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Mehr Engagement wagen! Warum der Wehr- und Zivildienst nicht mehr in die Zeit passt

Der deutsche Wehr- und Ersatzdienst gehört zu den großen Errungenschaften der Republik. Auf den „Staatsbürger in Uniform“ und den anfangs verpönten, heute jedoch allgemein anerkannten Sozialdienst sind Politik und Bürger zu recht stolz. Beide Institutionen haben einen erheblichen Beitrag zur Integration und Befriedung der deutschen Gesellschaft nach 1945 geleistet. Und dennoch passen beide Dienste heute aus mehreren Gründen nicht mehr in die Zeit.

Die Bundeswehr ist heute keine Verteidigungsarmee mehr, sondern eine mobile und globale Eingreiftruppe. Deutsche Interessen werden nicht allein im NATO-Gebiet, sondern weltweit, gerade am Hindukusch, verteidigt. Solche Engagements erfordern eine lange und intensive Ausbildung und Vorbereitung und eben keine Praktikanten in Uniform. Das einzige Argument für den Wehrdienst ist heute das Rekrutierungsproblem der Bundeswehr. Ohne den Pflichtdienst wären die Nachwuchssorgen der Armee noch größer als sie ohnehin schon sind. Auch der Zivildienst ist als Ersatzdienst überholt. Er hat längst seine eigene Berechtigung. Es ist daher an der Zeit, die Wehrpflicht auf eine ehrliche und nicht schleichende Art und Weise zu beenden. Die Verkürzung auf sechs Monate ist ein Begräbnis zweiter Klasse. Das hat der Wehrdienst nicht verdient.

Konsequenter und zeitgemäßer wäre eine Weiterentwicklung des Zivildienstes hin zu einem durchaus verpflichtenden, aber flexiblen Freiwilligendienst. Dieser würde für Männer wie Frauen, jung wie alt und Deutsche wie Nicht-Deutsche gelten und könnte über die gesamte Biografie geleistet werden.

Die Arbeitsgesellschaft der Zukunft weist viele Übergänge und Zeiten auf, die gefüllt werden müssen: zwischen Schule und Ausbildung, Uni und Berufseinstieg, Erwerbsarbeit und Rente. Hier wären soziale Angebote ein wichtiges Instrument, diese Leerzeiten zu überbrücken.

Dafür müsste die Institution des Zivildienstes weiterentwickelt werden hin zu einem neuen Engagementdienst. Das Bundesamt für den Zivildienst könnte zur Bundesagentur für freiwillige Dienste werden, welche die Sozialverbände und Träger koordiniert und den Dienst auf eine moderne und attraktive Weise organisiert.  Die Nachfrager des Dienstes könnten selbst entscheiden, wie viele Monate und Jahre sie einsetzen wollen. Die Folge wäre ein Wettbewerb der attraktivsten Angebote.

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6 Gedanken zu “Mehr Engagement wagen! Warum der Wehr- und Zivildienst nicht mehr in die Zeit passt;”

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    @Sven Jan Arndt:
    Daß Ihnen meine Meinung sehr oft begegnet, Sie aber mit anderen Meinungen nicht sachlich umgehen können, merkt man.
    Andere Meinungen umdeuten, abwerten, etwas Nichtgeschriebenes unterstellen, dies ist Ihre Taktik, stimmts?
    Dies wird in Tageszeitungen öfters praktiziert.
    Ziel könnte die Zermürbung Andersdenkender sein, damit sie keine Kommentare abgeben.
    Auf Ihren Kommentar vom 9.11. gehe ich weiter nicht ein, denn jede dritte Person, die dies liest,
    weiß Sie ohnehin einzuschätzen.

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    œHörner:
    Ja, Ihre Meinung begegnet mir leider oft – gerade von ehemaligen Wehrprflichtigen. Das tut dann immer ein wenig weh, denn da muss einiges schief gelaufen sein. Wo sind sie gezwungen sich mit den unterschiedlichsten Bildungsgraden 24h oder mehr am Stück mit einander im Zivilleben auseinander zu setzen? Wo geraten Sie in extreme psychische oder physische Belastungen in ihrem Zivilleben? Mal ehrlich, hier weichen Menschen doch allzu gern aus. Das können Sie bei einer 72h Übung nicht oder? Was regelt das Arbeitsleben? Dass Vorgesetzte nicht mehr Verantwortung für Ihre Mitarbeiter tragen? Sich nicht mehr schützend vor sie stellen und lieber Baueropfer machen, als selbst die Verantwortung zu übernehmen?
    Ich denke in der Tat, dass die Bundeswehr einen erzieherischen und formenden Auftrag hat und dies auch Gott sei Dank viele Menschen ebenso sehen. Denn eine derartige Charakterschule bekommen sie nirgends im Zivilleben – es sei denn Sie haben extrem harten Zivildienst in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern geleistet. Der Gedanke der bürgerlichen Pflicht ist ja leider sehr unmodisch geworden. Er funktioniert aber prächtig in einer der ältesten Demokratien der Welt – der Schweiz. Nicht immer nur Nehmen, sondern auch mal zurückgeben, könnte ein Urgedanke sein!

