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Ein Abschied

Liebe Grüne,

leicht fiel es mir nicht, diesen Brief zu schreiben. Fast kam es mir so vor, als würde ich einer alten Freundin die Freundschaft aufkündigen. Seit ich wählen darf, habe ich die Grünen gewählt. Bei der nächsten Bundestagswahl werde ich es zum ersten Mal nicht mehr tun. Ihr wollt sicher  wissen, weshalb.

Im Grunde bin ich eine Muster-Grüne. Ich ernähre mich biologisch, also gesund. Fleisch kommt wie früher bei Muttern nur an Festtagen auf den Tisch und schmeckt dann umso besser. Es stammt außerdem von glücklichen Kühen, wie mir mein  Bio-Metzger immer wieder  versichert. Ich fahre einen Kleinwagen, der die Abgasnorm 6  erfüllt. Im Kiez bewege ich mich nur mit dem Fahrrad. Busse und Bahnen gehören selbstverständlich auch zu meinen  Fortbewegungsmitteln. Als wir  2015 die Flüchtlinge, die aus Ungarn zu uns strömten, aufnahmen, war ich stolz auf unser Land. Spontan schloss ich mich einer Berliner Flüchtlingsinitiative an, um ehrenamtlich zu helfen. Für einen unbegleiteten Jungen aus Afghanistan übernahm ich eine persönliche Patenschaft. Ich helfe ihm heute noch beim Ämterkram und beim Deutsch-Lernen.

Trotzdem werde ich dieses Mal  die Grünen nicht mehr  wählen. Mich stört an ihnen, dass sie immer noch auf Programmpunkten beharren, die nicht mehr zur heutigen Lebensrealität passen.

Ich muss 45% meines Einkommens an den Fiskus und an die Sozialkassen abgeben. Im Grunde arbeite ich im Jahresverlauf  bis Juni nur für den Staat. Obwohl die Wirtschaft brummt und die Steuereinnahmen sprudeln, verweigern sich die Grünen einer Steuersenkung. Bei ihnen gibt es immer noch die linken Reflexe, die lieber die  Steuern erhöhen als die Menschen entlasten wollen. Dahinter verbirgt sich eine Staatsgläubigkeit, die nicht zum Geist der Grünen passen will, der sonst immer die Zivilgesellschaft und den mündigen Bürger betont. Soll dieser ausgerechnet  in Geldfragen nicht mündig sein? Braucht er da einen staatlichen Vormund, der für ihn das Geld ausgibt?  Diese paternalistische Einstellung passt besser zu Sozialdemokraten und Linken. Zu den Grünen passt sie nicht. Wenn man sonst immer die Selbstverantwortung des Bürgers betont, darf man ihn, wenn es um die Finanzen geht, nicht wie ein Mündel behandeln.

Gerade weil ich mich in der Flüchtlingsfrage engagiere, finde ich manche Festlegungen der Grünen dogmatisch. Dass sie vehement gegen Abschiebungen kämpfen, dass sie die Maghreb-Staaten nicht zu  sicheren  Herkunftsländern erklären wollen,  schadet letzten Endes den Flüchtlingen, die in echter Bedrängnis zu uns gekommen sind. Wenn die Grünen das Asylrecht, das für mich eines der „heiligsten“ Grundrechte darstellt, als Einwanderungstor   missbrauchen, tragen sie dazu bei, dass es  in der Bevölkerung immer mehr an Akzeptanz verliert. Auch die Verschärfungen des Artikels 16 des Grundgesetzes, die die Große Koalition in den letzten Monaten vorgenommen hat, geht auf den Missbrauch des Artikels zurück.  Solange das Auswärtige Amt für die Maghreb-Staaten keine Reisewarnung  ausgibt, solange jährlich Zehntausende deutscher Rentner in diesen Staaten ihren Urlaub verbringen, kann man den jungen Arabern, die aus wirtschaftlichen Gründen zu uns gekommen sind, wohl auch zumuten, dass sie in ihr Heimatland zurückkehren.

