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Pressefreiheit : Freiheit wovon und Freiheit wozu?

Entlassungswelle bei Journalisten, niemals seit 1949 wurden mehr auf die Straße geworfen. Die Verzweifelten werden nun in der PR, was der Pole beim Fliesenlegen, Schwarzarbeiter mit Prekariatsverträgen. Das tut aus mehr als einem Grund weh. Das eine sind Journalisten ohne Zeitung, das andere Zeitungen ohne Journalisten.

Wir sitzen im Restaurant des „Le Chambard“, eines modernen Familienhotels im elsässischen Kaysersberg, dem Geburtsort von Albert Schweitzer. Kaysersberg ist ein bezaubernder mittelalterlicher Ort mit einer wunderbaren Steinbrücke über dem Flüsschen, das früher die Mühlen antrieb. Der Bruder des Kochs gibt den Weinkenner und verkostet einen Pinot Gris von  Madame Keller der Domaine Weinbach, danach einen Gewurztraminer Cuvee Laurence 2009. Nicht ganz stilecht, er liebt offensichtlich Cowboystiefel und Bi-Color-Hemden, weiß er doch, was er ausschenkt, und fragt schließlich, wie wir zu ihm gefunden hätten.

Das Restaurant hatte, so erfahren wir, gerade heute eine Empfehlung in der WELT am SONNTAG. Nein, keine Anzeige. Ein redaktioneller Artikel, gezeichnet von einer Journalistin. Sie schreibt die vorgenannte Empfehlung einer Catherine Faller zu (was sich besser macht als ein Bruder des Kochs, der Cowboy-Stiefel trägt), was sicherlich nicht nur authentisch, sondern auch zutreffend ist. Der Artikel in der WELT ruft zum Besuch der Weihnachtsmärkte im Elsass auf, das sich „in den Wochen vor Weihnachten in ein Märchenland“ verwandle. Und nennt die Adresse vor Ort und im Netz des gelobten Lokals.

Uns hat hierhin aber nicht die geschätzte Sonntagszeitung gelockt, sondern eine Erinnerung an den Restaurant-Kritiker der FAZ, den wir vor einigen Monaten in der Weinstube eben dieses Hauses trafen. Jürgen Dollase gab sich nicht zu erkennen, aß mit Frau und Hund, bezahlte selbst und wohl auch privat und schrieb in seiner Zeitung anschließend nichts, jedenfalls keinen plumpen Werbetext. Als ich ihn nach dem Essen ansprach, war er fast peinlich berührt ob seiner Enttarnung, aber liebenswürdig wie immer. Wir sprachen über die Spitzengastronomie der Region. Er fragte nach unseren Lieblingslokalen daheim. Ich lasse seitdem keinen seiner Artikel in der FAZ aus. Er ist einer der letzten seiner Art. Nun aber von der FAZ zurück zur WELT, die den „Elsässer Charme“ (Titel) lobt.

Der Artikel in der WELT hat eine, nein, zwei Fußnoten. Die erste lautet: „Die Reise wurde unterstützt von Elsass Tourismus (Comité Régional du Tourisme d’Alsace).“ Die aus französischen Steuermitteln finanzierten Tourismusförderer hatten also statt einer Werbeanzeige eine Journalistin eingeladen. Dagegen spricht nichts. Für sie hat Emmanuel Nasti (der mit den Stecherschuhen) sogar eine reifen, hochwertigen Pinot Gris Altenbourg Quintessence de Grains Nobles 2008 entkorkt, wie sie schreibt. „Eine echte Bombe“, zitiert sie die charmante Catherine Faller. Na dann.

Die zweite Fußnote unter dem Besuchsappell für die Weihnachtsmärkte des Elsass und das „Le Chambard“ zu Kaysersberg (www.lechambard.fr) ist kursiv gesetzt und lautet: „Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie im Netzt unter: www.axelspringer.de/unabhaengigkeit.“ Aha.

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11 Gedanken zu “Pressefreiheit : Freiheit wovon und Freiheit wozu?;”

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    Die Richtlinien für journalistische Unabhängigkeit verbieten es Journalisten nicht, an den von diversen Veranstaltern organisierten Pressereisen teilzunehmen. Ich habe das auch verschiedentlich getan und war mit Studiosus in der Mongolei und Armenien, Albanien und Israel, als Gast der jordanischen Tourismusbehörde in Akaba und Petra, der französischen Tourismusbehörde in der Provence, der mexikanischen Tourismusbehörde in Yucatan. Ohne diese Hilfe würden Journalisten noch weniger herumkommen, als sie es ohnehin tun. Der Unterschied zwischen meinen Berichten und denen der KollegInnen, die hier und dort mitfuhren (abgesehen von der Qualität der Texte) war, dass im Reiseteil der “Welt” eben dieser Vermerk zu lesen war. Jede LeserIn konnte sich also ein eigenes Urteil über meine Unabhängigkeit machen.

