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Kherson – die neue Dimension entmenschlichter Kriegsführung

Kherson – nur durch den Fluß von russischen Stellungen getrennt. Im Keller vom Theater sieht man in den Monitoren der Überwachungskameras wie Kamikaze Drohnen unweit einschlagen. Das Gebäude zittert. In der Stadt Drohnenjagd auf Menschen. Die Ausfallstraße eine Falle – Drohen jagen Autos. 78.000 Menschen bleiben. Denn: Aufgeben heißt – die Russen haben gewonnen.

 

NACH DROHENANGRIFF IM WOHNGEBIET

Die Tankstelle liegt vielleicht fünfzig Kilometer vor Kherson. Wir halten an. Acht Personen, zwei Minivans, randvoll mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln, ein paar Säcken Hundefutter. Überlebenshilfe für die Bevölkerung, die in der Stadt quasi eingekesselt wird. Jetzt geht es  nicht mehr um die Logistik der Auslieferung, sondern ums eigene Überleben. Wir ziehen schusssichere Westen an, setzen Helme auf. Seit drei Jahren fahre ich regelmäßig in nach Kherson. Jedes Mal dachte ich: Schlimmer kann’s nicht werden. Doch so eine Vorbereitung gab es noch nie. Sichtbarer Gradmesser für die Ausweitung der Kampfzone. 

Kurz hinter der Tankstelle beginnt ein Tunnel. Über Kilometer spannen sich Netze über die Zufahrtsstraße. Es sind ausgemusterte Fischernetze, improvisiert, notdürftig befestigt. Sie sollen Drohnen abfangen – ferngesteuerte Todesroboter aus der Luft. Die Netzte rechts und links der Fahrbahn und teilweise auch als „Dach“ sind anachronistischer Schutz gegen eine hybriden Terrorkrieg. Kein wirklicher Schutz, nur der verzweifelte Versuch, den High-Tech Waffen, die alles angreifen was sich bewegt, etwas entgegenzusetzen. Wir fahren in die rote Zone. Ab jetzt gibt keinen sicheren Raum mehr. 

Andreas Tölke bei Anfahrt nach Kherson

Seit der Befreiung Khersons sind wir immer wieder hier. Am 02. März 2022 hatten die Russen die Stadt eingenommen. Es gab unzählige Plünderungen, Vergewaltigungen und Folter. Ich habe mit vergewaltigen Frauen gesprochen, die währende der Vergewaltigung die Schreie ihrer gefolterten Männer aus dem Nebenraum hörten. An einem Kiosk hat ein Russe einen Mann erschossen, weil er ihm kein Feuer geben konnte. Die Aufnahmen der Überwachungskamera habe ich gesehen. Im November 2022 wurde die Stadt von der ukrainischen Armee befreit. Ich war das erste mal März 2023 in der Stadt. Damals saßen wir mit unserem Team stundenlang im Keller des örtlichen Theaters fest. Über Überwachungskameras sahen wir, wie Drohnen im Park nebenan einschlugen. Jeder Einschlag ließ das Gebäude erzittern. Es waren Schwärme von Shahed Drohnen, jeweils mit 60 kg Sprengkopf, ausreichend um Aussenwände von Gebäuden zu durchbrechen, ausreichend um Umspannwerke zu zerstören, ausreichend um ein Auto explodieren zu lassen. Nach Stunden kamen drei Männer der ukrainischen Armee und schrieen uns an, wir sollten die Feuerpause nutzen und sofort verschwinden. Raus. Jetzt. Wir rasten mit dem Minibus durch die gespenstisch leere Innenstadt Richtung Norden. Rauchschwaden brennender Häuser standen in den Straßen. Heute ist dieses Bild kein Ausnahmezustand mehr. Es ist Alltag.

AUSGABE VON MEDIZINISCHEN HILFSMITTELN UND MEDIKAMENTEN

 

