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„Du fehlst“ – Eva Quistorp schreibt an ihre verstorbene Freundin Petra Kelly

Eva Quistorp gehörte gemeinsam mit Petra Kelly zu den Gründern und Gründerinnen der Grünen. In einem Brief an ihre verstorbene Mitstreiterin und gute Freundin bringt sie zum Ausdruck, wie sehr ihr diese aktuell fehlt.

Liebe Petra,

Du fehlst nicht nur mir sehr, du fehlst vielen in diesem Lande und weltweit, gerade jetzt wo Putins Mafia und Machtapparat einen brutalen Krieg gegen die Ukraine und auch gegen Europas Demokratien führt und seine zynische Staatspropaganda auch in Afrika und Nicaragua verbreitet. Gerade jetzt, wo Putin es wagt, trotz aller Uno und OSZE Verträge und des Budapester Abkommens, mit Atomwaffeneinsatz zu drohen und Europa zu erpressen.

Petra, dein Name erinnert wie Petrus an einen Felsen: Du warst ein Felsen, auf den die Anti Atomwaffenbewegung und die Grünen europaweit gebaut sind, Du warst Teil des Aufbruches in den USA mit der Bürgerrechtsbewegung, die mit Martin Luther King auch eine Friedensbewegung gegen die zu große Macht des militärisch industriellen Komplexes war und gegen den Vietnamkrieg, gegen den wir in Westberlin und du mit Robert Kennedy in den USA protestiert hast.

Du hast große Reden gehalten auf den Friedensdemos in Bonn, die ich mit „Frauen für Frieden“ mitorganisiert habe und bei denen ich neben dir für mehr Frauen an der Spitze der Bewegungen gekämpft habe. Leider zitiert weder Georg Mascolo mit seinen guten Artikeln in der SZ zu Atomwaffen dich noch Baerbock bei ihren UNO-Reden. Du hast die Frauenfriedensbewegung weltweit unterstützt, wie mit mir die „Frauen für Frieden“ in der DDR wie Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Katja Havemann,

Du fehlst jetzt vielen, wo die Frauen in der Ukraine Kriegsverbrechen an Mädchen und Frauen dokumentieren müssen und wir in der UNO auf der Umsetzung der Resolution 1325 beharren müssen, die sich seit 2000 für die Beteiligung von Frauen auf allen Ebenen an Friedensverhandlungen einsetzt. Du hast die Gründung von „medica mondiale“ ,bei der ich als MdEP mitgemacht habe im Herbst 1992, deinem Todesmonat, leider nicht mehr erlebt, wo du doch auch so gegen die Traumata von Frauen und Kindern in Kriegen und bei Terror praktisch helfen wolltest.

Du fehlst auch den russischen Feministinnen , die gewaltfreie Aktionen gegen den Krieg der Putin Mafia wagen und sei es, dass sie ein weißes Blatt Papier auf dem Roten Platz hoch halten und sogar dafür verhaftet werden und schlimme Gefängnisbedingungen erleiden müssen. Weißt du noch, wie wir im Juni 1987 bei der Weltfrauenkonferenz in Moskau zusammen waren und mit Helen Caldicott, unserer Dritten im Bunde seit der Anti-Atomkonferenz in Dublin, wo wir uns 1978 kennen lernten, die Gesundheitsgefahren durch Tschernobyl wagten anzusprechen? Der sowjetische Frauenverband ließ uns damals unter Glasnost und Perestroika offen reden! Welch ein Kontrast zum Verbot von Memorial und Nova Gazeta heute, die wie du dich auf einer Wolke gewiss gefreut hast, den Friedensnobelpreis erhalten haben zusammen mit Oppositionellen aus Belarus und der Zivilgesellschaft in der Ukraine. Die kämpft schon seit 1991 gegen Korruption und für unabhängige Medien bis zum Maidan 2004 und dann bis zum Maidan 2014, dessen Erfolg vom 22. Februar 2014 Putin mit seinem Rachefeldzug zerstören will .

