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Gauck und der Graben zwischen Israel-Gegnern und Israel-Freunden

Israel. Schon das Wort allein reicht aus, um Deutschland zu spalten. Auf der einen Seite des abgrundtiefen Grabens stehen diejenigen, denen eine bloße Erwähnung des jüdischen Staates die Zornesröte ins Gesicht treibt. Für sie ist Israel ein Synonym für das Böse schlechthin. Dort treiben Besatzer, Menschenschinder und Kriegstreiber ihr Unwesen.

Auf der anderen Seite befinden sich die Apologeten, die mit glänzenden Augen und Jubelrufen Israel hochleben lassen. Für sie ist das Land ein Ort der Sehnsucht, ein Hort des Guten, der Demokratie. Und zwischen diesen Fronten? Gähnendes Nichts!

Wie gut, dass es in dieser vertrackten Situation einen wie Joachim Gauck gibt. Wie gut, dass der Bundespräsident schon zwei Monate nach seinem Amtsantritt gen Jerusalem gereist ist. Wie gut, dass er tatsächlich ein Mann der weisen Worte zu sein scheint. Denn Gauck hat gleich zu Beginn seines Besuchs mit wenigen Sätzen klargemacht, worauf in den heiklen Beziehungen zwischen beiden Staaten zu achten ist: „Aus den Abgründen seiner Geschichte kommt Deutschland eine einzigartige Verantwortung gegenüber Israel zu.“ Das ist deutsche Staatsräson, also eine Selbstverständlichkeit.

Dabei beließ es der Staatschef allerdings nicht. Er redete gleichermaßen seinen Mitbürgern warnend ins Gewissen. Gerade die Deutschen sollten sich kritisch fragen, in welchem Geist sie über israelische Politik urteilten. „Doch bitte nur im Geist der Freundschaft. Da ist durchaus auch Platz für Kritik, nicht aber für Vorurteil.“ Treffende Worte, wichtige Worte, wahre Worte.

Denn erst jüngst hat die Kontroverse um das Grass-Gedicht erneut gezeigt: Jenseits aller offiziösen politischen Bekenntnisse ist der bundesrepublikanische Mainstream ziemlich anti-israelisch. Während sowohl Politik als auch Medien zu Recht die lyrischen Ergüsse als Unsinn bezeichneten, war der Zuspruch für den selbst ernannten Moralapostel in Leserbriefen und Internetforen immens. Der Tenor: Israel, nein danke. Wäre das nicht schon einseitig genug, kam in vielen Beiträgen ein antisemitisch grundierter Antizionismus mehr oder weniger unverhohlen zum Vorschein.

An dieser Grundstimmung wird auch Gaucks Besuch in Israel wenig ändern. Dabei müsste selbst dem blindwütigsten Gegner des jüdischen Staates auffallen, dass deutsche Politiker sich sehr wohl „trauen“, Jerusalem etwa wegen seiner Hartleibigkeit in der Siedlungsfrage zu kritisieren. Und auch der ehemalige Pfarrer Gauck wird im Gespräch mit Israels Regierungsvertretern nicht zu allem Ja und Amen gesagt haben.

Mehr noch. Zu den Grundfesten deutscher Außenpolitik zählt von jeher die Ausgewogenheit. Die Zwei-Staaten-Lösung, das Flüchtlingsproblem, der beschwerliche Alltag der Menschen – Berlin bemüht sich, es auch der palästinensischen Seite recht zu machen. Insofern ist Gaucks Fahrt nach Ramallah und Nablus am letzten Tag seines Aufenthalts im „heiligen Land“ keineswegs eine Ausnahme oder gar eine Wende im deutsch-israelischen Verhältnis, sondern eiserne Regel.

Warum auch nicht? Das eine tun, ohne das andere zu lassen – im mühsamen Alltag der Nahostpolitik heißt das für Deutschland: die Solidarität mit dem jüdischen Staat hochzuhalten, aber gleichzeitig Sorgen, Nöte und Wünsche der Palästinenser zu respektieren. Nur: Damit wird sich hierzulande der Graben zwischen Israel-Gegnern und Israel-Freunden kaum zuschütten lassen. Er bleibt groß und tief.

