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Bartholomäus Grill oder: Warum wir weder Herrenmenschen sind noch Neger werden

Mit dem Afrika-Korrespondenten des „Spiegel“ Bartholomäus Grill und seiner zugleich oberflächlichen und anachronistischen Kritik der deutschen Kolonialpolitik habe ich mich vor einigen Monaten in der WELT befasst. Der Artikel ist leider nie online erschienen. Aus Platzgründen konnte ich mich dort nicht ausführlich mit Grills These beschäftigen, „wir“ seien immer noch „vom kolonialen Blick gefangen“.

Das ist deshalb wichtig, weil die Aktivisten und Akademiker, die im Namen der „Dekolonisierung“ unterwegs sind, genau das unterstellen; deshalb bedürfen wir ja der Umerziehung durch eben jene Aktivisten und Akademiker, müssen anstößige Straßennamen verschwinden, Museen gesäubert, die Sprache gereinigt, die Geschichte neu interpretiert werden.

Es ist interessant, wie Grill dieses behauptete Gefangensein begründet: „Afrika, das war in meiner Jugend der Sarotti-Mohr, das Lied von den zehn kleinen Negerlein, die leckeren Mohrenköpfe, das Cola-Weißbiergemisch namens ‚Neger‘, der clowneske Schlagersänger Roberto Blanco oder der Nickneger in der Kirche, der dankbar sein schwarzes Köpflein senkte, wenn man Spenden für die armenafrikanischen Heidenkinder einwarf. Selbst Jürgen Habermas, der linksliberale Chefdenker der Republik, verwendete noch in den 1960er Jahren ganz unbefangen den Begriff ‚Neger‘.“

Auffällig ist, dass in dieser Aufzählung das Meiste Folklore ist. Niemand wird in kolonialen Denkmustern gefangen, weil sie gern „Mohrenköpfe“ isst. (Im stramm „antiimperialistischen“ Albanien konsumierten wir jungen Kommunisten mit Begeisterung ein Gemisch aus Rum und Kakao, das „Lumumba“ hieß.)  Interessant ist auch, dass Grill den begnadeten Sänger Roberto Blanco, dessen Eltern beide aus Kuba stammen, für einen Afrikaner hält und überdies als „clownesk“ bezeichnet: Grills Problem, kein Beweis dafür, dass „wir“ kolonial denken. Und wenn Habermas vor 50 Jahren  den Begriff „Neger“ unbefangen verwendete, so deshalb, weil Martin Luther King in seinen Reden ebenfalls vom „negro“ spricht, wenn er Schwarze oder Afroamerikaner meint.

All diese Beispiele aus Grills Jugend in den 1960er Jahren belegen ja nicht, dass wir heute noch in kolonialen Sprach- und Denkmustern befangen wären. Im Gegenteil. Wir sind dank der Globalisierung und Zuwanderung in Deutschland empfindlicher geworden für die Würde des Anderen und für die Empfindlichkeiten – so empfindlich, dass Worte wie „Zigeuner“ oder „Indianer“ ebenso aus dem Diskurs verbannt worden sind wie die Begriffe „Rasse“ oder „Entwicklungshilfe“. (Das führt in absurder Zuspitzung dazu, dass es keine Möglichkeit gibt zu beschreiben, weshalb nichtreligiöse Juden von den Nazis verfolgt wurden: Es war ja wegen ihrer Rasse, aber Rassen gibt es bekanntlich nicht.) Im Großen und Ganzen bin ich ja für diese Entwicklung – wir überlegen ja auch, inwieweit unser Sprachgebrauch ganz ohne Absicht Frauen, Homosexuellen und Behinderte ausschließt, diskriminiert, entwürdigt. Ausrutscher bestätigen die Regel.

Kolonialismuskritik als Kapitalismuskritik

Grill geht es aber eigentlich gar nicht um den Kolonialismus, denn er wechselt unvermittelt vom „Höllensturz“, den der Kolonialismus angeblich für die Kolonisierten bedeutet habe (ein Pauschalurteil, das ich nicht unterschreiben würde: Indien erlebte den Kolonialismus anders als Südamerika etwa, der Nahe und Mittlere Osten anders als Afrika südlich der Sahara usw. usf.) – in eine Verurteilung des Kapitalismus: „In Immanuel Wallersteins Analysen des ‚modernen Weltsystems‘ kann man nachlesen, wie die globalen Raubzüge jene kapitalistische Megamaschine in Schwung gebracht haben, die in ihrer Gefräßigkeit drauf und dran ist, unseren Planeten zu ruinieren. Zum jüngsten Stand sei Thomas Pikettys ‚Das Kapital im 21. Jahrhundert empfohlen; er untersucht, wie der neoliberale Wachstumskult diesen Selbstvernichtungskurs beschleunigt.“

Piketty falsch verstanden

Es ist immer schlecht, wenn man Bücher empfiehlt, die man selbst nicht gelesen hat. Pikettys großartiges Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ist keine Kritik des „neoliberalen Wachstumskults“. Es ist im Gegenteil ein Buch, das die Folgen einer Verlangsamung des Wachstums untersucht, die Piketty bedauert. Piketty behauptet, dass wir im Westen nach einer „goldenen Ära“ des Wachstums nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem wegen stetiger Produktivitätssteigerung auch die Löhne stiegen und die Einkommens- und Besitzunterschiede weniger ausgeprägt waren, nun in eine Ära eintreten, in der die Rendite auf Kapitalbesitz stärker steigt als das industrielle Wachstum, was auf Dauer bedeute, dass die Reichen immer reicher würden im Verhältnis zu den bloßen Lohnempfängern. Pikettys Buch widmet sich der Frage, ob und wie eine Besteuerung des Kapitals – also des Besitzes – benutzt werden könne, um die Produktivität anzukurbeln oder wenigstens die Entstehung einer neuen Geldaristokratie zu verhindern. Von einem „Selbstvernichtungskurs“ ist im ganzen Buch – meine englische Ausgabe hat 685 Seiten – nicht die Rede.

Hamas-Freund Wallerstein

Was Immanuel Wallerstein betrifft, so ist er ein zutiefst unorigineller Denker, der im Wesentlichen die Lenin’sche Imperialismustheorie – allerdings falsch verstanden – nachplappert. Ein typisches Beispiel seines politischen Denkens liefert folgender Auszug aus einem Essay: „Die israelischen Regierungen begreifen nicht, dass weder Hamas noch Hisbollah Israel brauchen. Israel aber braucht sie, und zwar verzweifelt. Wenn Israel nicht ein Kreuzfahrerstaat werden will, der am Ende ausgelöscht wird, können nur Hamas und Hisbollah das Überleben Israels garantieren. Nur wenn Israel mit ihnen, den tief verwurzelten Sprechern des palästinensischen und arabischen Nationalismus, zu einer Übereinkunft kommt, kann es in Frieden leben.“

Das ist das Kaliber des Denkers, den ein „Spiegel“-Journalist seinen Lesern empfiehlt. Grill war in jungen Jahren Mitglied der von mir mitgegründeten „Liga gegen den Imperialismus“, wo ähnlicher Blödsinn täglich verzapft wurde. Leider scheint er seitdem intellektuell stehen geblieben zu sein.

