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Putins Simulation militärischer Stärke und Strategie

Credit: IMAGO / SNA
„14.03.2022 Russian President Vladimir Putin listens to Deputy Prime Minister Dmitry Grigorenko during a meeting at the Kremlin in Moscow, Russia.“

Putin hat sich mit der Invasion der Ukraine verkalkuliert. Inzwischen steht sein zuvor stolzes Militär reichlich blamiert da. Erstmalig gibt mit dem Direktor der Nationalgarde Russlands nun einer von Putins Top-Leuten zu, dass alles langsamer verlaufe als geplant. Der evidente Gesichtsverlust dürfte Putin vor allem intern zunehmend unter Druck setzen.

Zwei Jahre nun sind es schon, in denen man wie ein Statist in einem Katastrophenfilm lebt. Erst Corona, nun der Krieg. Die Hoffnung, nach einem erneut langen, tunnelartigen und dunklen Herbst/Winter mit der weniger gefährlichen Omikron-Variante im Frühjahr und Sommer vielleicht von der pandemischen in eine endemische Lage zu gleiten und das Leben wieder etwas entspannter angehen zu können, hat der kriegslüsterne Mann im Kreml, hat Wladimir Putin zerschlagen.

Als sei das tägliche tastende Leben mit einer plötzlich aufgekommenen weltweiten Seuche nicht schon surreal genug gewesen, wachen Menschen überall auf dem Globus nun seit zweieinhalb Wochen morgens wieder bangend auf, erneut voller Sorge, die Nachrichtenlage im Fernsehen, Radio oder Netz aufzunehmen. Neben den Blick auf die täglichen Inzidenzzahlen ist der Blick auf die Zahl der nächtlichen Raketeneinschläge und Toten in der Ukraine getreten. Tage wie der letzte Montag, an denen nachts nicht viel passiert ist, schaffen etwas Erleichterung. Tage wie der gestrige Dienstag, an dem Krankenhauspatienten in Mariupol als Geiseln genommen und bei Fluchtbesuchen beschossen wurden, sind hingegen ebenso furchtbar wie der vergangene Sonntag.

Putins Angriff nahe der polnischen Grenze soll Polen und der NATO Angst machen

Über 30 Raketen feuerte Putins Soldateska am frühen Sonntagmorgen auf den Militärübungsplatz Jaworiw ab, tötete dabei über 35 Menschen. Ein Kriegsschauplatz mit Symbolwirkung. Denn Jaworiw liegt gerade einmal rund 20 Kilometer vor der polnischen und damit vor einer NATO-Grenze. Zudem wurde, so der SPIEGEL, „das weitläufige Militärgelände unweit der Großstadt Lwiw in der Vergangenheit regelmäßig von Ausbildern der Nato und der USA frequentiert, um dort ukrainisches Militär zu schulen.“

Der Geopolitik- und Sicherheitsexperte Michael A. Horowitz schrieb treffend auf Twitter:

Using so many missiles (provided the Ukrainian preliminary info is correct) to hit a base not directly involved in the fighting – but representative of Western efforts to support Ukraine – also sends a clear message.“

Genau darum geht es. Um Botschaften. Um Angstmache. Um ein Zähnezeigen gegenüber der NATO und Polen. Um Einschüchterung. Seit Beginn des Krieges droht Putin, sogar mit Atomwaffen. Gleich zu Beginn, genauer am ersten Kriegssonntag, hat er bekanntlich die Welt wissen lassen, er habe die Atomstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Tatsächlich passiert allerdings ist hingegen nicht viel. Nach Angaben der Geheimdienstdirektorin Avril Haines am letzten Dienstag in einer Anhörung vor dem Geheimdienstausschuss des US-Repräsentantenhauses gibt es im Vergleich zu früheren spannungsreichen Lagen.im russischen Militär insgesamt keine größere Veränderung in der atomaren Aufstellung.

Vermutlich ist es wie im zivilen Leben auch. Wer droht und versucht einzuschüchtern, befindet sich meistens gerade nicht in einer Situation der Stärke, sondern handelt aus einer eher schwachen Position heraus. Und Putins Lage ist, das kann man inzwischen sagen, vor allem militärisch weitaus schwächer als man es vor Kriegsbeginn vermutet hätte. Es gibt inzwischen diverse verwunderte Äußerungen führender Militärexperten über den, so muss man sie inzwischen nennen, reichlich dilettantisch verlaufende Invasion, etwa von Ex-Nato-General Hans-Lothar Domröse gegenüber dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Ebenso wie Videoausschnitte auf Twitter, bei denen die unzureichende Taktik des russischen Militärs selbst für Laien evident ist. Auch über den geringen Einsatz der Luftwaffe rätseln Experten. Unter dem Titel „Das strategische Problem der russischen Streitkräfte“ berichtete die „F.A.Z“ ausführlich vor ein paar Tagen darüber, wie wenig es für den ruchlosen Mann im Kreml läuft.

An der Grenze zur Verspottung: „Putins potemkinsche Armee“

Wäre der Krieg nicht so ein ernstes Thema, könnte man fast davon sprechen, dass Wladimir Wladimirowitsch Putins Militär inzwischen verspottet wird. Nicht nur in anglo-amerikanischen, sondern inzwischen auch in deutschen Medien stößt man immer öfter auf den Begriff „Putins potemkinsche Armee“. Wie die „WELT“ in einem Video mit dem Namen „Das sind Putins größte militärische Fehler“ zeigt, ist „die russische Invasion bisher geprägt von logistischem Chaos und schweren Verlusten“.

Es wirkt bisweilen so, als stocherten Putins Mannen irgendwie umher, um voranzukommen, an vielen Orten gleichzeitig. Wirklich durchdachte Frontlinien, bei denen der Nachschub von Ausrüstung und Verpflegung logistisch reibungslos aufgestellt ist, sind kaum zu sehen. Und so wirkt der auf den ersten Blick so furchteinflößende Raketenbeschuss auf die Militärbasis an der polnischen Grenze bei näherem Hinsehen nicht einmal aus russischer Sicht sinnvoll. Gleiches gilt für den ebenfalls in der Nacht zu Sonntag erfolgten Angriff auf einen Luftwaffenstützpunkt im Gebiet Iwano-Frankiwsk im Südwesten der Ukraine. So zäh wie die Vorstöße in der Zentral, Ost- und Südukraine bisher verlaufen, ist zumindest derzeit kaum vorstellbar, wie Putin es jemals schaffen will, mit Artillerie und Infanterie in die Westukraine vorzudringen.

Nicht einmal die typische Wetterlage im März im Land wurde zuvor von Putin und seinen Getreuen bei der Planung der Invasion ausreichend berücksichtigt. So schreibt ein kundiger deutscher Bundeswehrkommandant am heutigen Mittwoch auf seinem Twitter-Account:

Das Wetter und der daraus resultierende weiche Boden, machen es den Rad- und Kettenfahrzeugen schwer. Sie bleiben einfach stecken.“

 Angriffe im Grenznähe zu Polen als bloßes Vorgaukeln von Stärke

Luftangriffe auf einzelne Militärstützpunkte wie der letzten Sonntag haben eher eine Symbolwirkung und sind im Grunde nicht viel mehr als eine Simulation von Stärke. Die wirkliche Lage ist für Putin auch nach über zwei Wochen Krieg mehr als ernüchternd. So schreibt der Washingtoner Think Tank „Institute for the Study of war“ in seinem Lagebericht zu eben jenem Tag, also dem 13. März:

Russian forces again conducted few ground offensives on March 13, only securing new terrain in Donetsk and Luhansk Oblasts. The Ukrainian General Staff reported that Russian forces predominantly took measures to restore combat readiness and regrouped combat units as of noon local time on March 13.[1] Russian forces continue to assemble reinforcements and attempt to improve logistical support in both the Kyiv and southern operational directions. Russian forces may intend to resume larger-scale attacks on both axes of advance in the coming week, but will likely take longer to (or may never) cohere the combat power necessary to complete the encirclement of Kyiv.”