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17 Gedanken zu “Gauck und der Graben zwischen Israel-Gegnern und Israel-Freunden;”

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    Ich stimme Herrn Böhme zu mit seiner Beobachtung. Es bleibt hinzuzufügen dass sowohl die Israelfreundschaft als auch die Israelfeindschaft nichts anderes sind als verschiedene Formen der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Die Israelfreunde haben historische Schuldgefühle und wollen sie loswerden indem sie sich mit Israel solidarisieren und die Israelfeinde haben historische Schuldgefühle und wollen sie loswerden, indem sie die Israelis als böse darstellen (am besten genau so böse wie die nazis).

    Mit Israel hat das ganze in der Regel relativ wenig zu tun.

    Sobald wir unsere nationalen Schuldgefühle überwunden haben wird der Graben auch weg sein

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    Auch sehr hübsch:
    “Kohl hatte auch kein Projekt, aber einen Instinkt, und es gab eine mächtige kulturelle Strömung, die ihn trug. Die Ära Kohl war die Zeit der lebensweltlichen Europäisierung (West-)Deutschlands. Es wurde italienischer, mediterraner, entspannter. Zwar war der Pinot-Grigio-Deutsche jener Jahre nicht unbedingt ein Anhänger des Kanzlers, eher ein Verächter seines angeblichen “Provinzialismus”. Aber in der Grundstimmung der Europäisierung stimmten Politik und Lebenswelt überein.

    Das Deutschland Angela Merkels ist immer weniger italienisch, mediterran und entspannt – und inzwischen ziemlich uneuropäisch. Teutonisches Säbelrasseln hat es zwar längst verlernt. Das Euro-Klimpern wird dafür immer lauter. Die Kommandosprache auf dem fiskalischen Kasernenhof ist Deutsch.” Eckard Fuhr, weltonline

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    Gelassen wie immer: Henryk M. Broder und die Israelis:
    “Gauck hat die Gabe, komplizierte Tatbestände zu entzerren. Die Sicherheit Israels kann keine Frage der deutschen Staatsräson sein. Es sei denn, die Bundesregierung wäre bereit, deutsche Soldaten nach Israel zu schicken.

    Für den Augenblick wäre schon viel getan, wenn die Beziehungen zum Iran auf ein Minimum zurückgefahren würden, so lange Ahmadinedschad davon redet, dass Israel ein Krebsgeschwür ist, das aus der Region entfernt werden müsse.”
    http://www.welt.de/politik/deutschland/article106404766/Gaucks-Woche-Wenn-die-Posse-zum-Trauerspiel-wird.html

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    @ Rita E.Groda
    Die deutsche israelfreundliche und aber vor allem amerikahörige Presse hat reflexhaft reagiert. Sie brauchen erst eine Vorgabe aus Israel. Die liegt vor. Die Israelis betrachten Kritik gelassen. Entweder sie putzen sie sich einfach von der Backe oder sie reagieren angemessen darauf. In welchem Land von nur 6 Mio Einwohnern gibt es schon solche Gegensätze wie die JPost und Haaretz? Die Hysterie, sowohl überzogen proisraelisch, als auch überzogen anti-israelisch, kommt voll aus Deutschland und auch aus England.
    Wer dem amerikanischen Präsidenten widersteht, braucht Kritik aus Zwergstaaten nicht zu fürchten. Das betrifft Israel genauso wie Iran. Ich fürchte, über deutsche Wichtigtuerei lachen die dort.

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    Nachtrag an Herrn Posener:
    In haGalil konnte man z.B. lesen:
    Gauck bewegt die Herzen, das IOC bewegt Staaten.

    http://www.hagalil.com/archiv/2012/05/28/gauck-2/

    In der Jerusalem Post findet man einen Auszug aus der Rede von Peres, mit der er Gauck begrüßte.
    Herr Peres sprach besonders von Freundschaft mit Deutschland und Achtung für unseren neuen Bundespräsi. Sollte man doch auch mal lesen, nicht nur Spiegel, Bild, Stern und wams.

    http://www.jpost.com/LandedPages/PrintArticle.aspx?id=271800

    Und die Haaretz feiert Herrn Gauck geradezu als demokratischen Superstar.

    Also, entweder ist die Israelische Presse etwas verrückt, oder die Deutsche. Ich tippe auf das Zweitere!!!!!

