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Die Reaktionen auf den Krieg in Gaza zeigen: Noch immer müssen sich die Deutschen an ihrer Vergangenheit abarbeiten. Ein Fall für den Psychoanalytiker.
Es ist ziemlich einfach, zum Antisemiten zu werden. In der Grundschule war einer meiner Klassenkameraden Jude. Als ich ihn zuhause besuchte, biss mich der Hund der Familie in die Wade. Seitdem hege ich eine tiefe Abneigung gegen … Cockerspaniels.
Nein, so funktioniert das nicht! Ein derart ernstes Thema lässt sich nicht flapsig angehen. Eher so: Wenige Jahre später, Ende der 70er, zogen wir in die Niederlande. Im Fernsehen lief eine neue vierteilige Serie namens „Holocaust“, über die jeder redete. Im Fußballtraining wurde ich mit „Heil Hitler!“ begrüßt. So lernte ich als Zwölfjähriger auf die harte Tour, dass Deutsche nicht überall wohlgelitten waren und dass es dafür gute Gründe gab.
Die Sportreporter der 70er und 80er hatten diese Lektion verinnerlicht. Kommentatoren wie Ernst Huberty, Rudi Michels, Rolf Cramer oder Eberhard Figgemeier (der Letzte der alten Schule, danach kamen die Beckmanns und Kerners) bewahrten selbst dann die Contenance, wenn die Bundesrepublik bei einer Fußball-WM gerade ein glorreiches Match gewonnen hatte. Als Deutscher ziemte es sich nicht, Hurrapatriotismus zu zeigen.
Die falsche „Lea“
Als Jugendlicher störte mich das. Was hatte ich mit dem Mist zu tun, den Opa fabriziert hatte! Aber noch mehr nervte mich, alle naslang ermahnt zu werden, man dürfe jene unseligen Jahre der deutschen Geschichte auf keinen Fall vergessen – als wäre dies eine realistische Option gewesen. Vergessen war unmöglich. Dafür sorgte schon die Nervensägen-Allianz aus Fernsehmachern, Lehrern und Politikern, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zum Gedenken – also Nicht-Vergessen – aufriefen. Es war so anstrengend.
Als dann auch noch die allgegenwärtige Lea Rosh, die gleich zwei Talkshows moderierte (nämlich „III nach 9“ und „Freitagnacht“), zum Bau eines riesigen Holocaust-Mahnmals in Berlin aufrief, war die Schmerzgrenze überschritten. Ich bekenne: Lea Rosh wurde zu meinem Feindbild. Ich hatte nämlich gelesen, dass sie in Wirklichkeit gar nicht „Lea“ hieß (ein Name hebräischen Ursprungs, der bis heute in Israel beliebt ist), sondern Edith Renate Ursula. Ich wiederhole: Edith – Renate – Ursula. Ging‘s noch deutscher?
Damals kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass die Deutschen Heuchler waren. Schlimmer noch: großkotzige Heuchler. Sie hatten der Welt den Krieg erklärt, Europa in ein leichenübersätes Trümmerfeld verwandelt und Millionen von Juden systematisch ermordet. Wer eine solche Bilanz vorzuweisen hat – das hatten mich meine Kindheitsjahre in Holland gelehrt –, sollte vor allem eines tun: die Klappe halten. Aus Achtung vor den Opfern und weil es nichts zu rechtfertigen gab. Lea Rosh aber redete, redete und redete. Und irgendwann begriff ich, dass genau diese Art der Vergangenheitsbewältigung den Nerv der Nazi-Kinder und Nazi-Enkel traf. Lea Rosh lebte vor, wie man als Täternation den Holocaust zu verarbeiten versuchte: Die Deutschen mussten die besseren Juden werden.
Auf der Suche nach den schlimmeren Nazis
Einer, der die diese Metamorphose meisterlich bewältigte, war der grüne Außenminister Joschka Fischer. Als 1999 darüber debattiert wurde, ob deutsche Truppen erstmals seit 1945 wieder an einem Kriegseinsatz im Ausland teilnehmen sollten, hätte er dies so rechtfertigen können: „Serbien hat den Kosovo angegriffen. Wir müssen den Kosovo verteidigen.“
Doch mit solch nüchternen, unemotionalen Begründungen hätte er die grüne Basis, die immer noch einem Nostalgie-Pazifismus nachhing (der Kampf gegen die Nachrüstung lag erst 15 Jahre zurück) nicht überzeugen können. Hier musste schärferes Geschütz aufgefahren werden. Also schwor Fischer auf einem Grünen-Parteitag die Delegierten auf „Nie wieder Auschwitz!“ ein.
Es war eine infame Parole. Zum einen, weil damit impliziert wurde, die Serben hätten vor, Konzentrationslager zu bauen, um systematisch Menschen zu ermorden. Zum anderen, weil dadurch die Einzigartigkeit des Holocaust bestritten wurde. Ja, die Deutschen hatten Schlimmes getan, aber – siehe da! – die Serben schienen genauso böse zu sein.