Achille Mbembe, Israelhasser

Zur Triade der von ihm zitierten Denker gehört Achille Mbembe. Der ist – natürlich, möchte man sagen, da man Grill ein wenig kennengelernt hat – auch ein Israelhasser: In einem Artikel fragt er, ob man Israels Politik gegenüber den Palästinensern als Apartheid bezeichnen könne, und kommt zum Ergebnis: „(D)ie Auswirkungen des israelischen Projekts (sic) auf den palästinensischen Körper sind viel einschneidender als die relativ primitiven Operationen des Apartheidregimes in Südafrika zwischen 1948 und den frühen 1980er Jahren. (…) Das zeigt sich in seiner fanatischen Politik der Zerstörung, die darauf abzielt, das Leben der Palästinenser in einen Ruinenhaufen zu verwandeln oder in einen Abfallhaufen, der gesäubert werden soll. In Südafrika erreichten die Schutthaufen nie solche Ausmaße.“

Wir werden alle Neger

Aber gut: Mbembe hat keine Ahnung von Israel, war nie dort, geschweige denn in den von der Hamas oder der Fatah regierten Gebieten und ist Opfer des in Südafrika verbreiteten Antisemitismus, der sich als „Israelkritik“ tarnt. Sei‘s drum, oder „So what else is new?“ Fast noch schlimmer ist seine Analyse – „Analyse“ – der Weltwirtschaft, die Grill zustimmend zitiert: „Der Philosoph Achille Mbembe verwendet für die Subjekte (Grill meint Objekte, A.P.) der weltweiten Ausbeutung den Sammelbegriff ‚Neger‘.“ (Er darf das, er ist schwarz.) „Wenn er postuliert, die Erde werde schwarz, meint er damit, dass rundum den Globus immer mehr Menschen erleben, was einst den kolonisierten Völkern widerfuhr: Sie finden sich wieder in der Condition negré, im wachsenden Heer der Verlierer, Armen und Ausgegrenzten.“ Im zitierten Artikel erklärt Mbembe die Muslime und Schwarzen bereits zu den „Juden von heute“, nun kann sich Grill darauf freuen, statt Herrenmensch endlich Schwarzer zu sein. Die alte Marx‘sche Verelendungstheorie im gar nicht so neuen Gewand.

Die Verelendung findet nicht statt

Wie verhält es sich damit? Ich mache es kurz. Paul Collier, der wie Grill als Student in einer antiimperialistischen Organisation aktiv war, aber im Gegensatz zu Grill sich intellektuell seitdem entwickelt hat, der im Gegensatz zu Mbembe kein Philosoph, sondern ein Ökonom ist, der also statt mit Fiktionen mit Fakten zu tun hat – Paul Collier also schreibt in seinem sehr lesenswerten Buch „The Bottom Billion“ (2007), das Grill natürlich nicht zitiert, weil ihn Fakten so wenig interessieren wie Mbembe: „Die Dritte Welt ist geschrumpft. Vierzig Jahre lang bestand die Herausforderung der Entwicklung in einer reichen Welt von einer Milliarde, der eine arme Welt von fünf Milliarden gegenüberstand. (…) Die meisten dieser fünf Milliarden, etwa 80 Prozent, leben in Ländern, die sich tatsächlich entwickeln, oft mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Die wirkliche Herausforderung der Entwicklung besteht darin, dass es eine Gruppe von Ländern am unteren Ende gibt, die dabei sind, zurückfallen, ja in vielen Fällen auseinanderzufallen. (…) wir müssen lernen, die bekannten Zahlen umzudrehen: eine Gesamtzahl von fünf Milliarden, die bereits im Wohlstand leben oder wenigstens auf dem Weg dorthin sind, und eine Milliarde, die unten festsitzen.“ (Meine Übersetzung, A.P.)

So viel dazu, dass die Welt schwarz wird.

So viel zu Marx, Lenin, Wallerstein, Mbembe und den anderen Propheten des Weltuntergangs.

Es ist Zeit, die Liga gegen den Imperialismus zu verlassen, Kollege Grill. Sie haben nichts zu verlieren als Ihre Vorurteile. Und eine Welt der Fakten zu gewinnen.

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72 thoughts on “Bartholomäus Grill oder: Warum wir weder Herrenmenschen sind noch Neger werden

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    Man könnte in gewissem Maße auch von einer ‘kulturellen Aneignung’ sprechen, was eigentlich ja eher aus dem linksfeministischen Milieu heraus kritisiert wird, also wenn z.B. ein Jüngling aus einem gut situierten weißen Elternhaus einen auf Bronx-Gangstarapper macht. Oder deutsche Schüler auf einmal Türkenslang sprechen (..weissu). Ich persönlich finde das alles ja nicht schlimm, eher etwas ungesund-anstrengend-zeitverschwendend-nicht-authentisch, für die die sich so ausprobierende Jugend, vielleicht auch ein bisschen rassistisch, aber das gehört ja schließlich auch dazu, wenn man ‘Ethnien’ irgendwie toll findet. Wie gesagt, linke Vorspinner machen auch daraus Kolonialismus. Die bösen Israelis z.B. haben sich ja auch den Falafel von der dortigen ‘indigenen Bevölkerung’ kulturell angeeignet. Also auch dort dieses ständige Jungstudentenzeugs bis man Kopfschmerzen bekommt und jemanden, wie Trump wählt.
    Kulturelle Aneignung also. Würde aber ich mich als Angehöriger einer Minderheit fühlen oder so (identitär?) definieren, könnte es aber schon sein, bzw. wäre es sogar wahrscheinlich, daß ich mich von den linken Überdenkern geradezu in die Schublade ‘Opfer’ einsortiert sehen würde – und das würde mir wohl nicht gefallen. Sie drückt dann meiner Kultur den Opferstatus auf. Sie benutzt diese Kultur für ihr Narrativ. Das wäre auch Aneignung. Das Sammelsurium linker Ideen und Eifereien wird immer inkonsistenter.
    Da es nun vielen Minderheiten besser geht, als vor 40 Jahren, machen das viele nicht mehr mit (sich als Opfer einsortieren zu lassen), so daß sich Linksintellektuelle immer neue Opfergruppen erschließen müssen.

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      Wenn einmal die Mehrheit der Menschen beschließt, sich die Kultur weißer alter Männer wie Kant und Jefferson, Schiller und Shelley, Voltaire und Montesquieu nicht mehr anzueignen (und daran arbeiten manche durchgeknallte Akademiker*innen), dann ist es um die Menschheit geschehen.

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    Das eine ist Kapitalismuskritik. Wenn der Kapitalismus für die Segnungen der letzten Jahrzehnte zuständig war liegt es ja recht nahe, ihn auch für die Schattenseiten verantwortlich zu machen. Wenn man etwas aus dem Zeitalter des Kommunismus mitnehmen sollte, dann bestimmt, dass das Argument, eine Theorie wurde nur nicht richtig umgesetzt, doch eine ziemlich hohle Entschuldigung für systemische Entwicklungen ist. So weit, so banal. Etwas anderes ist das Umschreiben von Geschichte und Geschichten. Huckleberry Finn macht ohne den Begriff „Nigger“ keinen Sinn, Jim riskiert sein Leben nicht, weil er Lust auf eine Floßfahrt hat. Ein Dom ohne antisemitische Figuren macht keinen Sinn, weil man ohne sie die absolute Überzeugung des Glaubens, der sie hervorbrachte, nicht verstehen kann. Ohne Geschichten wie sie sind, wird man Geschichte nicht verstehen, wie sie war. Verträgt man das nicht, sollte man auf Historie doch lieber verzichten. So gehören auch die Orte der Ausstellung zur Geschichte der Geschichte. Eine gerechte Lösung kann es nicht geben, höchstens einen guten Ausgleich. Die Büste der Nofretete hat eine Geschichte und die brachte sie nach Berlin, so auch der Schatz des Priamos seine Geschichte hat und nun in Moskau weilt. Die Rückabwicklung von Geschichte ist immer ein schwieriges Ding, weil es auch immer um Sieger und Besiegte geht. Eine Niederlage in einen Sieg oder zumindest ein Unentschieden umzudeuten, Seiten zu verwischen, bedeutet in den meisten Fällen, die Geschichte umzuschreiben, statt sie anzunehmen. Deutschland wurde 45 nicht befreit, es wurde besiegt. Manschen waren vor ein paar Generationen Nigger. Will man ein rassistisches Erbe überwinden, muss man es erst mal annehmen und nicht umdeuten oder sich von ihm distanzieren. Das gilt auch für Besiegte. Die ägyptischen Araber haben ihr Erbe nicht geschätzt, die Osmanen haben dem Balkan auch kulturellen Fortschritt gebracht, etc. Wer das nicht erträgt, sollte sich nicht mit Geschichte beschäftigen, man kann auch gut ohne sie leben.

