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Vom Leben im Modus eines Katastrophenfilms

Credit: IMAGO / Steinach

Bis zum Februar 2020 war das Leben hier im Westen ziemlich easy. Dann kam Corona. Und dann kam der Krieg. Über Resilienz in Zeiten, in denen man vom Zuschauer zum Akteur oder zumindest Statisten in einem Katastrophenfilm wird und nicht mehr nur im Kino sitzt.

Früh morgens, wenn es gerade so dämmert und das erste Vogelzwitschern erklingt, jetzt im März, wacht man auf und hat, noch halb-wach, die Illusion einer heilen Welt. So wie sie in Deutschland bis zum Februar 2020 existent war. Vor Corona.

Doch je mehr das langsame Wechselspiel des Halbwachseins und Wiedereinschleifens dem Impuls weicht, aufzustehen, dringt wieder das ein in das Bewusstsein, was zusätzlich zu Corona nun auch ist: Krieg. Gerade einmal rund 1.000 Kilometer von uns entfernt, in der Ukraine.

Der Mensch ist erstaunlich resilient, funktioniert irgendwie, auch wenn aktuelle Umfragen, die gestern im SPIEGEL zusammengefasst worden sind, zeigen, wie groß die Angst ist:

Nur 19 Prozent der Menschen blicken nach einer Allensbach Umfrage optimistisch in die nahe Zukunft, das ist der niedrigste Wert seit 1949.

41 Prozent fühlen sich nach einer Civey-Umfrage psychisch beeinträchtigt durch den Krieg, 62 Prozent fürchten, der Ukrainekrieg könne zum dritten Weltkrieg eskalieren, 78 Prozent rechnen mit einer Weltwirtschaftskrise. Ich kann die schlechte Stimmung nachvollziehen.“

Der Krieg – Bisher kannte man ihn vor allem aus Erzählungen vergangener Generationen

Bei all den Geschichten vom Kriege, die Menschen meines Jahrgangs noch von Großeltern und Eltern hörten, wirkte all das Grauen unfassbar weit weg. Es waren Geschichten aus einer weit vergangenen Zeit. Ich denke an meinen verstorbenen Vater, Jahrgang 1934, der mittels „Kinderlandverschickung“ auf Rügen war, um den Bomben über Bochum und dem Ruhrgebiet zu entkommen. Ich denke an mein Elternhaus, das im Zweiten Weltkrieg ausgebombt wurde; wir haben Fotos davon. Meine Großeltern bauten es wieder auf. Ich denke an meine tote Großtante Ida, genannt „Itti“, Jahrgang 1899, die noch in meiner Kindheit in den 80ern anfing zu weinen, wenn sie von ihrem Bruder Gustav erzählte, der aus dem Ersten Weltkrieg nicht zurückkam.

Und jetzt sind wir alle selbst mittendrin. Hineingeworfen in einen Live-Katastrophenfilm, Akteure oder zumindest Statisten diesseits von Filmsets und Regieanweisungen. Dieses Mal sind wir keine Zuschauer eines Blockbusters im Kino, in dem wie in „Contagion“ (2011) eine weltweite Corona-artige Seuche ausbricht und nach 106 Minuten alles wieder gut ist. Auch keine Besucher eines James Bond-Films à la „Liebesgrüße aus Moskau“, in dem 007 ganz sicher am Ende die Welt retten wird.

Nein, wir sind selbst mittendrin. Seit dem Januar 2020 mit unseren eigenen Leben live in das Grauen hineingeschleudert. Und im Unterschied zu früheren Kriegen in Europa wie im Kosovo schaut man nicht auf ein begrenztes Gebiet, sondern hat Angst, dass der Krieg sich auf die NATO ausweiten könnte, weil Putin nicht aufhört zu drohen.

Alles verfolgt man nun quasi non-stop per via Live-Ticker, so wie solche Live-Ticker sonst in Katastrophenfilmen eingeblendet werden. Daten. Orte. „Hong Kong. Tag 1: „Patient 1“. „ Tag 20 an der Fron!“. Dort dramaturgisch inszeniert, nun in Echtzeit in der Realität. Hier ein paar Ausschnitte.

Der ganz reale Katastrophenfilm im Liveticker:

Das Virus macht ernst

+++ Januar 2020: Menschen in Wuhan/China dürfen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. Sie stehen auf ihren Balkons. Und schreien. Ihre Schreie gehen um die Welt.

+++ Ende Februar 2020: Heinsberg wird zum ersten Hotspot.

+++ März 2020: Bundeskanzlerin Merkel sagt: „Es ist ernst. Bitte nehmen sie es ernst.“

+++ Ende April 2020: Die massenhaften Särge von Bergamo.