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    Cher Jean-Luc

    Vielleicht gibt es nicht genug Leute, die gleichzeitig Zeitung lesen und tablets benutzen 😉
    Oder der Prozess hat Murdoch zu sehr beschädigt. Hmh?

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    @ Klaus Kocks

    Heute Champagne, bitte: Kate’s pregnant.
    Eins ist sicher: Ein paar Zeitungen in UK gehen nächstes Jahr garantiert nicht pleite.

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    Trost: Die Journalisten sind nicht allein. Machen Sie sich auf was gefasst: Eines Tages machen das alles Maschinen, und ein Konsortium aus Patienten beurteilt das selbst. Das wird dann so was wie der Publikumsjoker: Bei 60 Prozent drücken wir Treffer. Wenn’s nicht stimmt, hat der Patient eben Pech gehabt:

    http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/roentgen-patienten-bilder-zum-diagnose-stellen-und-arzt-spielen-a-870188.html

    Ich hab das selbst gemacht und zweimal weitergegeben, wir waren alle Radiologen. Bei Bastian Sick waren wir Deutschlehrer. Im Internet sind wir Pseudojournalisten. Am Flughafen sind wir Bodenpersonal. Ehrlich gesagt, können wir auch den Saft schubsen.
    Wir wurden zur Hälfte schon abgeschrieben, zum Beispiel die Geisteswissenschaftler. Ein Teil ist in der Politik, ein Teil in großen Firmen. Der Rest ist Bodenpersonal für alles. Mal gucken, ob sie die Leute demnächst Laborwerte auswerten lassen und wann wir das Schnellstudium für Basismediziner kriegen, die in der Pause schnell mal einen comment schreiben und in der Freizeit mobile Reserve in den Schulen machen, alles umsonst, versteht sich.

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    Whereas Trimbach purchases grapes to supplement its own vineyards, Domaine Weinbach, run by sisters Laurence and Catherine Faller and their mother, Colette, produce wines only from their 70-acre, biodynamically farmed estate in Kayserberg. Like Trimbach, Laurence Faller, the winemaker, strives for a dry style of Riesling, yet her wines are opulent, luscious and distinctively aromatic.

    http://www.winereviewonline.com/Lindaa_Murphy_on_Alsace_Riesling.cfm

    Einer Catherine Faller?
    Sie ist die Besitzerin der Empfehlung, d.h. eigentlich sie, ihre Schwester und Frau Mama.
    Wussten Sie das, Herr Kocks?
    Wissen Sie, warum man im Grunde keine Zeitungen mehr abonnieren muss?: Weil heute alles mit allem…
    Wie nannte man das früher noch? Korruption?
    Ich hätte eine Idee dazu: Die Zeitungen verschenken. Bei Air Berlin las ich auch kürzlich über einen Weingutbesitzer. Die Zeitung kann man umsonst haben, mit dem Ticket erworben. Lassen Sie die Weinhandlungen alles bezahlen, vom Journalisten bis zum Druck und verschenken Sie das bedruckte Papier. Wir wissen, dass nix drin steht, was einen Werbeträger stört. Wir, die Leser, haben ein dickes Fell inzwischen. Wir benutzen das Papier zum Anstreichen, als Unterlage für Kinder zum Malen, zum Ausstopfen des Porzellans bei Umzügen, als Angeberei auf dem Beistelltisch (Die Zeit, ungelesen). Wenn wir alt werden, lesen wir die Todesanzeigen. Im Spiegel sowieso immer. Die sind leider wahr, sonst nicht viel. Früher brauchten wir die SZ bei der Wohnungssuche, zweimal, einmal dienstags, einmal freitags. Man stand abends am Verlag an, denn man musste schnell sein. Heute? Immo-Scout. Das Internet hat Euch den Garaus gemacht. Und das ganze Angepasste. Dass wir über die Zeitung hinauswachsen, erst über den Fernseher, dann über die Zeitung. Tut mir leid. Das Übrige schafft die allgemeine Verseichtung.