Und gestern sah es bis auf einige Geländegewinne im Süden ähnlich mies für Wladimir Wladimirowitsch Putin aus:

Local company- and battalion-level attacks by Russian forces northwest of Kyiv on March 14-15 likely indicate the largest-scale offensive operations that Russian forces attempting to encircle Kyiv can support at this time. Russian forces did not conduct offensive operations northeast of the city, around Sumy, and only limited (and unsuccessful) attacks southeast of Kharkiv. Russian force generation efforts, including reservist and conscript call-ups and the ongoing transport of Syrian fighters to Russia and Belarus, are unable to change the balance of forces around Kyiv within the coming week. Russian forces have not conducted simultaneous attacks along their multiple axes of advance across Ukraine since March 4 and are unlikely to do so in the next week.

Russian forces in southeastern Ukraine continue to demonstrate the greatest capabilities to date and are steadily advancing in three directions: northeast from Kherson, taking territory in Donetsk and Luhansk Oblasts, and reducing the Ukrainian pocket in Mariupol. Russian forces are unlikely to successfully encircle Mykolayiv and threaten Odesa in the near future but retain uncommitted Naval Infantry reserves that could conduct an amphibious operation or disembark to reinforce Russian ground operations, as Russia has employed Naval Infantry elsewhere. Russia may seek to encircle Zaporizhya by advancing northeast up the west bank of the Dnipro River after failing to break through Ukrainian forces directly south of the city on the east bank. Russian forces are making slow but steady progress against Ukrainian defenders on the line of contact in Donbas and likely seek to force them out of their prepared defensive positions.”

Der Gesichtsverlust des „Strongman“

Für Putin muss all das unerträglich sein. Ein Gesichtsverlust sondergleichen. Wie inzwischen vielfach berichtet wurde, basierte seine Invasion schlichtweg auf falschen Annahmen über die Ukraine, die ihn glauben ließen, er könne das Land binnen weniger Tage einnehmen. Bereits kurz nach Kriegsbeginn veröffentlichte die staatliche Nachrichtenagentur Ria aus Versehen eine vorbereitete Siegeserklärung des Kreml. Es spricht viel dafür, dass selbst China angenommen hat, das Ganze würde schnell gehen. Auch den Chinesen gegenüber hat sich Putin, der so gerne groteske Männlichkeitsposen wie breitbeiniges Sitzen oder Reiten mit freiem Oberkörper einnimmt, so wohl ebenfalls reichlich blamiert. Auch weltweit verbreitete Berichte über „weinende Soldaten, Chaos und Beschimpfungen, Stress und Frustration“, die ein privater britischer Nachrichtendienst aus russischer Militärkommunikation aufgezeichnet hat, dürften den 70jährigen erzürnen. Gleiches gilt für Analysen über die Schrottreife vieler Panzer.

Putin wird nervös

Wie nervös Putin inzwischen ist, zeigt sich besonders eindrücklich daran, dass er aus Unzufriedenheit über den Kriegsverlauf insgesamt acht Generäle gefeuert haben soll. Er sucht, wie n-tv treffend schreibt, also Sündenböcke:

Auch in Moskau sucht man offenbar inzwischen nach Sündenböcken für den aus Sicht des Kreml gescheiterten Feldzug. Der russische Investigativjournalist, Kremlkenner und Militärexperte Andrei Soldatov schrieb auf Twitter, Putin habe bei einem Sicherheitstreffen die Auslandsverantwortlichen beim FSB „attackiert“, der Leiter Sergei Beseda und sein Stellvertreter stünden unter Hausarrest. Soldatov gilt als in Geheimdienstkreisen gut vernetzt.

Doch wird Putin das helfen, um seinen eigenen Gesichtsverlust intern zu kaschieren? Zweifel daran sind jedenfalls angebracht. In der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL ist ein luzides Interview mit dem bulgarischen  Politologen Ivan Krastev enthalten, aus dem für den vor allem zwei Passagen äußerst aufschlussreich sind:

Mich hat das Video, das sein Treffen mit dem russischen Sicherheitsrat zeigt, schockiert. All diese wichtigen Figuren, die offensichtlich nicht wussten, was man von ihnen erwartet, und sich unwohl fühlten, weil ihnen natürlich klar war, dass sie keinesfalls Dissens zeigen dürfen, obwohl einige von ihnen sich Sorgen machen dürften, weil sich Russland auf einen selbstzerstörerischen Kurs begeben hat. Und schließlich diese aggressive, demütigende Dominanz Putins, der offen zeigte, dass er nicht ihrer Meinung ist, und dem es völlig egal ist, was sie sagen.“

Auch das ist eine Botschaft Putins im Video mit dem russischen Sicherheitsrat: Glaubt jemand ernsthaft, dass diese Leute mich aufhalten werden? Leute übrigens, die nicht im Verdacht stehen, den Westen sympathisch zu finden, sondern nur glauben, dass es vielleicht bessere Wege im Umgang mit der Ukraine gibt, als sie zu zerstören und Selenskyj zu töten.“

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass zumindest Teile des russischen Generalstabs und Sicherheitsrats die Invasion von Anfang an eher skeptisch gesehen haben und sich nun bestätigt fühlen. In einem System wie dem russischen, von Korruption und eisenharter Hand geprägt, wird der Mann an der Spitze ziemlich sicher nur solange respektiert, wie er das vorweisen kann, was in dieser Welt als Erfolg zählt. Ein dilettantisch verlaufender Angriffskrieg, der ausgerechnet den Gegenpart, nämlich den ukrainischen Präsidenten Wolodomyr Selenskyj, zum weltweit bewunderten Helden macht, ist für einen Möchtegern-„Strongman“ wie Putin ein Supergau. Er lässt zu, besser, er trägt Schuld daran, dass sich das Militär, dass sich die russische Armee blamiert. Ausgerechnet die Armee, die in Russland bisher als herausragend und übermächtig galt. Damit kratzt Putin nicht nur am militärischen Ehrgefühl der Generalität, sondern bringt es sehr stark ins Wanken. Pazifisten mag das Denken in solchen Kategorien fremd sein. Um zu erahnen, was gerade im Inner Circle in Moskau vor sich geht, muss man sich aber auf diese Gedankenwelten einlassen.

Mit dem Anwerben von 16.000 Söldnern aus den Nahen Osten blamiert Putin die Generalität

Wie muss es auf stolze russische obere Militärvertreter wirken, wenn Putin nun ankündigt, satte 16.000 Söldner aus dem Nahen Osten in die Ukraine zu senden? Was anderes als ein mieses Zeugnis gegenüber der eigenen Armee soll das sein? Was anderes als die Botschaft: Alleine schafft sie es offenbar nicht. Dass Putin, den diverse Christen mit Rechtsdrall hierzulande jahrelang als eine Art „Retter des christlichen Abendlands“ angesehen haben, nun auf muslimische Söldner zurückgreift, ist eine weitere Pikanterie. Darauf zu hoffen, das ruchlose russische Militär, welches schon Aleppo in Syrien in Schutt und Asche gelegt hat, werde auch angesichts der vielen Kriegsverbrechen gegen Zivilisten in der Ukraine kalte Füße bekommen und insoweit einen Rest soldatisches Ehrgefühl haben, mag wie ein frommer Wunsch klingen, aber vielleicht gibt es doch zumindest bei manchen hochrangigen Soldaten ein inneres Entsetzen darüber, das ukrainische Brudervolk derart abzuschlachten, wenn man es doch eigentlich mit Russland wieder vereinigen will. Selbst im staatlichen Fernsehen sind schon vor Tagen ein Moderator und sein Gast sehr kritisch geworden, was den ruhmlosen Verlauf des Kriegs (der in Russland nicht so genannt werden darf) betrifft.

