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Der Pfarrer als Präsident: Joachim Gauck und der Holocaust

Dass ein Pfarrer, wenn auch ein Pfarrer im Ruhestand, der es offensichtlich mit der christlichen Sexualmoral nicht so ernst nimmt, Präsident der Bundesrepublik Deutschland wird, ist ein Novum.

Ich bin keineswegs überzeugt, dass dies ein gutes Zeichen ist. Es ist eine Sache, wenn eine Bischöfin Kässmann die Afghanistan-Politik oder ein Bischof Lehmann die Abtreibungsgesetzgebung kritisieren. Ihre Räson ist eben nur bedingt die Staatsräson, und das ist in Ordnung so; die Kirchen sind Parallelgesellschaften, in denen letztendlich gefordert wird, die Loyalität zu Gott über die Loyalität zum Staat zu stellen.

Gerade deshalb sollten aber die Funktionäre der Kirchen auf eine gewisse Distanz zum Staat achten – und der Staat auf eine gewisse Distanz zu den Kirchen. Und deshalb ist es eine andere Sache, wenn einer aus diesen Reihen, plötzlich das Amt innehat, das die Staatsräson verkörpert.

Wie problematisch das im Falle Joachim Gaucks ist, will ich an seinem Verhältnis zum Holocaust erläutern. Als Grundlage dient mir die Rede, die er am 28. März im Rahmen der von der Robert Bosch Stiftung organisierten Vortragsreihe „Europa bauen, den Wandel gestalten“ gehalten hat. Denis Yüzel in der „taz“ und Alexander Hasgall in der „Jüdischen Allgemeinen“ haben zwar Entscheidendes dazu schon geschrieben, trotzdem glaube ich, dass es noch einiges dazu zu sagen gibt. Wer den Verdacht hegt, ich würde die Zitate nicht nur „aus dem Zusammenhang reißen“, was ja beim Zitieren nicht anders geht, sondern auch in einen verfälschenden Zusammenhang stellen, kann hier die ganze Rede nachlesen:

http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/Stiftungsvortrag_Gauck.pdf

Gauch kam nicht nebenbei auf den Holocaust zu sprechen. Er war aufgefordert, zum Thema „Welche Erinnerungen braucht Europa?“ zu sprechen. Die Schlüsselpassage, auf die auch Yüzel und Hasgall eingehen, lautet:

„Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocausts. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt.

Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne litt, der gewann mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt (…) Würde der Holocaust aber in einer unheiligen Sakralität auf eine quasireligiöse Ebene entschwinden, wäre er vom Betrachter nur noch zu verdammen und zu verfluchen, nicht aber zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben. Wir würden nicht begreifen.“

Das perfide an dieser Passage ist, dass Gauck eine richtige Aussage – es wäre falsch, wenn man sich damit begnügen würde, den Holocaust „zu verdammen und zu verfluchen“, ohne sich zu bemühen, ihn zu begreifen – in einen Kontext packt, der das Begreifen des Holocausts eigentlich verunmöglichen will. Wie geht Gauck vor?

  1. Zunächst benutzt er eine rhetorische Figur, die zutiefst unehrlich ist, und die wir auch von der berüchtigten Rede Martin Walsers in der Paulskirche her kennen. Er nennt keine Namen. Gauck sagt nicht: Der und der sagt das und das, und damit bin ich nicht einverstanden. Er sagt auch nicht: Laut Umfragen denken soundsoviel Prozent der Bevölkerung das und das,und damit bin ich nicht einverstanden. Er kritisiert eine „unübersehbare Tendenz“. Damit kann sich jeder angesprochen fühlen – oder keiner. Er greift „bestimmte Milieus postmoderner Gesellschaften“ an, ohne zu sagen, welche. Er unterstellt einen „psychischen Gewinn“, ohne zu sagen, wer diesen Gewinn einfährt. Wenn Gauck kritisiert, „das Geschehen des deutschen Judenmordes“ (was für eine unpersönliche Formulierung! Aus den Mördern wird ein Adjektiv) werde „in eine Einzigartigkeit überhöht, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist“ – meint er da, dass jeder, der die Singularität dieses Verbrechens behauptet (also etwa auch der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker), entziehe es dem Begreifen? Und wenn nicht, warum sagt er es dann  nirgendwo in dieser Rede?
  2. Dann unterstellt Gauck denjenigen, die eine Singularität des Holocausts behaupten, sie täten dies nicht, weil das „Geschehen“ tatsächlich einzigartig ist, sondern weil ihnen „Gott fehlt“, weil sie „das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren“ hätten, und weil sie an der „Orientierungslosigkeit der Moderne“ litten. Das ist allerdings eine ausgesprochene Gemeinheit. Hier wird übrigens der Holocaust missbraucht, um Propaganda für die Religion zu machen. Und interessanterweise wird eine neumodische Denkfigur, die etwa bei Josef Ratzinger immer wieder auftaucht, auf bezeichnende Weise angewendet. Ratzinger hat ja – etwa in seiner skandalösen Rede in Auschwitz – behauptet, der Holocaust sei das Produkt der Gottlosigkeit, der Judenmord sei im Grunde genommen der Versuch gewesen, Gott auszuschalten. Nun behauptet Joachim Gauck, die „Überhöhung des Holocausts in eine Einzigartigkeit“ sei auch das Produkt der Gottlosigkeit. Dass der Holocaust von Leuten geplant, durchgeführt und geduldet wurde, die zu 99 Prozent Christen waren, fällt dabei unter den Tisch – und soll wohl unter den Tisch fallen. Nicht der christliche Antijudaismus, der dem Rassenantisemitismus seit 2000 Jahren den Boden bereitet hat und noch heute allzu oft die Auseinandersetzung mit Israel grundiert, wird problematisiert, sondern „bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften“ werden verurteilt, weil sie die Singularität des Holocausts behaupten.

