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Party statt Produktion: Wie wir uns verlieren

Vater Unser, das ist doch, sagt unser Gedächtnis an lang vergangene Zeiten, das Gebet, das uns der Religionsstifter gelehrt hat, zuletzt in Kindertagen aufgesagt. Pater Noster ist das Gleiche in Latein. Und ein sagenumwobener Aufzug. Quietschende Körbe bewegen sich in endlosem, vor allem aber ununterbrochenem Reigen; man springt auf und ab. Wem das nicht gelingt, dem drohen im Keller und auf dem Dachboden ungeheuerliche Gefahren. Ein Hinweisschild im Paternoster bestreitet das; aber wer mag das schon glauben, in einem Land, das Kraftwerke durch Windmühlen ersetzt?

Wir fahren in Flemings Deluxe Hotel am Eschersheimer Tor in den fünften Stock; dort oben bietet ein renommiertes Restaurant Aussicht. Man blickt auf den Eschersheimer Turm, in dessen Schatten einst die Frankfurter Rundschau gemacht wurde. Sie befindet sich in Liquidation. Meine Gäste werden sentimental. Die FR war ein Teil ihrer Jugend. Man las sie, bevor man im Hörsaal 6 Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit lauschte. Das Blatt war links-liberal in einer Zeit, als das Schwarze noch hegemonial war. Zu dieser Zeit bewohnte unser Paternoster-Gebäude noch ein Chemieunternehmen, das im Hörsaal 6 als IG-Farben-Nachfolger verschlissen wurde; man assoziierte das Vernichtungsgas Zyklon B und den Holocaust. Und die verhassten Konservativen der hessischen Union, bei denen das Schwarze braune Schatten warf.

Tempi passati. Der Revolutionär Cohn-Bendit wünscht sich heute eine Koalition mit den Schwarzen. Das Chemieunternehmen hat das Gebäude am Eschersheimer Tor geräumt und der Schickeria wird ein Hotel im kruden Charme der Fünfziger Jahre geboten. Wir essen im Edelrestaurant im 5. Stock für gut dreißig Euro das Stück (200 g) Steaks aus Argentinien. Weil die Kuh in der Idylle der Pampa nur gesundes Gras kriegt. Bio-Landwirtschaft lobt die Speisekarte aus. Die grüne Revolution ist angekommen. Man darf eine Karikatur des Zeitgeistes miterleben: Im rekultivierten Kasino des IG-Farben-Nachfolgers sitzt eine ökologisch gestimmte Petite Bourgeoisie beim Weinchen und weint dem linksliberalen Blatt nach, das seine Jugendträume beflügelt hat.

Gerichtet hat das Blatt schliesslich das Management seines Verlegers, namentlich der SPD, die es von der Karl-Liebknecht-Straße in Ostberlin aus betreiben wollte. Welch ein Irrsinn, für die Frankfurter Schule Konserven aus der Kantine einer SED-Bezirkszeitung. Die SPD hat die traditionsreiche Geschichte ihres publizistischen Versagens um eine weitere Schandtat bereichert.

Man seufzt. Energiewende: Windparks in der Nordsee, leider fehlen die Kabel, um den grünen Strom anzulanden. Solarindustrie: Von den Konkurrenten aus dem Reich der Mitte ruinert. Atomkraft: Die Industrie hat aufgegeben, die Götter mögen die Reste entsorgen. Es rauchen Tag und Nacht die Schlote in den Braunkohlerevieren in der Lausitz und dem Rheinland. Der Duft der DDR ist wieder da. Deutschland  entindustrialisiert sich. Party statt Produktion.

Nachdem wir nicht mehr die Aufzüge der Moderne nutzen wollen, wollen wir nostalgisch gestimmt wieder Paternoster fahren. Der Strom dafür kommt aus der grünlackierten Steckdose. Am Ende werden wir Treppe steigen müssen, aber nicht mehr in einem Alter sein, wo wir es noch können. Wir werden dann eine Bürgerinitiative für den barrierefreien Zugang zu den Luxusrestaurants gründen. Die Grünen werden das zum Wahlkampfthema machen. Finanzminister Trittin sagt eine Finanzierung aus Steuermitteln zu.

Was ich noch erwähnen sollte: Zum Steak gab es Sprossengemüse aus dem Wok. Die mittels Sprossen aus Bienenbüttel, Niedersachsen, verbreitete EHEC-Seuche hat mehr Menschen umgebracht als Fukushima. Wir sinnieren darüber, während wir das Restaurant und den fünften Stock über ‘s Treppenhaus verlassen. Ging ganz gut. Aber runter zu kommen, ist ja nie das Problem.

