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Bei Flüchtlingen sind Ehrenamtliche überfordert. Ein Plädoyer für die Profis

Von Mara Stone

2005 war ich mit M., einem brotlosen Künstler, auf Mallorca. Am Strand kamen wir ins Gespräch mit Leuten aus Berlin.

Einer fragte mich, was ich denn von Beruf sei.

Sozialarbeiterin, antwortete ich und hub gerade an zu ergänzen, dass ich eine Affinität zu den Ausgeschlossenen der Gesellschaft habe und den Mutterwitz der Obdachlosen sehr mag.

Doch schon hatte sich der Frager M. zugewandt. Was er denn so mache? Er erwiderte, dass er Musiker sei, Bassist, und schon hagelten Fragen auf ihn nieder und man vertiefte sich in eine Diskussion über Musik im Allgemeinen und Jazz im Besonderen.

30 Minuten für die Musik und 3 Sekunden für die Soziale Arbeit.

Sozialarbeiter_innen trumpfen selten auf, stehen kaum im Mittelpunkt. Doch auf den zweiten, dritten, vierten Blick gibt es unendlich viel an ihnen zu entdecken.

Sie gehen dahin, wo sonst keiner gerne hingeht.

Sie gehen dahin, wo der Schmerz sitzt, wo Verletzung stattfindet, gehen auf Eskalation zu und in Krisen hinein.

Sie bewegen sich mit ihren Klient_innen am Rande der Gesellschaft, und sie färbt ab, diese Randständigkeit, bis das Stigma der Klient_innen oftmals auch ihnen anhaftet.

Sozialarbeiter_innen sind mit ihrer ganzen Persönlichkeit im Einsatz, und genau das macht ihre Fragilität aus und ihre Stärke. Sie sind Handwerker_innen und Werkzeug zugleich. Denken und Fühlen, Wachheit und auch körperliche Präsenz stellen sie in ihrem Beruf zur Verfügung. Andere können in ihrer Arbeit wenigsten einen Teil von sich zuhause lassen.

Es sagt sich leicht, dass man professionelle Distanz wahren muss. Die Geschichten der Klient_innen, ihr Leid und ihre Verzweiflung gehen nahe und manchmal auch unter die Haut. Immer geht es darum, empathisch zu bleiben und zuzulassen, dass man berührbar ist, und dabei gut für sich selbst zu sorgen.

Vieles was in der Sozialen Arbeit geleistet wird, ist nicht sichtbar. Und vielleicht glauben deshalb zurzeit so viele Menschen, sich ebenso engagieren zu können. „Quatschen kann ich auch“, sagte mal ein Klient zu mir, und mitleidig fügte er hinzu:  „Und Sie mussten es studieren?“

Beziehung wird hergestellt, vertrauensvolle Atmosphären werden geschaffen, Schutz und Präsenz geboten. Neben der Methodenvielfalt steht die Lösungsorientierung, also eine Geisteshaltung, die auf Lösungen ausgerichtet ist und dies neben der Gesprächsführungskompetenz und der Fähigkeit, angemessen Nähe und Distanz einzunehmen.

Sozialarbeiter_innen stehen auf einem rechtlichen und fachlichen Fundament, müssen ihre Arbeit dokumentieren und sind Kontrollen unterworfen.

So komplex ist also die Soziale Arbeit!

Die professionelle Qualität gerät ins Schwanken, wenn Ehrenamtliche auf dem Gebiet helfender Berufe eingesetzt werden.

And, do not let me be misunderstood:

Ich finde es super, wenn Menschen Menschen helfen: Willkommensessen und Feste organisiert, Sachspenden gesammelt und eigene Kompetenzen eingebracht werden, wenn also Juristen rechtlich, Ärzte medizinisch und Künstler kreativ unterstützen.

Schwierig wird es, wenn große Herzen ungeschult mit dem diffusen „Bauchgefühl“ auf psychisch belastete, wenn nicht traumatisierte Menschen losgelassen werden.