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      Mir ist das zu viel Geschichte (ein Fach, das ich in der Schule schon nicht mochte). Man kommt nicht drum herum, sich mit ihr zu beschäftigen, aber man muss die Vergangenheit nicht permanent konservieren, feiern oder ihrer gedenken (mit Feiertagen, Mahnmalen, Denkmälern, Gedenkschriften und wasweißich noch alles). “Geschichte ist ein Albtraum, aus dem ich zu erwaschen suche”, meinte Stephen Daedalus. Wir sind hier nicht am Ende der Geschichte angelangt und müssen nicht alles so konservieren, wie es geworden ist, so lange es geht (den das ist sowieso zum Schweitern verurteilt). Deshalb kann man keinerlei Argument aus der Tatsache, dass irgendwas so ist, wie es ist, dafür ziehen, dass es auch so bleiben soll. Die Geschichte der Nofretete-Büste ist nicht in Berlin zuende gegangen. Wenn es aus bestimmten Gründen (z.B. weil sie jemandem gehört, dem sie gestohlen worden ist) richtig wäre, sie woanders hinzubringen, dann sollte man das auch tun und sich (und seinen Besitz) nicht mit der Geschichte herausreden.

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        …kleine Selbstkorrektur: Es gibt doch ein generelles Argument für den Erhalt des Bestehenden: “Never change a running system”. Aber das ist kein geschichtliches (sondern funktionales) Argument.

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        Lieber Roland Ziegler, es ist kein Zufall, denke ich, dass im Alduous Huxleys “Schöne Neue Welt” einer der wichtigsten Grundsätze des Heiligen Ford lautet: “History is bunk”: Geschichte ist Blödsinn. Auch in George Orwells “1984” ist ja Winston Smith tagtäglich damit beschäftigt, die Parteizeitung nachträglich so umzuschreiben, dass sie schon immer auf dem Stand der aktuellen Parteilinie war, die sich natürlich ständig ändert. Ich weiß nicht, ob sie diese Romane kennen. Sie zeigen, dass der Verlust der Geschichte eine der Hauptvoraussetzungen für die Errichtung einer totalitären Ordnung ist.

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        Diese These (dass der Verlust der Geschichte eine Hauptvoraussetzung für eine totalitäre Ordnung ist) ist sicher nicht falsch, aber übertrieben und auch ungenau. Übertrieben, weil es andere, m.E. wichtigere Voraussetzungen gibt. Ungenau, weil gerade totalitäre Ordnungen sich besonders gerne auf die Geschichte beziehen und in der Wirklichkeit, anders als im Roman, eben nicht die Geschichte ablehnen, sondern sich aus ihr begründen. Das 3. Reich war eben ein drittes Reich, d.h. es folgt einem ersten und zweiten. Usw.
        Dabei wird Geschichte zu einem Mythos. Mir ist daher schon klar, dass die Beschäftigung mit sagen wir: Realgeschichte unverzichtbar ist, wenn man sich mit Gegenwart und Zukunft beschäftigen möchte. Aber man muss es ja nicht gern tun und auch nicht immer und überall.

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        …Zur Erläuterung: Leute wie Erdogon, Putin usw. sehen sich als von der Geschichte auserlesene Anführer, sie knüpfen an glorreichere Zeiten. Ihre Anhänger machen gerne mit, feiern sie als ihre neuen Helden und sich selber als Teil einer großartigen Helden-Saga. Diese geschichtliche Saga nimmt heutzutage das ein, was früher mal die Rolle der Religion war. Geschichte, mystische Geschichte ist zum Opium des Volkes geworden.

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        …in einem mittelhochdeutschen Seminar habe ich seinerzeit gelernt, dass man bereits im Mittelalter von Faktenwahrheit nichts, aber von “bedeuteter Wahrheit” alles gehalten hat. So wie heute. So kamen zum Beispiel die Heldenlegenden zustande. Fakten fochten die nicht an, es ging nur um die symbolische Bedeutung. Ob jetzt der Bischof nun wirklich geläutert und heilig war, oder nur ein raffinierter Trickser, war egal. Das war bedeutungslos, auf die Geschichte kam es an. Dasselbe kann man auch heute im Zeitalter von “Fake News” über das Selbstverständnis von Trump u. co. sagen. Dem ist es ebenfalls egal, ob die Aussagen stimmen, Hauptsache die Richtung stimmt. Und die wird natürlich von dem vorgegeben, was er als Geschichte wahrnimmt. In der er seinen Platz und seine Funktion einnimmt. Genauso wie im Mittelalter.

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        Alles, was Sie sagen, lieber Roland Ziegler, bestätigt doch meine Ansicht. Geschichte – verstanden als “das, was war” – ist der Gegensatz zum Mythos – das, was hätte sein sollen -, auf den sich der Totalitarismus beruft. Und Erinnerung – also Geschichte – ist der Gegensatz zum ewigen Jetzt, indem das, was ist, als die einzig mögliche Form des Daseins erscheint, als richtig, weil alternativlos: davon träumen Marketing-Gurus und Bewusstseinsmanipulateure. Wenn aber die Vergangenheit anders sein konnte, kann auch die Zukunft anders sein.

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        Björn Höcke ist Geschichtslehrer, sicher kein Zufall. Solche Typen haben mir die Beschäftigung mit Geschichte verleidet. Sicher, man muss gegenhalten, und insofern sich auch mit Geschichte beschäftigen: um die zu widerlegen. Eine mühsame Arbeit gegen den Mythos.

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        Ja, dem kann und will ich nicht widersprechen. Geschichte als seriöse Wissenschaft ist jedenfalls unterstützenswert.

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        Geschichte hat eine wissenschaftliche Grundlage und unterliegt wissenschaftlichen Grundsätzen. Geschichten dienen der Selbstvergewisserung, Identitätsbildung und (nicht unwichtig) der Unterhaltung. Beide haben ihren Sinn. Die Geschichten, die mich am meisten inspirierten, beeindruckten und prägten, sind nach wissenschaftlichen Maßstäben totaler bullshit. Trotzdem erzähle ich sie meinen Kindern, weil sie, wie eine gute Geschichte es ja sollte, eine Moral haben. Solange ein Mythos ein Mythos bleibt, ist er doch eine wunderbare Sache (oder kann es sein), solange die Pointe im Mittelpunkt steht. Geschichte hat keine Pointen. Ich hatte als Kind den Sammelbilderband „Bilder deutscher Geschichte“, und, durch Partisanengeschichten geschult, verstand ich sofort die Darstellung des Freiheitskampfes gegen Napoleon. Das war mit 10 Jahren mein größter Schatz, die Bilder vom alten Blücher. Wir gegen die, Freiheit oder Tod. Ich war eher überrascht als ich feststellte, dass das mal (1936) alles wörtlich genommen wurde. Ohne es zu einer Ideologie gerinnen zu lassen, ich glaube, solche Geschichten können zur freiheitlichen Charakterbildung beitragen. Die Schule steuerte dann Fakten wie den Code Civil dann bei (ala was haben uns die Römer/Franzosen/Türken/Deutsche denn wirklich gebracht…). Ja ich weiß, argumentativ dünnes Eis, weil alles zwei Seiten hat und ich auch zugeben muss, dass eine nicht immer vom anderem auf Anhieb unterscheiden zu können. Ich kann mir vorstellen, Höcke als Erzähler der alten Sagen gerne zu lauschen (zumindest manchen), als Lehrer halte ich ihn für komplett ungeeignet.