Deine Rede hätte ich gern gehört, mit der du auf die Behauptung von Schröder reagiert hättest Putin sei ein lupenreiner Demokrat. Deinen Protest auch, als Merkel mit Schröder und Putin Nordstream1 eröffnete. Dieses Bild der verschränkten Hände, was mich irre aufgeregt hat schon 2005.Dann Merkels Rede vor der Sicherheitskonferenz 2016, als sie der Ukraine empfahl, so lange zu warten, nämlich 24 Jahre wie sie selbst in der DDR. So unverschämt und kein Journalist merkte das. Deine Rede zur Behauptung von Merkel, sie, und sie hielt sich für Deutschland, würde die Sicherheit der Ukraine garantieren, als sie Nordstream 2 befürwortete! Dann deinen Aufschrei, als Merkel, Steinmeier, Scholz und ein wichtiger Teil der deutschen Wirtschaft mit Teilen der CDU Nordstream 2, als Projekt der Privatwirtschaft verharmlosten. Du hättest auch wie ich einen Schmerzensschrei ausgestoßen, als während der Paulskirchenfeier der Buchmesse mitgeteilt wurde, dass Anna Politowskaja am 7. Oktober 2006, dem Geburtstag Putins und dem Geburtstag der DDR, von Regierungsschergen heimtückisch ermordet wurde. Für dich, die als erste Grüne beim Friedensforum Gorbatschow in Moskau traf, wäre das 2012 schon das Signal gewesen, die Russlandpolitik von SPD und Merkel und Ostwirtschaft zu ändern und die Energiepolitik zu diversifizieren, die Abhängigkeit der deutschen Rohstoffpolitik und Exportwirtschaft von Diktaturen wie Russland, China, den arabischen Ölländern drastisch einzuschränken. Wie hättest du dich über den Nobelpreis an ICAN gefreut, die wie Frauen für Frieden und die IPPNW, deren Nobelpreis wir beide in Pasing 1983 zusammen gefeiert haben, die zusammen weiter für die Abschaffung aller Atom und Massenvernichtungswaffen eintreten! Wie hättest du jetzt auf die Drohungen Putins mit Atomwaffen reagiert, wie auf die Wahl von Bolsonaro, Le Pen, Liz Tuzz und den Brexit, den Putin auch mit seinen bots und trollen gefördert hat?

Du hast dich mit mir und Christa Reetz für die Frauen in den Bürgerinitiativen gegen Atomanlagen und für Umweltschutz eingesetzt. Die Sonnenblume als Logo haben wir beide ja mit Roland Vogt, der zu dem Trio der Grünengründerinnen aus dem „Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz“ (BBU) und von den jungen europäischen Föderalisten gehörte, erfunden und den Grünen geschenkt. Das war nicht Josef Beuys, wie ein ZDF-Film neulich auf dem Parteitag der Grünen behauptete nach dem Motto, nur berühmte Männer können berühmte Logos und Namen erfinden. Nein, es war das Trio aus dem BBU und der „Junge Europäischen Föderalisten“ (Jef), die wir wie zehntausende Anti Atomaktivistinnen das Logo der Designerin aus Dänemark kannten: „Atomkraft nein danke“ mit der Sonnenblume.

Den Namen „Die Grünen“ haben wir wie aus einem Munde vorgeschlagen, als Milan uns erzählte, dass die linke Parteigründungsszene sich den Namen „Die Alternative“ ausgedacht hätte. Das erinnerte uns zwar an Rudolf Bahros wichtiges Buch gegen die Umweltzerstörung auch des Sozialismus, doch war uns zu abstrakt. Der Name „Die Grünen“ klang sinnlicher und auf spirituelle Hoffnungstraditionen bezogen. Allein dieses Geschenk dreier Gründerinnen der Grünen sollten die Grünen mehr geachtet haben in den letzten 30 Jahren, wo du fast vergessen warst in offiziellen Reden und Medienauftritten der Spitzengrünen in Regierungen.