Eine Besetzung der Gesamtukraine ist faktisch nahezu ausgeschlossen

Aufgrund seines Phantasmas einer blitzschnellen Eroberung der Ukraine hat Putin zudem den Fehler gemacht, kaum Infanterie in das Nachbarland zu schicken. Somit wird er Geländegewinne, die er durch Bomben aus Panzern und Raketen Landgewinne erzielt, zwar vereinzelt, auf keinen Fall aber flächendeckend halten können. Denn die Ukraine ist nicht nur flächenmäßig ein sehr großes Land, sondern hat auch über 44 Millionen Einwohner. Es zeigt sich zudem jetzt schon, dass selbst besetzte Gebiete keineswegs dazu führen, dass der Widerstand der Ukrainer aufhört. So gingen gestern via Twitter Videos und Fotos aus dem besetzten Cherson um die Welt, überschrieben etwa mit Worten wie:

The protests against the Russian invasion are happening all over Ukraine. Unarmed residents of Kherson are marching the streets calling Russian troops murderers and demanding them to leave the city while being at gunpoint of Russian soldiers.“

Deshalb werden momentane Erfolge in Form von Geländegewinnen Putin nichts nutzen. Auch hier empfiehlt sich ein Blick auf militärische Analysen und Zahlen wie diese hier auf „n-tv“:

Wenn man einen unterworfenen Raum dauerhaft halten und nach seinen Vorstellungen befrieden will, braucht man etwa 20 Leute pro 1000 Einwohner. Die Russen kommen derzeit auf drei bis dreieinhalb Soldaten pro 1000 Ukrainer. Und dann reden wir über ein Land, wo ihnen aus jedem geöffneten Fenster in den Rücken geschossen werden wird, wo ihnen Essen vergiftet wird, wo ihr Fahrzeug nachts in Brand gesetzt wird, wo ihnen allerhand schreckliche Dinge passieren, weil die Einwohner sie hassen und sie aus diesem Land vertreiben wollen. Nie und nimmer wird Russland in der Lage sein, die Ukraine dauerhaft zu besetzen und gewaltsam in seinen Herrschaftsbereich einzugliedern.“

Der allergrößte strategische Fehler des 70jährigen Putin besteht darin, die vor allem durch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der anders als Putin nicht toxisch, sondern männlich-heroisch im besten Sinne wirkt, ausgelöste Widerstandskraft der Ukrainer und Ukrainerinnen massivst unterschätzt zu haben. Selbst junge ukrainische Frauen streifen sich Tarnfleck und Kalaschnikows über und ziehen an die Front.

Und ausgerechnet Putin, der in kruden imperialen geschichtsrevisionistischen Welten lebt, wie  eindrucksvoll in einer neuen Folge des ZDF-Magazins „Terra X“ analysiert, hat anscheinend völlig vergessen, dass die Ukraine mit dem „Holodomor“ (= Mord durch Hunger) ein faktenbasiertes historisches Gedächtnis und nicht vergessen hat, wie mit Stalin schon einmal ein russischer Herrscher (wenn auch gebürtig aus Georgien) Leid und Elend über ihre Heimat gebracht hat. Zwischen 1931 und 1933 ließ Stalin die Ukrainer regelrecht aushungern. Am Ende betrug die Zahl der Toten rund 4 Millionen. Zu glauben, die Ukraine würde sich vor diesem Hintergrund jemals wieder russischer Herrschaft beugen und einfach einnehmen lassen, zeugt von völliger Realitätsferne Putins.

Während ich über all das seit Tagen nachdachte, ging vorgestern eine Meldung um den Globus, die der SPIEGEL vorgestern aufgegriffen hat:

Der Vormarsch in der Ukraine verlaufe langsamer als erwartet, sagte Viktor Solotow, Direktor der Nationalgarde Russlands und Mitglied des russischen Sicherheitsrates bereits am Sonntag.
Demnach sagte Solotow, es sei »nicht alles so schnell gelaufen, wie wir wollten«. Gleichzeitig zeigte er sich weiter vom russischen Sieg überzeugt.“

Das Eingeständnis, nur langsam voranzukommen, ist in Moskau dennoch ein Novum. Erst am Freitag hatte der Verteidigungsminister Sergej Schoigu bei einem Treffen des Sicherheitsrates behauptet, die »militärische Operation« in der Ukraine verlaufe planmäßig.“

Vertraute mit Einblicken in die Mechanismen des Kremls berichten seit Tagen, dass Putin über die stockende Invasion frustriert sei.

Mehr Gesichtsverlust geht eigentlich nicht. Von den eigenen Leuten angezählt. Das ist ganz bitter für Putin.

Zugleich bröckelt es weiter an der Heimatfront, seit die unfassbar mutige Journalistin Marina Owsjannikowa live im russischen Staatsfernsehen in einer Art subversiven Aktion ein Antikriegsplakat gegen die Militärinvasion in der Ukraine hochgehalten hat. Die dafür ergangene Geldstrafe ist gering. Abgeführt und in Untersuchungshaft geworden wurde Owsjannikowa bisher auch nicht, was sehr bemerkenswert ist und zeigt, wie weltweite Öffentlichkeit schützen kann. Ganz offenbar traut Putin sich nicht mehr, sie vor den Augen der Welt einzusperren.

Fürwahr: es wird eng für Wladimir Wladimirowitsch Putin. Weitaus enger als für die Ukraine.

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35 Gedanken zu “Putins Simulation militärischer Stärke und Strategie;”

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    In Mariupol sind die Bewohner geflohen oder wurden ausgerottet. Putin simuliert nicht.
    Er agiert auch nicht zweckrational.

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    Ich frage mich in den letzen Wochen ständig, ob all die Journalisten, Politiker und „einfachen Leute“ die sich an der aktuellen Kriegsverherrlichung beteiligen das ernst meinen, sich eigene Gedanken machen oder das einfach nur unreflektiert nachplappern.

    Wer die Entwicklung seit 1985 kritisch mitverfolgt hat, hätte sich eigentlich nicht darüber wundern dürfen, dass für Putin irgendwann der Punkt erreicht sein musste, an dem er handeln würde. Darüber, wann und wie er es machen würde, und mit welchen Mitteln und Begründungen, darüber war man natürlich im Unklaren, aber dass er eine Aufnahme der Ukraine in die NATO nicht akzeptieren würde, hätte allen halbwegs informierten Menschen klar sein müssen. Hierzu haben sich sehr viele Kenner der Lage – gerade im Westen – klar geäußert, Henry Kissinger, Joe Biden, Helmut Schmidt, George Friedman etc. pp.

    Wenn man sich die Äußerungen Friedmans anhört, könnte man sogar die These vertreten, dass es die USA gerade darauf angelegt haben könnten, dass Putin den ersten Schritt machen würde. Leider gibt es ja keine objektive Auslandsberichterstattung mehr in den deutschen Medien, aber es deutet einiges darauf hin, dass die USA die Ukraine genau auf den Krieg vorbereitet hat, der derzeit stattfindet. Die CIA hat nach einem Bericht auf t-online ukrainische Soldaten gezielt für die Guerilliakriegsführung ausgebildet. Und auch die sonstigen Waffenlieferungen des Westens deuten nach meinen bescheidenen Kenntnissen darauf hin, dass Putin in der Ukraine in einen blutigen verlustreichen Krieg hineinmanövriert werden sollte. Frau Clinton hat in einem Interview mit MSNBC gesagt, dass die Ukraine ein zweites Afghanistan für die Russen sein soll. Das macht aus amerikanischer Seite durchaus Sinn, ist aber alles andere als ehrenwert und letztlich für Deutschland und Europa eine Katastrophe. Die USA sind für mich keine verlässlichen Partner und verfolgen keinerlei ethische sondern vor allem geostrategische, wirtschaftliche und ideologische Ziele. Ich weiß gar nicht, ob ein Herr Linder oder eine Frau Baerbock überhaupt eine Ahnung davon haben, was da gerade abgeht.

    Wenn man sich noch einmal in die Jahre 1984 bis 1994 versetzt und die Pläne anschaut, die anfangs von Kohl und Gorbatschow und später teilweise von der EU angedacht waren, ist es schon nachvollziehbar, dass dies von der USA als Bedrohung ihrer Vormachtstellung in der Welt emfpunden werden konnte. Das „gemeinsame Haus Europa“, der Barcelona Prozess, wohin hätte das geführt? Das wäre in etwa die Fläche des römischen Reiches plus die Sowjetunion gewesen. Mit unvostellbaren Bodenschätzen, enorm vielen weitgehend gut ausgebildeten Menschen, und Kontolle sehr wichtiger strategischer Gebiete, wie dem Mittelmeer, dem Suez-Kanal etc. pp.