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        Man mag es nicht gerne hören, aber der Grund dafür, dass die Nofretete in Berlin steht, ist nicht, dass die Araber zu arm waren, sie zu erhalten und deswegen der böse Westler sie ihnen wegnehmen konnte. Der Grund ist, dass die Nofretete zur Nofretete wurde, als sie ein westlicher Forscher dazu erklärte. Erst da entstand eine arabische Archäologie und was danach gefunden wurde, blieb auch da (Schwarzmarkt ausgenommen). Damit gehört sie nicht dem Westen, aber bestimmt ist sie in einem westlichen Museum, der Welt als Weltkulturerbe zugänglich, nicht schlechter aufgehoben, als in einem Museum in einem Land, dem sie Jahrhunderte nicht mal egal war. Die Geschichte der Nofretete gehört untrennbar zum ägyptischen Kulturerbe, aber nicht die Geschichte der Büste. Zu deren Geschichte gehören auch deutsche Archäologen und das deutsche Museum, die aus einem Gipskopf ein Weltkulturerbe machten. Ich verstehe, wenn man Artefakte an Länder zurückgibt, die nicht mehr viele Zeugnisse ihrer Geschichte haben (Macron und die Masken), aber die arabischen Länder gehören bestimmt nicht dazu. Es entscheidet der Einzelfall.

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        In der Tat. Ich war nun schon zwei Mal in dem wunderbaren Nationalmuseum in Kairo (am Tahrir-Platz), und es hat nicht genügend Platz um die vielen Schätze, die es besitzt, auch auszustellen. Nun wird direkt an den Pyramiden ein neues Nationalmuseum gebaut, und vielleicht hat es ausreichend Platz. Auf jeden Fall hat man, wenn man das Museum besucht, nicht das Gefühl, dass die Nofretete fehlt.

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        Ich hab gerade gesehen, dass es in diesem Gedankengang ja noch weitergeht. Also Stevan, ich finde diese Idee mit der Geschichte und den Kunstgegenständen, die von der Geschichte an ihren würdigen Bestimmungsort getragen werden, der zufälligerweise hier bei uns ist, nicht überzeugend. Wenn die Geschichte dafür gesorgt hat, dass die Nofretete hier in Berlin ist und angemessen gewürdigt wird, dann ist diese Tatsache kein Argument dafür, dass das auch so bleiben muss. Sondern es ist eben Geschichte und damit Vergangenheit. Vor allem dann, wenn es einen rechtmäßigen Besitzer gäbe, was nicht der Fall ist, denn die Nofretete ist als Weltkulturerbe gewissermaßen enteignet worden. Als Weltkulturerbe sollte sie dorthin, wo sie am besten geschützt und präsentiert werden kann. Warum sollte das hier in Berlin sein?
        Wenn “die Geschichte” solche Sachen herbringen konnte (eigentlich bringt nicht die Geshcichte sie her, sondern bestimmte Leute haben diese Sachen hierhergebracht und einige davon schlicht geklaut), dann kann sie sie genauso gut auch wieder zurückbringen. Oder woandershin. Warum z.B. nicht in eine vernünftige Ägyptologiesammlung wie im Hildesheimer Römer-Pelizaeus-Museum? Wenn schon.
        Und wie sieht es bei afrikanischen Kunstgegenständen aus, die hier gar nicht ausgestellt, sondern im Keller eingemottet werden?
        Wenn mir einer meine Gitarre klaut, möchte ich von dem Dieb auch nicht hören, dass die Geschichte dafür gesorgt hat, dass die Gitarre nun woanders ist und von jemandem gespielt wird, der es besser kann als ich, sondern ich möchte meine Gitarre zurück und sie selber spielen.

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        …und zum Mythos: Auch ich lausche alten Sagen gerne. Joyce, dessen Held so gerne aus dem Albtraum der Geschichte erwachen würde, lässt ihn durch einen durch und durch mythologisch aufgeladenen Alltag reisen (als reinkarnierten Telemach wider Willen). Was will man machen. Aber es wäre jedenfalls wünschenswert, dass man sich wenigstens ähnlich engagiert wie bei den Streitereien um die richtige Interpretation der Vergangenheit auch um die Gegenwart und Zukunft bemüht.

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        …übrigens ist die Frage, wer der rechtmäßige Besitzer eines ausgestellten “Fundstücks” ist, ja selber eine eminent geschichtliche Frage. (Anders als ich es hier den Eindruck erweckt habe.) D.h. der Standpunkt, den ich hier gerade entwickle, ist geschichtlich motiviert. Denn die Fragen, wer was wann und wo geschaffen hat und mit welchen Intentionen, sind historische Fragen. Also haben wir zwei historische Fragenkomplexe: 1. die nach dem Eigentümer und 2. die nach dem, was Sie als Geschichte bezeichnen: Wie kam das Ding hierher?

        Welcher Fragenkomplex ist also wichtiger? Hier würde ich sagen, dass diese letztere Frage nach dem “Weg” schon auch relevant ist, aber eindeutig weniger wichtig als die erste Frage nach dem Künstler und in dessen Folge dem Eigentümer. Entsprechend richtet sich auch das Interesse der Besucher in erster Linie auf die Skulptur und seine Entstehungsbedingungen und – wenn überhaupt – erst in zweiter Linie auf die Frage, wie es seinen archäologischen Weg hierher ins Museum gefunden hat.

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      Man kann aus der Geschichte nicht lernen, wenn man die Beweggründe der Täter nicht versteht und vielleicht auch nachzuvollziehen versucht. Einfache Abkapselung (‚Nazi-Deutschland‘) oder die Anschaffung eines neuen Mobiliars (Umbenennung von Straßen) birgt als Scheinheiligkeit bereits das nächste Unheil. Oder, um Reich-Ranicki zu zitieren: „Hitler war ein Mensch und kein Elefant oder sowas“. Es bringt z.B. nichts, wenn ein deutscher Außenminister betont „ich bin wg. Auschwitz in die Politik gegangen“ um dann beim nächste Unheil (Irans Atombombe) zu kneifen. Es geht mir (überhaupt hier) nicht darum ‚der Linken‘ eins auszuwischen, sondern ich versuche darauf hinzuweisen, wie unreflektiert sie ist.

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        Aktueller Fall: ‚Wir‘ haben in D ganz offensichtlich nichts mehr mit Kernkraft zu tun, bzw. meinen es. Weil ‚wir’ ja aussteigen wollen (ich nicht). Nach Tschernobyl, logisch, nach Fukumishima, nicht ganz so logisch. Da bauen die Russen zwischenzeitlich (wieder) diese nuklear betriebenen Raketen, in denen ein offener Reaktor kurz vor der Kernschmelze mit Gas durchströmt wird, daß dann unter hohem Druck freigesetzt wird, um die Rakete anzutreiben: Nukleare Umweltverseuchung als Funktionsprinzip, gewollt, nicht in Folge eines Unfalls. Wo der Aufschrei der ‚Grünen‘, von ‚Greenpeace‘ usw. Wo ‚die Lehren aus der nuklearen Geschichte‘? nIcht nötig, wir sind ja jetzt die Guten. Da darf man schon mal den Putin etwas schonen, weil man seine Pfründe vom bösen alten weißen Mann in Washington doch mehr bedroht sieht. Der Umgang mit Geschichte dient allzu sehr der Selbsvergewisserung und Selbstbestätigung. Analyse kostet anscheinend Zuviel Aufwand an Ehrlichkeit.