Es war schon paradox: Ausgerechnet die Kinder und Enkel von Nazis machten es sich fortan zur Aufgabe, neue Nazis aufzuspüren und zu brandmarken. Papa und Opa dankten es. Seitdem haben die Deutschen nicht länger das alleinige Patent auf den Holocaust; er ist eine Art Weltkulturerbe geworden.
Selektives Mitgefühl
Der teutonische Saulus fühlt sich prächtig in seiner neuen Rolle als Paulus. Und wie das biblische Vorbild gefällt sich der geläuterte Deutsche als Prediger. Er belehrt die Welt darüber, wie diese sich zu verhalten habe. Kein Wort verliert der Moralapostel hingegen darüber, dass deutsche Firmen Waffen in Krisengebiete liefern – man muss halt zwischen Sonntagsreden und Tagesgeschäft zu unterscheiden wissen.
Auch ist er sich durchaus bewusst, an wen er seine Standpauken richtet. Schwarzafrika muss keine Zurechtweisungen befürchten. Die Gemetzel, Massaker und Vertreibungen in Ruanda, Kongo, Elfenbeinküste und Südsudan ließen und lassen den Deutschen kalt. Auch was im fernen Asien passiert, berührt ihn nur am Rande. „Myanmar? Da war doch was … Egal!“ Und Bergkarabach? „Das hört sich nach Kraxeln und Skifahren an.“ Selbst im Nahen Osten ist das Interesse selektiv. Drusen und Kurden müssen ohne deutsche Anteilnahme auskommen.
„Schauen wir genau hin!“ (aber nur bei Israel)
Hochinteressiert und hypersensibel erweist sich der gemeine Germane hingegen, wenn es um ein Land geht, das nicht größer ist als Hessen und seit fast 80 Jahren ums Überleben kämpft. Beim Thema Israel springen sämtliche Sensoren sofort an. Das Reaktionsmuster ist dabei stets das Gleiche: Sobald Israel militärisch oder terroristisch attackiert wird und zurückschlägt, schnellt der erigierte deutsche Zeigefinger hoch. Doch angeprangert werden nicht etwa die Angreifer, die keinen Hehl daraus machen, dass sie alle Juden töten und den Judenstaat Israel auslöschen wollen, sondern die Verteidiger. Keinen Staat betrachten die Deutschen so kritisch wie Israel. Das geht so weit, dass dem Land unterstellt wird, es begehe in Gaza einen Genozid.
Spätestens jetzt begreift man, dass hier nicht der Politologe, sondern der Psychologe gefragt ist – Doktor Freud, übernehmen Sie! Der Fall liegt wie folgt: Da gibt es eine Nation, die einen Genozid begangen hat und die selbst gut 80 Jahre später zwanghaft die Nachfahren jener Menschen kritisiert, die diesen Genozid überlebt haben. In der Regel geschieht das auf verdruckste oder Von-hinten-durch-die-Brust-ins-Knie-Manier.
Beispielhaft lässt sich dies am umstrittenen „Hunger“-Titelbild der „Stern“-Ausgabe Nr. 32/2025 aufzeigen. In großen Lettern war dort zu lesen: „Schauen wir genau hin! Gerade wegen unserer Geschichte muss Deutschland dazu beitragen, den Gaza-Krieg zu beenden. JETZT“. Es braucht seine Zeit, um diese verschwurbelte Aussage zu dechiffrieren. Man spürt beim mehrfachen Lesen, wie die „Stern“-Redakteure darum gerungen haben, die richtigen Worte zu finden – und am Ende doch gescheitert sind. Denn was man eigentlich sagen wollte, war: „Wir haben vor einiger Zeit schreckliche Verbrechen begangen und würden alles tun, um dieses Stigma endlich loszuwerden.“
„Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“
Aber warum fällt es uns so schwer, Frieden mit unserer Vergangenheit zu schließen? Die Antwort ist im Nationalcharakter zu finden. Seit Beginn der Neuzeit glauben die Deutschen die übrigen Erdbewohner darüber belehren zu müssen, wie man richtig zu leben habe. Ob Martin Luther, Immanuel Kant oder Karl Marx – sie alle fühlten sich bemüßigt, der Menschheit Handlungsanweisungen an die Hand zu geben.
Dem heute gern belächelten Ausspruch „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ (Emanuel Geibel, 1861) lag ein hoher ethischer Anspruch zugrunde. Auch im wörtlichen Sinn: Die Deutschen blickten auf Völker herab, die wie „die Südländer“ Fünfe gerade sein ließen. So viel teutonische Hochnäsigkeit ist seit 1945 nicht mehr möglich. Durch den Holocaust hat Deutschland seinen moralischen Hochsitz unwiederbringlich zerstört.
