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Jana Hensel, die AfD und die späte Rache des Ostens

Illustration „Der deutsche Umbruch“ von Reinhard W. Buchta. Foto: Alan Posener

Kann es sein, dass die AfD die späte Rache des Ostens ist? Die Quittung für unerwiderte Liebe? Die These vertritt der Ex-IM und Verleger Holger Friedrich in einem lesenswerten Interview in der WELT: „Es geht um Respekt und Würde. Wenn der Bundespräsident einmal sagen würde, dass vieles falsch gelaufen ist in der Nachwendezeit und dass man viele Ostdeutsche ungerecht behandelt hat, auch Funktionsträger, die beim Zusammenschluss positiv gewirkt haben – wenn er das öffentlich anerkennen würde, würde das wahrscheinlich mehr zur Eindämmung der AfD beitragen als alles andere.“

Ähnlich sieht es Jana Hensel in ihrem neuen Buch „Es war einmal ein Land“. Ihr, der Links-Grünen und Friedrich, dem … nun ja, jedenfalls nicht Links-Grünen, eint der Befund: „Nach der Wiedervereinigung haben sich die Ostdeutschen gesagt, wir lernen jetzt erst einmal, wie der Westen geht, damit wir keine Scheiße bauen. Aber als wir dann alles durchschaut haben, waren wir enttäuscht. Enttäuschte Liebe spielt (…) eine große Rolle. Und als die Westdeutschen merkten, die Ostdeutschen wollen sich doch nicht so einfach anpassen, wurde man als der böse, dunkeldeutsche Ossi beschimpft …“ Da spricht zwar weder Hensel noch Friedrich, sondern die von Hensel zitierte Ex-Grüne Antje Hermenau, aber im Wesentlichen fasst die zusammen, was Friedrich und Hensel meinen.

Niemand zwang die Bürger der DDR, Bundesbürger zu werden

Abgesehen von der Frage, ob es sinnvoll ist, aus Enttäuschung mit dem Westen eine Partei zu wählen, die von Westdeutschen gegründet und deren führende Köpfe – Weidel, Höcke und Gauland – Westdeutsche sind, während Chrupalla als Zähl-Ossi fungieren darf; abgesehen davon, ob es nicht alle Vorurteile der bösen Wessis bestätigt, wenn der Ossi aus enttäuschter Liebe eine Partei des Hasses wählt, die im übrigen kein Konzept hat, wie es dem Osten besser gehen soll: Niemand hat die Ostdeutschen gezwungen, der Bundesrepublik beizutreten.

Die Westdeutschen schon gar nicht. SPD-Chef Oskar Lafontaine war dagegen. Die Grünen auch. Die FDP war skeptisch. Helmut Kohl selbst – der „Kanzler der Einheit“ – schlug in seinem „Zehn-Punkte-Plan“ eine allmähliche Annäherung über Vertragsgemeinschaften und eine „Konföderation“ hin zur staatlichen Einheit unter einem europäischen Dach. Es waren die ostdeutschen, die mit einer gigantischen Welle von Wirtschaftsflüchtlingen drohten – „Kommt die D-Mark nicht zu uns, kommen wir zur D-Mark!“ – und dadurch die Währungseinheit und als Folge davon die staatliche Einheit erzwangen. Kohl, ein rheinischer Europäer in der Tradition Adenauers, akzeptierte das nur, indem er den Plan fasste, durch die frühe Einführung des Euro auch die europäische Einigung zu forcieren. Nicht um alles in der Welt wollte er allein mit den Ostdeutschen sein, einer Wiederbelebung des Bismarck-Reichs den Weg bereiten.

Das soll nicht heißen, dass die Ostdeutschen keinen Grund zur Klage hätten. Nur, dass sie sich selbst anklagen sollten. „Man hat uns blühende Landschaften versprochen!“  Nun, glauben musstet ihr das nicht. Lafontaine hat das nicht versprochen, aber ihn habt ihr nicht gewählt. „Es fand ein Elitenaustausch statt: drittklassige Wessis statt erstklassiger Ossis!“ Warum habt ihr da mitgemacht? Die zuständigen Landesregierungen wurden ja frei gewählt. Wer kann es einem westdeutschen Professor verübeln, dass er sich auf einen Posten im Osten bewirbt? Man muss ihn aber nicht nehmen. Beinahe von der Stunde Null datiert die Klage, Ostbiografien würden „entwertet“. Aber vor allem die Ostdeutschen haben sie entwertet.

„Der deutsche Umbruch“, 36 Jahre danach

In seinem Vortrag „Der deutsche Umbruch“ sagte mein Vater im Mai 1990 vor einem ostdeutschen Publikum: „Auch der Kommunismus der DDR hat in 45 Jahren ein eigenes Gesicht erhalten, auch eigene Leistungen gezeigt; und ich gestehe, dass mich ein gelinder Schauer ankommt, wenn ich sehe, wie man sich jetzt die Hände davon wäscht.“ „Man“, das sind die Bürger der DDR. „Es ist wieder“ – wie 1945 – „ein deutscher Umbruch reinster Form, und die Formel dieser Umbrüche lautet: Nichts von dem, was bis gestern gegolten hat, bleibt gültig. Man vergesse es!  (…) Was 45 Jahre lang die DDR ausgemacht hat, woran nicht Wenige geglaubt und gearbeitet haben, was viele andere zumindest akzeptiert werden, soll vergessen werden, als sei es nie gewesen. Die Personen aber, die das alles geglaubt, gemacht, gestützt, erhalten haben, sollen ‚übernommen‘ werden, als sei auch die eigene Vergangenheit für sie nicht mehr gewesen als ein böser Traum. Nur einigen wenigen wird die ganze Schuld aufgeladen, was ihnen in den Augen der ‚Befreiten‘ etwas Verächtliches gibt …“

Kurzum: 1945 wie 1989 fand keine Selbstbefragung statt. „Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“ war die Losung der Ostdeutschen von Anfang an. Die Helden des Widerstands, die Dissidenten und Geflüchteten, wurden kurz gefeiert und dann vergessen.