Jetzt wirst du eher als Schmuck verwendet, wie das vielen Toten ergeht, die zu Lebzeiten auch falsche Freundschaften, Konkurrenz, Neid und Intrigen erlebt haben. Kein Zitat von dir und nicht mal dein Name wurden bei der großen Feier zu 40 Jahren Grüne Anfang Januar 2020 genannt, nicht einmal von Lukas Beckmann, der als einziger Gründungsgrüner reden durfte. Gestern traf ich das erste Mal bei der Boell-Stiftung Bundeswehroffiziere, die sich zum Schwenk der Grünen in der Sicherheits- und Bundeswehrpolitik informieren wollten. Sie kannten eure beiden Namen nicht mehr, sie haben längst eine andere politisch persönliche Ausbildung als General Bastian sie in der Nazizeit hatte.

Bei der Trauerfeier 1992 wurde gleichzeitig deiner und deines Mörders, dem grünen General Gerd Bastian gedacht. Das fand ich als deine Freundin, Weggefährtin und Feministin unmöglich. Man wollte wohl das Bild der Harmonie von der Pazifistin und dem General für die Medien erhalten, die so viele Friedensvortragsreisen zusammen gemacht und zusammen im Bundestag gewesen waren. Gerd Bastian hatte die Gruppe „Generäle für den Frieden“ Anfang der 80er Jahre mitgegründet und den „Krefelder Appell“, der einseitig nur die US-Atomwaffen kritisierte, unterstützt. Ich habe nie verstanden, warum du den unterschrieben hast, warum du den General so nah so lange an deine Seite gelassen hast, der dir sogar die Taschen trug wie ein Butler und wohl zu deinem Schutz gegen Ängste wurde. Ich hatte ja die Erinnerung an dich, wo du  ffentlich nicht immer als Paar mit einem alten General aufgetreten bist. Ich habe ihn geachtet, wegen seiner Friedensziele ,doch er war mir fremd, auch weil ich die „Generäle für den Frieden“ in Holland und Italien klar auf Seiten der kommunistischen Parteien der Länder fand und ich aus einer Familie mit Kriegsdienstverweigerern kam. Ich habe in der Fernsehsendung des ZDF zu den „Generälen für den Frieden“ ,als ich neben dem Stasi -Oberst Bohnsack auftreten musste, vorsichtig gesagt, dass Gerd Bastian wohl blauäugig gegenüber der Stasi und KGB-Einfluss bei den „Generälen für den Frieden“ gewesen sei. Ich wollte ihm, nicht selbst eine bewusste Stasitätigkeit unterstellen und so auch den Grünen nicht schaden. Doch ich erinnere mich genau, dass ihr mir um den 26.9.92 herum, wo ich mit Petra den Film zu Kindern von Tschernobyl sah und euch zuletzt auf dem UFA-Gelände traf, gesagt habt, dass ihr bei der Stasibehörde wart und dass Petra auf jeden Fall gern ihre Stasiakten einsehen wollte.

Klar habe ich bei der Todesnachricht Wochen später, als ihr gefunden wurdet, sofort daran gedacht. Auch daran, dass ich Dich, Petra, fröhlich und voller Energie fand, schimpfend auf einige Männer bei der Böll-Stiftung und den Grünen, die dich mit deinen meist zu hohen Zielen im Stich ließen, wenn es um Büro und Geld ging. Doch Gerd wirkte so depressiv und gealtert auf mich wie nie vorher, und zwar auch schon in Salzburg, wo wir zusammen auf der Anti-Atomkonferenz waren. Er hat wohl wie ein alter General alter Schule gemeint, du bräuchtest seinen Schutz, auch den mit seinen Revolvern, von denen ich nichts wusste, andere Grüne aber schon. Er wollte vielleicht deinen Mythos und Ruhm retten?