Ich lebe in Berlin, wo die Grünen seit kurzem an der Regierung beteiligt sind. Sie haben durchgesetzt, dass in der Verkehrspolitik ein radikaler Wandel eingeleitet wird. Das Fahrrad soll im Straßenverkehr  absoluten Vorrang bekommen. Ich bin aus beruflichen Gründen auf mein Auto angewiesen. Ich arbeite im Speckgürtel von Berlin, wo der öffentliche  Nahverkehr nicht hinreicht. Die Erschwerung des Autoverkehrs könnte für mich schwerwiegende Folgen haben, weil ich dann viel länger brauche, um meine Arbeitsstätte zu erreichen.  Auch viele Firmen und Geschäfte sehen mit Bangen in die Zukunft, weil durch die Pläne des rot-rot-grünen Senats der Lieferverkehr stark eingeschränkt würde. Mich stört an der Verkehrsdebatte, dass die Berliner Grünen sehr verächtlich über die Autofahrer reden, als seien sie schlechtere Menschen. Warum kann man nicht nach dem demokratischen Motto verfahren: „Leben und leben lassen“? Jedes Fahrzeug sollte gleich behandelt werden. Dass die Radfahrer per se die besseren Menschen sind, wird schon  durch eine polizeiliche Statistik widerlegt, die besagt, dass Radfahrer nach Verkehrsunfällen häufiger Fahrerflucht begehen als Autofahrer. Die Grünen sollten ihren missionarischen Eifer und ihren Drang zur Umerziehung der Menschen etwas  zügeln. Die Menschen sind reif genug, um selbst entscheiden zu können, was für sie gut ist und was nicht.

Die Grünen wehren sich vehement gegen die Ausweitung der Videoüberwachung im öffentlichen Raum.  Sie führen dabei das Recht auf  informationelle Selbstbestimmung der Bürger ins Feld. Nur zeigen Meinungsumfragen, dass die überwiegende Mehrzahl der Bürger nichts gegen Videokameras in den Straßen und auf den Plätzen einzuwenden hätte. Sie sehen die Weigerung der Grünen  eher als Freibrief für Straftäter, ohne das  Risiko der Überführung   Straftaten begehen zu können. Auch hier täte mehr Realitätssinn und mehr Rücksicht auf das Empfinden der Bürger Not. Die Grünen haben seit ihrer Gründung immer für eine selbstbestimmte Zivilgesellschaft gekämpft, die sich selbstbewusst  im öffentlichen Raum artikuliert. Wie kann sie das aber tun, wenn der öffentliche Raum nicht mehr sicher ist und wenn die Politik den Bürgern  diese Sicherheit verweigert?

Meine  Tochter verlässt im nächsten Jahr die Grundschule und wechselt auf die weiterführende Schule. Da sie sehr klug ist, ist das Gymnasium  für sie die erste Wahl. In Berlin hat das Gymnasium leider einen schlechten Stand, weil die Parteien, die den Senat tragen, die egalitären Schulformen bevorzugen – bei der finanziellen und personellen Ausstattung  und  bei der Klassengröße. Ich habe mir immer eingebildet, dass der Politik alle Kinder gleich wert sein sollten. Ich weiß, dass den Grünen das Gymnasium ein Dorn im Auge ist. Müssen sie ihre Abneigung gegen diese Schulform aber an den Kindern auslassen, indem sie Gymnasialschüler benachteiligen? Im Wahlprogramm der Grünen suche ich übrigens ein Bekenntnis zum Gymnasium, der Schulform, um die uns die ganze Welt beneidet, vergeblich. Schade. Auch das Wort „Leistung“  kommt  im Schulprogramm der Grünen nicht vor. Dabei dient Schule doch nicht in erster Linie der Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit.

Insgesamt muss ich sagen, dass ich auf vielen Politikfeldern bei den Grünen das vermisse, was man gesunden Menschenverstand nennt. Für mich ist bei den Grünen noch zu viel Ideologie im Spiel, zu viel linker Ballast, der noch aus der Zeit stammt, als die Gründungsväter und -mütter aus den linksradikalen Gruppen in die Öko-Bewegung strömten.  Ihr Welt- und Feindbild haben sie leider mitgenommen. Und sie geben es gerne an die grüne Jugend weiter.

Vielleicht verändert ihr euch mal und bekennt euch  zur  bürgerlichen, pragmatischen  Mitte. Der Zustimmung in der Bevölkerung könnte das nur gut tun. Die Grünen in Baden-Württemberg haben  vorgemacht, wie es geht.

Tschüs,  vielleicht bis  später mal  wieder!