M., 45 Jahre alt, arbeitet als Sprachmittlerin für einen großen Träger. In dieser Arbeit hört M. beim Übersetzen all diese furchtbaren Geschichten, nimmt das Leid der Anderen wahr und in sich auf, hat niemanden, der sie durch diese Prozesse begleitet, hatte nie eine Fortbildung zu Nähe/Distanz. Diese herzensgute Frau engagiert sich zusätzlich ehrenamtlich und begleitet unbegleitete minderjährige Flüchtlinge… etwa zu Behörden. Eines Tages fleht ein junger Mann sie an: er habe einen Hotelgutschein erhalten, aber kein Hotel habe ihn aufnehmen wollen. Ohne diese Aussage zu überprüfen oder aber ihn zu Hotels zu begleiten und bei der Durchsetzung seines Anliegens zu helfen, nahm M. ihn bei sich auf. In ihrer kleinen 2- Zimmerwohnung. Eine alleinlebende Frau. Ohne offizielle Registrierung. Ohne Schutz.

M. kommt zu mir in die Beratung. Erst gegen Ende der Sitzung fragt sie verschämt, ob sie mir etwas anvertrauen könne: inzwischen fühle sie sich in ihrer eigenen Wohnung bedroht. Der junge Mann habe sich an die Verabredung, aktiv nach einer Unterkunft zu suchen, nicht gehalten. Stattdessen mache er sich breit, sei fordernd, beginne, sie sexuell zu bedrängen und aggressiv zu reagieren, wenn sie andeutet, dass er gehen möge. Selbst bei dieser Beschreibung äußert sie Angst, ihm weh zu tun oder Schuld daran zu werden, dass er auf der Straße landet. Sie beschreibt einen Teufelskreis, der mir aus meinen Beratungen zu häuslicher Gewalt allzu vertraut ist: auf aggressive Ausbrüche folgen reuige und tränenreiche Entschuldigungen und Geschenke, die sie rühren, sodass sie ihr Ziel, ihn loszuwerden, wieder verwirft – bis zur nächsten Eskalation. Es gelingt, ihr die Augen für diesen destruktiven Verlauf zu öffnen, und nach zwei weiteren Sitzungen ist sie gestärkt und handlungsfähig: sie holt eine Gruppe Freund-innen zusammen, die für sie mit dem Mann in die Konfrontation gehen, ihn aus der Wohnung komplimentieren und in eine Notübernachtungsstelle vermitteln.

Das ist nur ein Beispiel von gut gemeinter Hilfe, die nach hinten losgeht.

Und Arschlöcher, die diese chaotischen Zustände nutzen, um ihr Unwesen zu treiben? Der Deutsche Sportbund diskutiert immer wieder, wie mit den ehrenamtlichen Trainer_innen umzugehen sei. Denn es kommt vor, dass sexuell missbräuchlich handelnde Männer und – wenn auch viel seltener – Frauen sich unter dem Deckmantel des Ehrenamts ihren Opfern nähern.

Hier wird immerhin das Problem erkannt. Auch bei der katholischen Kirche gibt es mittlerweilen einen Missbrauchsbeauftragten.

Und bei den Flüchtlingen!? Den minderjährigen, die ohne den Schutz der Familie hier landen? Aber auch den kleinen Kindern von erschöpften Eltern, die froh sind über jede Entlastung durch nette „Onkel und Tanten“? Hier gibt es keine Kontrolle, keinen Überblick und kein Schutzsystem!

Es müssen Strukturen geschaffen, die helfen, professionelle Sozialarbeit aufzuwerten, auszubauen und zu stärken. Und lasst die beeindruckend engagierten Unterstützer_innen einfach gute Mitmenschen sein.

Mara Stone:
Systemische Supervisorin und Coach. 
Als Sozialarbeiterin viele Jahre Erfahrung in der Sozialen Wohnhilfe Mitte und im Jugendnotdienst. Erfahrene Fachkraft für die Einschätzung von Kindeswohlgefährdungen.