Doch welche Gewaltanmaßung, welch ein normaler Frauenmord, wie es viel zu viele auch in Deutschland immer noch gibt. Nicht du, sondern Gerd Bastian kam mir bei den Konferenzen in Salzburg und Berlin im September 1992, deinem letzten Monat, depressiv und seit seinem Unfall wie gesagt sehr gealtert vor. Merkwürdigerweise waren wir bei beiden internationalen Anti Atomkonferenzen wie früher die einzigen Grünen und du warst von den Organisatoren nicht mal gebeten, auf dem Podium zu sitzen und eine Rede zu halten. Du versuchtest, einen Preis für einen kritischen Atomphysiker aus der Ukraine zu organisieren mit Hilfe unserer Freundin aus den USA, Cora Weiss. Ich habe immer versucht, dich als Petra, als einzigartige Frauenpersönlichkeit wahrzunehmen und an uns als feministisches Tandem wie in den Anfängen geglaubt.

Dieser General für den Frieden war mir nie ganz geheuer, so wie seine Organisation nicht, in der einige aus Italien und Holland der SED, wenn nicht sogar der UDSSR und dem KGB nahestanden. Ich wurde von einer Mitarbeiterin des Generals für den Frieden in Rom geohrfeigt auf offener Bühne 1984, als ich für die polnische „Solidarność“ eintrat. Gerd fragte mich auch, als wir 1992 mal allein waren mit dir, warum ich den „Krefelder Appell“ nicht unterschrieben habe. Merkwürdig, dass ihn das zehn Jahre danach noch umtrieb und merkwürdig, dass er dich im Schlaf erschoss, nachdem ihr in Berlin im September kurz bei der Stasibehörde gewesen seid, wie du mir sagtest, als wir den Film zu den Kindern von Tschernobyl zusammen im Delphi-Kino gesehen haben. Dein allzu früher Tod, deine Ermordung durch deinen Lebensgefährten, den grünen General, bleibt ein großes Rätsel und war ein Schock für mich, der mich jahrelang belastet hat.

Gern hätte ich dich aus dieser verstrickten Beziehung erlöst. Du hast mit Gerd Atomwaffentransporte in Mutlangen mit Heinrich Böll und seiner Frau zusammen blockiert, gewaltfrei im Sinne von Ghandhi und Martin Luther King und Rosa Parks. Insgesamt ist ja sowohl dein großer Erfolg wie dein Vergessenwerden für viele Jahre nicht ohne die Faszination dieses Paares, Pazifistin und General für die Mediengesellschaft der 80er und 90ger Jahre, noch ohne die der heutigen Mediengesellschaft zu erklären.

Nun erinnert dich zu deinem 75.Geburtstagsdatum dankenswerterweise die Böll-Stiftung und die bayrische Petra Kelly-Stiftung, so wie der Petra Kelly-Preis. Zeitgemäß in einem Comic und Podcast sollst du wieder auferstehen.Du hattest viele Stärken und warst mit deinem Charisma einmalig, du hast mich und so viele mit reingezogen in den Strom der Hoffnung und der Parlamentspolitik, doch du hattest auch wie wir alle Schwächen und dunkle Seiten, wie es das Foto auf dem Band der Böll-Stiftung zu dir zeigt. Du solltest neben den heutigen Medien – und Politikstars nicht vergessen, aber auch nicht von ihnen vereinnahmt werden.

Petra, bei all deinen Schwächen und denen der Grünen wie bei den Stärken von dir und den Grünen, sollte dein Wirken an die Stärke und Weitsicht derer erinnern, die, die im Alltag und unerkannt, zum solidarischen und demokratischen Wandel beitragen heute wie einst die, die von Osteuropa aus den Eisernen Vorhang eingedrückt haben.

Dazu gehören u.a. die Klimaseniorinnen aus der Schweiz, deren Alter du heute mit 75 Jahren hättest. Sie klagen zusammen mit Greenpeace gegen die Untätigkeit der Regierungen vor dem Europäischen Menschengerichtshof so wie andere Klimaklagen. Ob du mit ihnen mitwandern würdest heute mit ihrem Schutz, dem Schutz, der dir gegen rechte und mediale Anfeindungen vor 30 Jahren gefehlt hat und den du leider bei einem General gesucht hast? Ob die Comic und die Podcasts, die von der Böll-Stiftung jetzt zu deinem 30.Todestag und deinem Geburtstag produziert werden, dir gefallen würden?