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    @Lieber Herr Posener: Ihren Artikel in der Welt habe ich gerne gelesen. Ihre Bedenken verstehe ich außerordentlich gut; auch Ich habe die solidarische Position der Deutschen Kanzlerin 2008 in Insrael goutiert.
    Allerdings, war das eigentlich doch nur eine symbolische Handlung; denn was könnte denn Deutschland im Erstfall tatsächlich für Israel unternehmen, außer Diplomatie und Waffenlieferung? Wir befinden uns in einem Militärbündnis, selbst wenn wir wollten, könten wir nicht, wie wir wollen!!
    Ihr Kollege Clemens Wergin hat das einigermaßen deutlich dargestellt.

    Gauck ist nicht nur Ihr “Nichtwunschkandidat”, daher macht man ihm jetzt schon den Prozess, allerdings nur mal wieder in seinem Heimatland.
    In Israel, wie ich hörte, hat er durchaus einen Achtungserfolg erzielt.

    In der Zeit fand ich einen Beitrag, den ich Ihrer kritischen Betrachtung gegenüberstellen möchte:

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-05/gauck-merkel-israel-staatsraeson

    Der letzte Absatz gefällt mir, er gibt weiteren Anlaß zum Nachdenken:

    “Realpolitisch betrachtet – und diesen Maßstab legt der Präsident an sich selbst an – hätte er also in diesem Falle diplomatisch nichtssagend reagieren sollen auf die Frage nach der Staatsräson. Dethematisieren läge in der Staatsräson. Kurzum: Der wortmächtige Selberdenker Gauck hat einen Fehler gemacht. Das ist blöd, aber wenn solche Fehler der Preis sind für seine Denkfreiheit, dann soll er ruhig noch ein paar mehr Fehler machen.”

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    Der Präsident der Deutschen steht also weder jenseits noch diesseits des Grabens — wie dürfen die geneigten LeserInnen sich das vorstellen?

    Gauck (der Versöhner, der Präsident aller Deutschen sein will und ist) mitten drin im Schützengraben, den Blick gen Israel gerichtet. Ja, so macht es Sinn; so versöhnen sich die Deutschen mit sich selbst.

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    Ein demokratisches Land wird von einem totalitären Unrechtsregime ausdrücklich mit der völligen Auslöschung bedroht. Es hat über 6 mal soviel Einwohner wie Israel, die Bedrohung ist bereits jetzt real und atomar, die Herrscher viel unberechenbarer als die bislang doch ziemlich rational auftretenden Mullahs im Iran. Die Rede ist von Südkorea vs. Nordkorea. Dagegen tut man nur sehr wenig; man protestiert, hält still, deeskaliert und vertraut darauf, dass sich das Regime irgendwann überlebt. Keine schlechte Strategie.

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    Ein kleines Streiflicht aus meiner begrenzten Umwelt. Das Provokationspotential von Israel, von dem Herr Böhme spricht, gibt es nach meinem Eindruck nur im Internet (dort ist es tatsächlich so, wie Herrn Böhme es darstellt). Zwar kenne ich in der Wirklichkeit nicht allzuviele Menschen, aber ein paar kommen da schon zusammen: Familie, Kita/Schule-Eltern, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen… Niemanden (ein paar Ausnahmen gibt es) interessiert Israel und die israelische Politik sonderlich. Jegliche Kriegsbeteiligung Deutschlands wird dagegen in breiter Mehrheit (…auch hier gibt es wenige Ausnahmen) abgelehnt, schon gar die Beteiligung an einem Präventivkrieg – das war gegen Irak so und wird, falls es sich gegen Iran wiederholen sollte, wieder so sein. Der Staat Israel treibt niemandem Zornesröte oder Begeisterung ins Gesicht, dazu ist er wahrscheinlich zu weit von der europäisch-deutschen Wirklichkeit weg. Soweit meine Wahrnehmung, mag sein, dass die nicht sehr repräsentativ ist.

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    @ KJN
    “1. Merkels “Staatsraison” (Automatismus) ließe sich im Ernstfall politisch gar nicht durchsetzen. Ich denke, in Israel weiß man das und man wäre mit etwas mehr Verständnis für die israelische Lage in D bereits hochzufrieden.”

    Wenn das so stimmt – und vermutlich stimmt das – wird die differenzierte und gleichzeitig realistische Einstellung eines Herrn Gauck dieses Verständnis eher erhöhen als eine der leeren Worthülsen von Frau Merkel.