Auf der anderen Flussseite stehen die russischen Truppen. Von dort aus wird die Stadt unter Dauerbeschuss gehalten. Sniper, Scharfschützen, die an den Uferstrassen Passanten abknallen, ferngesteuerte IFP Drohnen, die in der ganzen Stadt gezielt Menschen umbringen. Wahlweise wird über die Kamera in der Drohne ein Mensch ins Ziel genommen oder das Handy wird geortet. Drohnen kontrollieren auch die Ausfahrtsstraßen. Die Wege aus der Stadt werden gezielt zur Todesfalle gemacht. Jedes Fahrzeug ist Freiwild – zivile Autos, Krankentransporte, Hilfskonvois. Kherson wird eingekesselt. In der Stadt ist Sterben Alltag geworden. Zuhause bleiben ist gefährlich. Das Haus zu verlassen ist noch gefährlicher. Ein ehrenamtlicher Helfer unseres Kooperationspartners Сильний бо Вільний (Silni bo vilni – Stark weil Frei) parkte vor einem Supermarkt. Minuten später traf eine Drohne sein Auto. Er verbrannte darin. Drei solcher gezielten Tötungen aus unserem direkten Umfeld allein 2025 sind dokumentiert. Das sind keine Einzelfälle. Das ist Methode.

Und trotzdem bleiben die Menschen. Evakuierungen werden selten angeboten, aber selbst dann: Kherson zu verlassen gilt für viele als Kapitulation. Vor allem ältere Menschen bleiben – aus Verwurzelung, aus Erschöpfung, aus Trotz, aus Gewohnheit an den Krieg. Ihre Kinder bleiben aus Verantwortung. Deren Kinder wachsen im Krieg auf. Schulen gibt es nicht mehr. Unterricht findet im Keller statt. Kindheit findet unter Drohnen statt. Manchmal scheitert die Flucht am Pass – viele haben alte Pässe, nicht biomentrisch, und können nicht ausreisen. Einen neuen Pass in einer Stadt unter Dauerangriffen beantragen bedeute eine Behörde aufsuchen, bedeutet das Haus verlassen, bedeutet Lebensgefahr. Wenn es über dem Kopf brummt, ist es oft zu spät.

RUSSISCHE MUNITION HALDE NAHE KHERSON

 

Kinder zahlen den höchsten Preis. In einem notdürftig ausgebauten Keller finden sie Schutz, Sport, Lernräume und therapeutische Begleitung. Über 2.500 Kinder haben diese Angebote der Freiwilligen genutzt. Weniger Albträume. Mehr Stabilität. Kleine Erfolge gegen einen Krieg, der Kinderseelen systematisch zerstört. Die Eltern sind Teil dieser Keller-Arbeit. Und finden im Keller ebenfalls Hilfe: In den rund 300 Quadratmeter großen Schutzräumen gibt es eine Pflege- und Medikamentensprechstunde. Selbst Haustiere werden versorgt oder evakuiert. Menschlichkeit endet hier nicht, auch wenn Russland alles daransetzt, sie auszulöschen. Besonders brutal ist die Lage älterer und chronisch kranker Menschen. Sei sind viel zu oft gefangen in Ihren Wohnungen, können nur liegend oder behindertengerecht evakuiert werde – die Mittel fehlen. Unsere Partner liefern Lebensmittel, organisieren im akuten Notfall Transporte zu den zwei verbliebenen Kliniken der Stadt. 

In genau dieser Realität arbeitet Be an Angel. Unsere Arbeit begann 2022 mit Evakuierungen entlang der gesamten Frontlinie bis in den Donbass. Über 24.000 Menschen konnten wir aus unmittelbarer Lebensgefahr holen, ich habe über zwei Jahre beinah alle Evakuierungsfahrten begleitet, habe im Bus gegessen und geschlafen. Ein Leben auf der Rückbank. Als Evakuierungen nicht mehr ausreichten, folgte der nächste Schritt: Versorgung. Seit 2023 liefern wir Lebensmittel und Hygieneartikel, vor allem in den ländlichen Gebieten des Oblast Kherson. Finanziert ausschließlich durch Spenden.

Unsere kontinuierliche Hilfe in Kherson ist nur möglich durch enge Kooperationen mit der Zivilgesellschaft und der aktuellen Militär Administration, die wie überall in der roten Zone der Ukraine die Verfügungsgewalt hat. In Kherson arbeiten wir mit Сильний бо Вільний, einer lokalen Organisation, die trotz permanenter Lebensgefahr versorgt, evakuiert und schützt. International kooperieren wir mit Ukraine TrustChain, einem vollständig ehrenamtlichen Netzwerk ohne Verwaltungsapparat in den USA mit Team Odesa. Diese Partner sind kein Beiwerk. Sie sind das Rückgrat der Hilfe.