Auf jeden Fall ist es gut, dass einige deiner Reden wieder gelesen werden, das Petra Kelly-Archiv praktisch für die Gegenwart genutzt wird und du nicht in Filmen mit ein paar Promi-Zitaten verwurschtet wirst mit dem mysteriösen „Beziehungskrimi“-Ende. Die Kriege der Gegenwart sind dir erspart geblieben und die AfD und die Diktatorenriege der heutigen Zeit. Joan Baez –„We shall overcome“ – wird dir mit ihren Liedern immer noch gefallen und sie wird dich nicht vergessen wie hoffentlich viele feministische Klimaaktivistinnen und junge Parlamentarierinnen aus Europa und Afrika und Lateinamerika und Asien von heute auf all ihren Wirkungsebenen dich nicht vergessen werden.

 

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2 Gedanken zu “„Du fehlst“ – Eva Quistorp schreibt an ihre verstorbene Freundin Petra Kelly;”

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    Hier eine recht ausgewogene Analyse des – der „Russland-Versteherei“ wahrlich unverdächtigen – Historikers Michael Stürmer vom April 2022:

    „Ein Debakel westlicher Diplomatie
    12/04/2022

    Welche Alternative gibt es zu Waffen, Schlachtfeld und Sanktionen? Diplomatie und vernünftige Selbstbeschränkung

    von Michael Stürmer

    Putins Krieg erschüttert alles, Gegenwart und Zukunft. Das furchtbare Geschehen hat Ursachen tief in der Geschichte des neueren wie des älteren europäischen Staatensystems. Dieser Krieg wird auch lange Auswirkungen haben und wird alles, was bis in die vergangenen Tage hinein als gegeben galt, gründlich verändern, am meisten den Umgang mit nuklearer militärischer Macht. Es wird ein schmerzhafter Prozess werden, und es wird keine Sieger geben.

    Tatsächlich ist Putins Krieg der wichtigste Faktor in den Erbteilungen des russischen Imperiums. Denn mit der Ukraine, so sagte es Zbigniew Brzeziński, ehemaliger Sicherheitsberater von US-Präsident Carter, wäre Russland wieder ein imperiales Machtgebilde, Weltmacht gleichauf mit den Vereinigten Staaten und dem in seine alte Machtstellung zurückfindenden Reich der Mitte. Ohne die Ukraine wäre Russland nicht viel mehr als ein – wenngleich großes, überdehntes – Nationalstaatsfragment.

    Das alte Russland hat unter Zaren und Kommissaren ein Imperium aufgebaut und in der Mitte des 20. Jahrhunderts auch wieder verloren. Eine verlässliche Form ist nicht in Sicht. Nicht für die Russen selbst und auch nicht für die Nachbarn. Putin macht den Versuch – indem er das imperiale Umfeld nach seinem Willen neu gestalten und unter Kontrolle nehmen will –, eine dazu passende Innenpolitik aufzubauen und diese wiederum durch äußere Eroberungen zu stabilisieren.

    Die wichtigste dieser Eroberungen wäre die Ukraine. Diese äußeren Eroberungen sollen nach innen Ziel und Richtung geben. Beides, die Diktatur und die Expansion, hängen wesentlich zusammen und bedingen einander.
    Unerhört: Putin hat Krieg angekündigt

    Kam dieser Krieg wie der Dieb in der Nacht, unerwartet und unangemeldet? Es war bei der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2007, dass der Westen eine Kriegserklärung aus Moskau erhielt, ohne hinreichend den Ernst der Lage zu bemerken und beizeiten die Russlandpolitik zu verändern.

    Im großen Festsaal des Hotels Bayerischer Hof am Münchner Promenadenplatz hielt die Bundeskanzlerin Angela Merkel eine kurze Rede über die zukünftige Sicherheitsarchitektur in Europa. Russlands Rolle erfuhr keine besondere Beachtung.