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        Kann sein, lieber Klaus J. Nick. Kann aber auch sein, dass die Grünen, die am entschiedensten gegen Nordstream2 gekämpft haben und als Atomkraftgegner allen Grund hätten, Putins havarierte Rakete propagandistisch auszuschlachten, einfach langsam reagieren, weil noch Ferien sind. Warten wir ein bisschen ab.

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        Ich würde es auch eher unter Sommerpause verbuchen, dass die Grünen nicht protestieren. Die sind in Hinblick auf Putin eigentlich als einzige sehr eindeutig. So eindeutig, dass es schon spannend wäre zu sehen, wie sie auf das nächste Verballern von Tonnen an Uranmunition auf ein leicht gepanzertes Fahrzeug im Namen der Freiheit reagieren. Gute Verseuchung/schlechte Verseuchung? Das wäre ein wirklicher Konfliktstoff. Dass ein rücksichtloser Diktator rücksichtlos ist…nun ja, es gibt wirklich Leute, die das nicht glauben wollen, aber wirklich wichtig ist die Kommentierung nicht. Das überrascht nur Leute, die vom Baum gefallen sind und die haben sich den Titel Putinversteher redlich verdient.

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        Lieber Stevanovic, wenn ich „Putinversteher“ sein soll, weil ich auf unverantwortliche militärtechnische Experimente, die Tschernobyl-ähnliche Folgen erwarten lassen, hinweise und mich zu Recht darüber wundere, daß sich unsere ansonsten so medial-alerten Unweltschnüffelnasen jeden NO2-Dieselfurz zum Massenmord stilisieren, klingt das für mich sehr nach Agitprop, oder, wie man diesen Nahkampf nennt. Wählen Sie von von mir aus die sog. „Grünen“ bis in Ihr nächstes Leben hinein, aber, unterlassen Sie diese Unterstellungen. Ich bin weder Putin, noch Versteher von irgendwem sonst. Ich möchte nur verstehen. Dementsprechend Abstand. Danke.

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        Lieber Klaus J. Nick, ich habe Stevanovics Kommentar noch einmal gelesen, und ich meine, das mit den “Putinverstehern” ist gar nicht auf Sie gemünzt.
        Ich bin selbst irritiert, wie wenig Aufruhr es in Deutschland wg. der russischen Raketentests gibt, aber mir scheint, da sind die Grünen leider in guter – schlechter – Gesellschaft.

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        @ KJN
        Wenn ich meinen Beitrag lese, scheint er mir vollkommen klar. Wenn ich Ihre Antwort lese, frage ich mich, was ich da geschrieben habe. Ich werde versuchen, das nächste Mal auch für andere deutlicher zu sein.

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        @Klaus ./. Stevanovic ./. APo

        … doch, doch, Klaus hat schon recht, die ‘Grünen’ machen in eigener Sache – mit Stevanovic(s)? Worten – immer ‘Urlaub’; ob Pädophilie und Rechtsbrüche, Klimaphobie oder völkerrechtswidrige Kriege. Als ‘Grünenversteher’ will man das nicht sehen. Warum eigentlich?

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        … im Übrigen bin ich dafür, dass Trump Mecklenburg/Vorpommern kauft. 1,00 Dollar genügt. Warum? IN GOD WE TRUST

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    “Bei der Gattung Mensch ist die Anwendung des Begriffs ,Rasse‘ völlig unsinnig.” (Luigi Luca Cavalli-Sforza)

    Mehr ist dazu nicht zu sagen.

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      Hängt alles davon ab, was mit dem Begriff “Rasse” ausgedrückt werden soll, ob man ihn also im Sinne von Ethnie, also für qua genetischer Variation unterscheidbare Gruppen innerhalb einer Spezies, oder im Sinne der biologischen Kategorie “Art” verwendet. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch “wird der Begriff seit Beginn des 20. Jahrhunderts nur noch für subspezifische Gruppen unterhalb der Ebene der Art verwendet; und ist damit synonym zum Begriff der Unterart.”

      https://de.wikipedia.org/wiki/Rasse

      Rein logisch könnte man den Begriff also auf Großgruppen innerhalb der Spezies “Homo sapiens” anwenden, was aber als obsolet betrachtet wird weil “Die sichtbaren Unterschiede von Menschen aus verschiedenen Kontinenten führen nicht zu objektiv abgrenzbaren Gruppen, da die Übergänge fließend sind.” Naja, wenn sich Angehörige verschiedene Katzenrassen miteinander paaren und vermischen, sind die Übergänge auch fließend, aber man würde wohl immer noch von “Rassen” sprechen. Im Prinzip ist es aber auch egal, da bei dem Begriff “Ethnie” wohl jeder weiß, was gemeint ist.

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        Ich bin, wie regelmäßige User dieser Website wissen, notorisch lax in Sachen Begrifflichkeit. Wenn man weiß, was gemeint ist, sollte man sich nicht an Wörtern aufhängen.

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    Gar nicht mal so übel der Text, womit immerhin widerlegt wäre, dass Linke per se in einer Fantasie-Welt lebten und unter Realitätsverlust litten (wenn ich recht in der Annahme gehe, dass sie A.P. sich als links betrachten). Wozu dann aber der Passus “Im Großen und Ganzen bin ich ja für diese Entwicklung”. Na gut, kommt darauf an, welche Entwicklung gemeint ist. Dass die Sprache sich entwickelt und sich verändernden Bedingungen folgt, ist wünschenswert, normal und war tatsächlich auch immer so. Von oben verordnete Sprachregulierungen im Sinne der PC lehne ich allerdings ab. Das ist unnötig, kontraproduktiv und wird immer Widerstand hervor rufen. Dass der Sprachgebrauch auch so einem sich wandelnden gesellschaftlichen Bewusstsein folgt, zeigt bspw. ja gerade das allmähliche Verschwinden des Begriffs “Neger” aus dem Alltagswortschatz, ohne dass es darum irgendwelche ideologischen Grabenkämpfe gab.

    Speziell den Deutschen einen “kolonialen Blick” zu unterstellen ist ohnehin nicht übermäßig überzeugend, da die deutsche Kolonialzeit, nun ja, nicht gerade besonders lange währte. Mit Tatsachen und Fakten braucht man irgendwelchen antiimperialistischen, so wie im übrigen allen Ideologen, nur leider gar nicht erst zu kommen.

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      Aber warum geben Sie sich als preußischen König aus? Es reicht doch, dass Sie einen “von” im bürgerlichen Namen haben. Warum benutzen Sie den nicht?

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        Na gut, heute mal ohne Maskerade. Den preußischen König habe ich gewählt, weil als Symbolfigur für einen aufgeklärten Konservatismus steht, dem ich mich verbunden fühle. Schade, dass die meisten beim Stichwort Preußen heute vorwiegend an den unglücklichen letzten Regenten aus dem Hause Hohenzollern denken. Apropos Preußen eine verpasste Gelegenheit ihrerseits, mich auf die weniger bekannten kolonialen Bestrebungen Brandenburg-Preußens aufmerksam zu machen. Sozusagen eine Vorgeschichte zum eigentlichen deutschen Kolonialismus ab 1880.

        https://de.wikipedia.org/wiki/Kolonien_deutscher_L%C3%A4nder_vor_1871#Brandenburgisch-Preu%C3%9Fische_Kolonien

        Interessieren würde mich jetzt aber noch ihre Haltung zur Frage der Sprachentwicklung, ob man da also seitens einer Sprachpolizei regulativ eingreifen, oder besser die Sprache sich organisch selbst entwickeln lassen sollte.