+++ Mai 2020: Die Kühllaster mit den Corona-Toten in New York.

+++ Der Corona-Winter 2020/21.

+++ Herbst 2021: Delta, dann Omikron.

+++ März 2022 Hoffnung auf Besserung der Corona-Lage, da Omikron zumeist milde verläuft. Aber Long-Covid droht auch bei Omikron. Viele Facebook-Postings mit der Nachricht, man habe es nun auch.

Putin macht ernst

+++17: Dezember 2021: Neuer Schock, den damals aber kaum jemand wirklich ernst nimmt, sondern für ein pseudoviriles Getue Putins hält: „Russland veröffentlicht Liste mit geforderten Sicherheitsgarantien“, schreibt der SPIEGEL. Und fasst zusammen:

„Russland fordert in dem Dokument unter anderem,

    • dass eine Nato-Erweiterung sowie ein Beitritt der Ukraine zu dem Bündnis ausgeschlossen wird.
    • Auch sollen sich die westlichen Staaten verpflichten, kein zusätzliches Militär und Waffen außerhalb der Länder einzusetzen, in denen sie sich im Mai 1997 (vor dem Beitritt der osteuropäischen Länder zum Bündnis) befanden – außer in Ausnahmefällen mit Zustimmung Russlands und der Nato-Mitglieder.
    • Zudem sollen alle militärischen Aktivitäten der Nato in der Ukraine, Osteuropa, Transkaukasien und Zentralasien aufgegeben werden.
    • Russland fordert auch, keinerlei Mittel- und Langstreckenraketen dort zu stationieren, wo sie das Gebiet der anderen Seite treffen könnten.“

+++ Dezember 2021: Russland lässt Truppen an der Ostgrenze der Ukraine aufmarschieren.

+++ Januar bis Mitte Februar 2022: Westliche Regierungschefs bemühen sich, Putin zu appeasen und besuchen ihn in Moskau.

+++ Mitte Februar 2022: Die USA warnen gestützt auf Informationen der CIA, dass ein Angriff auf die Ukraine unmittelbar bevorsteht.

+++ 24. Februar 2022: Putin greift die Ukraine an.

+++ Tägliches Hoffen und Bangen. Mariupol ist zu 90 Prozent zerstört, aber Putins Eroberungsfantasie ist nicht aufgegangen. Sein Militär ist potemkinsch, er simuliert nur Stärke und Strategie, wie ich hier schrieb. Er kann die Ukraine mit ihren tapferen Kämpfern nicht erobern.

+++ Unterdessen bombt der Despot Putin, für den Menschenleben nichts zählen, in seinem imperialen Wahn weiter. Menschen sterben und sterben, Zivilisten. Ich muss ständig an den „Guns’n’Roses-Song „Appetite for destruction“ denken.

Die Hemmungen, morgens den Computer anzuschalten

Ja, es ist Krieg. Wirklich. Seit über einem Monat schon. Und zumindest ich habe jeden Morgen Hemmungen, den Computer anzuschalten, aus Sorge vor dem, was in der Nacht war. Dennoch hilft Wegducken unter der Bettdecke nichts. Krieg 1000 km östlich von Deutschland ist neben dem Leben mit Corona die neue Normalität im Frühjahr 2022. Lebensgefährlich ist beides.

Hinter dem morgendlichen Vogelzwitschern lauert der Luftalarm über ukrainischen Städten. Und, so ängstlich der Gemütszustand der Deutschen den oben genannten Umfragen zufolge auch klingen mag: Sie agieren dennoch praktisch, sie „machen und tun“, wie man in meiner westfälischen Heimat sagt. Nehmen Ukrainer auf, spenden, engagieren sich in den sozialen Medien. Jammern so gut wie gar nicht.

Die Ukrainer kämpfen und jammern nicht

Ein Jammern seitens der Deutschen wäre auch sehr deplatziert angesichts der tapferen Ukrainer mit ihrem Präsidenten Wolodymyr Selenskyi an der Spitze des Staates und den Klitschko-Brüdern in Kiew. Natalia Klischtko, die Ehefrau von Vitali Klitschko, dem Bürgermeister von Kiew, sagte gerade erst bei Lanz, dass man die Ernsthaftigkeit in den Gesichtern der ukrainischen Männer sehe, dass aus ihnen Krieger geworden seien. Und weiter:

Die werden den ukrainischen Staat nicht zu Russland geben. Die werden kämpfen. (…) Wir werden nie wieder Sklaven sein.“

Auch ukrainische junge Frauen ziehen inzwischen an die Front. Aber selbst in der Ukraine geht, soweit möglich, das Leben noch weiter. Kiew versucht, ein gewisses Maß an Normalität aufrechtzuerhalten, wie in der gleichen Lanz-Sendung die ortsansässige Journalistin Solomiya Vitvitska berichtete.