    Zu Füßen der Kanzlerin saß Wladimir Putin, der sich ein Aktenstück zureichen ließ und dann mit dem Kugelschreiber und zornigen Bewegungen alles durchstrich oder korrigierte, was da zu finden war. Das zeigte Zweiflern jedenfalls an der persönlichen Machtfülle, dass Putin sein eigener Herr war und niemanden zu hören brauchte in Grundfragen der Außen- und Sicherheitspolitik.

    Es war unübersehbar, dass hier eine Kriegserklärung hinterlegt wurde. Und wer die Körpersprache des russischen Präsidenten beobachtete, bedurfte auch kaum noch einer Übersetzung: Es waren Zorn und Hass pur. Die denkbar unkonventionelle Rede sprach für sich selbst, und auch wer des Russischen nicht mächtig war, konnte aus der Körpersprache des Präsidenten entnehmen, dass es nicht um Liebenswürdigkeiten ging und auch nicht um Redekünste, sondern um den Ernstfall.

    Niemand konnte danach glaubhaft sagen, er habe die Botschaft aus Moskau nicht verstanden. Selten ist ein Krieg so deutlich angekündigt worden und selten auch ist so evident die Chance vertan worden, beizeiten Korrekturen vorzunehmen, die bis wenige Tage davor vielleicht noch möglich gewesen wären.

    Eine kenntnisreiche und sensible Diplomatie hätte nicht nur den Ankündigungscharakter dieser Kriegserklärung bemerken müssen, sondern auch einen ersten Entwurf liefern können für ein neues atlantisches Gleichgewicht, in dem auch Russland mehr als nur eine periphere Rolle hätte einnehmen können.

    Im Prinzip hatten die Nato-Staaten zwar schon mit der Nato-Russland-Grundakte von 1997 anerkannt, dass Russland nicht ein balkanischer Kleinstaat war, den man ohne weitere Höflichkeiten sich selbst überlassen konnte. Immerhin gab es die Nato-Russland-Grundakte, die zusammengefasst auf einen privilegierten Status Russlands hinauslief. Im Nato-Jargon: „No nukes, no troops, no installations.“

    Immer ging es um die Nato-Mitgliedschaft früherer Warschauer-Pakt-Mitglieder und um den herausgehobenen Sonderstatus, der dabei für Russland festgelegt werden sollte. Schon bei der ersten Probe, als Jugoslawien im Bürgerkrieg zerfiel, zerfielen allerdings auch Sinn und Wirkung der Nato-Russland-Grundakte. Es war ein Debakel westlicher Diplomatie. Es war auch der Auftakt zu Konflikten, die bis heute keine dauerhaft tragfähigen Lösungen fanden.
    Der Ausweg: Vernünftige Selbstbeschränkung

    Wie Putins Krieg ausgeht, vermag zur Stunde niemand zu sagen. Unüberschaubar ist aber schon jetzt, dass die Politik der Handelssperren nicht nur Russland hart trifft, sondern auch westliche Unternehmen in schwere Prüfungen führt. Insoweit wird die Welt nach Putins Krieg ganz anders aussehen als davor. Sie wird gefährlicher sein und möglicherweise steuerlos. Der einzige Gewinner wird wahrscheinlich die Volksrepublik China sein, deren Führer gelassen zuschauen können, wie die Machtkonkurrenten USA, Europa und Russland einander systematisch ruinieren.

    Die Chance vernünftiger Selbstbeschränkung auf konsensfähige Ziele wie Neutralitätsstatus, Rüstungskontrolle und Waffenbegrenzung ist wahrscheinlich der einzige gangbare Weg, wo sonst um letzte Wahrheiten gekämpft wird, die nicht verkäuflich sind: Putin für die Wiedergeburt des Zarentums und des Imperiums; die Vereinigten Staaten für ein liberales Weltfinanz- und Handelssystem, zusammengehalten durch die traditionellen Stärken liberaler Wirtschaft.