 

Dass Gauck im Folgenden den Holocaust erstens der Moderne in die Schuhe schiebt, wie Ratzinger, und dass er – anders als seine Apologeten meinen – dieses Verbrechen tatsächlich relativiert, verwundert nicht; darauf sind Yüzel und Hasgall nicht eingegangen, weil sie sich auf die Kritik der oben zitierten – zuerst von Clemens Heni aufgespießten – Passage beschränken. Lesen wir also weiter.

„Es ist eine verstörende Wahrheit, dass das, was Demokratie, Rechtsstaat, Grundrechte und Gewaltenteilung fördert, gleichzeitig auch eine Steigerung der Rolle der Rationalität mit sich bringt“, schreibt Gauck, „wobei Rationalität in diesem Zusammenhang die Rationalität derer ist, die ihre antihumanen Ziele definieren und sie perfekt und zweckorientiert zu erreichen wissen. Und wenn der Zweckrationalität der jeweiligen Macht keine moralischen Gegenkräfte entgegenstehen (…), ist eine Gefahr im Verzug, die zu Katastrophen wie dem Holocaust führen kann.“       

Was der Antisemitismus, was der geradezu hysterische Hass auf Juden, der zum Mord an Alten, Frauen, Kindern führte, mit Rationalität zu tun hat, bleibt Gaucks Geheimnis. Dass der Nationalsozialismus, mit seiner Blut-und-Boden-Mystik, seiner Verteufelung der Demokratie, seiner Glorifizierung des Führerkults, seiner rückwärtsgewandten Utopie eines germanischen Bauern-Herrenvolks, seiner Verdächtigung der modernen Physik als „jüdischer Wissenschaft“ usw. usf. mit Rationalität nichts zu tun hatte – schon gar nicht mit dem, was „Demokratie, Rechtsstaat, Grundrechte und Gewaltenteilung fördert“, wie Gauck behauptet – muss das wirklich im 21. jahrhundert noch einem deutschen Staatsbürger erklärt werden, dessen Vater Nazi war, der es also wirklich besser wissen müsste? Die Verwechslung der Zweckrationalität etwa des industriellen Massenmords mit dem Rationalismus der Aufklärung ist eine ebenso perfide wie verbreitete rhetorische Figur (als Denkfigur möchte man diese Manipulation nicht adeln) moderner Christen. Nur nebenbei sei auf die Redewendung „Katastrophen wie dem Holocaust“ verwiesen, die der Relativierung dieses Verbrechens den Weg bereiten soll.

Diese Relativierung erfolgt – natürlich, möchte man sagen, so tun es die Verharmloser und Relativierer immer – unter Bezug auf einen jüdischen Denker, nämlich Zygmunt Baumann, der dann mit der Reihung „Gulag, Auschwitz, Hiroshima“ als Beleg für „den spezifisch modernen Charakter“ des Inhumanen zitiert wird. Diese Reihung kenne ich, gern noch um Dresden und den Spruch von der „Banalität des Bösen“ ergänzt, aus meiner deutschen Schulzeit in den 1960er Jahren. Über Baumann mag ich nicht urteilen. Aber ein künftiger deutscher Bundespräsident sollte den Unterschied zwischen Hiroshima und Auschwitz kennen – zwischen einem Angriff im Rahmen eines Kriegs und zur Verwirklichung eines Kriegsziels, nämlich der Kapitulation des Gegners, selbst wenn man diesen Angriff als verbrecherisch einstuft, wie ich es übrigens tue, und dem systematischen Krieg gegen eine Bevölkerungsgruppe mit dem Ziel, sie – genauer. Ihr genetisches Material – auszulöschen. Das lässt sich nicht subsumieren unter „Katastrophen wie dem Holocaust“, die aus der entfesselten, von keiner moralischen Instanz (sprich Kirche) kontrollierten Rationalität resultieren.