    Da passten den Amerikanern aber die Revolutionen in Nordafrika und der Ukraine aber super in den Plan.

    1. avatar

      @68er

      Auch ich meine, dass der Westen dem postsowjetischen Russland gegenüber viele Fehler gemacht hat. (Habe ich auf SM auch mal versucht zu beschreiben.) In diesem Sinne ein vermeidbarer Ost-West-Konflikt, der zweifellos zu neuer Blockbildung führt! Aber ich denke, Sie gehen zu weit. Sie entmündigen die Ukraine vollständig. Abgesehen von Ihrem letzten Satz vielleicht, kommt die Ukraine als Subjekt in Ihrem Text überhaupt nicht vor. Sie übernehmen damit die Denke, die sie auf westlicher/ amerikanischer Seite kritisieren (Putin aber als nötig „durchgehen“ lassen?), und machen die Ukraine zum bloßen Spielball und Objekt.

      1. avatar

        Lieber EJ,

        ich habe extra nichts über die Ukraine geschrieben, da das ein sehr komplexes Thema ist. Ich denke seit Beginn des Krieges darüber nach, wieso mir dieser Kriegstaumel so zuwider ist. Ich glaube es ist die Vermischung von sich teils widersprechenden Werten, mit der von den Kriegstreibern versucht wird Stimmung für einen nationalen Guerilliakrieg zu machen.

        Auf der einen Seite wird die Geschichte vom Kampf des guten, freien, individualistischen Westen erzählt und dem bösen, unfreien, kollektivistischen Russland.

        Wenn man dann aber genauer hinschaut, ist die Ukraine dann gar nicht mehr so frei und individualistisch. Es ist ein nationalistischer Staat, der aus vorwiegend taktischen, geostrategischen und wirtschaftlichen Gründen die Staatziele EU- und NATO-Beitritt in ihre Verfassung aufgenommen haben.

        Wenn ich mir diese Ukraine anschaue, wie sie vor und nach Beginn des Krieges verfasst war bzw. ist, hätte ich sehr etwas dagegen, wenn sie in die EU aufgenommen würde.

        Auch wenn das weitgehend in unseren Medien verschwiegen wird, hatte die Politik der Nationalisierung der Ukraine für die russischsprachige bzw. russischstämmige Bevölkerung durchaus schwerwiegende diskriminierende Auswirkungen. Das gilt sowohl für das Sprachregime als auch für den Bereich des Staatsangehörigenrecht.

        Dann habe ich erhebliche Bauchschmerzen damit, wie die Ukraine sich zur Geschichte der OUN, insbesondere zu Stepan Bandera verhält. Auch und gerade in der jetzigen Situation, in der Russland die Ukrainer bombardiert und täglich viel zu viele Menschen auf beiden Seiten des Konflikts sterben, ist es aus meiner Sicht äußerst kontraproduktiv, dass die Ukraine Herrn Melnyk als Botschafter für Deutschland ausgewählt hat, ein Mensch, der absolut ungeeignet ist, seine diplomatischen Aufgaben zu erfüllen, ein Scharfmacher sondergleichen, der auch gerne einmal einen Professor, der nicht seiner Meinung ist, als „echtes Ar….“ beschimpft, der aber vor allem ein gefährlicher Nazionalist isr und das u. a. durch die Niederlegung eines Kranzes am Grab des Faschisten Stepan Banderas in München offen zelebriert. Solche Leute will ich nicht in der EU haben.

        Ich will auch niemanden in der EU haben, der rechtsradikale Freischärler wie den ASOW in die offiziellen Streitkräfte einbindet. Ich weiss nicht, welche Seite mehr lügt in diesem Krieg, aber ich halte die Begründungen beider Seiten, wieso die Fluchtkorridore vor allem im Süden und Osten, wo ASOW stark an den Kampfhandlungen beteiligt sind für gleich wahrscheinlich.

        Ich könnte jetzt noch mit dem falschen Narrativ kommen, dass in den letzten 8 Jahren die Ukraine “ ihre eigenren Leute“ im Donbas bombardiert haben, was ich aber ablehne, weil es ein untaugliches Argument ist und von der NATO schon zu oft für die Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen missbraucht wurde.

        Wenn Sie ein bisschen weniger eurozentristisch meinen Text gelesen hätten, wäre Ihnen auch aufgefallen, dass ich nicht nur die Ukrainer nur in einem Nebensatz erwähnt habe, sondern all die anderen Millionen Kriegs-, Hungers- und Freiheitsflüchtlinge ( sonst im weiss-suprematistichen Sprachgebrauch auch euphemistisch „Wirtschaftsflüchtlinge“ gemannt), gar nicht erwähnt habe. Und das deshalb, weil da die nächste große Lüge offen zu Tage tritt, es geht bei der angeblichen Solidarität mit der Ukraine letztlich nicht um die hehren Werte des Westens sondern vor allem um geopolitische Interessen. Ich glaube den Herren Orban und Co, die vorher am liebsten keinen einzigen Flüchtling aufnehmen wollten, ihre plötzliche Menschenfreundlichkeit nicht ab. Das. ist wenn überhaupt, Slawen- oder allenfalls Weissenfreundlichkeit. Im Herzen bleiben das aber Rassisten un Chauvinisten, die den europäischen Wertekanon, wie ich ihn unterschreiben würde, von tiefsten Herzen verachten.

        Die Werte des Westens werden nicht nur von den Rissen bedroht, sondern ertrinken täglich mit den Hoffnungen und in den Herzen und Leibern der viel zu vielen Frauen, Kindern und Männern im Mittelmeer. Sie sterben und starben bereits im Irak, im Kosovo-Krieg, in Afganistan, in Guantanamo und in Abu-Ghraib.

        Wenn Sie sich erinnern, war ich immer für offene Grenzen und bim es heute immer noch. Ich begrüße es sehr, dass die EU und auch Deutschland die Flüchtlinge aus der Ukraine bedingungslos aufnimmt. Aber mich stört es sehr, dass dieses Willkommensangebot nur von Frauen und Kindrer und Männern über 60 angekommen werden kann. Und da zeigt sich, dass auch die Ukraine, wie unser ganzes westliches System, dann, wenn es zum Schwur kommt, nicht mehr individalistisch ist. In der Ukraine ist das noch etwas ausgeprägter, da es dort faktisch fast kein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gibt. Aber auch hier in Deutschland erfahren gerade zumindest die wenigen Menschen, die einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellen, dass auch der deutsche Staat davon ausgeht, dass ihm im Ernstfall das Bestimmungsrecht über den Körper und das Lrbe und die Freiheit und die Seele des Einzelnen zusteht. Denn obwohl die Wehrpflicht derzeit ausgesetzt ist, besteht der deutsche Staat dsrauf, dass jeder, der einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellt, sich vorher mustrern lassen, d. h. sich körperlich untersuchen lassen muss. Das ist einer der klassischsten Unterwerfungsprozeduren die ich zutiefst versbscheue. Mir sind Menschen, die mit der Waffe in der Hand für ihr Vaterland kämpfen, fremd, kann aber den Prozess, der sie dazu gebracht hat ( Erziehung, Propaganda, Emotionsgeleitetheit etc.) verstehen und nachvollziehen ohne dafür Verständnis zu haben. Verständnis hätte vielleicht sogar für Menschen, die freiwillig für ihre persönliche Freiheit und die ihrer Familie oder Dorfes kämpfen. Aber mit allem was darüber hinausgeht, bekomme ich Schwierigkeiten.

        Damit es nicht zu lang wird, mache ich jetzt erst einmal Schluss. Es währe noch viel zu sagen über Öl, Gas, Saudi Arabien, Katar, Korruption, Raffgier und die kapitalistischen Tricks, die wirklich schädlichen Profiteure des Kriegs weiter zu bereichern, all die Oligarchen in Russland, der Ukraine, bei Hallyburton ud Co. Gewinnen werde an diesem Krieg wie immer diese Kaste und verhungern, erschossen und verheizt, wie immer die aufgehetzten kleinen Leute.