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        Potsdamer Rex Pils “Riecht genau wie das Berliner Pils”. Das spricht ja nicht unbedingt für diese Potsdamer Biermarke. Bei Fridericus Rex muss ich eher an die Schallplattensammlung meines Großvater, Gott hab ihn selig, denken.

        https://www.youtube.com/watch?v=R0lNtFh9Z6E

        …aber zur Sache: Wenn man die PC als dasjenige für die Sphäre des öffentlichen Diskurses betrachten würde, was die Höflichkeit für die Sphäre des öffentlichen Zusammenlebens bedeutet, wäre ich wohl auch nicht unbedingt dagegen. Nur leider befürchte ich, dass diese Analogie höchstens begrenzt trägt. Nun ist der Artikel von 2009, und das ist aus heutiger Sicht fast so etwas wie eine andere politische Epoche. Soll heißen, dass die PC in ihren Anfängen und milderen Formen vielleicht durchaus in der von ihnen beschriebenen Weise betrachtet werden konnte. Schon damals benennen sie bedenkliche Übertreibungen, die sie aber wohl als unglückliche Verirrungen eines im Kern sinnvollen Prinzips.

        Allerdings denke ich, dass diese Fälle dem Prinzip der PC inhärent sind. Was man, heute, daran erkennt, dass die Tabuzonen immer mehr ausgeweitet wurden. Nationalitäten von Straftätern, um ein kontrovers diskutiertes Thema aufzugreifen, werden in den Medien i.d.R. nicht genannt, obwohl bei bestimmten Deliktformen inzwischen ohnehin jeder weiß, was die Stunde geschlagen hat.
        Die “Forderung der politischen Korrektheit, die kulturelle und ethnische Differenz eher als Gewinn zu feiern” kann in Zeiten massiver Folgeprobleme einer ungesteuerten Migration nur zu kognitiver Dissonanz führen. Ob das von ihnen angeführte „-Innen“ bei Personenbezeichnungen irgendetwas zum Besseren verändert hat, darüber kann man sich vielleicht noch streiten, zumindest hat es die Sprache nicht allzu sehr verschandelt, man konnte und kann damit leben. Allerdings bleibt man dabei nicht stehen, manche fordern schon, jede geschlechtliche Kennzeichnung aus der Sprache zu tilgen, weil angeblich diskriminierend. Mal sehen, wann es soweit ist, das Sternchen setzt sich ja allmählich schon durch.

        https://www.tagesstimme.com/2019/07/24/zuordnung-nach-geschlecht-laut-genderexpertin-diskriminierend/

        Gut, ich will es jetzt nicht allzu lang machen. Man könnte jedenfalls noch eine ganze Menge Beispiele aufzählen, sie selbst führen ja die Umbenennung von Straßennamen an, um die “dunklen” (jedenfalls aus heutiger Sicht) Seiten der Geschichte aus dem Straßenbild und dem Bewusstsein zu tilgen. Eine ähnliche Funktion hat wohl das Umschreiben von Kinderbüchern, und die Tilgung “unkorrekter” Begriffe wie “Eskimo” oder “Hexe” z.B. aus Pipi Langstrumpf.

        In der Konsequenz läuft PC auf eine Einengung des Denkens, auf die Ausblendung unerwünschter Aspekte der Realität aus der Sprache bzw. dem Diskurs hinaus. Im falle von “Gender” auch auf eine ideologische Abrichtung der Sprache. Das halte ich für einer Demokratie, einem System das sich als “freiheitlich” versteht, für unwürdig.

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        Ja, aber ist es nicht der Sinn von Ironie und Provokation, dass sich jemand beleidigt fühlt? Wieso fühlt sich der Autor beleidigt, wenn andere sich beleidigt fühlen?

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        Naja, Ironie und Provokation nehmen es zumindest in Kauf, dass sich jemand beleidigt fühlen könnte. Die Frage ist nur, ob dieses sich beleidigt fühlen zum alleinigen Maßstab gemacht werden sollte. Wenn in einem Werbespott “ein Elektro-Golf an einer jungen Mutter mit Kinderwagen” vorbeirauscht (Vorwurf: Frau ist passiv), kann ja wohl nicht ernsthaft von einer Diskriminierung die Rede sein. Natürlich muss immer eine Linie gezogen werden, aber im Sinne der freien Rede (freedom of speech) darf die Definitionsmacht nicht allein beim “Beleidigten” liegen, sonst landet man in der Tat irgendwann bei den berüchtigten “microaggressions” der amerikanischen Campuskultur.

        Der Autor verweist auf “England, Heimstatt des trockenen Humors”. Dort gab es bspw. die Monty Pythons, die mit ihrem Humor das “beleidigtsein” aller möglichen Gruppen herausgefordert haben. Wäre so ein Humor heute noch möglich?

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        There are Jews in the world
        There are Buddhists
        There are Hindus and Mormons, and then
        There are those that follow Mohammed, but
        I’ve never been one of them
        I’m a Roman Catholic, …

        … können ja nicht alle perfekt sein. 😉

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        “Every Sperm is Sacred”. Diese Art katholischer Sexualmoral hatte Adenauer wohl im Sinn, als er meinte “Kinder bekommen die Leute immer”. Nun, er hat sich getäuscht, weil sich eher dieses Modell durchgesetzt hat…

        https://www.youtube.com/watch?v=PDBjsFAyiwA

        Nun ja, Böhmermann, absolut geschmacklos, aber schon richtig, dass es keine juristischen Konsequenzen hat. Wobei das Problem zumeist auch nicht unbedingt juristischer Natur ist sondern dass, in vorauseilendem Gehorsam, sehr häufig den Empörungswellen nachgegeben wird, die über die sozialen Netzwerke anrollen. Was die Frage “diskriminierender” Werbung betrifft: “357 Fälle prüfte das Gremium(…)Nur fünf öffentliche Rügen wurden ausgesprochen(…)In den allermeisten der kritisch gesehenen Fälle hätten die Unternehmen die Reklame verändert oder eingestellt”. Hätten sie also, rein juristisch, nicht gemusst, auch nicht im Falle einer tatsächlich erfolgten Rüge.

        Anders in England, wo mit dem neuen “Advertising Standards Authority” tatsächlich eine harte juristische Handhabe besteht.

        Auf der anderen Seite hat diese ganze Entwicklung auch eine gewisse Dialektik, indem sie im Prozess der Selbstverschärfung just auch ihr Gegenteil hervorbringt, nämlich verbale Enthemmung und den Tabubruch als scheinbare Tugend. In den USA, die für uns in Europa des öfteren ja als Fenster in die Zukunft gelten können, ist das sehr gut zu beobachten. Die rücksichtslose und teilweise brutale Rhetorik Trumps und des dortigen Populismus (und deren Erfolg!) kann man nur vor dem Hintergrund einer durch Tabus und “antidiskriminierender” Sprachregelungen, der Kultur der PC eben, geprägten und gespaltenen Öffentlichkeit begreifen.

        Naja, bei uns ist diese Dynamik im Grundsatz ja ebenfalls zu beobachten…

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    Herr Posener, nur mal am Rand: “Es war ja wegen ihrer Rasse, aber Rassen gibt es bekanntlich nicht.” Hexenverbrennungen fanden auch statt, obwohl es keine Hexen gibt. Was die Museen angeht, die “gesäubert” werden sollen: Sofern es sich um Beutekunst handelt, die unrechtmäßig hierher verschleppt wurde, muss man die zurückgeben. Wie ich gehört habe, sollen die Keller einiger Museen geradezu über vor solchen Sachen überquellen. Die werden nicht ausgestellt, weil es gar keine Ausstellungsflächen für solche Mengen gibt. Wenn sich hier die rechtmäßigen Besitzer melden, muss man die Sachen zurückgeben, das ist doch klar. Besonders übel und anstößig ist es, dass sich anscheinend auch noch Gebeine und Schädel der massakrierten Herero hier befinden, obwohl die Nachfahren sie seit langem zurückfordern, um eine Bestattung vorzunehmen. So wurde es mir jedenfalls erzählt. Wenn das stimmen sollte, ist es eine Schande für “uns”. Niemandem bricht ein Zacken aus seiner Krone, wenn er wenigstens die Gebeine an die Hinterbliebenen zurückgibt, sofort und restlos, ohne über irgendwas zu räsonnieren, stattdessen mit einem Wort des Bedauerns. Was die Umbenennungen der Straßen angeht: die sind mir egal. Namen sind Schall und Rauch.

