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Westliche Selbstkritik und die Feinde des Westens

Ein Gastbeitrag von Konstantin Sakkas

Die renommierte Princeton-University hat im Gefolge der Anti-Rassismus-Proteste nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd ihre School of International and Public Affairs umbenannt. Sie heißt nun nicht mehr nach Woodrow Wilson. Der 28 Präsident der USA kämpfte zwar für die internationale Verständigung nach dem Ersten Weltkrieg, aber er unterstütze auch die Rassentrennung in den USA während der Ära der Segregation. Dennoch ist die Umbenennung nicht unproblematisch.

Woodrow Wilson hat die europäische Friedensordnung mitbegründet. Erst der Kriegseintritt der von ihm geführten, bis dahin streng isolationistischen USA entschied den Ersten Weltkrieg, nach der deutschen Niederlage 1918 initiierte er die Pariser Vorortkonferenzen. Wilson ging es nicht um billige Rache an den deutschen Barbaren – darum ging es vielleicht Briten und Franzosen –, sondern um die Installation einer mulitlateralen Friedensordnung. Mit Franklin Delano Roosevelt und John F. Kennedy gehört Wilson zu den Gründern und Bewahrern der freiheitlichen westlichen Ordnung im 20. Jahrhundert, aus der auch die Europäische Union hervorgegangen ist.

Dass dem politikwissenschaftlichen Institut der Princeton University, also einer der hochkarätigsten wissenschaftlichen Einrichtungen weltweit, nun der Name Wilsons entzogen wurde, ist angesichts der aktuellen Debatte um Rassismus und Postkolonialismus nachvollziehbar. Wilsons Regierungszeit von 1913 bis 1921 fällt in die Hochzeit der Segregation, als unter der zynischen Parole seperate, but equal schwarze US-Amerikaner zu Menschen zweiter Klasse degradiert – und nicht wenige von ihnen grausam gelyncht wurden. Auch Wilson verfolgte eine segregationistische Innenpolitik. Erst 1964, unter dem Druck der Bürgerrechtsbewegung, hob Präsident Lyndon B. Johnson, der Nachfolger Kennedys, mittels des Civil Rights Act die so genannte Rassentrennung in den USA auf. Dass aber damit nicht zugleich der strukturelle Rassismus aus den USA verschwand, zeigte zuletzt der Tod George Floyds.

Man kann also mit guten Gründen, wie es gerade geschieht, die historische Erinnerungskultur im Westen einer Generalrevision unterziehen. Dabei sollte man aber immer auch eines bedenken: die politische Weltordnung ist immer noch polar. Die Welle an Selbstkritik, die gerade durch den Westen schwappt, ist immer auch Wasser auf die Mühlen der Feinde des Westens. Gerade erschien das Buch der kasachischstämmigen, muslimischen chinesischen Menschenrechtsaktivistin Sayragul Sauytbay, die in erschütternden Details die Foltermethoden in chinesischen Umerziehungslagern schildert. Noch immer unterdrückt Wladimir Putin die Tschetschenen, noch immer unterstützt er, mit China und dem Iran im Rücken, Assad im Krieg gegen seine eigene Bevölkerung.

Zur Wahrheit gehört: Es gibt eine unheilige Allianz zwischen berechtigter Selbstkritik des Westens und seiner Desavouierung durch – äußere und innere – Feinde. Ich erinnere mich an die geschichtsklitternde Preußenausstellung des verstorbenen Berliner Bankiers Erhardt Bödecker im Brandenburgischen Wustrau, in der er geradezu genüsslich Lynchmorde an amerikanischen Schwarzen gegen die angeblich paradiesischen Zustände im deutschen Kaiserreich aufrechnete. Ich erinnere mich auch an zahlreiche Reden Hitlers, in denen er scheinheilig die schlechte Behandlung der Kolonialvölker durch die bösen imperialistischen Briten anprangerte.

Zu den größten ideellen Ressourcen des Westens gehört seine Fähigkeit zur Selbstkritik. Denken wir an Martin Luther und die Reformation, denken wir an Lyndon B. Johnson und den Civil Rights Act. Luther war ein brutaler Antisemit, Johnson führte einen grausamen Krieg in Vietnam: „Hey, hey, LBJ, how many kids did you kill today?“, hieß es bei den Studentenprotesten in den Sechzigern. Dennoch brach Luther die korrupten Strukturen der römischen Kirche auf, dennoch stelle Johnson schwarze mit weißen Amerikanern gleich. Geschichte ist nicht geradlinig, sondern krumm. Diese Krummheit müssen wir nicht geradelügen, aber wir müssen sie aushalten. Wenn wir Woodrow Wilson, der ehrlich und von vielen verkannt am Frieden in Europa und an der freiheitlichen Weltordnung arbeitete und dafür den Friedensnobelpreis erhielt, vom Sockel stoßen, werden sich alle Agenten Putins und Xi Jinpings die Hände reiben. Und gewiss auch die Kameraden von der AfD, die immer noch vom deutschen Siegfrieden 1918 träumen. Antirassismus und Gleichberechtigung sind für sie dabei nur Vorwand.