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        Lieber 68er,

        entschuldigen Sie meine verspätete Antwort. Ich war unterwegs und Handy-Tippen ist nicht so meine Sache.Sie konzentrieren sich stark auf eine Aufnahme der Ukraine in die EU. Eine EU-Erweiterung kann nur EU-einstimmig vollzogen werden. Bezogen auf die Ukraine ist davon im Entferntesten nichts zu sehen. Schon gar nicht nach den einschlägigen Erfahrungen, die die EU mit einigen ehemaligen Ostblockländern machen musste und macht. Viel von dem, was Sie über die Ukraine schreiben, trifft wahrscheinlich zu. Anscheinend gibt es aber auch andere, gegenläufige Entwicklungen und Bestrebungen. Nichts davon rechtfertigt jedoch einen militärischen Angriff auf die Ukraine. Selbst ein Beitritt der Ukraine zur EU würde das nicht rechtfertigen. – Ich denke, die Tatsache, dass zur Abwechslung jetzt mal „uns“ (dem Westen) der verdammte Interventionismus auf dem Pelz rückt, sollte Anlass für uns sein, darüber neu (und durchaus auch selbstkritisch – Sie wissen, wenn und was ich meine!) nachzudenken. Darauf wollte ich hinaus, als ich Sie nach der (souveränen!) Ukraine fragte.

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        @68er
        Ich finde diesen Melnyk super.
        Er zeigt den BRD-Politikern und jetzt zu Ostern auch noch den grünen Pfaffen ihre Lebenslügen auf. Verrottete Eliten – ist eine herrliche Kreation von ihm. Ein Dichter und Botschafter der Wahrheit.

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      Wer die Entwicklung seit 1985 kritisch mitverfolgt hat, hätte sich eigentlich nicht darüber wundern dürfen, dass für Putin irgendwann der Punkt erreicht sein musste, an dem er handeln würde.

      Sie meinen, er war schon immer ein Schwerverbrecher, aber leider haben wir das zu spät bemerken wollen? Da haben Sie so was von Recht :-).

      Gruss,
      Thorsten Haupts

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    tja – „klein“-schreiben sollte man Putin nicht. Er hat eine Hitler vergleichbare Ideologie, die wir uns bislang nicht klar gemacht haben. Die eurasisch-russische Ethnie sei angeblich von der Mentalität her der nur wirtschaftlich denkenden Kultur überlegen und zur Herrschaft bestimmt: wer Timothy Sznyder u.a. Historiker (meinetwegen auch Schlegel, Gerd Koenen) liest, erkennt dies.
    Lügen sind für Putin und seine Anhänger eine Kriegslist.

    Kann sein, dass er sich verschätzt hat. Aber das wird ihn – wenn Menschen in Russland nicht aufbegehrt – leider nicht daran hindern verbrannte Erde (wie in Syrien) zu hinterlassen. Es ist eine finstere Ideologie, ohne jede zweckrationale Intelligenz. Taktisch ist er geschickt. Ob er eine Strategie hat?
    Jedenfalls ist er destruktiv und ohne jede innere Hemmung.

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    Für die Freunde der mündlichen Zusicherungen in der internationalen Politik:
    #NATO_Osterweiterung
    #2005
    „HANDELSBLATT: Bedeutet das Recht auf Souveränität etwa für Georgien und die Ukraine auch, dass Russland nichts gegen deren Beitritt zur EU und zur Nato hätte?
    LAWROW: Das ist deren Wahl. Wir achten das Recht jedes Staates – unsere Nachbarn eingeschlossen –, sich seine Partner selbst zu wählen, selbst zu entscheiden, welcher Organisation sie beitreten wollen.“

    https://app.handelsblatt.com/politik/international/handelsblatt-interview-mit-aussenminister-lawrow-russland-oeffnet-ukraine-den-weg-in-die-nato-seite-2/2460820-2.html?fbclid=IwAR1P6XeXFHe3XhbEP2YNcHFYEBWcEmI5w5BpA35qNxPVlR6kC8bEEao9xQc

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    „Der allergrößte strategische Fehler des 70jährigen Putin besteht darin, die vor allem durch den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der anders als Putin nicht toxisch, sondern männlich-heroisch im besten Sinne wirkt, ausgelöste Widerstandskraft der Ukrainer und Ukrainerinnen massivst unterschätzt zu haben. Selbst junge ukrainische Frauen streifen sich Tarnfleck und Kalaschnikows über und ziehen an die Front.“
    Ob dies nun der „allergrößte strategische Fehler des 70jährigen Putin“ ist, sei dahingestellt. Meiner Meinung nach ist es eher Putins wahrscheinliche Fehleinschätzung der Reaktion von NATO und EU und hier insbesondere Deutschlands als europäischer Hegemon auf seinen Angriff gegen die Ukraine. (Die Erwähnung des Alters von Putin und die „im besten Sinne männlich-heroisch(e)“ Wirkung Selenskys können hier mit Schmunzeln als Propaganda übergangen werden. Hier hat der Autorin wohl der allgegenwärtige antirussische Furor die Feder geführt. Und mir würde es im Traum nicht einfallen, Beifall zu klatschen, wenn sich „junge ukrainische Frauen“ an der Front verheizen lassen.)
    Fehleinschätzungen hin, Putins „potemkinsche Armee“ her: Es ist wohl so, wie es Stevanovic hier sagt. Putin beschwert sich, droht – und macht seine Drohung wahr. In diesem Sinne ist/war er ein berechenbarer Partner. Viel unangenehmer für den Westen als M.Gorbatschow, der so schwach war, dass er „vergaß“, mündliche Zusagen unter andenen von Hans-Dietrich Genscher über die Nichtverschiebung der NATO-Grenzen nach Osten in die entsprechenden Verträge einfließen zu lassen und damit nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich bindend zu gestalten. (Bezeichnenderweiser bleibt dies in der von Frau Bednarz gelobten ZDF-Dokumentation unerwähnt.) Über eine Marionette wie B. Jelzin braucht nichts mehr gesagt zu werden.
    Ganz offensichtlich hat die westliche Seite die russischen Beschwerden über die NATO-Ostwereiterung nicht ernst genommen. Der Journalist A. Zumach berichtet als Augen- und Ohrenzeuge in der dreiteiligen Dokumentation „Inside NATO“ (z.Z. auf „Phoenix“) von Teilnehmern der Münchner Sicherheitskonferenz 2007, die sich in der Kaffepause über Putins dortige geharnischte Rede lustig machten.
    Es ist in der Tat eine „Zeitenwende“ (O. Scholz), die wir gegenwärtig erleben. Von dauerhafter Konfrontation mit Russland (möglicherweise halbherig unterstützt von China) inklusive aller Nebengeräusche, wie verstärkter Rüstung, dem Verlust der russischen Großmachtstellung inklusive Aufnahme der Ukraine und anderer Staaten in die EU und NATO bis hin zu einer für die Russen gesichtswahrenden Lösung, die – Stand jetzt -wohl nur ohne Putin umsetzbar wäre: Der Neuordnung des „europäischen Hauses“ (M.Gorbatschow) unter Rücksichtnahme auf die Sicherheitsinteressen Russlands, was unter anderem die Neutralität der Ukraine zur Folge hätte. Für mich ist die letztgenannte Lösung die beste; und ich wage mal die Prognose, sie wird für „den Westen“ die schwierigste und am wenigsten profitable sein. Aber auch die nachhaltigste.