Stefanie Staller, 38, Architektin, alleinerziehende Mutter einer zwölfjährigen Tochter

11 thoughts on “Ein Abschied

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    Ärgern wäre zu viel gesagt, aber dann doch etwas. Inklusion und gemeinsames Lernen wird immer so dargestellt, als ob es für die klugen (lassen wir das mal so)Kinder ein so riesiger Nachteil wäre. Aus meiner Erfahrung sind die in der Lage, das Defizit recht gut aufzuholen. Meine Tochter hatte eine Sprachentwicklungsstörung, bei der Einschulung hat sie niemand verstanden. Wir haben sie auf eine exzellente Förderschule geschickt, auf der Profis mit ihr arbeiteten und wo es einen geschützte Umgebung gab, in der ein schüchternes Mädchen aus sich hinausgehen und Fehler machen konnte. Auf einer Gesamtschule mit spezieller Förderung wäre dies so nie passiert. Das sind keine Profis, die Klassen sind doppelt so groß und die gelangweilten Schüler plärren dazwischen. Für unsere Tochter war die Förderschule die beste Lösung, sie hat fantastische Fortschritte gemacht, viel Selbstvertrauen gewonnen und konnte zur 7 Klasse auf die Regelschule, ohne Inklusion, dafür mit Stolz. Sie war ja nicht doof, natürlich merkte sie, wenn sie was Geschenkt bekam, weil sie anders war. das wissen die Kinder und da hilft die bestgemeinte Inklusion dieser Welt nichts. Während die Klassenkameraden nun pubertiert-gelangweilt sind (alles öde), hat die Schule für sie einen Wert und ist immer noch aufregend, das freut mich als Vater für die Tochter ganz besonders. Sie hat sich etwas erkämpft – eine bessere Erfahrung für ein Kind fällt mir nicht ein. Deswegen Inklusion? Nein Danke, lieber Profis.

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    Der Brief ist vollkommen unglaubwürdig. Wenn mehr Netto vom Brutto, Privat statt Staat und Stärkung der Leistungsträger ausschlaggebend für die Wahl der Dame sind, dann hätte sie die Grünen nie gewählt, nicht erst jetzt. So, in der Form, ist es das Gemotze, dass die Grünen nicht die FDP sind. Was insoweit unverständlich ist, als dass es der Dame schon immer frei stand, diese zu Wählen.

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    Vor Jahren las ich ein Interview mit KGE im Spiegel, das ich online nicht spontan finde, in dem sie sich dezidiert dafür aussprach, den Wachstumsgedanken fallen zu lassen. Und bitte, so ist die grüne Verkehrspolitik in Bln. Klar herrscht dort ein gewisses Chaos. Aber gegen dieses Chaos würde ein Konzept im Straßenbau helfen, wirtschaftsfreundlich. Nein, es muss das Gegenteil sein, damit Bln noch ärmer wird, dafür aber nicht mehr sexier, sondern betulicher. Geld und Arbeitsplätze braucht keiner, so lange BW und Bayern die Fettbrote rüberschieben.

    Der Exzellenzgedanke dürfte ihnen fremd sein, weil es wenig Exzellenz unter ihnen gibt. Wenn sich das durchsetzt, muss der mit dem exzellenten Kind auswandern. Es erinnert an den Arbeiter- und Bauernstaat, wobei ich nicht sagen will, dass Arbeiter und Bauern etwa dumm wären. Wir haben heute ganz andere Probleme.

    Ich unterstelle Grünen (eben nicht Kretschmann, auch nicht Özdemir), dass sie in sich einen tiefsitzenden Sadimus gegenüber denen, die es etwas besser vorfinden, intellektuell wie finanziell, beherbergen. Der Groll auf das Auto hat indirekt auch damit zu tun, denn man muss es sich ja erstmal leisten können.

    Witzig ist, dass sie beweisfrei postulieren, dass Gemüse gesünder sei. Der ewig pupende Rucola- und Schwarzbrotkonsument ist ihnen lieber als der Fleischesser.

    Eine wie Roth entblödet sich nicht, zu behaupten, nach dem Reaktorunfall in Fukushima wären ca. 15.000 verstorben, ohne jeglichen Hinweis auf den Tsunami, der dafür verantwortlich war. Sie halten den Bürger offenbar für komplett verblödet.

    Pädophilie hatten wir vor vier Jahren, deswegen verstehe ich auch Poseners Faible für Beck nicht. Und das mit dem Görli finden auch nur User gut.