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      Lieber Roland Ziegler, Hexen und Juden sind nun doch etwas Verschiedenes, vor allem in ihren eigenen Augen. Ich kenne keinen Juden, der leugnen würde, dass er Jude ist, bloß weil er nicht an Gott glaubt, die Gesetze einhält, oder weil es in Europa (aber nicht in den USA, wo regelmäßig bei der Volkszählung nach “race” gefragt wird) mittlerweile fragwürdig geworden ist, von Rasse zu reden. Mein Vater war stolz darauf, Jude zu sein, wie es schon seine Eltern waren, die auch nicht gläubig waren. Sie glaubten aber fest daran, dass die Juden etwas Anderes wären als die anderen Deutschen, und Sinti und Roma glauben das ebenso wie Türken und Araber. Weites Feld.
      Was Raub- und Beutekunst angeht, so bin ich einerseits bei Ihnen, obwohl wir ja auch ägyptische Mumien ausstellen. Trotzdem: Herero-Gebeine gehören nicht ins Museum. Dass die Europäer mitnahmen, was sie nur abschleppen konnten, ist richtig. Aber das Ischtar-Tor von Babylon steht vielleicht nur noch, weil es eben nicht im Irak, sondern auf der Berliner Museumsinsel wiederaufgebaut wurde. Nicht auszudenken, was der IS damit angefangen hätte. Und das ist nur ein Beispiel unter vielen. Die zeremoniellen Masken usw., die aus Afrika kamen (ob sie in jedem Fall “geraubt” wurden, kann ich nicht beurteilen), wurden erst hier zu Kunstwerken. Dort waren sie Gebrauchsobjekte, und ob sie hundert Jahre später überhaupt noch da gewesen wären, um bewundert zu werden, kann man schwer sagen. Auch ist nicht klar, an wen sie ggf. zu restituieren wären und wie man ihre sachgemäße Behandlung und Ausstellung sichern soll. Trotzdem: im Grundsatz bin ich bei Ihnen, aber es wäre schade, wenn nur diejenigen Europäer die damalige afrikanische Kultur bewundern dürften, die sich einen Flug nach Afrika leisten können.
      Wenn Namen Schall und Rauch sind, können wir ja die Umbenennungen unterlassen.

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        Der Gedanke, weil es Rassendiskriminierung gebe, müsse es auch Rassen geben, ist einfach unlogisch bzw. falsch. Wenn er stimmen würde, müsste es wie gesagt auch Hexen geben. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen juden und Hexen, das würde ja niemand bezweifeln. Kann sein, dass viele Juden sich als Rasse fühlen, ich vermute aber, die meisten fühlen sich eher als Teil eines jüdischen Volkes. So wie ich mich als Teil des deutschen Volkes ansehe. (Man kann natürlich mehreren Völkern gleichermaßen angehören.) Begriffe kann man definieren. Wer Rasse beispielsweise über die Hautfarbe definiert, der bekommt dann auch verschiedene real existierende Rassen heraus, klar.

        Ja, beim Ischtar-Tor verhält es sich so wie Sie sagen. Und auch die Masken haben eventuell Glück gehabt, dass sie hier konserviert wurden. Aber das müsste man unter dem Gesichtspunkt des Weltkulturerbes betrachten. Alles, was nicht als Weltkulturerbe betrachtet werden kann, müsste an die Besitzer zurückgegeben werden. Die Europäer können sich die afrikansiche Kunst dann z.B. als Leihgabe oder Wanderausstellung ansehen.

        Zu den Straßen: Ja, von mir aus kann man die Umbenennung auch sein lassen. Wobei ich auf den Standpunkt stehe: Wenn jemand sich z.B. wegen einer “Mohrenstraße” beleidigt fühlt, darf man ihm auch freundlich entgegenkommen. Auch hier brechen keine Zacken aus der Krone.

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        Nein, man bricht sich keine Zacken aus der Krone. Man leugnet einfach, dass es so etwas wie eine Vergangenheit gab, die fortwirkt. Dann lebt man in einer Welt, in der nichts aneckt, in der einen nichts daran erinnert, dass die Leute mal anders sprachen, anders dachten, anders lebten. Es gibt in Berlin-Mitte nun einmal eine Jüdenstraße und eine Mohrenstraße, obwohl dort heute weder Juden noch Schwarze leben, jedenfalls nicht vorwiegend. Mich freut es, daran erinnert zu werden, dass Berlin schon seit Jahrunderten ähm multiethnisch ist.
        Womit ich bei der Rasse wäre. Wenn ich den Wikipedia-Eintrag dazu lese, erkenne ich im Wesentlichen Verkrampfung.https://de.wikipedia.org/wiki/Rasse
        Ich empfehle:
        https://www.amazon.de/Die-Juden-Rasse-Salcia-Landmann/dp/3548349145
        Und:
        https://www.igenea.com/de/juden

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        …das mit den Rassen und der Rassendiskriminierung ist so ähnlich wie beim ontlogischen Gottesbeweis (wir können Gott als Gesamtheit aller Eigenschaften einschließlich der Existenz denken, also existiert er). Der ebenfalls unsinnig ist.

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        Zu den Straßen: Meinetwegen, mir ist das wie gesagt egal.

        Zu den Rassen: Es gab mal verschiedene Menschenrassen: Neandertaler, Homo Sapiens und noch andere. Inzwischen gibt es nur noch Homo Sapiens. Ob der nun eine dunkle oder eine helle Haut hat, jüdisch, mitteleuropäisch oder asiatisch ist, ist unerheblich. In diese Unterschiede wird viel zu viel hineingeheimnist.

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        Es gibt Unterschiede in der DNA. Marker, anhand derer man jemanden einer Gruppe zuordnen kann, ohne auf die Hautfarbe oder die Kopfform zu schauen. Wir sagen heute “Ethnien”, aber das fasst die Sache auch nicht. Die “ethnische Säuberung” in Bosnien wurde von “Serben” an “Bosniaken” verübt, die “ethnisch”, d.h. von der DNA, der Sprache, wesentlicher Elemente der Kultur her ununterscheidbar waren. Nur waren die Serben Christen, die Bosniaken Muslime. Was die Juden betrifft, so sind Juden in Marokko von der DNA her ihren arabischen Nachbarn ähnlicher als den Juden in Polen. Ein Beweis dafür, dass “Rassenvermischung”, ob freiwillig á la Romeo und Julia oder durch Vergewaltigung à la Kosaken, immer schon vorkam. Dennoch gibt es gemeinsame Marker, die sie mit anderen nicht teilen – und natürlich auch nicht mit Konvertiten. Insofern sind die Juden auch nicht eine “Ethnie”, wenn der Begriff irgendetwas bedeuten soll außer “ich will nicht Rasse sagen, aber mir fehlt ein Wort”. Und ein “Volk”? Gut, der Begriff ist lose genug. Andererseits: Gehört ein deutscher Jude dann nicht zum deutschen Volk? Will sagen: alle Begriffe sind ungenau und/oder mit gefährlichen Konnotationen behaftet … Ich will mich gar nicht mit irgendjemandem anlegen, aber die Ablehnung jener überzogenen Rassentheorie, mit der ich noch groß geworden bin (natürlich glaubte ich an bestimmte typisch britische Charakterzüge, die den Deutschen etwa fehlen) sollte m.E. nicht dazu führen, dass man Worte und Begriffe einfach in Acht und Bann stellt.