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      Das beschissene am Krieg ist, dass sich politische Handlungsoptionen sich auf Gewalt verengen. Deswegen sollten Demokratien auf Krieg verzichten, er frisst sie. Es gibt eine Welt davor und eine Welt danach. Und wir sind in der Welt danach. Die Zeit für Gespräche wurde auch vom Westen nicht genutzt (meine Meinung), aber das war gestern. Hute stellt sich die Frage, wie dieser Krieg zu beenden ist. Putin töten gerade Slawen am Fließband, schwer zu glauben, dass der noch einen moralischen Filter hat, wenn nicht mal sein völkischer ihn mehr bremst. Es ist ehrenhaft, dass der Westen bereit ist, seine Werte bis zum letzten Ukrainer zu verteidigen, das werden die aber nicht durchhalten. Die Belagerungen können Monate dauern und viele, viele Opfer fordern. Militärische Optionen sollten nicht ausgeschlossen werden. In Putins Kategorien gedacht, könnte das für ihn die einzige gesichtswahrende Möglichkeit sein, den Krieg zu beenden. Liebe Russen, alles getan, aber jetzt droht der Atomtod. Es war ein schwerer Fehler Bidens, sich vor der Invasion festzulegen. Das war die eigentliche card blanche für diese Operation. Aber, my guess is as good as yours.

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    Liebe Liane Bednarz, würde nach dem Lesen ihres Beitrags mit Perspektive auf Putin und seinen Generälen in Putins (bisherigen) Krieg gegen/in der Ukraine gern einen Folge-Beitrag von Ihnen mit Blick auf Selenskyi und seinen Unterstützern in ihrem (bisherigen) Widerstand für/in der Ukraine interessieren.

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      @I.D., ‚… gern einen Folge-Beitrag von Ihnen mit Blick auf Selenskyi und seinen Unterstützern in ihrem (bisherigen) Widerstand für/in der Ukraine interessieren.‘

      … nun, werter I.D., dass wird Sie, Fr. Bednarz, sicher nicht tun. Sie müsste, beispielsweise, über einen der korruptesten Staaten Europas schreiben, in dem selbst der Präsident, ehemals ein ‚Comical-Wolodja‘, oder so ähnlich, Anteile an Briefkastenfirmen auf den Britischen Jungferninseln hielt. Der, u.a., knapp 90 Jahre nach Nürnberg, Rassengesetze, beschließt. Oder sie müsste auch über eine korrupte Justiz und korrupte Behörden in der Ukraine schreiben. Ein Land in dem die Menschen aber mit einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 412 Euro zurechtkommen müssen, usw., … oder über das ‚Wirken‘ des Asow Regiments, in dem Kriegsverbrecher und Massenmörder geehrt werden … sie würde auch über des Teufels Beitrag den Beitrag der NATO oder der Biden-Klicke an diesem ‚Konflikt‘ schreiben müssen.

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    Putins Armee ist kein potemkinsches Dorf. Ihre Ausrüstung stand lange vor dem Krieg in Wikipedia. Für jeden sichtbar. Mit russischen Waffen wurde in Syrien gekämpft, in Libyen, in Armenien, der Irak war mit ihnen ausgerüstet. Wer lesen wollte, wusste, was sie kann und was sie nicht kann. Nur passte das nicht in das gängige Narrativ von Putin dem Allmächtigen, der amerikanische Präsidenten ernennt, das Baltikum, Polen, sogar Deutschland erobern möchte und 24/7 Cyberattacken gegen Mittelständler durchführt. So wurden die Möglichkeiten des Kremls nicht nur von ihm selbst, sondern auch von tausenden Journalisten und Think Tanks in Millionen von Artikeln immer und immer wieder falsch wiedergegeben. Die Szenen der russischen Führung sind erschreckend, gewiss. Hat unsere Aufklärung besser funktioniert? Hat unser Diskurs zur Erhellung von Sachverhalten beigetragen? Überhaupt nicht. Was jetzt abgeräumt wurde, ist das Bild von Putin almighty. Und daran hat nur geglaubt, wer sich nicht mal die Mühe gemacht hat, Google zu benutzen. Und jetzt erleben wir die Gegenbewegung: Weil Putin die ihm angedichtete Macht gar nicht hat, werden seine Möglichkeiten nun kleingeschrieben, ebenso konsequent, wie sie vorher hochgeschrieben wurden.
    Nicht nur Putin zahlt für die Fehlkalkulationen einen Preis. Andere Machthaber haben nun verstanden, dass das mit der Souveränität eine relative Sache ist. China bekommt Sanktionen der übelsten Art angedroht, weil sie ihr Recht auf die Wahl der Handelspartner ausüben. Saudis und Indien reagieren gerade, weil sie Souverän sein wollen:
    https://www.youtube.com/watch?v=bzOP4CErX-w&t=152s
    Saudis wollen mit China die Ölverkäufe in Yuan abrechnen. Das Behaupten nicht Putin-Versteher, das meldet bloomberg.
    https://www.hindustantimes.com/india-news/india-finalising-alternative-payment-system-to-carry-on-russia-trade-101647174800298.html
    Wirtschaftliche Strukturen, die jenseits der Einflussmöglichkeiten des Westens liegen, sind eine weitaus größere Bedrohung für unsere Sicherheit als der Zar des Schrottplatzes in Moskau. Der Spritpreis von 3€ ist nicht unser größtes Problem.
    Es ist nicht abwegig, sich zu überlegen, ob eine Flugverbotszone und (nennen wir sie) Friedenstruppen in der Westukraine, nicht die bessere Option wären als die Folgen der Sanktionen. Dass Putin für Lemberg Russland in Asche verwandelt, entspringt dem Superschurken-Narrativ. Denn wer ihn zugehört hat (er war in seiner einstündigen Geschichtsstunde doch sehr deutlich) ist die Westukraine der polnisch/ungarisch Teil. Seine angeblichen Kriegsziele (Westukraine, Polen) entspringen nicht Putins Aussagen oder seinen Möglichkeiten, sondern den immerwährenden Fortschreibungen des Herrn der Ringe, die wir politische Kommentare nennen.

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      Nachtrag: Russland konnte den Krieg nur gewinnen, wenn es seine Feuerkraft einsetzt. Oder die Ukraine sofort aufgibt, was nicht zu erwarten war und auch nicht geschehen ist. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, die Situation in Rote Armee Manier zu lösen, gerade steigt. Die Zerstörungskraft seiner Armee gegen Städte ist kein potemkinsches Dorf. Weder die modernsten Waffen noch die besten russischen Truppen sind bisher eingesetzt worden. Er hat Angst vor der NATO und braucht Reserven. Es könnte Kontraproduktiv sein, ihn klein zureden und gleichzeitig ein militärisches Eingreifen kategorisch auszuschließen, wie der Führer der Freien Welt es bereits einen Monat vor dem Einmarsch getan hat. Wir werden sehen und die Ukrainer werden es spüren.

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        „Es könnte Kontraproduktiv sein, ihn klein zureden und gleichzeitig ein militärisches Eingreifen kategorisch auszuschließen, wie der Führer der Freien Welt es bereits einen Monat vor dem Einmarsch getan hat. Wir werden sehen und die Ukrainer werden es spüren.“

        Im Klartext: Der Führer der freien Welt opfert bewusst die Ukraine und hofft auf den entstehenden Hass auf Russland.
        Ich werte das nicht moralisch, denn anderes Handeln ist politisch gar nicht möglich. Im Westen und insbesondere in Deutschland. Der Katzenjammer über die Tagesordnung im Parlament nach der Selenskyj- Rede angesichts der Politik nach dem Lehrbuch eines Niccolò Machiavelli eigentlich überflüssig.

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      Flugverbotszone/Friedenstruppen: Ist das dann russisch Roulette, nur mit Europa? Wenn wir Pech haben, liegt alles in Schutt und Asche, atomar zerbombt – aber hey, wir werden schon kein Pech haben – die psychologische Analyse Putins Persönlichkeit spricht dagegen! Sie sagen doch selbst, dass Putins Agression nicht auf die West-Ukraine abzielt. Wenn das so ist – warum sollten wir dann mit ihm russisch Roulette spielen? Damit er seine Ziele in der Ost-Ukraine nicht erreicht? Ich weiß jedenfalls nicht, wieviel verbrannte Erde Putin auf seinem Weg ins Nichts zurücklassen wird. Und auf seine Ziele würde ich mich nicht verlassen. Ich würde mich auf überhaupt nichts verlassen, was dieser notorische Lügner sagt. Aber trotzdem ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste.
      Kein Mensch weiß, wieviel Raketen und Bomberstaffeln er noch losschickt, um ukrainische Städte zu zerstören. Eine Kapitulation kommt für die tapferen Ukrainer nicht infrage, daher muss man darüber auch nicht nachdenken. Wir können nur hoffen, dass sie siegen und er sich endlich zurückzieht, vielleicht weil er noch ein bisschen weiterleben und -regieren will.