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15 Gedanken zu “Party statt Produktion: Wie wir uns verlieren;”

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    @KJN: Ja, das Zeugs braucht viel Energie. Woher nehmen? Allein die britischen Offshore-Pläne würden nach Verwirklichung ca. 25 Atomkraftwerke ersetzen:
    “Insgesamt hatte die Crown Estate, welche die Liegenschaften entlang der britischen Küste verwaltet, neun Vorranggebiete für Offshore-Windkraftnutzung mit einer Leistung von insgesamt rund 25.000 Megawatt installierter Leistung ausgeschrieben.”

    http://www.rwe.com/web/cms/de/453690/rwe-innogy/anlagen/offshore/anlagen-in-entwicklung/dogger-bank/

    Zum Vergleich: Das leistungsstärkste deutsche Atomkraftwerk Isar 2 liefert eine Leistung von 1410 MW. Im Durchschnitt ists deutlich weniger.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kernreaktoren_in_Deutschland

    Das wäre doch schonmal ein Anfang? Hinzu kommen der zusammengeschaltete Strom aus dem dezentralen Netz und das Stromsparpotential, dessen Größenordnungen ich jetzt nicht recherchieren kann. Das wäre dann wohl das Potential der erneuerbaren Energie, das Sie Ihrer Rechnung entgegenstellen müssten.

    Nun gibt es große Schwierigkeiten beim Ausbau der Offshore-Windparks, das wurde ja hier vielfältig angesprochen. Hier ein Überblick:

    http://www.wiwo.de/technologie/umwelt/studie-zu-offshore-plaenen-windkraft-auf-see-droht-ein-desaster/7011494.html

    Der Artikel hält das Unterfangen aber nicht für aussichtslos. Zitat: “Sollte es Deutschland trotz aller Widrigkeiten am Ende schaffen, Windparks unter solch schwierigen Bedingungen weit draußen auf See zu bauen, und das zu vertretbaren Kosten, hätte das Land einen einmaligen Technologievorsprung. Nicht ausgeschlossen also, dass aus dem Drama auf See doch noch eine Erfolgsgeschichte wird.”

    Das wäre doch was. (Über die Schwierigkeiten der Kernfusion decken wir lieber den Mantel des Schweigens.)

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    @KJN

    Nachtrag

    “Für die Erzeugung von einer Tonne Primäraluminium sind heute rund 13,5 MWh Strom erforderlich. Bliebe der Blick allein auf die Primärerzeugung konzentriert, übersähe man allerdings, dass die einmal eingesetzte Energie im Metall gespeichert bleibt und im Recyclingprozess “reaktiviert” wird. Aufgrund des niedrigen Schmelzpunktes (660°C) sind nur fünf Prozent der ursprünglich eingesetzten Energie beim Recycling von Aluminium erforderlich”

    Ein Blick über den Tellerrand:

    Vielleicht sollte man die incentives beim Recyling von Aluminum erhören, um einen geringeren Energieaufwand zu haben

    http://www.wvmetalle.de/welcome.asp?page_id=186&sessionid

    Und dann es bereits neue Rohstoffe wie Carbon, die zukünftig in Konkurrenz zu Aluminium treten werden.

    Was das Thema temporäres Abschalten betrifft, so ist dies leider in Vergessenheit geraten, bzw. es wäre heute auch möglich bestimmte Produktionsprozesse in Zeiten zu verschieben, die nicht so einen hohen Energiekonsum haben.

    Letztlich auch ein Teil eines zukünftiger echten smart grids

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    @R.Z: “Strom-Überangebot”
    Ich habe mir mal gerade den “Spaß” gemacht, den Energiebedarf für die Herstellung einer Tonne Aluminium zu “recherchieren”:

    [1] 14000 KWh /t:
    http://www.umweltlexikon-online.de/RUBchemieprozesse/Aluminiumherstellung.php

    [2] 4,6 TW (Terawatt) für 500000 t Aluminium bzw. pro Jahr:
    http://www.energie-und-technik.de/smart-grid-smart-metering/news/article/89092/0/Trimet_Aluminium_Wir_brauchen_dringend_die_Abschaltverordnung/

    14000 KWh pro Tonne Aluminium – das ist etwa der jährliche Energieverbrauch von etwa 3 bis 4 Mehrkinderhaushalten.
    (Das zitierte Werk [2] ist sparsam, es braucht nur 4,6 TW / 500000 = 9600 KWh/t, also nur 3 Haushalte.)

    Sie müssen also 3 x 500000 = 1,5 Mio Haushalte “zusammenschalten” um effektiv Aluminium zu produzieren, bzw. das muss in Leitungen münden, die auch die Ampere aushalten.