Die DDR als Groß-Dänemark …

Und nun kommen Friedrich und Hensel und sagen, man hat uns Ossis nicht geliebt. Man hat uns nicht gewürdigt. „Die DDR war eine Diktatur, die ihren Bürgerinnen und Bürgern viele Freiheitsrechte (…) entzog“, schreibt Hensel, „aber gesellschaftspolitisch war sie dennoch ein fortschrittliches Land skandinavischen Zuschnitts.“

Als Beleg für diese Behauptung gilt „eine äußerst liberale Abtreibungslösung“, die flächendeckende Kinderversorgung und „eine der höchsten Scheidungsraten der Welt.“ Na dann.

Überdies waren in der Volkskammer Mitte der 1970er Jahre 31,8 Prozent der Abgeordneten Frauen, im Bundestag 7,5 Prozent. Inzwischen „entwickelt sich die Partizipation der westdeutschen Frauen am Arbeitsmarkt in Richtung Osten – und nicht umgekehrt“.

Nur machen weder Abtreibungen noch Scheidungen, weder arbeitende Frauen noch weibliche Abgeordnete in einem von oben bestellten Parlament aus einem Klein-Preußen, das Frauen mehr oder weniger zur Arbeit zwang und wegen des Aderlasses Richtung Westen zwingen musste, ein Groß-Dänemark.

… oder war es umgekehrt?

Umgekehrt hatte der umfassende und invasive Wohlfahrtsstaat, wie ihn die skandinavischen Länder und vor Maggie Thatchers Freiheitsrevolution auch Großbritannien praktizierten, zuweilen etwas Totalitäres, an die sozialistischen Diktaturen Gemahnendes, wie der Film „Clockwork Orange“ nach dem Roman von Anthony Burgess oder der Song „Here Come the People in Grey“ von The Kinks zeigen. Denn die verordnete Gleichheit und die maternalistische Rundumversorgung erfordern eine Überwachungsbürokratie, die immer totalitäre Züge tragen muss und die Menschen entmündigt.

Was zeigen – im Zeitalter der leicht verfügbaren Pille und der laxen Sexualmoral – eine hohe Scheidungs- und Abtreibungsrate? Dass die Menschen offensichtlich verlernt haben, für sich selbst zu sorgen und die Folgen ihrer Taten zu bedenken. Schwanger geworden? Abtreiben. Geheiratet, um eine Wohnung schneller zu bekommen? Scheiden lassen. Egal.

Das ist nicht fortschrittlich. Das ist traurig. Aber Hensels Verklärung der DDR zu einem skandinavischen Land – das Wegblenden der Tatsache, dass hier von 1871 bis 1918 das autoritäre Preußen Bismarcks herrschte, von 1918 bis 1933 eine ungeliebte und fragile Demokratie, ab 1933 zuerst eine – nach 1945 nicht aufgearbeitete – nationalsozialistische, nach 45 eine – bis heute nicht aufgearbeitete – kommunistische, zeigt, wo das Problem liegt.

Wann werden die Zonenkinder erwachsen?

Die Ostdeutschen – und ich benutze dieses Kürzel wohl wissend, dass es „die“ Ossis so wenig gibt wie „die“ Wessis – haben sich eine postkoloniale Identität zugelegt; sie sind wie jene Afrikaner, die auch 75 Jahre nach der Unabhängigkeit die ehemaligen Kolonialherren und nicht ihre eigenen Fehler für die heutigen Probleme verantwortlich machen.

Erwachsenwerden freilich heißt, nicht mehr die Eltern für das verantwortlich zu machen, was man selbst verbockt hat und verbockt. Politisch erwachsen werden heißt für „Zonenkinder“ (Jana Hensel), die eigene Geschichte annehmen, nicht verklären, und ebenfalls Verantwortung zu übernehmen. „Ätsch, dann wähle ich eben AfD!“ ist das Gegenteil davon.

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2 Gedanken zu “Jana Hensel, die AfD und die späte Rache des Ostens;”

  1. avatar

    Danke schön, ich hoffe nur, dass diese wichtigen Einwände nicht zu spät kommen. Das Ostgejammer ist ja schon Jahrzehnte alt und fast ebenso alt ist mein ständiger Hinweis darauf, dass ich im März 1990 NICHT wahlberechtigt gewesen bin.
    Das Ergebnis wurde damals zurecht als mehrheitlicher Wille zur schnellen Einheit unter dem Artikel 23 GG aufgefasst.

    1. avatar

      Natürlich kommen sie zu spät. Sie kamen schon 1990 zu spät. Wer entschlossen ist, sich Leid zu tun, dem ist schwer zu helfen.

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