Die Wunde, die nicht zuheilen will
Eine Tatsache, die vor allem jene Deutschen verdrängen, die noch immer den Rest der Menschheit mit unerbetenen Ratschlägen behelligen. Bloß ist das mit der Verdrängung so eine Sache. Sie gelingt umso weniger, je häufiger die Wirklichkeit am Trauma kratzt.
Diese Wirklichkeit heißt Israel. Dessen bloße Existenz erinnert die Deutschen daran, dass sie – unbeabsichtigt und ungewollt – ihres dazu beigetragen haben, die israelische Staatsgründung zu forcieren. Selbst unter jüdischen Skeptikern setzte sich in den 1940er-Jahren die Erkenntnis durch, dass Juden nur in einem eigenen Staat vor Verfolgung geschützt waren. Und wann immer Israel mit einem Vergeltungsschlag oder Retourangriff auf die Vernichtungsversuche seiner Feinde reagiert, kommuniziert es uns Deutschen: „Wir haben uns einmal abschlachten lassen; wir werden es kein zweites Mal zulassen.“ Prompt ist der verdrängte Holocaust wieder präsent.
Man ist irritiert darüber, dass die ehemalige Außenministerin Annalena Baerbock zwar die Ukraine vor dem Aggressor Russland in Schutz nahm, nicht jedoch Israel vor dem Aggressor Hamas. Schlimmer noch, man ist fassungslos, dass sie und ihre Vorgänger mit Abermillionen Euro eine Regierung unterstützten, deren erklärtes Ziel die Auslöschung Israels ist („From the River to the Sea, Palestine will be free“).
Unabhängig davon stellt sich generell die Frage, ob es vielleicht bei manchen Deutschen das Unterbewusstsein ist: die uneingestandene, ja verdrängte Sehnsucht, dass es Israel irgendwann nicht mehr gibt. Denn in einer Welt ohne Judenstaat würden die Deutschen nicht fortwährend an ihre Vergangenheit erinnert und könnten endlich jenen Schlussstrich ziehen, der ihnen seit über 80 Jahren partout nicht gelingen will. Was meinen Sie, Doktor Freud?
Frank Jöricke, Jahrgang 1967, ist Autor des antinostalgischen Nostalgiebuchs „Früher war alles anders“. Er schreibt für den „Playboy“, „Die Welt“, „Neues Deutschland“, „Trierischer Volksfreund“, „Cicero“ und „Freitag“. Seinen Durchbruch als Autor hatte er mit dem Roman „Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage“.
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Lieber Herr Walther,
ein guter Gedanke! Man ist zu spät dran und will nachholen, was man all die Jahre versäumt hat. Bloß funktioniert Geschichte so halt nicht.
Lieber Herr Nick,
da haben Sie recht. In jedem Hass steckt auch ordentlich Selbsthass. Man hat Mist gebaut, gewaltigen Mist, aber ist nicht in der Lage, sich das einzugestehen. Lieber projiziert man die negative Energie auf das Opfer von früher und führt damit die unselige Tradition der Vorfahren fort.
Danke Frank Jöricke,
Die „Aufarbeitung“ als ein Versuch, „Lehren aus der Geschichte“ zu ziehen, führt meines Erachtens auch zur Umdichtung derselben. Geradezu zwangsläufig gebiert sie nachholend Widerstandskämpfer
In der „Aufarbeitung der DDR-Diktatur“ beobachte ich heute politische Gruppen wie Bündnis90/GRÜNE die vor 1990 nach Alternativen zum Bonner Rechtsstaat und seinem Grundgesetz suchten. Und sei es in der Alternative einer nun aber wirklich sozialistischen DDR.
Und die heute reden, als hätte sie das Grundgestz erfunden. Und als sei dasselbe eine unveränderliche Offenbarung.
Ja, ich vermute genau das alles auch schon länger. Gerade Lea Rosh ist mir gleichfalls immer eine Spur zu theatralisch aufgetreten. Und die Reaktion vieler Niederländer auf die „Moffen“ (die Deutschen) scheint einem ähnlichen psychologischen Reflex zu entspringen, wie die der deutschen Aufarbeitungs-Oberlehrer und -innen, die bemerkenswert schnell mit entrüsteter Miene andere als ‚Nazis‘ verunglimpfen, wenn sie nicht ihrer Meinung sind: Das Land hatte allzu viele Nazi-Kolaborateure und auch der Reflex gegen Israel (z.B. ESC-Boykott aufgrund der Teilnahme Israels) spricht in dem Zusammenhang Bände. Ich weiß nicht, ob das individuell heilbar ist. Man kann nur versuchen, diesen Komplex immer wieder als solchen zu benennen, damit sich dieser nicht auch noch über Generationen fortpflanzt. (Dabei lieben Israelis die Niederlande fast so, wie Berlin..).