Egal wer hier und dort im Einzelnen Recht hat” – ich darf doch davon ausgehen, dass auch Sie der Meinung sind, dass neben dem großen Narrativ auch Fakten, Einzelheiten von Bedeutung sind, dass das Große & Ganze einigermaßen widerspruchsfrei mit den Teilen des Ganzen der Weltanschauung koexistieren sollte? Das hilft doch gegen totalitäre Versuchungen.

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    @ Jan Z. Volens: Wenn das wirklich stimmt, dann verstehe ich, warum es mit Südamerika so lange nicht aufwärts ging.
    @ Alt 68er: Die konventionelle Weisheit besagt: Die Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensersn ist der Schlüssel zur Lösung aller Konflkte in der Region. Ich sage: Ohne Lösung der wichtigsten Probleme der Region (vor allem Demokratisierung und wirtschaftliche Entwicklung) wird es keine Lösung des Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern geben. Egal wer hier und dort im Einzelnen Recht hat (und es gibt in der Welt mehr Israel-Experten als Israel-Besucher).

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    @Alan Posner: Nachhilfstunde im Fach “Amerikakunde”. In Kanada sprechen 7 Millionen Menschen das Franzoesisch als “Muttersprache” – und jeder Premierminister muss alle Ansprachen teilweise in Englisch und teilweise in Franzoesisch sprechen. Im Parliament koennen Abgeordnete auch nur in Franzoesisch sprechen. In Quebec, mit 6 Millionen ist das Franzoesisch die Amts-und-Bildungsprache (auch in den Universitaeten). Auch die Indigenen (Indianer) sprechen Franzoesisch, sowie die Nachkommen der verschiedenen Einwanderer (Italien, Polen, arabische Welt). Das TV ist in Franzoesisch mit den internationalen Nachrichten von TV in Paris. Tatsaechlich gibt es sogar Kanadier in Quebec welche ueberhaupt kein Englisch verstehen. (Sieh youtube Video: “Oka crisis” – der kanadische Armeehauptmann – in Quebec – befiehlt in Franzoesisch). – Fast die Haelfte aller Lateinamerikaner, und ueber die Haelfte in Suedamerika sprechen kein Spanish, sondern Portugiesisch (191 Millionen in Brasilien, 300 Millionen weltweit auf 4 Kontinenten). Brasiliens Intellektuelle, Akademiker, Militaerstrategen – studieren meist in Paris (danach U.S. und London – niemals in Madrid!) Auch im spanisch-sprachigen Lateinamerika sehen die Intellektuellen nach Paris – nie nach Madrid – welches schon immer “perisferia” von Europa war. Brasilianer betrachten Spanien als ehemaligen Feind in der Kolonialepoche und die spanisch-sprachigen Nachbarn als “latinoamericanos” – eine Bezeichnung welche die “Brasileiros” keinesfalls fuer ihre eigene Identitaet anerkennen (mit Ausnahme in akademischen oder welt-diplomatischen Zusammenhaengen).

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    Stéphane Hessel habe ich nicht gelesen, dafür lese ich gerade Marita Vollborn, Vlad D. Georgescu „Brennpunkt Deutschland“*. Schon die ersten Seiten bestätigen meine Befürchtungen.

    Das Problem in der „Macht des Geldes“ zu sehen, das erinnert mich ein wenig an Maschinenstürmereien.

    Ich sehe noch andere Gefährdungen der Demokratie: Unzufriedenheit, Desillusionierung und soziales Ungleichgewicht.

    Finanzmärkte suchen nicht nach Moral und Ethik. Wichtig erscheint mir dabei, wer die Regeln vorgibt und vor allem welche Regeln. Das ist Aufgabe der Politik. Der Staat ist seinen Bürgern verpflichtet, dafür erhebt er Steuern.

    Sicher wir profitieren von Wissenschaft und Technik in unserem Alltag. Trotzdem haben wir noch immer keine Antworten auf die drängendsten Fragen. Was machen wir mit den Arbeitskräften, die auf Grund des hohen Automatisierungsgrades oder der Auslagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland nicht mehr gebraucht werden. Den Menschen aus gefährlichen und gesundheitsschädlichen Prozessen herausnehmen, ist eine lohnende Aufgabe. Und dann?

    Wenn die evolutionäre Entwicklung der Marktwirtschaft unmittelbar mit der Entwicklung der Demokratie zusammenhängt, wohin entwickeln wir uns eigentlich? Die Wahlbeteiligung wird stetig geringer. „Nur noch 58 Prozent der befragten Menschen im Osten der Republik waren der Meinung, dass die Demokratie die „beste Staatsform“ sei.“ (Westdeutschland: 68 % Demokratiebefürworter) Quelle: oben

    Wieso gibt es immer noch eine Mindestlohndiskussion, obwohl die Europäische Sozialcharta für Deutschland eine verbindliche Mindestlohnnorm verankert? (1964 von der Bundesrepublik unterzeichnet)

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    “Denn die evolutionäre Entwicklung der Marktwirtschaft … ist untrennbar mit der Entwicklung der Demokratie verbunden; sie bedingen sich wechselseitig.”