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        Bei näherem Nachdenken will mir auch ihre Darstellung bei der Umbenennung nicht einleuchten. Der U-Bahnhof Eberswalder Straße hieß von 1950-1990, immerhin 40 Jahre lang, U-Bahnhof Dimitroffstraße (die dazugehörige Straße ebenfalls). Dann wurde er samt Straße umbenannt. Leugnet man dadurch, dass es so etwas wie eine Vergangenheit gab, die fortwirkt? Das scheint mir reichlich übertrieben. Man leugnet überhaupt nichts. Man benennt um, für die jetzt Lebenden, die nicht permanent von besonders üblen Gespenstern der Vergangenheit belästigt werden möchten.

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        Ja. Weshalb – googeln Sie selbst – es in der ehemaligen DDR immer noch jede Menge Lenin- und Thälmannstraßen gibt (googeln Sie mal!), auch Che Guevaras deutsche Mätresse Tamara Danz hat noch eine Straße im Osten. Aber die Sünde liegt nicht darin, diese Straßen zurückzubenennen, sondern die Sünde lag darin, dass man zu DDR-Zeiten eben die kapitalistische, militaristische, nationalistische Vergangenheit austilgen und die neue sozialistische Zukunft im Straßenbild sichtbar machen wollte. Es gibt Grenzfälle: Kaiser Wilhelm, Bismarck, Hindenburg (ich wohne in der Nähe des Hindenburgdamms in Berlin), aber auch Luther, die diversen deutschen Könige … Wollen Sie jedes Gespenst aus der Vergangenheit verbannen?

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        Hallo Herr Posener,

        haben Sie da besondere Kenntnisse oder haben Sie Tamara Danz mit Tamara Bunke verwechselt? Meine kurze Googelei hat da keine Straße und keinen Platz gefunden.

        Beste Grüße

        Ihr 68er

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        Ich stelle den Begriff “Rasse” nicht unter einen Bann, sondern sage, dass es bei Menschen eben genau 1 (in Worten: eine) Rasse gibt, den Homo Sapiens. Alle anderen Rassen hatte diese Rasse bereits niedergemacht, bevor einer überhaupt “Rassist!” sagen konnte. Einen DNA-Marker zu unterscheiden bedeutet nicht, zwei Rassen voneinander abgetrennt zu haben. Denn natürlich sind z.B. Hautfarben genetisch determiniert. Wie denn sonst? Durch Sonneneinstrahlung bekommt man als Mitteleuropäer höchstens einen Sonnenbrand, aber wird nicht zum Afrikaner.

        Der Punkt ist: Diese Unterschiede sind winzig, sie reichen nicht aus, besondere geistigen Merkmale zu identifizieren. Diese Merkmale werden – zumindest zu 99% (das menschliche Genom ist zu 99% identisch) – über Traditionen weitergegeben. Traditionen sind nicht genetischen, sondern geistigen Ursprungs. Die Eltern, meist der Papa, sagen (die Rede, daher “geistig”) den Kindern, wo es langgeht. Die Großeltern, der Clan und die Freunde nicken dazu mit dem Kopf. Was will man da erwarten? Was soll das Mini-Gen, das man außerdem noch nachweist, dagegen anrichten?
        Für eine eigene “Rasse” reicht das nicht. Übertragen auf das Gleichnis von den Sprachen kann dieses Gen bestenfalls einen Dialekt ausmachen, aber keine eigene Sprache.

        Zu den Straßen: Nein, ich will nicht jedes Gespenst verbannen. Das würde auch ziemlich schwierig, so viele, wie da immer wieder aufstehen. Wenn gute Gründe vorgetragen werden – und da kann ich keine Kriterien formulieren – dann sollte man dem Wunsch nach Umbenennung folgen, finde ich. Denn der Verlust der Anwohner, die ihre Dimitroff- oder Mohrenstraße nun anders und neu benennen müssen, hält sich doch sehr in Grenzen.

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        Achso, zu welchem Volk gehören denn deutsche Juden, haben Sie gefragt. Das ist doch überhaupt kein Problem: zu den Deutschen und zu den Juden. (Meine Töchter gehören zu den Deutschen und ein bisschen auch zu den Ecuadorianern, worauf sie sehr stolz sind.) “Volk” ist etwas Geistiges, anders als “Rasse”.

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        …ich habe ein bisschen nach “Rasse” gegoogelt und wie es aussieht, ist der Begriff tatsächlich höchst undefiniert. M.A.W. man kann unter “Rasse” verstehen was man will. Wenn man die Hautfarbe als Rassemerkmal einstuft, gibt es mehrere Rassen. Wenn man einen genetischen Marker als grundlegend für Rasse ansehen will – dann hat man schnell auch seine eigene Rasse. Wie anfangs bereits gesagt. Was man in diesen hohlen Begriff hineinlegt, bekommt man am Ende auch heraus.

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    Ich halte Linke ja per se für geisteskrank. Der Artikel in der Irish Times über Marie Sophie H. beschreibt wohl den typischen BRD-Linken. Linke leben in einer Fantasie-Welt, freundlich gesagt, wie auch Reporter Scully beschreibt:

    Without warning, from her pocket, she produced a leatherette wallet, unzipped it and took out something that she pressed into my hand. I unfolded a yellow cloth star with “Jude” written in the centre: one of the yellow stars all Jews were forced to wear under the Nuremberg Laws.

    “This star and a smashed pair of glasses were all [my grandmother] had after Auschwitz,” she said in a low voice. “Touch it and please ask me again if I’m staging things. This is what you’re doing to me, forcing me to say this.”

    I could sense her looking at me, waiting for a reaction. I thought first of the Holocaust, then I thought of Ebay. But I kept my expression neutral as I handed it back.

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      Herr Weller, der Fall Hingst hat mit dem, was ich hier verhandele, rein gar nichts zu tun. Bitte bleiben Sie beim Thema. Danke.

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        Nun, vielleicht hat es doch ein wenig damit zu tun: Die unglückliche Bloggerin wollte anscheinend unbedingt einer bestimmten Rasse angehören. Vor, sagen wir 80 Jahren, hat die Mehrheit die Zugehörigkeit zu eher einer anderen Rasse bevorzugt. Andererseits soll es ja keine Rassen geben, oder jedenfalls nur ein wenig davon in der DNA. Es ist schon merkwürdig, wie stark Antirassisten und Antikolonialisten (ich verkürze etwas) um etwas kreisen, das es nun angeblich nicht gibt, oder nie gegeben hat. Ähnliches gilt auch für den Feminismus, der für etwas kämpft bzw. etwas verteidigt, was angeblich nur ein gesellschaftliches Konstrukt ist.
        Linke Vordenker und Aktivisten haben ganz offensichtlich ein Problem mit der Konsistenz ihrer Theorien und Weltanschauung. Und wo Konservative direkt und brutal vor der Frage stehen, ob sie einen Zigeuner, Juden oder Neger als vollwertigen Menschen akzeptieren oder in ihren Ressentiments vor ihrer eigenen Unsicherheit Schutz suchen, wollen Linke lieber die Rassen abschaffen. Um sich mit der Realität der Verschiedenheit der Menschen, wie sie nun mal sind – wir sprechen ja heute so gerne von ‚Diversität‘ – nicht auseinander setzen zu müssen?

  7. avatar

    Hallo Herr Posener,

    “…wir überlegen ja auch, inwieweit unser Sprachgebrauch ganz ohne Absicht Frauen, Homosexuellen und Behinderte ausschließt, diskriminiert, entwürdigt, und das soll auch so sein.”

    Das ist ein wunderschöner “Jenninger”!

    Grüße

    Ihr 68er

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