    Während Malte Lehming die Distanzierung von dem Ausdruck Staatsräson kritisiert (s.u.), erwähnt Broder sie mit keinem Wort.
    Solange die Deutschen “deutsche Staatsräson” hören, ganz gleich in welchem Zusammenhang, und sich mit Schaudern abwenden, sind sie noch halbwegs gesunde Nachkriegskinder.
    “Sein Auftreten war – mit Ausnahme der Distanzierungsversuche von Merkels Begriff der „Staatsräson“ – eine gelungene Inszenierung.” ML
    Beide Stücke auf achgut.
    Unter Frau Merkel haben wir haufenweise “deutsche Staatsräson”, auch wenn sie es nicht immer so nennt. Da wäre auch der ESM zu nennen, der – so stellt es sich Barroso vor – spanische Banken retten soll. Außerdem wären die gewaltigen Stromtrassen zu nennen, für die Bäume gefällt werden und die zu Prozessen führen werden. Immerhin haben wir gelernt, wie ein alternativloses Land aussieht. Von Frau Morwell. Billig, hässlich und alternativlos.
    Abgesehen davon sollen die Amerikaner die Suppe auslöffeln, die sie angerichtet haben, indem sie Irans Erzfeind beseitigt haben.

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    Was Gauck in Israel gesagt hat, war, gewollt oder ungewollt, wahrscheinlich das beste, was man bei der hiesigen Mehrheitsmeinung zu Israel sagen kann:
    1. Merkels “Staatsraison” (Automatismus) ließe sich im Ernstfall politisch gar nicht durchsetzen. Ich denke, in Israel weiß man das und man wäre mit etwas mehr Verständnis für die israelische Lage in D bereits hochzufrieden (vgl. auch http://flatworld.welt.de/2012/05/30/gauck-sucht-in-israel-den-konflikt-mit-der-kanzlerin/#more-1090)
    2. Genau die mangelnde Empathie in Deutschland für Israel hat er angesprochen
    3. Er hat die Lügen gestraft, die immer behaupten, man “dürfe” Israel nicht kritisieren
    4. Frau Merkel neigt offensichtlich zu einer gewissen Bevormundung des Souveräns (“nicht hilfreiche Bücher” usw.). So bekommt man den aber nicht dazu, im Ernstfall auch für die versprochene Solidarität einzustehen.
    Man sollte sich hier auch nicht so wichtig nehmen –
    ehrlch gesagt, glaube ich nicht, daß man sich in Israel im Ernstfall gerade auf Deutschland verlässt..

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    U.S.Senator Rob Portman besucht Netanyahu in Israel! Warum ? Portman will Mitt Romneys Vice-President werden! In der Vergangenheit mussten germanische Stammesfuersten und spaeter Euro-Koenige nach Rom reisen und sich dort beim Pabst vorstellen… In U.S. muss ein ehrgeiziger Politiker zuerst unbedingt seine vollkommene Verbundenheit mit Israel bekunden, ohwohl die juedische Waehlerschaft in USA nur aus einem oder zwei Prozent besteht. Es ist hier nicht den Standpunkt zu beschreiben an dem die Mehrzahl der U.S. zu diesem Problem stehen – aber warum verheimlichen – genau dort wo die Mehrzahl der Deutschen stehen. In Lateinamerika, wo 570 Millionen leben ist die Situation ganz klar – weil viele Millionen teilweise von christlich-arabischer Abkunft sind – und stark vertreten in den Medien, Academia, Politik. Und, auch kein Geheimnis – (und vielseitig publiziert):Israelische de facto Agenten beteiligen sich in vielen Laendern an den “diskreten” Operationen der CIA und U.S. Dept. of State. (Sorry for reporting the facts!)

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    @ Christian Böhme
    Damit dürften Sie recht behalten:
    “Nur: Damit wird sich hierzulande der Graben zwischen Israel-Gegnern und Israel-Freunden kaum zuschütten lassen. Er bleibt groß und tief.”

    Das ist ja ein Prinzipiengraben zwischen konservativ-liberal bis rechts und links. Israel wird von beiden Seiten als Vehikel benutzt, von links mehr, wie ich finde.

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    Sehr geehrter Herr Böhme,

    wie kann man denn so übertreiben wie Sie in den ersten zwei Absätzen. Das hat mit literarischer Zuspitzung nichts mehr zu tun. Klar, dass man Ihnen dann auch im weiteren Textverlauf nicht mehr folgt. Ihrer Wahrnehmung übrigens, dass der bundesdeutsche Mainstream im Zuge des Grass-Gedichts antiisraelisch sei, kann ich ebenfalls nicht folgen

    Freundliche Grüße

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