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Kaputt in Hollywood – eine Hommage an Marvin Gaye und den Soul

PR Photo of Marvin Gaye taken by Jim Britt in 1973, during recording sessions for the album „Let’s Get It On“ at the Hitsville West Studio in Los Angeles

Es ist noch nicht richtig Frühling. Deshalb warmer Soul und heißer Funk mit Marvin Gaye. Das verlorene Album Marvin Gayes „You’re the Man“ als Einstieg in eine himmlische Stimme, deren Leben mitunter die reine Hölle war. Alle Gegensätze vereinen sich zu einer Tragödie shakespeareschen Ausmaßes. Aber lest und hört nur selbst.

Das 2019 posthum veröffentlichte Album „You’re The Man“ ist mehr als ein Archivfund. Es ist ein Dokument. Ein Einstieg in eine Stimme von beinahe überirdischer Sanftheit – und in ein Leben, das von Beginn an unter Hochspannung stand.

Als Marvin Gaye 1972 den Song „You’re The Man“ veröffentlichte, formulierte er einen offenen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der Ton: geschmeidig. Der Vorwurf: scharf. Egomanie, Rassismus, Demagogie, Lüge. Gemeint war Richard Nixon. Die Parallelen zu Gegenwart und dem jetzigen Amtsinhaber des Grauens drängen sich auf.

Doch der Zorn war damals konkret. Viele Afroamerikaner hatten genug vom rechtsnationalen Kurs des Amtsinhabers. Gaye antwortete nicht mit Parolen, sondern mit Groove. Weiterlesen

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Fragmente dreier Wintertage – Milo Raus „Prozess gegen Deutschland“

Milo Rau & Ulf Kubanke bei der Afterparty nach dem Auftakt beim „Prozess gegen „Deutschland“. Thalia Theater, 13. Februar 2026. Fotocredit: (c) Zizino Kubanke

Ulf Kubanke mit einem ganz und gar subjektiven Eindruck von Milo Raus „Prozess gegen Deutschland“ im Hamburger Thalia Theater.

„First Murderer:

Banquo: “It will be rain tonight.”

First Murderer: “Let it come down.”

(Macbeth, Akt II, Szene 3)“

„Kunst wird dann interessant, wenn wir vor etwas stehen, das wir nicht restlos erklären können.“

(Christoph Schlingensief)

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„….und ich bin auf See…“ – Die letzten Tage von Jacques Brel 

Foto: Jacques Brel by Universal

Polynesien 1977: Als Jacques Brel in seinem selbst gewählten Exil, der Marquesas-Insel Hiva Oa, den Entschluss fasst, sein letztes Album „Les Marquises“ aufzunehmen, ist er längst vom nahenden Tode gezeichnet. Bösartige Krebsgeschwüre wüten seit mehr als drei Jahren in seinem ausgezehrten Körper. Der ehemals stimmgewaltige König des Chansons besitzt nur noch einen Lungenflügel, und das letzte echte Studioalbum mit eigenen Liedern liegt bereits eine volle Dekade zurück („J’arrive“, 1968).

Im milden Südseeklima geben die Ärzte Brel bei Schonung mit Glück noch wenige Jahre.

Doch welkendes Siechtum ist nicht Sache dieses stets umtriebigen Charakters. Keine Sekunde.

„Lieber noch eine letzte Platte und dann ist mit einem Knall Schluss, als hier zu sitzen und auf den Tod zu warten!“

Von Paris aus ein letzter Paukenschlag statt welkendes Siechtum in der Südsee Weiterlesen

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Zwischen Insomnia und Inkompetenz – Keith Jarretts legendäres Köln Concert

Fotocredit: Artwork by ECM/Universal/Jarrett – Official Album Cover

Keith Jarretts „The Köln Concert“ (1975)  ist mehr als nur ein Juwel des Jazz und der Improvisationskunst. Jarretts damalige Solopiano-Performance ist zugleich ein sinnlicher Solitär, der Jazz-Fans wie Hipster gleichermaßen verzaubert. Dabei begann Jarrets Aufenthalt in Köln mit einem unzumutbaren Hiotelzimmer und völlig verstimmten Klaviert auf der Bühne äußerst widrig. Bis der Pausengong der Kölner Oper für Jarrett zum Fanal für ein akustisches Wunder wird.

