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Alle Bosse fliegen übers Kuckucksnest

Die FAZ schickt mit der Erfindung eines „Middelhoff-Syndroms“ die politische wie wirtschaftliche Elite ins Irrenhaus. Es werden Namen genannt: Thomas Middelhoff, Jürgen Schrempp, Christian Wulff, Gerhard Cromme, Heinrich von Pierer, Wendelin Wiedeking, Klaus Zumwinkel, Josef Ackermann, Gerhard Schröder: alles Menschen mit pathologischen Zügen, die an der Grenze zum Irrsinn wandern.

Warum? Sie werden ständig gelobt, sind umgeben von Speichelleckern und identifizieren irgendwann ihre Rolle mit der Person. Das wissen im Wirtschaftsteil der FAZ Georg Meck und Bettina Weiguny, die ein partnerschaftliches Essay zum Größenwahn vorlegen. Was mich von der Groschenheft-Psychologie des dichtenden Ehepaares Meck-Weiguny unterscheidet? Ich kenne die so abgehandelten Personen recht lange, zum größten Teil persönlich. Die Persönlichkeiten werden banal verkannt.

Die Deutungsversuche des Größenwahns gehen mir aber auch fachlich, als Ökonom und Soziologe, schwer durch den Hals. Psychologen als Weltendeuter sind  schwer zu ertragen. Menschelndes Klugscheißen nicht  nur als  konversationsfüllendes Hobby, sondern als Ausweis der Weltweisen. Hitler war Vegetarier und Stalin ließ sich nur von Veterinären behandeln: Was sagt uns das über den Zweiten Weltkrieg? Solche Vulgärpsychologien werden zu Recht als gänzlich unerträglich empfunden, wenn sie in andere Gebiete oder gar alle Gebiete der Menschheit vordringen und dort Sinn stiften wollen. Nun halten diese Menschendeuter also auch Einzug in die Wirtschaftspublizistik, um die Größenwahnsinnigen unter den CEOs der deutschen AGs von den postheroischen Helden zu unterscheiden. Hier steht der Henkel-Chef Kasper Rorsted als Prototyp zur Argumentation. An ihm rühmt man, dass er in der Firma Freundschaften vermeide und nicht werksnah in Hösel, sondern am Starnberger See wohne. Aha.

Man unterstellt den charismatischen Führern, die nicht mehr zuhören können und so zu unwiderstehlichen Verführern werden, dass sie sich zwanghaft ihre eigene Welt simulieren und dieses Wahnreich dann nicht mehr verlassen können. Mit dieser Psychiatrierung der Elite als Cluster entrückter Irrer erklären sich dann für den geneigten FAZ-Leser wirtschaftliche Vorgänge wie das Scheitern der Fusion von Daimler und Chrysler oder der Niedergang der Kaufhäuser im Internet-Zeitalter.  Die Sozialpsychologie vom Küchentisch ersetzt hier die Geschichtswissenschaft und die Volkswirtschaftslehre. Das ist ein Gewinn an Unterhaltung. Wenn man liest, was Herr Middelhoff in einem Gefälligkeitsinterview der BILD am SONNTAG über seine Rolle als taschengepfändeter Sündenbock zu erzählen weiß, fühlt man sich eh im Reich der Seifenopern. Da kann ein wenig Hedwig-Courths-Mahler nicht schaden.

Meck-Weiguny als Courths-Malheur, das ist einfach nicht gut genug. Die Psycho-Nummer verpasst die wirklichen Geschichten. Ich will das an der Person des Thomas Middelhoff, genannt Big T, erläutern. Ich habe ihn beraten und werde keine Indiskretionen begehen, aber doch ist aus seinem Leben etwas zu erzählen. Der Mann hatte sich mit seiner Familie auf einem alten Fabrikgelände in Bielefeld, einer C-Lage in einer D-Gegend, in einem ganzen Areal ein eigenes Dorf gebaut. Es gab neben seinem Herrensitz in bescheidener Vorstadtvillenqualität das Häuschen seines pensionierten Vaters, das Gebäude der Domestiken, den mit Enten besetzten Teich und den englischen Garten mit geometrischen Buchshecken, alles in allem eine Idylle. Von hier jettete er nach New York, wo er durch geschickte Deals mit Herren, die er beim Vornamen nannte, die Bertelsmann-Gründerfamilie zu Milliardären machte. Zur Kommunion seiner Tochter soll er dreißig Minuten vorher aus NY einfliegend gelandet sein, gerade noch rechtzeitig. Der Bürger als Edelmann, würde der Franzose sagen.

Thomas Middelhoff ist ein katholischer Junge aus dem Düsseldorfer Kleinbürgertum, der in der Dot-Com-Blase eine besonders große Blase blasen wollte und das in einem Haus, das aus Buchclubs erwachsen war, auch konnte. Und er traf auf Eigner, die nicht von den Kapitalmärkten träumten, sondern davon die Firma den Kindern lassen zu können. In diesem Kontext fiel Big T aus der Zeit. Ein Held auf der Waldbühne in Ostwestfalen (einschließlich Gastspiel am Broadway) ist nicht notwendig der Staats- und Hauptakt in einem Shakespearedrama.  Uns sollten also die alten und die neuen Zeiten interessieren, nicht, was irgendwelche Headhunter oder sogenannte Coaches in die Seelen jener lesen, die sie nur aus zweiter Hand, bestenfalls dem Manager Magazin kennen. Diese journalistische Psychiatrierung erklärt nichts, selbst wenn die Gemeinten wirklich eine Klatsche haben. It’s the economy, stupid!