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    Cher M. Kocks,

    haben sie vielleicht ein wenig zu tief in das Glas geschaut als sie ihren Kommentar geschrieben haben?

    Oder liegt es an meinen schlechten Deutschkenntnissen.

    1.Der Bruder des Kochs gibt den Weinkenner und verkostet einen Pinot Gris von Madame Keller der Domaine Weinbach,

    In der Domaine Weinbach gibt es keine Madame Keller aber einen Weinkeller und die Besitzerin der Domaine Weinbach ist Mme Colette Faller mit ihren Toechtern Catherine et Laurence

    http://www.domaineweinbach.com/
    http://www.domaineweinbach.com/fr/historique/index.htm

    und fuer die Weinliebhaber hier etwas :

    http://www.domaineweinbach.com/en/wines/vintages.htm#2008

    Und da sie immer Qualitaet preferieren, hier noch etwas zu ihrem getrunkenen Wein:

    http://www.wine-searcher.com/wine-169979-2008-domaine-weinbach-pinot-gris-altenbourg-quintessence-de-grains-nobles-alsace-france

    Der Gewurztraminer Cuvee Laurence 2009 ist ein wenig billiger 🙂

    http://www.wine-searcher.com/wine-44774-0001-domaine-weinbach-gewurztraminer-cuvee-laurence-alsace-france

    Leider haben sie vergessen den Jahrgang beim pinot gris anzugeben:

    Pinot Gris von Madame Keller der Domaine Weinbach

    wenn ich mir diesen Pinot Gris von 2008 anschaue:

    http://www.vinaturel.de/product_info.php?info=p1149_Altenbourg.html

    ist er ebenfalls sehr guenstig.

    Und was Madame (Christiane) Keller betrifft, sie ist die Besitzerin von Le Chambard

    http://www.tourisme-alsace.com/en/230100092-Madame-KELLER-Christiane-Les-Remparts-Gite.html

    Die Zimmerpreise sind immer noch sehr guenstig:

    http://www.lesremparts.info/kaysersberg-preise.htm

    Wenn ich richtig informiert bin, sind sie doch der PR Experte in Deutschland.

    Ist die Methode à la Welt fuer sie etwas neues??

  7. avatar

    Journalist ? Wie Theologe oder Soziologe (oder Diplom-Oekologe) : Das ist kein Beruf ! Auch in der Politik muss heute einer erst einen richtigen Beruf haben – wie in China: Alles Ingenieure!. Oder Lateinamerika – Volkswirtschaftler. Als Journalist, Theologe oder Soziologe – kann einer nur noch Unterschlupf finden in der “Rosa-Luxemburg-Stiftung” oder irgend einen zwielichtigen NRO-Verein der Kirchen oder “Gruenen”…oder fuer die BND als “freier” Journalist in der Dritten Welt…

  8. avatar

    @KK
    Sehr gut. Ich habe kaum Vorstellung davon, “wer” hier so alles mitliest, aber ich könnte mir vorstellen (oder hoffe es zumindest), daß über das Internet, Blogs, wie diesen, etc., der Ruf nach Qualitätsjournalismus insofern Gehör findet, daß sich Investoren Gedanken machen.

    Die “Öffentlich-Rechtlichen” hingegen sehe ich in keiner rühmlichen Rolle dabei – mit ihrer Zwangsfinanzierung, dem Proporzgedöne und ihren Abhängigkeiten von Werbekunden und Sponsoren.
    Apropos Sponsoring: Läuft da nicht auch was an vielen Schulen?!

    PS: Was im Journalismus so läuft, wie beschrieben, gibt’s genauso in der Wissenschaft (Drittmittel, Auftragsforschung). Schwieriges Thema – gut nicht alles zu glauben, was als “gesichert” gilt.

  9. avatar

    Lieber Herr Kocks,
    nett, dass Sie noch einen draufgepackt haben. Das Elsass ist wirklich eine Reise wert. Die einzige Region, die Sauerkraut so zubereiten kann, dass es nicht mehr sauer schmeckt. Dort leben also eigentlich die “krauts”. Leider kann man es nur nach langjähriger Ehe verzehren, wo man schon Schlimmeres ausgehalten hat als die Leisen.
    Salomon der Weise spricht
    Laute Fürze stinken nicht
    Aber die so leise schleichen
    Stinken bis zum Steinerweichen.
    Alternativ Fabada in Asturias oder Galizien. Heute mit Adventsgebäck geruchs- und geräuschlos.

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