Kubanke liest Kubanke: Der Text als Video

Es ist sicher keine Alltäglichkeit, wenn ein Album, das bei Jazz/Klassik einsortiert ist, knapp vier Millionen Exemplare verkauft. Das alles sogar ohne großen Werbeaufwand, nur aufgrund simpler Mundpropaganda. Das Album, um das es hier geht, avancierte vom schicken Geheimtipp zu einem popkulturellen Aushängeschild, das Conaisseure wie Hipster gleichermaßen auf dem heimischen Plattenteller zirkulieren lassen. Mit anderen Worten: Es dreht sich hier um Keith Jarretts „The Köln Concert“.

Pure Schönheit und emotionalisierende Klänge, die sich jeder Kategorisierung erfolgreich verweigern Weiterlesen

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Zwischen Gletscher und Glut – zum Tode Sly Dunbars eine Hommage an Sly & Robbie

Foto: Sly & Robbie, „Language Frontier“, Cover Artwork photographed by Chris Garnham, © 1985 by Island Records

Premiere bei SM: Erstmals gibt es einen Artikel nicht nur als gewohnte Bleiwüste. Nein, Ulf Kubanke stellt seine Artikel nunmehr zusätzlich auch per YouTube Video als Leseclip zur Verfügung: Kubanke liest Kubanke

Sly & Robbie haben die Lichtung am Ende ihres Pfades erreicht. Nach Robbie Shakespeare hat nun ebenfalls Sly Dunbar das Gebäude verlassen. Ein Nachruf. 

Reggae, Dub, Dancehall, Rock oder Pop – mit tausenden von Kollabos und eigenen Tracks zählen beide Jamaikaner zu den musikhistorisch bedeutendsten Duos überhaupt.

Zwei musikalische Grenzgänger, die dazu beitrugen, das Grenzen in der Kunst, respektive der Musik verdientermaßen gesprengt wurden.

Eine dieser bahnbrechenden Verbindungen möchte ich heraus greifen. Ganz einfach weil es mein ganz persönlicher Liebling von ihnen ist. Tolles Spätwerk aus dem Jahr 2018. Weiterlesen

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„Stripped down to the bone“ in Mexico – Eine Hommage an Depeche Mode 

Foto: Anton Corbijn, Offizielles Foto zum Album „Memento Mori“

Die legendäre Band Depeche Mode hat ihre „Memento Mori“-Tour 2024 in Mexico City beendet. Ist es die letzte Tour? Kürzlich erschien das Abschlusskonzert auf CD. Eine Verbeugung von Ulf Kubanke.

Mexico-City 2024: „Come with me into the trees.(…) Let me see you stripped down to the bone.

Der knochige Beat weist den Weg gen Trance. Darin ergießen sich sinistre Schamanenvocals.

„Let me hear you crying just for me.“ Die lediglich angedeutete Zuckerwatte eingestreuter Soundscapes vermag die Dunkelheit nicht aufzuhalten, geschweige denn ihre Sinnlichkeit. Kein bisschen.

Willkommen in Gahan ’n‘ Gores dräuendem Temple aus Schmerz und Lust, aus Messe und Party, aus Empathie und Sarkasmus: Depeche Mode „Memento Mori live in Mexico“.

Das letzte Konzert der Memento Mori-Tour und damit eventuell ihr Final Gig erweist sich – das nehme ich gern vorweg – als Triumphzug. Ein klanglich wie atmosphärisch anmutendes Hörerlebnis auf ganzer Linie. Immer wieder ruft Gahan „Mexico City“ auf Englisch, seiner Muttersprache.

Dunkelheit, Sinnlichkeit und Sensenmann – alles zusammen bei Depeche Mode Weiterlesen

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Von Träumern und Büttenrednern – wann sind Songwriter uberschätzt?

Heinz-Rudolf Kunze. Revisited. 

Wie findet man eigentlich seine Themen für die Kolumnen?

Nun, selbstverständlich kann ich diesbezüglich nur für mich sprechen.

Und da kann es mitunter passieren, dass man sich das Thema selbst überhaupt nicht aussucht und ich wie die Jungfrau zum Kinde kommt.

Manchmal ergeben sich sehr spannende Gespräche auf Facebook – z.B. über Nena

Soll heißen: Manchmal ergibt es sich einfach.