    Da das aber offensichtlich in der Politik bereits abgemachte Sache zu sein scheint, bleibt für mich nur festzuhalten, daß eine der drei Szenarien akzeptiert ist:

    1. Strom verteuert sich überproportional (s. auch [3])
    2. Der Verbrauch der privaten Haushalte sinkt dramatisch aufgrund des hohen Preises oder einer Rationierung
    3. Die Produktion von Aluminium (Rohstoff der Zukunft) wird “ausgelagert”.

    [3] Abschaltverordnung (Strom abschalten bei Überbelastung der Stromnetze):
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/folgen-der-energiewende-60-000-euro-fuers-stromabschalten-11620477.html

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    Kabel fehlen ? Die Antwort von den Musikern des Checheu Abreu: “Geb’ ihr den Kabel!” Die Dominikaner als Erz-Karibiker – sind erfinderisch in der zweideutigen Bedeutung aller moeglichen Woerter oder Umstaende. Sieh youtube Video: CHECHE ABREU TELECABLE . Der Deutsche nimmt sich und alles zu ernst! (Cheche Abreus war das “Haus-Orchester” in “Herminias” – Ecke Avenida Maximo Gomez und Felix Evaristo Mejia. Damals in der Epoche der “all-year ongoing fraternity-house party in the Caribbean”…)

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    In die Runde: Danke für die Diskussion. Zur Entsorgung von Nuklearabfällen: es ist schon beachtlich, dass der Bund darauf besteht, für die Entsorgung zuständig zu sein und es dann nicht tut. Thema Asse. Staatsversagen. Und natürlich Rechenfehler einzuräumen. Um den Faktor 10 verhauen: das Teelicht kostet 4 Cent. Folge der elektronischen Rechner; man kann nicht nur nicht mehr rechnen, man verliert sogar völlig die Größenordnung, Mein Vater, der auf die 90 zustrebt, hat noch mit einem Rechenschieber rechnen können. Bei ihm war zwar 10 mal 10 “ungefähr 98”. Aber er konnte riechen, wenn was nicht stimmen konnte. Das ist eigentliche Kompetenz: sich nicht in der Größenordnung verhauen. KK

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    @KJN: Sie glauben also nicht an eine bezahlbare Möglichkeit, fehlende Kabel für Offshore-Anlagen bereitzustellen? Aber wenn ich richtig erinnere, glauben Sie trotzdem an eine bezahlbare Möglichkeit, Strom durch Kernfusion zu beziehen?

    Für den “Strom vorort” können viele kleine private Kraftwerke zusammengeschaltet werden (dezentrales Netz). Zuammen mit dem Offshore-Strom, die sämtliche Atomkraftwerke komplett ersetzen kann, ergibt sich ein Strom-Überangebot, mit der Sie bequemst so viele Aluminiumhütten betreiben können, wie Sie wollen.

    Aber auch beim dezentralen Stromnetz “fehlen die Kabel”. Ob das wirklich an der unlösbaren Herkulesaufgabe liegt? Oder daran, dass die Netzbetreiber leider kein Interesse an solchen Kabeln hatten und haben? Tatsache ist, dass wir bereits heute häufig nicht zu wenig, sondern zu viel Stromquellen haben, die gar nicht alle in das Netz eingespeist werden können, so dass die Windanlagen abgeschaltet werden. Und das Prinzip eines Stromspeichers scheint mir nun nicht sooo herkulisch: dem Bauern ein paar qm Acker abkaufen, Loch graben, Pumpkraftwerk draufstellen, fertig. Klar: bezahlen muss das alles irgendwer. Aber die Staatsschulden bezahlt ja auch irgendwer.

    Überhaupt: Technologie, Infrastruktur, Entwicklung… Woher weiß man, was Zukunftskonzept ist und was in ein paaer Jahren/Jahrzehnten überholt sein wird? Stehen die Grünen hier auf der Bremse oder auf dem Gaspedal? Sie sind nichtmal an der Regierung und werden doch verantwortlich gemacht für die Misere. Werden hier möglicherweise Maßstäbe angelegt, die aus den 80er Jahren stammen?

    Da gabs doch neulich diesen Kommentator, der mittels Atomkraft dem lieben Gott in die Karten gucken wollte. Gott in die Karten gucken wollen, aber keine Kabel verlegen können, was soll man dazu sagen.

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    @KK
    “Atomkraft: Die Industrie hat aufgegeben, die Götter mögen die Reste entsorgen.”
    Als die hochgeförderte Kerngraftindustrie noch nicht aufgegeben hatte, hafteten auch die Götter, bzw. der Steuerzahler für die Entsorgung. Da wäre anzusetzen gewesen. Fukushima: Eine Hintertür für Eon & Co. für den Ausstieg aus der Entsorgung auf Kosten des Steuerzahlers und der Stromkunden.