LAPTOP AUSGABE FÜR HOMESCHOOLING

2024 konnten wir zwei Fahrzeuge für unsere Partner in Kherson finanzieren. Eines wurde beschossen, repariert und weiter genutzt. Das andere ist gepanzert, mehrfach unter Feuer geraten und bis heute im Einsatz bei Evakuierungen aus Dörfern entlang des Flusses. Ich habe das Fahrzeug selbst von Deutschland nach Kherson gebracht. Meine Nächte in Kherson im Winter waren im letzten noch geöffneten Hotel, direkt neben einem zerbombten Shopping-Center am Markt, bei einer Raumtemperatur von 10 Grad. Strom und Heizung sind Glückssache.

Ab Kherson haben wir wieder Evakuierungen aufgenommen. Die West Ukriane bietet kaum noch Aufnahmemöglichkeiten, geht man dorthin gibt es 50€ pro Person pro Monat auf drei Monate begrenzt. Ohne Job und Einkommen bleibt oft nur die Rückkehr in die Heimatstadt – also Kherson. Dort gibt es das eigene Netzwerk – man unterstütz sich wo man kann, von der Kartoffel bis zum Klopapier und ein paar Jobs fallen immer mal wieder ab. 

Die Planung von Evakuierungen nach Deutschland ist extrem aufwendig. Wir arbeiten auch da eng mit der lokalen Militäradministration und unseren Partnerorganisationen zusammen. Eines der größten Probleme ist der mangelhafte Informationsstand der Menschen, die ihr Leben in Sicherheit bringen sollten. Die rechtlichen Voraussetzungen in Deutschland haben sich verändert. In der Ukraine sorgt das für massive Verunsicherung: Wie ist der Zugang zu medizinischer Versorgung? Wie ist die Unterbringung, gibt es Geld für den Lebensunterhalt bis man einen Job hat? Viele wissen einfach nicht, was sie erwartet. Erstaufnahmeeinrichtungen bedeuten oft monatelange Unterbringung ohne Privatsphäre, ohne Möglichkeit, selbst zu kochen, ohne Rückzugsräume für Kinder. Wir erklären vorbehaltlos alles, dann ist jeder eigenverantwortlich zu Entscheiden Bleiben oder gehen. Die anstrengende Ankunftssituation klingt nach einem Luxusproblem, wenn es doch um das nackte Überleben geht. Aber die Ungewissheit, nicht zu wissen, ob und wann man diese Einrichtungen wieder verlassen kann, hält viele zurück. Besonders Menschen, die sich über Jahre an den Krieg gewöhnt haben, für die Luftangriffe beinahe Normalität geworden sind. Man glaubt den Krieg einschätzen zu können. Es gibt diesen merkwürdigen, fast zynischen Optimismus: mich wird es nicht treffen- es trifft immer die andere. Auch wenn Nachbarhäuser zerbombt wurden, auch wenn Familienmitglieder schwer verletzt wurden, wenn Verwandte getötet wurden. Über allem schwebt der Glaube, dass alles irgendwann endet – und dass man dieses Ende noch erleben wird.

MILITÄRADMINISTRATION UND BE AN ANGEL MEETING

 

Seit Anfang 2023 bin ich regelmäßig in Kherson. 2025 haben wir gemeinsam mit der ukrainischen Direktorin von Be an Angel, Alexandra Pavelenko, ein Memorandum mit der Militäradministration unterzeichnet. In Frontgebieten entscheidet sie über alles. Ohne diese Zusammenarbeit wäre Hilfe unmöglich. Jede Verteilung wird dokumentiert. Jede Unterstützung ist überprüfbar.

Kherson ist kein Sonderfall. Kherson ist die Zukunft dieses Krieges: keine Front, kein Hinterland, kein Schutz. Eine Stadt wird eingekesselt, die Zivilbevölkerung terrorisiert, die Flucht zur Todesmission gemacht. Dass wir heute Helme und Schutzwesten anlegen, noch bevor wir die Stadt erreichen, ist kein Detail. Es ist die neue Realität. Und genau deshalb bleiben wir.

FISCHNETZE DIE ZU DROHENABFANGNETZTEN GENUTZT WERDEN

 

Am 18 Januar hat das Be an Angel Team Ukraine sieben Menschen aus Kherson evakuiert, die in Steeth aufgenommen werden. Das war nur möglich durch die Unterstützung von „Freunde helfen Konvoi“, Kiel, und den Landesbehörden. Aktuell gibt es ein Warteliste von 70 Menschen. Ohne Spenden schaffen wir das nicht. 

https://be-an-angel.de/spenden/

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