Z.B. folgendermaßen:

Alan: „Ulf, du vergleichst unseren Bundeskanzler in deiner letzten Kolumne mit schlechten Songwritern. Mich interessiert, wen du da eigentlich meinst.“ Weiterlesen

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Zwischen Manhattan & Mia – Woody Allen ist 90

Unser Autor Ulf Kubanke gratuliert Woody Allen zum Durchhaltevermögen und holt Oscar Peterson als Gratulanten an Deck.

Das Zitat

„Isaac Davis: „Habt Ihr gelesen, dass die Nazis Umzüge in New Jersey veranstalten? Wir sollten dort hingehen und es denen mal richtig zeigen; so mit Knüppeln und Baseballschlägern und denen die Sache mal richtig klar machen.“

Partygast A: „Eine sehr beißende Satire stand neulich in der „Times“ über diese Burschen. Unheimlich böse, sage ich Dir.“

Isaac Davis: „Ja, eine Satire darüber in der „Times“ ist gut. Aber Knüppel und Baseballschlägern sind eindeutig besser.“

Partygast B: „Ich finde, eine beißende Satire ist auf jeden Fall besser als Gewalt.“

Isaac Davis: „Aber Gewalt kommt bei den Nazis wesentlich besser an. Mit einer Satire kann man auf Schaftstiefel keinen sehr großen Eindruck machen.“

(Woody Allen „Manhattan“ 1979)

Die Gratulation

Happy 90th Birthday,@Woody Allen:

– Dem Genius, der zwischen Shakespeare und Eulenspiegel des 20./21. Jahrhunderts Komodie, Tragödie, Drama, Crime-Story & Freud an einen Tisch bringt und allem allzu Menschlichen im Großen wie im Kleinen ein liebevoll ironisches Denkmal setzt: Weiterlesen

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„Cities in Dust“ – eine „Stadtbild“-Kolumne

Ulf Kubanke mit seinen Gedanken zur „Stadtbild“-Debatte.

„Ich bin enttäuscht!“ (Otto (Kevin Kline) vor dem leeren Tresor in „Ein Fisch namens Wanda“ 1987)

Stadtbild, Stadtbild und kein Ende. Beim gesamten Diskussionsverlauf dieser Tage geht es mir ein wenig wie obig Otto vor dem gähnenden Geldschrank.

Alle Ebenen verschwimmen und auf einmal entsteht ein großes Durcheinander, vor allem ein großes Gegeneinander.

Auf einmal hat das gesamte Land diese erbärmlich verkürzende Snowflakes versus Cordhutträger-Nummer am Hals. Weiterlesen

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Blue Jeans, Bier & böse Menschen

Foto: Zizino Kubanke by Ulf Kubanke

Die Zeiten sind im Wandel. Auch im Bereich selbstbewusster Frauen, die sich öffentlich und mit offenkundiger Berechtigung gegen sexuelle Belästigung, genauer gegen das wehren, was man inzwischen „Catcalling“ nennt. Ulf Kubanke erzählt die wahre Geschichte einer Frau, die sich eine solche Übergriffigkeit von einem Mann schon vor über 20 Jahren cool und standfest nicht gefallen ließ.

„And if you try to fuck with me, then I shall fuck you too“

(Jack Black with Tenacious D – „Kickapoo“ 2006)

Catcalling steht vermehrt am Pranger der rechtlichen Diskussion, Yanni Gentsch, eine mittlerweile prominente Aktivistin, zuvor belästigte Joggerin, hat sowohl die spontane Konfrontation des Stalking Voyeurs mit seinem erbärmlichen Selbst, als auch eine strategisch geplante Petition für besseren Opferschutz von Gesetzgebers Seite gestartet. Weiterlesen

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Das Leben des Bryan

Foto: Bryan/Ferry/BMG

Es gibt nur wenige Musiker, deren Erscheinungsbild ebenso einflussreich das kollektive Gedächtnis okkupiert wie ihre künstlerische Genialität. Bryan Ferry alias Mr. Roxy Music ist eine dieser seltenen Ausnahmen. Hitfabrik und Stilikone? Kein Problem für den lässigen Briten, der nunmehr seinen 80. Geburtstag feiert. Zeit für eine Hommage.

Wer bei Bryan Ferry denkt: „Ach herrjeh, ist das nicht dieser lebendig gewordene Seitenscheitel aus der Yuppie-Ära, der den 80er Sound für Wannabe Gordon Geckos klar machte?“, hat da zwar einen nachvollziehbaren Gedanken, landet aber auf dem holzigsten aller Wege. Denn Ferry ist super. Warum? Weiterlesen

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