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    @Sven Jan Arndt:
    Sie schrieben:“Ursprungsidee der Wehrpflicht ist nicht die Verteidigung der Bundesrepublik.“ Was ist eine Ursprungsidee zur Wehrpflicht?
    Welche pädagogische Aufgabe hat die Bundeswehr?
    Dies erschließt sich mir nicht als ehem. Wehrpflichtiger.
    „Sich Auseinandersetzen mit Andersdenkenden in kameradschaftlichen Gemeinschaften?“ Man kann täglich von morgens bis abends sich mit Andersdenkenden demokratisch auseinandersetzen, egal wo.
    „Anerkennen von Hierarchien?“ Dies regelt der Arbeits- oder Angestelltenvertrag, nämlich die Weisungsgebundenheit.
    „Scheisse fressen, bevor man zum Chef sich aufschwingt?“ Ich möchte keinen Chef, der Sch… gefressen hat, sondern, der mich fachlich überzeugt und mit flachen Hierarchien umzugehen weiß – also nicht autoritär, sondern eine Autorität ist.
    Was ist ein Urgedanke?

  4. avatar

    Liebe Vorredner,

    ich finde es schon ein wenig verkürzt, wenn man die Ursprungsidee der Wehrpflicht auf die Notwendigkeit der Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland reduziert.
    Dies war mit Sicherheit eine Aufgabe und ich gebe Ihnen Recht, dass es nicht sein kann, dass nunmehr deutsche Interessen am Hindukusch verteidigt werden sollen. Das ist in der Tat absurd und hingebogen.
    Aber wie steht es um die Sinnhaftigkeit der Wehrpflicht und des Zivildienstes im Zusammenhang mit einer pädagogischen Aufgabe? Dem Vorbereiten von gerade heute typisch gewordenen „Mamasrockzipfel“-Biographien auf eine Welt da draussen? Sich Auseinandersetzen mit andersdenkenden in kameradschaftlichen Gemeinschaften, Anerkennen von Hierarchien – kurz gesagt – erst mal „Scheisse fressen“ bevor man sich wichtig auf Chefposten aufschwingt?
    Auch erscheint mir der Urgedanke wichtig, dass eine demokratische integrierte Armee immer besser funktioniert, als eine Söldnertruppe. Schicken die Amerikaner nicht vielleicht gerade deswegen ihre Truppen so leichtherzig überall hin, weil es ja „nur“ Berufssoldaten sind? Die müssen das tun – haben sich ja den Job selbst ausgesucht. Aber wenn es jede Familie treffen kann, dass ihr Sohn oder ihre Tochter zum Kampfeinsatz muss – ist dann nicht die Involviertheit der Bevölkerung in solche Entscheidungen erheblich größer?
    6 Monate Wehrpflicht machen in der Tat keinen Sinn – im Gegenteil – sie gefährden eher die Truppe. Aber mal provokativ gefragt – was spricht gegen eine Verlängerung wieder auf mindestens 12 Monate. Nicht als Kanonenfutter, sondern als Erziehung zu Bürgern in Uniform?

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    „Deutsche Interessen werden am Hindukusch verteidigt“? Also heißt dies doch, daß man sich ein Stück vom (Öl-)Kuchen abschneiden will. Denn die Taliban sind es ja nicht, denn sonst müßte man ja auch in Saudi-Arabien intervenieren.
    „Nation-Building“ heißt doch, andere Staaten zu zerstören, damit man sie nach eigener Gusto wieder aufbauen kann.
    Ich habe nie Krieg erlebt, doch glaube ich, daß es furchbar sein muß, so etwas mitzumachen. Arme Bevölkerung!
    Herr Dettling hat ja Recht, wenn er schreibt, daß die Bundeswehr keine Verteidigungarmee mehr ist. Nur braucht man deshalb mehr Kanonenfutter in Form einer Berufsarmee, um andere Länder zu überfallen? Sicherlich würden sich etliche HartzIV-Betroffene melden. Vielleicht ist es auch so gedacht.

  6. avatar

    Was ist gegen Praktikanten in Uniform zu sagen? Wie im Berufsleben kann der Dienst einen Einblick in die Armee liefern. Mit ein paar Änderungen bin ich mir sogar sicher, dass so der Nachwuchs für die Berufsarmee gesteigert werden kann. Ansonsten bin ich dafür, dass der komplette Wehr(ersatz)dienst abgeschafft wird. Denn Zivis ersetzen Vollzeit-Arbeitnehmer und bilden für diese eine äußerst billige Alternative. Und das darf nicht sein.

    Wie soll denn ihrer Meinung nach der weiterentwickelte Zivildienst aussehen? Alles andere als ein Vollzeit-Engagement mit voller Bezahlung ändert an dem Arbeitsplatz-Diebstahl nichts. Also können gleich voll ausgebildetes Personal eingestellt werden.

    Das würde natürlich die Kosten in die Höhe treiben. Und wenn dann Pflege unbezahlbar wird, dann läuft etwas ganz falsch im Staate Deutschland.

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