    Der Weg dahin wird lang und dornig sein und es gibt keine Garantie, dass er nicht mit einem Absturz endet. Deshalb muss der Faden der Rüstungskontrolle und der vertrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen alten Stils wieder aufgenommen werden. Die Diplomatie allein den Waffen, dem Schlachtfeld und den Sanktionen zu überlassen, ist der Weg ins Desaster.

    Putin zeigt überdeutlich Zeichen von Nervosität. Sein Auftritt im Luschniki-Stadion, wo er offensichtlich verborgene Schutzkleidung trug, und der Umstand, dass er auf einen Schlag mindestens zehn Generäle feuerte, sind mehr als nur Indizien für die innere Schwäche des Regimes.

    Die Eskalationsdominanz liegt in den Händen Putins: Stellt er fest, dass er seine Ziele mit konventionellen Mitteln nicht erreichen kann, könnte er seinen Krieg in eine neue Phase der Intensität schleudern, in der Massenvernichtungswaffen nicht mehr nur Gegenstand von Drohungen sind.

    Vieles, ja alles hängt an Putin: Hat der gelernte Geheimpolizist den Verstand für die endzeitliche Dimension und den Sinn für die globale Verantwortung seines Tuns, den Nuklearkrieg einzuhegen?

    Eine Krise kann auch ihr Gutes haben. Das beweist die Geschichte der Doppelkrise um Berlin und Kuba 1962: Es waren Furcht und Vernunft, die damals die Weltmächte USA und Sowjetunion bestimmten, als sie an den Rand des Abgrunds getreten waren, wo nur noch strahlende Asche war. Was sagen will, dass die Krise, bevor sie verhandelbar und steuerbar wird, noch einige Wandlungen, Steigerungen eingeschlossen, zu durchlaufen hat.

    Die Welt hat bisher nur den Anfang gesehen. Wie das Endspiel aussieht, ist im April des Jahres 2022 die Frage aller Fragen.
    Ohne Erfahrung in nuklearer Diplomatie

    Es gibt Hoffnung in hoffnungsarmen Zeiten, dass es gerade die Plötzlichkeit und Brutalität des Kräftemessens sind, welche die Weltmächte an den Verhandlungstisch zwingen müssten. So geschah es 1962, als die kubanische Raketenkrise die Welt das Fürchten lehrte. Sowjetische Mittelstreckenraketen vor den Küsten Floridas: Das war mehr, als Amerika ertragen konnte.

    Es gab allerdings vertrauliche Kanäle, auf denen über Rüstungskontrolle und Kompensationen gesprochen wurde. Der Bruder des Präsidenten, Robert Kennedy, hat die entscheidenden Weichen gestellt. Seine Rolle und die des Sowjet-Botschafters in Washington zeigen auch, wie knapp der Ausgleich war, wie wichtig der Aufbau eines vernünftigen Minimums an Vertrauen ist, wie gefährdet die Welt ist und voraussichtlich auch bleibt.

    Es war die existenzielle Gefahr, die die Führer der Nationen zwang, sich selbst zurückzunehmen und damit einen schmalen Pfad auf sicheres Gelände zu gehen. So kam es, dass aus dem Übel der höchsten Bedrohung ein Minimum an gemeinsamer Sicherheit entstand.

    Aus der Doppelkrise um Kuba und Berlin entstand der systematische Aufbau von Sicherheitssystemen gegen den atomaren Weltuntergang. Aber Neugierige seien gewarnt: Es gibt keine Versicherung gegen die Katastrophe außer die menschliche Intelligenz.

    Es wäre schon viel gewonnen, die Ereignisse und Erkenntnisse von damals auf die heutige Welt zu übertragen. Aber dafür fehlt es an fast allen Voraussetzungen: Das Misstrauen geht tief, die Waffensysteme sind schneller und moderner und entziehen sich den Kontrollen, und die entscheidenden Figuren haben, so muss man jedenfalls als Beobachter zur Kenntnis nehmen, in nuklearer Diplomatie und der Politik nuklearer Waffen keine Erfahrung.