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7 Gedanken zu “Bei Flüchtlingen sind Ehrenamtliche überfordert. Ein Plädoyer für die Profis;”

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    Nur zum Aspekt der gesellschaftlichen Anerkennung von Sozialer Arbeit/Sozialarbeitern.: Ja, Sozialarbeiter sind schlecht bezahlt und der Beruf ist alles andere als ’sexy‘. Auch viele Sozialarbeiter haben leider selbst ein geringes Selbstbewusstsein gegenüber ihrer Profession und greifen bei der Selbsteinordnung leider häufig auf die Klischees (Ökos, Gutmenschen, naive Kuschelpädagogen) Ihrer Kritiker zurück.

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    Der Artikel beschreibt zwar eindrücklich aber leider auch viel zu einseitig den Umgang von ehrenamtlichen Helfern in der Flüchtlingshilfe.

    Der Artikel spart hierbei die vielen positiven POTENTIALE ehrenamtlicher Helfer aus. So fungieren ehrenamtliche Helfer nicht nur als dringend notwendige Sprachmittler, sondern Sie ermöglichen den Flüchtlingen Kontakt mit unterschiedlichsten Gruppen/Berufsgruppen/Gesellschaftsgruppen und brechen somit aus dem einseitigen „Sozialarbeiter-und-Flüchtlings-Dualismus“ aus.

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    Ohne die vielen ehrenamtlichen nichtprofessionellen Helfer wäre Merkel Potemkinsche Dorf „Wir schaffen das“ schon längst zusammengekracht. Hier werden Menschen und ihr Good-Will mißbraucht.

    „Es müssen Strukturen geschaffen, die helfen, professionelle Sozialarbeit aufzuwerten, auszubauen und zu stärken.“

    Was schätzen Sie, wie viele professionelle Kräfte sind bei der Quantität der Flüchtlinge erforderlich? Wie lange würde es dauern, diese auzubilden? Wieviel würde das kosten?

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    Ich will als Steuerzahler nicht diese durchgeknallten, linken SozialarbeiterInnenX finanzieren. Wenn sie die Welt retten/islamisieren wollen, dann mit ihrer eigenen Kohle.

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    Sehr schoen und sehr wichtig, dass Sie das Thema aufgreifen, obwohl bei den Ehrenamtlichen auch ne Menge
    Professionelle dabei sind, die schon in Rente sind.Doch
    seit Jahrzehnten und mehr seitdem es das internet und
    die sogenannte digitale Wirtschaft und den boom der sogenannten Kreativen gibt, wird die SOzialarbeit vollkommen unterschätzt und abgewertet und wird in den talkshows nicht gewürdigt,kommt nicht zu Wort.ZUm Thema Verhältnis von Fachkräften und Ehrenamtlichen äussere ich mich demnächst auch mal länger, als eine,
    die professionell ist, aber als Ehrenamtliche zur Zeit
    arbeitet und da auch viel Chaos wahrnimmt und zu viel good will und zu viel Schweigepflicht.Eva Quistorp

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    Danke für diesen Einblick in das Leben einer Sozialarbeiterin. Die meisten Menschen wissen gar nicht, was sie alles leisten, glauben aber selbst genau zu wissen, was man mit Menschen in sozial prekären Situationen tun sollte.

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    na ja,
    so schwer ist es für Menschen, die ehrenamtlich helfen, nicht „professionelle“ Distanz zu wahren. Solche Menschen haben doch auch Berufe, in denen sie das lernen (Ärzte, Rechtsanwälte, Gehpersonen…..). Auch die Enttäuschung, dass es nicht so leicht ist, wie gedacht, anderen Menschen zu helfen, zu verarbeiten, ist doch nicht so schwer. Schön, wenn es Supervision gibt. aber unterschätzen Sie nicht die Ehrenamtlichen.

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