Besonnenheit, Familie und Freunde helfen gegen die Angst und in Wahrheit ist Putin schwach

Gewiss, die Angst vor einer weiteren Eskalation, möglicherweise einem Dritten Weltkrieg, ist verständlich, aber im Großen und Ganzen herrscht doch auch hierzulande Besonnenheit. Es ist wichtig, Ängste zu artikulieren, sie nicht herunterzuschlucken. Die letzten zwei Jahre haben gezeigt, wie wichtig dafür stabile Familien, Beziehungen und Freundschaften sind. Man kann sich so wechselseitig stärken.

Putin will Macht und neue Territorien erlangen, indem er Panik verbreitet. Lassen wir das auch weiterhin nicht zu. Der Mensch der westlichen Welt hat ein inneres Rückgrat. Und, selbst wer sie nicht mag, sollte posthum Maggie Thatcher zuhören, die die Simulation von Stärke schon immer perfekt durchschaut hat. Ihre legendären Worte lassen sich jetzt auch Putin, dessen Militär in der Ukraine dilettiert, der aber immer noch den starken Mann gibt, entgegenhalten.

Being powerful is like being a lady. If you have to tell people you are, you aren‘t.”

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10 Gedanken zu “Vom Leben im Modus eines Katastrophenfilms;”

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    ‚Wahrheitswidrig und böse‘: Ex-Außenminister Gabriel attackiert Melnyk und Selenskyj … hätte nicht gedacht, dass ein Sozialdemokrat mal so was wie Verstand aufbringt. Respekt.

    Freunde, ich wünsche euch ein
    GESEGNETES FROHES OSTERFEST,
    denn der HERR ist wahrhaft AUFERSTANDEN!

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    Gemeinsamkeit von Coronakrise und Krieg ist der Welt-Zerfall. Lieferketten brechen auseinander, Länder schotten sich voneinander ab, Individuen geraten in Streit. Freihandel und weltweite Verständigung und Durchdringung waren gestern. Die Zeit von 1990 bis 2020 wird als zweite Belle Époque in die Geschichtsbücher eingehen, die Krisen, unter denen wir in dieser Zeit litten, erscheinen heute lächerlich.

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    … apropos, WE STAY UNITED … mhmm?

    EXCLUSIVE: Hunter Biden DID help secure millions in funding for US contractor in Ukraine specializing in deadly pathogen research, laptop emails reveal, raising more questions about the disgraced son of then vice president

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    Die Zerstörung von Aleppo und der lang andauernde und grausame Krieg in Syrien unterscheiden sich nicht von den Kriegsverbrechen in der Ukraine. Wir identifizieren uns lediglich stärker mit den Ukrainern. Sie sind den Europäern näher. Putin ist nicht erst seit kurzer Zeit ein Faschist im Stil des Benito Mussolini (eurasische – russische ethnische Überlegenheit).

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    Liebe Frau Bednarz, wo waren Sie die letzten 30 Jahre?
    Jugoslawien, Irak, Libyen, Syrien. Jemen. Afghanistan. Flüchtlingskrise mit vermutlich tausenden Ertrunkenen im Mittelmeer. Lief nicht trotzdem alles bestens?
    Warum beginnt Ihr Alptraum erst jetzt?

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    Auch ich gehöre – 1949 geboren – zu einer privilegierten Generation, die eigentlich nur Gutes erlebt hat, keinen Weltkrieg, keine so schlimmen Wirtschaftskrisen, wie die Generation vor uns sie erleben musste. Mein Gefühl und meine Geschichtskenntnisse sagen mir, wir stehen vor einer Bewährungsprobe, die diese Generatin bisher noch nicht erlebt hat. Hoffen wir, es bewahrheitet sich, „der Mensch der westlichen Welt hat inneres Rückgrat“ und hat die Lehren der Geschichte verstanden.

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      Danke Ihnen, lieber Herr Birkner! Das unterschreibe ich voll und ganz: „Mein Gefühl und meine Geschichtskenntnisse sagen mir, wir stehen vor einer Bewährungsprobe, die diese Generation bisher noch nicht erlebt hat.“

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      Der Friedensbeauftrage Bischof Kramer von der EKD, will keine Waffen für die Ukraine und meint:
      „Manchmal können wir alle nur hilflose Zuschauer sein. Und das ist vielleicht gut so.“
      Putin wird noch evangelisch, vor Freude über diese grünen Pfaffen;)

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