    Sie sind einfach total absurd und überdies fast kongruent mit der evangelischen Kirche, was zu denken geben muss. Als Soros-finanzierte NGO wären sie bestens aufgehoben. Einige scheinen mir krank (ausgeprägter Helfertrieb mit Ausschließlichkeitscharakter). Wenn ihnen nichts einfällt, kommen sie mit „Hühner-KZ“ an (Künast) oder erfinden das Dosenpfand (Trittin). Da sie insgesamt einfältig wirken und genauso pfründe- und machtbesessen sind wie andere Parteileute, konnte einer ihrer helleren Köpfe sie in den Jugoslawienkrieg ziehen.

    Wenn ich an dieser Krötenstelle im Frühjahr langsam fahren muss, bin ich ihnen nicht böse. Das ist herzig. Aber das Leben besteht aus mehr als ein paar Fröschen.

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    Komisch. Ich habe, seit ich wählen darf, also 1980 das erste Mal, nie Grüne gewählt. Warum auch? Allenfalls heute denke ich manchmal darüber nach, weil ich Cem Özdemir für eine der wenigen Stimmen der Vernunft in diesem Land halte, neben Peter Altmaier von der CDU; und Volker Beck für den zuverlässigsten Freund Israels neben – horribile dictu – Petra Pau von der Linkspartei.

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    Sehr guter Brief.

    Schade, daß die Verfasserin so lange gebraucht hat, um zu verstehen, daß die Grünen Feinde alles Normalen, Gesunden, Nationalen und Guten und Freunde alles Abnormen, Kranken, Fremden, Bösen sind.

    Aber dies läßt sich nicht ändern. Links zu sein, und das sieht man an den Grünen, ist keine Meinung. Es ist eine verheerende Diagnose.

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    All das was sie an den Grünen so beklagen ist ja nicht plötzlich vom Himmel gefallen.
    Diese Partei war nie anders, als es noch keine Kretschmanns und Palmers in Amt und Würden gab war sie eigentlich sogar noch schlimmer.
    Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Altersweisheit, daß es so lange gedauert hat ist allerdings kein Ruhmesblatt.

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      @Don Geraldo,
      den Erzähler in einem Roman sollte man nicht mit dem Autor desselben verwechseln. Dasselbe gilt für meinen fiktiven Brief, der meine Meinung nicht eins zu eins wiedergibt. Ich habe nur einmal in meinem Leben grün gewählt und das liegt schon eine Weile zurück. Ich habe mich in Menschen hineinversetzt, die von den Grünen erwartet hätten, dass sie ihre besserwisserische Attütüde endlich ablegen, dass sie eine Partei werden, die nicht länger Moral für Politik hält. Also lesen Sie den Text, wenn man so will, als ein Stück Literatur zu einem aktuellen politischen Problem.

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        Die von ihrer Heldin aufgeführten Gründe, die Grünen nicht (mehr) zu wählen, sind alle sattsam bekannt. Wobei man hinzufügen könnte, dass gerade grüne Politiker wie Fischer, Palmer oder Kretschmann auch ein Grund dafür sein können, diese Partei nicht (mehr) zu wählen. Kommt eben auf den Standpunkt an. Interessant wäre vielmehr, wenn ihre Heldin ausführen würde, wen sie jetzt wählt und warum. Oder geht sie gar nicht mehr zur Wahl?

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        Gute Idee, Stefan Trute, vielleicht bleibe ich am Ball und schreibe eine Fortsetzungsgeschichte. Bis zu den Wahlen ist es ja noch ein bisschen hin.
        R.W.

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      Das Buch von Christian Y. Schmidt „Wir sind die Wahnsinnigen“ ist von 1998; also seit knapp 20 Jahren weiß ich, wer diese Grünen sind. Frau Staller hätte dieses Buch mal lesen sollen, dann hätte sie früher aufgehört die Grünen zu wählen.

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    Tja, das trifft auch sog „Linke“ in der SPD. Wieso wird der sog Mittelschichts – Bauch bei der ESt nicht begradigt? Wieso erschweren sie – als BildungspolitikerInnen – äußerst sinnvolle Kooperationen von Gemeinschaftsschule und Gymnasium, was allen Kindern zugute käme. Auch ist Verkehrspolitik ungeeignet für Ideologien. Tja, ganz schön blöd!

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