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        Naja, Putin hat auf taktischer Basis gelogen, strategisch war er immer sehr transparent und er hat auch seine Interessen klar artikuliert. Er hat lange angekündigt, dass er keine weitere Westerweiterung dulden wird und nun duldet er sie nicht. Das klingt doch erstmal sehr ehrlich. Er will die russischen Grenzen widerherstellen und das tut er gerade. Ehrlicher geht es nicht. Das klingt nicht nach einem notorischen Lügner, sondern nach jemandem, dem man nicht zugehört hat. Zuhören ist nicht das gleiche, wie jemandem Recht geben. Die Reaktionen, die ich aus Serbien mitbekommen waren auch im Tenor: Ihr habt es bestellt, ihr habt es bekommen. Nun kann man inhaltlich anderer Meinung sein, aber dass es krachen wird, davor wird landauf, landab gewarnt. Grade im Osten. Die einen wollten ihm entgegenkommen, dass es nicht kracht (zB Wagenknecht) , die anderen wollten mehr Rüstung, wenn es kracht. Viele, viele Leute schon lange gewarnt, inklusive Putin. Mein 90jähriger Onkel in Serbien auf dem Bauernhof hat 2014 schon gesagt, dass es kracht. Ich kann wenig Lüge entdecken. Die meisten, die überrascht sind, sitzen im Westen.

        „Wir können nur hoffen, dass sie siegen und er sich endlich zurückzieht, vielleicht weil er noch ein bisschen weiterleben und -regieren will.“
        Im Osten glaubt niemand, dass Putin ohne ein großes Stück vom ukrainischem Kuchen weiterleben oder regieren wird. Die Blitzkriegthese stammt aus westlichen Zeitungen. Wenn er leben will, muss er den Osten einnehmen. Je tapferer die Ukrainer sind, desto mehr muss umbringen. Und da sind wir bei den Flugverbotszonen über der Westukraine und Flüchtlingen. Vielen Flüchtlingen. Der Krieg ist nicht vorbei, nur weil er die von westlichen Medien gesteckten Ziele nicht erfüllt hat.

        PS: Wenn ich auf die Karte schaue, kreisen seine Truppen die Region ein, die 1914 zu Russland gehörte. Putin ist kein notorischer Lügner, er ist erstaunlich ehrlich.

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        Es ist sinnlos, alle Lügen Putins aufzulisten. Vielleicht nur die, dass niemand die Absicht habe, in die Ukraine einzumarschieren. Weil man die Souveränität der Ukraine ja schließlich respektiere und schon immer respetiert habe. Oder vielmehr: seit 1994 garantiere, zusammen mit England und USA (Budapester Abkommen). Putin hat erklärt, er würde sich lediglich für die Unabhängigkeit der ostukrainischen Provinzen einsetzen. Wozu er bereits kein Recht hat. Nun aber erscheint es doch so, als hätte er dort Konflikte geschürt mit dem Ziel, die Ukaine als Ganzes zu zerstören. Dann wäre der Bürgerkrieg in der Ostukraine ein Mittel zum Zweck.
        Ein notorischer Lügner wie er sagt viele Dinge, wenn der Tag lang ist – abhängig davon, mit wem er gerade spricht. Unter den 20 Konstruktionen, die er so von sich gibt, ist dann vielleicht eine, die aus heutiger Sicht seinen tatsächlichen Vorstellungen entspricht, und die anderen 19 Äußerungen waren das, was Sie „taktische Lüge“ nennen. Ich würde das in dieser Häufung schon „notorisches Lügen“ nennen. Was soll man mit so einem Vertragspartner eigentlich anfangen? Einen Vertrag schließen?
        Und erstaunlich ehrlich finde ich es nicht zu sagen, dass man keinerlei zivile Ziele angreifen würde, aber dann z.B. ein komplettes Krankenhaus zu besetzen oder andere Terrorakte auszuführen. Oder zu verbieten, Krieg „Krieg“ zu nennen. Ob das nun taktische oder strategische Lügen sind, mögen andere beurteilen, Lügen sind es auf alle Fälle.

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        …und da ich ihm überhaupt nichts abnehme, nehme ich ihm auch diese Redewendungen von der Osterweiterung nicht ab. Das einzige, was ich glaube erkennen zu können, ist sein Ziel: in den Geschichtsbüchern als Putin der Männliche einzugehen, der für eine Wiedervereinigung des großen russischen Reiches gesorgt hat. Dieses Ziel hat mit einer NATO-Osterweiterung nur insofern etwas zu tun, alls dass diese dem Ziel im Wege steht. Aber nicht weil sie eine Bedrohung wäre.

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        Noch eine Bemerkung zum Westen: Wahrscheinlich hätte man die Ukraine rechtzeitig aufrüsten müssen, vor allem mit Flugabwehrraketen. Da hat man sich durch die Einschüchterungen Putins leider einschüchtern lassen. Von diesem Fehler abgesehen kann ich keinen Fehler erkennen. Auch Kooperationsprojekte wie Nord-Stream 2 waren kein Fehler. Ohne diese Kooperationen wäre alles genauso passiert, vermute ich. Auch wenn man Putin „zugehört“ hätte – was immer das bedeuten soll, nichts hätte sich dadurch geändert, alles wäre genauso passiert. Nur die Aufrüstung der Ukraine hätte es vielleicht verhindern können. Das sage ich nicht gern. Und sicher ist das auch nicht.

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        @ Stevanovic: „Ihr habt es bestellt, ihr habt es bekommen.“

        Ja, nach Logik des außenpolitischen Realismus‘ könnte man das meinen. Sie übersehen jedoch: Zu deren Durchsetzung bombardiert Putin genau das, was angeblich (zu) ihm gehört: Russen und Teile Russlands. „Ihr habt es bestellt, ihr habt es bekommen“ dürfte ihm in dieser zynisch volksdemokratischen Version noch deutlich auf die eigenen Füße fallen.

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        @ Stavanovic

        Nicht zufällig dehnt Putin die Reingung der Ukraine jetzt – als „Selbstreinigung“ – auf Russland aus.

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        @EJ: Ja, hier liegt für mich die Hoffnung auf ein Ende des Krieges: dass Putin die Ukraine nicht in Grund und Boden bomben kann, weil das in seiner eigenen Logik – und das heißt: in den Augen seiner Unterstützer in Russland – gegen „seine eigenen Leute“ ginge. Gegen Russen. Man kann kaum für die russische Sache kämpfen, indem man massenhaft Russen tötet. Nazis oder Orks kann man in beliebiger Größenordnung töten, aber wenn man die ukrainischen Städte in Schutt und Asche legt, wird man kaum sagen können, dass dort überall nur Nazis gewohnt haben. Dies ist wahrscheinlich der Grund, warum es noch nicht zu Flächenbombardements im großen Stil gekommen ist, und auch die Hoffnung, dass es dazu nicht kommt.

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        @ EJ
        Damit wir beide uns nur richtig verstehen: Zwischen einer dummen Außenpolitik und dem Einmarsch von 200.000 Soldaten und dem Granatieren von Städten liegen Welten. Die Belagerung von Städten hat niemand bestellt. Ich zitiere, was ich gehört habe und gebe eine Stimmung wieder. Und diese Stimmung hat dieses Ereignis besser vorhergesehen als die Auguren im Westen. Das kann auch daran liegen, dass im Osten das Denken in Macht- und ethnischen Blöcken viel verwurzelter ist als hier (…und ich deswegen hier und nicht da bin). Das schockierende ist ja, dass Putin gar nicht gegen den Westen kämpft, sondern das „Bruder“Volk gerade zu tausenden umbringt und die schulterzuckende Reaktion ist: „Ja, klar macht er das. Das ist die Natur der großen Mächte.“ Wenn aber es im Osten keinen wundert, stellt sich mir die Frage….