Konstantin Sakkas (Jahrgang 1982) studierte Philosophie und Geschichte an der Freien Universität Berlin und arbeitet seit vielen Jahren als Publizist. Seine Beiträge erscheinen u.a. im SWR2, Deutschlandfunk Kultur und Tagesspiegel.

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5 Gedanken zu “Westliche Selbstkritik und die Feinde des Westens;”

  1. avatar

    Sehr geehrter Herr Sakkas,
    da Sie Philosophie und Geschichte studiert haben, duerften Sie wissen, dass das antike Griechenland erst zur Demokratie aufbluehte, nachdem ein skrupelloser Populist wie Peisistratos (so eine Art Trump der Antike) die Macht an sich gerissen hatte. Erst die Radikalitaet der politischen Raender und die Unvereinbarkeit mancher Ziel mit denen einer Zivilisation foerderte die Demokratie und staerkte die Mitte der Gesellschaft. Es sind die Widersprueche, die zur politischen Entscheidung in einer Demokratie fuehren.
    Woodrow Wilson hat die Weltwaehrung in die Haende von Privatbanken gelegt, er hat durch seine Entscheidung den Ersten Weltkrieg entschieden, er hat den Friedensnobelpreis bekommen, er hat in Behoerden die Rassentrennung eingefuehrt, er hat in Kabinettssitzung Witze ueber Menschen mit afrikanischen Wurzeln gerissen, er hat den Voelkerbund initiiert, er hat einen stabilen Frieden in Europa trotz 14-Punkte-Erklaerung verhindert. Da ist Licht und viel Schatten. Fuer das eine haette er in Haft kommen, fuer das andere geehrt werden muessen. Praesidenten ohne diese zum Teil himmelschreienden Widersprueche gab es auch, leider ist davon nicht viel geblieben.
    Die von Ihnen genannten Namen (Wilson, Luther, Johnson, Kennedy) haben alle keine reine Weste, alle wiesen eklatante Widersprueche auf, und nicht alles, was sie dachten und taten, ist zur Nachahmung geeignet oder taugt als Blaupause und Vorbild. Kennen Sie Menschen, die die Welt bewegten und die ohne Makel sind? Genau das ist unser Problem.

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    „Immerhin hat er es damit den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien ermöglicht, weite Teile Asiens und Afrikas weiter auszubeuten und eventuelle Aufstände ohne Behinderung durch Deutschland blutig zu ersticken.“

    Wo doch die Deutschen zu der Zeit dafür bekannt waren, dieser Ausbeutung aus Idealismus weltweit entschieden im Wege zu stehen …

    Amüsierte Grüsse,
    Thorsten Haupts

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    Erstens ist das Argument, Argument A arbeite Partei B in die Hände, für intelligente Menschen die mit grossem Abstand schwächste Verteidigung gegen Argument A, weil rein instrumentell. Zweitens bin ich diese Art halbgarer Verteidigungen schon sehr lange Zeit ziemlich leid. Der Westen hat 0,00 Gründe, sich selber zu geisseln. Es war die europäische Aufklärung – und NUR die europäische Aufklärung – die zu so bemerkenswerten Entwicklungen wie der vollständigen Abschaffung der Sklaverei (im Westen) oder den grundlegenden Erklärungen von Menschenrechten für alle (!) Menschen geführt hat. Vor ca. 1800 war der Westen wie der Rest der Welt – nicht besser und nicht schlechter. Danach nicht mehr.

    Weshalb ich jedenfalls überhaupt niemandem den Gefallen der Selbstgeisselung tun werde. Yup, wir haben bei der Verwirklichung der Aufklärungsideale immer wieder gefehlt, manchmal massiv. Alle anderen haben mit der Verwirklichung nicht einmal angefangen, case closed.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  4. avatar

    Das ganze Geschwafel hätten Sie sich doch sparen können.
    Geben Sie doch einfach zu, daß der Rassist Wilson für Sie sakrosant ist, weil er die „deutschen Barbaren“ besiegt hat.
    Immerhin hat er es damit den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien ermöglicht, weite Teile Asiens und Afrikas weiter auszubeuten und eventuelle Aufstände ohne Behinderung durch Deutschland blutig zu ersticken.
    Irgendwie passend, daß Sie auch F.D. Roosevelt erwähnen.
    Der Menschenfreund Stalin war ihm unendlich dankbar für die Ausweitung seines Wirkungsbereiches.

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