    Die nukleare Waffe ist eine Waffe, die sich nicht teilen lässt und als Mittel der Diplomatie bisher nahezu unerprobt ist. Und doch beruhte das Sicherheitsgefühl des Kalten Kriegs darauf, dass beide Supermächte einander zerstören konnten: „mutual assured destruction“. Philosophisch eine Zumutung, strategisch aber die Formel des Überlebens: Gemeinsam oder gar nicht.

    Ob die Zukunft der freiheitlichen Demokratie gehört, Lebensform der atlantischen Nationen, oder dem autoritäreren Staat, wie China und Russland ihn wollen, das ist niemals endgültig geregelt. Hier und heute jedenfalls steht alles auf dem Spiel, was seit dem Ende des Kalten Kriegs gesichert schien.“

    Quelle (abgerufen am 20.10.2022):
    https://www.karenina.de/news/politik/ein-debakel-westlicher-diplomatie/

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    „Deine Rede hätte ich gern gehört, mit der du auf die Behauptung von Schröder reagiert hättest Putin sei ein lupenreiner Demokrat. Deinen Protest auch, als Merkel mit Schröder und Putin Nordstream1 eröffnete. Dieses Bild der verschränkten Hände, was mich irre aufgeregt hat schon 2005.Dann Merkels Rede vor der Sicherheitskonferenz 2016, als sie der Ukraine empfahl, so lange zu warten, nämlich 24 Jahre wie sie selbst in der DDR. So unverschämt und kein Journalist merkte das. Deine Rede zur Behauptung von Merkel, sie, und sie hielt sich für Deutschland, würde die Sicherheit der Ukraine garantieren, als sie Nordstream 2 befürwortete! Dann deinen Aufschrei, als Merkel, Steinmeier, Scholz und ein wichtiger Teil der deutschen Wirtschaft mit Teilen der CDU Nordstream 2, als Projekt der Privatwirtschaft verharmlosten. …“
    „Jetzt wirst du eher als Schmuck verwendet, wie das vielen Toten ergeht, die zu Lebzeiten auch falsche Freundschaften, Konkurrenz, Neid und Intrigen erlebt haben. Kein Zitat von dir und nicht mal dein Name wurden bei der großen Feier zu 40 Jahren Grüne Anfang Januar 2020 genannt, nicht einmal von Lukas Beckmann, der als einziger Gründungsgrüner reden durfte.“
    „Nun erinnert dich (Sic!) zu deinem 75.Geburtstagsdatum dankenswerterweise die Böll-Stiftung und die bayrische Petra Kelly-Stiftung, so wie der Petra Kelly-Preis. Zeitgemäß in einem Comic und Podcast sollst du wieder auferstehen.Du hattest viele Stärken und warst mit deinem Charisma einmalig, du hast mich und so viele mit reingezogen in den Strom der Hoffnung und der Parlamentspolitik, doch du hattest auch wie wir alle Schwächen und dunkle Seiten, wie es das Foto auf dem Band der Böll-Stiftung zu dir zeigt. Du solltest neben den heutigen Medien – und Politikstars nicht vergessen, aber auch nicht von ihnen vereinnahmt werden.“
    Ob sich Frau Kelly heute, wie die Autorin, so vorbehaltlos gegen die deutsche Russland-Politik gewandt und ebenso vorbehaltlos für die weitere Eskalation des Krieges in der Ukraine durch die Lieferung von Waffen plädiert hätte, kann niemand wissen, auch nicht Frau Quistorp. So eindeutig sind die Verhältnisse nicht.
    Sich einerseits gegen die heutige Vereinnahmung von Toten, die sich bekanntlich nicht wehren können, zu wenden, andererseits jedoch genau dieses zu tun, indem Frau Kelly post mortem die eigen Meinung untergeschoben wird, halte ich für ziemlich geschmacklos.

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