    Man wird langsam müde, immer wieder in langweilig-altmodischer und intellektuell uneleganter Weise auf den eindeutigen Zusammenhang zwischen der Höhe der Stromerzeugung und des von der Gesellschaft geforderten Verbrauchs hinzuweisen. Will man Industrie und privaten Komfort auf gewohntem Niveau, braucht man den Strom vorort. Und wenn Kernkraft verboten wird, muss eben Braunkohle, ggf. auch wieder Steinkohle aus heimischen Flözen her.
    (@RZ: Mondlandung ist gebündelte und organisierte Anstrengung auf hohem wissenschaftlichen Niveau – Stromnetze für sog. “Erneuerbare” herrichten eine kaum bezahlbare Jahrhundert-Materialschlacht)

    Es fällt doch auf, daß es Mode geworden ist, Zusammenhänge zu negieren.

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    Germany/Alemania – ewig gruselig gesehen von den beiden verschiedenen “Americas”! Das deuten wieder die “Gruen-Schreier” – immer wieder diese hysterische Ubertreibung der ueber alles Starken. Schon bemerkt von Heinrich Heine 1837: “Ihr Nachbarskinder habt Acht! Der kleine Michel schlaegt euch noch allen den Schaedel ein!” Wenn sie es nur unter sich ausfechten wuerden, wie die Schweizer, waere das keine Gefahr fuer die Welt. Aber leider sind heute “gruene Hunen” wieder dabei allerorts als “Partnerschaft-Schutztruppen”: Mit der NATO an der Grenze Chinas im Kunduz, auch im Balkan wo 1914 der Erzherzog Ferdinand fuer “Gross-Oestreich” fiel, und bald auf Dromedaren in der Sahara nach Mali, und jetzt wieder die “Waffenbruederschaft” mit den Osmanen – wie damals 1915 als der Paul in Rumaenien als “Partner” der Osmanen, die Kaiser-Ulanen-Lanze fuer das neue Krupp Maschienengewehr austauschte. Der Fall Cohn-Bendit: Alan Besson (zebrastationpolaire.over-blog.com/)hat Cohn Bendit schon seit 1968 beobachtet – und die geopolitische Funktion des Cohn Bendit fuer die USA schon analysiert – also Cohn Bendit scheint heute zur Neigung nach “Schwarz”: Seine geopolitische Funktion ist als pseudo-linke Opposition gegen das “independent Core-Europe” (unabhaengig gegenueber USA&Britanien). 1968 war es die Funktion fuer Cohn Bendit den Charles de Gaulle zu beseitigen, seitdem wirkt Cohn Bendit als “Gruener” fuer die Laehmung der unabhaengigen Entwicklung in Core-Europe: Greenpeace & WWF hindern kaum wirklich die Wirtschaft in USA oder Britianien – sondern hauptsaechlich die Nationen welche die Konkurrenz der USA&Britaniens sind: Exportwirtschaftlich – Industrie und Landwirtschaft, und Geopolitik. Also besonders BRD als Industrie-Exporteur und Brasilien als Landwirtschafts-Exporteur. Und beide als aufstrebende geopolitische Pole welche einen Sitz im permanenten UN Sicherheitsrat anpeilen…

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    @Roland Ziegler

    Kabelklau ist doch jetzt in, dank der gestiegenen Kupferpreise.

    Und was die Hochspannungsleitungen betrifft, auf die sich sicherlich Herr Kocks bezieht, ob das tatsächlich an den Grünen liegt.

    Ich stelle nur fest was Herr Kocks machen würde, wenn vor seinem Luxushäuschen (ein Fertighaus von IKEA kommt nicht infrage ) ein Hochspannungsmast aufgebaut wird.

    Der Wertverlust wäre doch erheblich oder??

    Und was seon Bio-Steak betriff. Es fehlt leider die CO2 Bilanz bei argentinischen Steaks.

    Daher würde ich ihm das nächste Mal Wagyu Steaks empfehlen gibt es mittlerweile auch in Deutschland und sogar in Hessen:
    http://www.wagyuverband.com/

    Ist zwar ein wenig teurer,aber für gute Qualität ist man sicherlich bereit auch einen höheren Preis zu zahlen.

  10. avatar

    Die Kabel fehlen? Zwar können wir zum Mars fliegen, das Atom spalten und Antimaterie erzeugen, aber Kabel herstellen, um Strom von den Offshore-Windparks zu uns herüberzuleiten – das ist eine Aufgabe, die uns die Grünen eingebrockt haben, vor der wir kapitulieren müssen, und ein guter Grund zur Melancholie.

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