    Das hört sich bei Ihnen fast an wie die Beschreibung einer hin und wieder turbulenten, aber per se glücklichen Ehe (cum grano salis); und dass die Freiheit des Finanzkapitals als treibende Kraft, als Streben nach immer mehr per se zu mehr Freiheit und damit zu mehr Demokratie führt. Ein schönes Mantra. Rückfrage: sind die Demokratien, die nach wie vor in einem nationalstaatlichen Rahmen organisiert sind, noch mächtig genug, um auf das Finanzkapital, das jegliche nationalstaatliche Reglementierungen unterläuft, eine Wirkung zu haben? Jeder Finanzminister kann Ihnen doch sagen, dass er z.B. keine Transaktionssteuer einführen kann. – Ich wundere mich auch nicht, dass die Schwellenländer jetzt imn IWF die Finanzmacht nicht in den Händen des Westens lassen wollen. – Aber ich glaube, hier auf diesem Blog gibt es einige Kommentatoren, die diese Wechselwirkungen und Ungleichgewichte besser analysieren können als ich.

    Ansonsten ist Ihr Essay ein schockschwerenot geschüttelter Cocktail. Mit zu vielen Zutaten nur mit äußerster Vorsicht zu genießen. Am besten hat mir Ihre rhetorische Figur gefallen: “Ich will hier nicht im einzelnen auf Hessels Argumente eingehen … Kein Wort mehr davon.” Dazwischen Ihr Mantra. Wo Sie Empathie fordern und wo Sie keine haben, ist ja offensichtlich. Ich darf Sie auch in diesem Zusammenhang auf Hegel, auf die Herr-Knecht-Dialektik verweisen, worin ein Knecht die Freiheit sieht, auch darauf, wer die règles du jeu in diesem Landstrich bestimmt. Ich will Ihnen hier doch noch etwas auf den Zahn fühlen. Was meinen Sie zu diesen Aussagen von Prof. Stürmer in der WELT über Gaza und die Entstehungsgeschichte der Hamas (http://www.welt.de/videos/videoblogs/article7989711/Was-ist-Gaza.html) und zu Carlo Stengers Hinweis in Haaretz ““The problem is that Netanyahu has no motivation to maneuver Hamas into moderation, because an extremist Hamas is really Netanyahu’s best friend.” (http://www.haaretz.com/blogs/strenger-than-fiction/netanyahu-has-nothing-to-fear-but-hope-1.363066)?

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    @ Derblondehans: Lesen!
    “Ich sehe weltweit so manche Gefährdungen für Frieden und Demokratie: Chinas Kommunistische Partei und Russlands autoritäre Führung, die verrückten Diktatoren in Pjöngjang und Teheran, Tripoli und Damaskus, das Terror-Franchising-Netwerk von Al Qaida und Co., Hamas und Hisbollah, somalische Piraten und mexikanische Drogenbarone, die unheimliche Macht Saudi Arabiens, die Islamisierung Pakistans, diverse autoritäre Populisten von Chavez bis – sagen wir es ruhig – Berlusconi, der Aufstieg des Rechtspopulismus in Europa, … Aber ausgerechnet die Finanzmärkte?”
    Jan Z. Volens: Nö. In Südamerika ist Spanien das wichtigste Land. Und die Leute in Quebec würden ganz schön gucken, wären sie noch eine Kolonie Frankreichs. Zumal sie offensichtlich nicht einmal richtig Französisch können. Es müsste ja heißen: “Je me souviens”. Mit “s” am Ende.

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    Fuer Lateinamerika verbleibt Frankreich das wichtigste Land in Europa. Und fuer 8 Millionen in Canada, Antillen, und Guyane – Frankreich verbleibt die kulturelle “Metropolis” – noch immer 2011 – nach 400 Jahren… In Quebec steht auf jeden Autonummerschild der Satz “Je me souvien!”

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    Hessel sieht das Problem in der „Macht des Geldes“. Er wettert gegen die „internationale Diktatur der Finanzmärkte“, für die er – natürlich – ein Bild aus der jüdischen Bibel verwendet, den „Tanz um das goldene Kalb“, und die seiner Meinung nach „es so weit gebracht haben, Frieden und Demokratie zu gefährden“. … . Zweifellos gehört die Finanzmacht zu den wichtigsten Waffen des Westens. Wer ausgerechnet sie ins Fadenkreuz seiner Empörung rückt, verfolgt eine gefährliche Agenda. …

    … ja von was oder durch wen ist denn Frieden und Demokratie (ursächlich) sonst gefährdet? Wie geht überhaupt Finanzmacht [sic!] und Demokratie zusammen. Das passt doch gar nicht. Oder?

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