        @RZ
        ….ob die Schimpansen-Theorie wirklich haltbar ist.
        „Auch wenn man Putin „zugehört“ hätte – was immer das bedeuten soll, nichts hätte sich dadurch geändert, alles wäre genauso passiert. „

        Demnach hätten wir statt unserer Politik, sei es Maas, Nuland oder dem politischen Planungsstab der US-Außenministeriums oder dem Kanzleramt, auch Schimpansen aus dem Kölner Zoo die Ostpolitik machen lassen können.
        Ich habe nicht die geringste Lust, mir den Kopf von Diktatoren zu zerbrechen. Dafür haben wir unsere Leute. Mich treibt die Frage um, ob die Leute, die dafür zuständig waren, tatsächlich keine Wahl hatten, getriebene der Ereignisse waren und es an keinem Punkt die Möglichkeit gegeben hat, das heute Ergebnis, dass Städte brennen, zu vermeiden.
        Ja, hinterher ist man immer schlauer, aber es ist nicht mein Job schlauer zu sein, mein Job ist es, die schlauen Leute zu wählen. Und wenn es keinen Unterschied macht, ob ich schlauen Leute oder Schimpansen irgendwo hinschicke, frag ich mich, für was ich wählen gehe. Der Bürger ist nicht in der Bringschuld, schlauer zu sein als die Politik. Die Bringschuld der Politik ist es, Handlungsspielräume zu schaffen, damit keine Städte brennen. Haben unsere wirklich ihr Bestes gegeben? Ich bezweifle das.
        Die Schimpansen-Theorie ist sehr nah an dem Schulterzucken, das große Mächte nun mal tun, was große Mächte so tun. Der Unterschied zwischen uns hier und den Volksrepubliken ist, dass wir fragen können, warum wir da sind, wo wir sind und genau das sollten wir auch tun. Ein insallah reicht mir nicht und ich kann mir dieses are you with us or against us nicht mehr anhören (was ich Ihnen nicht unterstelle). Die Aufgabe der Politik ist es brennende Städte zu verhindern und das jetzt keiner Verantwortlich sein will und alles Putins höhere Macht war, ist nicht besonders konsistent.

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        Schimpansen vielleicht nicht gerade, aber eine berechenbare Entscheidungsmaschinerie, wie sie Rationalität, Vertragstreue, Wahrhaftigkeit, Kooperationsstreben usw. eben darstellt. Viele Optionen sind objektiv nicht da, wenn jemand Städte brennen lassen und Gebiete erobern will, die Mittel dazu in der Hand hat und ihm sein eigenes Schicksal egal ist.

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        Ein paar Optionen gibt es aber noch unterhalb der Ausweitung zu einem aktiven Eingreifen und einem Weltkrieg. Die komplette Einstellung allen Handels, wie es von Polen vorgeschlagen wird. Die Lieferung effektiver Waffen, wie es Klitschko fordert, mit denen die Ukrainer ihren Luftraum selber schützen können.

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        @RZ

        Das wäre zu hoffen. Putin hat sich aber auch in eine Zwickmühle manövriert. Das macht ihn unberechenbar.

        Einerseits bombardiert er in „großrussischer“ Sicht, die es vielleicht sogar in Teilen der Ukraine gibt oder gab, „seine eigenen Leute“. Das sollte ihn hemmen, vielleicht sogar einlenken lassen, ja. Andererseits: Auch wenn Kleinrussen, Ruthenen oder Ukrainer vielleicht tatsächlich nie anderes als die Schwaben, die Bayern oder die Friesen Russlands waren, betreibt er mit seinem Vorgehen ukrainisches nation building in ungeahntem Ausmaß. Das kann/ könnte er am Ende nur durch völlige Demoralisierung, durch Reduzierung der Ukrainer auf den individuellen Überlebenswillen, auslöschen. (Und das Wie möchte ich mir lieber nicht ausmalen.)

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        @Stevanovic

        Ich glaube, wir verstehen uns schon richtig. Ich habe in Ihr „bestellt“ die Ukraine/ Ukrainer einbezogen, um darauf hinzuweisen, dass die „Logik“ der Putin’schen Denke keineswegs nur „nach außen“ zielt. „Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt“ ist eher/ ungehemmter innenpolitische Maxime als außenpolitische. Und (auch) das dürfte Folgen haben – vgl. oben ich@RZ.

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      Man sollte sich die Grenzen nach dem WK 1 ansehen. Deutschland, Polen, Russland (Sowjetunion). Diese Grenzen entsprachen der natürlichen Ordnung in Osteuropa, die heutigen Grenzen sind unnatürlich. Die dämlichen, ungebildeten Deutschen wissen davon nix mehr, die Russen sind aber nicht so doof
      Wird Putin gewinnen?
      Stalin hat unzählige Generäle gekillt, hat gegen Finnland verloren, da hatte die Wehrmacht dann leichtes Spiel. Denkt Kevin-Malte, der noch nie ein Buch gelesen hat, aber ARD und ZDF guckt;)

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      Russische Waffen haben wir nach dem Zerfall der Sowjetunion zwar durchaus in den Händen diverser Milizen an den verschiedensten Krisenherden gesehen: Von mäßig ausgebildeten Milizionären eingesetzt gegen Zivilisten oder gegen ebenfalls mäßig ausgebildete Milizen. Wir haben russische Waffen auch gesehen, als sie von russischen Spezialtruppen in Syrien gegen Zivilisten eingesetzt wurden oder gegen schlecht ausgerüstete Rebellen. Wir haben sie 2014 in den Händen russischer Proxies gegen eine derart desolate ukrainische Armee gesehen, dass nicht einmal die von dieser erbeuteten Waffen brauchbar waren.
      Alle diese Einsätze russischer Waffen und Truppen machten Eindruck auf den Westen, weil sie viele Menschen zu Tode brachten. Aber sie vernebelten den Blick: Kein Einsatz erfolgte gegen eine mit modernen Waffen ausgerüstete Armee, die einen zeitgemäßen Ausbildungsstand hat. Offenbar hat sich auch der Kremlchef davon blenden lassen.
      Das ukrainische Heer von heute ist zum Teil mit modernen westlichen Waffen ausgerüstet, aber vor allem: Die Soldaten haben eine entsprechende Ausbildung genossen. Ganze Regimenter ukrainischer Wehrpflichtiger wurden an die Frontlinie im Donbass geschickt und haben dort Erfahrung gesammelt, ehe sie wieder demobilisiert und in die Reserve entlassen wurden. Die russische Armee, bei der viele Soldaten vorher nie Feindberührung hatten, trifft also aktuell auf einen Gegner, der in einer ganz anderen Liga spielt als die vorherigen.

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    … bestimmt sind Sie, werte Fr. Bednarz, singend im olivfarbenen Emmanuel Macron Hoodie am Notebook gesessen, haben die Temperatur in Ihrer Stube auf 12°C runter ‚geschraubt‘ und ‚… frieren für die Freiheit mit weniger an Lebensglück und Lebensfreude …‘ wie ’s der salbernde Lutheraner den Deutschen abverlangt.

    Moscow, that’s all I know Moscow … es gab eine deutsche Version, die bei den Panzertruppen der NVA kursierte: zehntausend Panzer steh’n vor Moskau, Moskau und der Kreml brennt. Ach ja.

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    Man ist geneigt, sich ein Bild der Hoffnung zu machen. Hoffnung, dass doser Irre bald von seinen eigene Generälen gestürzt und weggeputscht wird.
    Gleichwohl ist die Hoffnung vage.
    Zum einen kennt die Öffentlichkeit (und damit ich) weder Umstände noch die Lage, zum anderen kennen wir die Absichten und nicht zuletzt den Geisteszustand Putins nicht.
    Dies macht am meisten Angst.
    Aber Angst ist kein guter Ratgeber.
    Bleibt der Wunsch, dass diejenigen, die ein schnelles Ende des Krieges für möglich halten, vielleicht doch recht haben.

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