Wir reden von ursprünglich inhabergeführten Verlagshäusern zwischen Hamburg und Gütersloh, die ihre Führungskräfte bezahlten wie Vorstände von Investmentbanken. Wir reden von der Internetblase vor dem großen Zusammenbruch der Kapitalmärkte. Wir reden von etwas, das „deal making“ heißt und Millionen bringt. Wir reden von Jetset. Ich habe mal in Davos mitbekommen, wie eine Figur aus diesem Geschäft, die auch nur einen Vornamen hatte, meine Mitarbeiterin anmachte, um dann mit ihr nach London zum Frühstück zu fliegen, und nachmittags wieder in Davos war, weil Jürgen G. da zu einem Skilauf geladen hatte. Geld spielt keine Rolex. Das ist eine andere Welt als die des Einzelhandels in bigotten Großstadtkaufhäusern, in denen schlecht gelaunte Verkäuferinnen miteinander über die Belastungen des Klimakteriums plauschen, statt Kunden zu bedienen. Und nicht alle Irren sind gleich.

Der Sturz von der Spanischen Treppe beispielsweise hat eine andere Logik, die Dietmar Hawranek gerade im SPIEGEL am Beispiel GM/Opel aufschließt:  in der Autoindustrie geht es um Autos, also um Technik, zu denen Finanzer, die sich um Controlling, ihre Trinkgewohnheiten und Assistentinnen kümmern, einen anderen Zugang haben als begabte Ingenieure. Alles Krimis der Wirtschaft, Romane der Technik, Dramen des historischen Wandels, aber doch nicht der Courths-Mahler-Motive, die die Heftchenromane füllen.

Auf JFK treffe ich Edward N. Luttwak, der neben seinen Bemühungen als Historiker eben auch im Aufsichtsrat einer bedeutende Airline sitzt. Er verflucht die Kleingeister in den Vorständen und lobt die Größenwahnsinnigen: „Yet everyone in the industry has to accept the fact that contrary to all logic entire airlines can go up with a charismatic leader or go down with an earnest plodder.“ Bei der Lufthansa haben sie sich für den zweiten Weg entschlossen. Luttwak zitiert Napoleon: „In war, moral power is to physical three parts out of four.“ Er empfiehlt mir das neue Buch seines Kumpels in Oxford Archie Brown (The Myth of the Strong Leader), der sich vierhundert Seiten daran abarbeite, dass bei den Charismatischen etwas nicht stimme. „Right he is, but who the fuck cares?“

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4 Gedanken zu “Alle Bosse fliegen übers Kuckucksnest;”

  1. avatar

    Lieber Herr Posener,

    auf die Gefahr hin, dass ich wieder mit dem Zeigefinger auf mich zeige:

    Wer auf andere mit dem ausgestreckten Zeigefinger zeigt, der deutet mit drei Fingern seiner Hand auf sich selbst.

    Hier etwas zu Petraeus:

    Tätigkeit für Private Equity Beteiligungsgesellschaft

    “Seit Mai 2013 arbeitet Petraeus für die Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR). [24] Er ist dort Chairman des KKR Global Institute, [25], zu dessen Aufgaben die Erstellung von Studien und Analysen gehört. [26]”

    aus:http://de.wikipedia.org/wiki/David_Petraeus

    http://www.forbes.com/sites/georgeanders/2013/05/30/the-real-reason-why-kkr-wants-petraeus-on-call/

    Ein siebenstelliges Gehalt dürfte sicherlich etwas nesser als das miese Generalsgehalt sein:

    http://nymag.com/daily/intelligencer/2013/05/david-petraeus-goes-to-private-equity.html

    “A four star Army General earns the military pay grade of “0-10″. The 0-10 base salary for someone with 38 cumulative years of service is $19,566.97 per month, or $234,803.64 annually. In 2010 At the peak of his Army career, Petraeus’s salary was $290,000 per year because he was serving as Chairman of the Joint Chiefs of Staff, Chief of Navy Operations, Commandant of the Marine Corps and Army/Air Force Chief of Staff. As a retired four star General, David Petraeus is entitled to an annual pension of $220,000 for the rest of his life. He’s also free to get a new job in retirement and therefore earn two incomes. On the other hand, if Petraeus loses his security clearance from this scandal, it may limit the types of jobs he would be able to take. Petraeus may also have cost himself the ability to join the lucrative speaking engagement circuit, which could have earned him $100,000 – $200,000 per event. At the end of the day, Petraeus’ biggest financial worry might actually lie with his marriage. If his wife files for divorce, she would be entitled to 50% of his pension for the rest of her life and half of all the other marital assets.”

    aus:
    http://www.celebritynetworth.com/articles/celebrity/david-petraeus-salary-star-general/

  2. avatar

    Sie zitieren zu Recht Napoleon. Ein Problem ist, dass charismatische Generäle (wie z.B. David Petraeus) heute einen Bruchteil von dem verdienen, was die Chefs selbst relativ popeliger Firmen einstecken. Und: Scheitert ein General, wird er entlassen; scheitert ein Manager, kriegt er einen goldenen Handschlag und wandert weiter, wie Middelhoff und Mehdorn. Das hat nichts mit Fähigkeiten und Marktwert zu tun. Gute Generäle sind seltener und wertvoller als gute Banker. Aber anders als Firmenvorstände legen sie ihre Bezahlung nicht selbst fest. Das Problem liegt also nicht in dem, was Sie zu Recht als Courths-Mahler-Küchenpsychologie nennen, sondern schlicht in der Entlohnungsstruktur großer Unternehmen. Ich bin mir sicher, dass der Typ, der Ihre Assistentin abschleppte, in seinem Unternehmen nicht unersetzbar war; und dass man jemand finden könnte, der das ohne Lear-Jet und Rolex genausogut hinkriegt. So wie man auch gute Generäle findet, trotz der miesen Entlohnung.

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