Gauck sagt zwar, dass zwar im Hinblick auf die „universelle Bedeutung des Holocaust“ eine solche Relativierung notwendig ist, dass diese Sichtweise jedoch „für die Deutschen, speziell für die Zeitgenossen ders Unheils“ („Zeitgenossen des Unheils“, nicht: Mörder, Mitwisser und Mitläufer) um eine „eigene Perspektive“ ergänzt werden müsse. Genau das ist aber mit Relativierung des Holocausts gemeint. Gauck: „Es ist auch nicht erforderlich, dass eine ewige Hierarchie der verschiedenen Ausprägungen des Bösen errichtet wird.“ Wir Deutschen müssten zwar die „moralische und metaphysische Schuldbearbeitung als Folgelasten (sic!)“ tragen. „Aber stellen wir uns einmal vor, die früheren Sowjetbürger würden sich entschließen, dem Holocaust-Gedenken die zentrale Rolle im nationalen Diskurs zuzuweisen. (…)  Schauen wir auf China und Kambodscha, so liegen deren Aufarbeitungsschwerpunkte auf der Hand. (…) Das westliche Europa hat sehr lange und sehr intensiv an den Leiden Osteuropas vorbeisehen können…“ usw.

Und die Ostdeutschen? Soll man es also gutheißen, wenn ein ostdeutscher Pfarrer dem erlebten und erlittenen Kommunismus „die zentrale Rolle“ in seinem Diskurs einräumt und Leuten, deren Prioritäten anders liegen, einen Gottesmangel attestiert?

Wie ist es eigentlich mit den Indianern in den USA? Soll bei ihnen der erlittene Genozid des 19. Jahrhunderts die Erinnerung an den Holocaust trumpfen? Mit den Schwarzen? Soll die Erfahrung der Sklaverei ihre Perspektive auf die Geschichte des 20. bestimmen? Was ist mit den Vietnamesen? Sollen da die Verbrechen der Kommunisten im Vordergrund des Gedenkens stehen, oder die Bomben der Amerikaner?  Ja, und was ist schließlich mit den Arabern, speziell mit den Palästinensern? Steht für sie nicht die Naqba, die Katastrophe der israelischen Staatsgründung, nach der Gauck’schen Logik zwangsläufig oben in der „Hierarchie der Ausprägungen des Bösen“? Ahmadenidschad lässt grüßen, der sagte, den Holocaust gab es nicht, aber wenn ihr Europäer meint, an ihm schuldig zu sein, dann kümmert ihr euch doch um die Juden, ladet sie doch nicht bei uns ab.

Nein, es ist eben nicht so, dass wir Deutschen als „Volk der Täter“ oder die Juden als „Volk der Opfer“ ein besonderes Verhältnis zum Holocaust hätten, das andere nicht tangieren müsste. Sondern es ist tatsächlich so, dass ein echtes Begreifen, eine klare Analyse des Holocausts, jenseits seiner metaphysischen und relativistischen Verortung als notwendige Katastrophe der entfesselten Moderne zum Ergebnis führt, dass dieses Verbrechen einzigartig war. Der Holocaust ist in der Tat der absolute Maßstab, an dem andere, durchaus ähnliche, durchaus vergleichbare, durchaus furchtbare Verbrechen zu messen sind. Niemand hat das Recht, im Namen des selbst erlittenen Unrechts das zu relativieren.

Natürlich müsste für die Russen die Aufarbeitung der Verbrechen der Kommunisten im Vordergrund „des nationalen Diskurses“ stehen. Das ist nicht die Frage. Auch die Opfer des Stalinismus jedoch müssen anerkennen, dass bei der Niederringung Hitlerdeutschlands und die Befreiung des KZ Auschwitz Stalin auf der Seite der Engel stand. Hitler stand dort nie. Der 8. Mai 1945, sagte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, sei auch für uns Deutsche ein Tag der Befreiung gewesen.

Wird der künftige Bundespräsident Joachim Gauck dieses Wort wiederholen? Man darf es bezweifeln und es daher als besonders merkwürdig empfinden, wenn der Pfarrer a.D. in der Bundesversammlung die Stimmen von SPD und Grünen erhält.

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153 Gedanken zu “Der Pfarrer als Präsident: Joachim Gauck und der Holocaust;”

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    @ Roland Ziegler:

    Was Sie sich unter „Ethik“ vorstellen, ist nichts anderes als die vollkommen willkürliche und obendrein plumpe Unterscheidung zwischen „Gut“ und „Böse“. Diese Vorstellung disqualifiziert sich bereits dadurch, daß sie ermöglicht, selbst schrecklichste Greueltaten für „gut“ und die Beseitigung von schwerstem Leid für „böse“ zu halten. Wäre das Ethik, bräuchten wir keine! Mein Ethikbegriff hingegen repräsentiert ein normatives System, das seine Zielstellung aus dem universellen Interesse empfindungsfähiger Wesen an einem möglichst leidfreien Leben ableitet und als ein logisch konsistentes Ganzes entwickelt wird, dem sich die moralisch handlungsfähigen Wesen unter ihren Bezugsobjekten nicht mehr nach Belieben entziehen können. Es erstickt faschistisches Denken bereits im Keim, da es moralische Objekthaftigkeit AUSSCHLIESSLICH nach Vorhandensein und Ausprägung der Fähigkeit zu leiden bestimmt. Allein dieses Detail macht sie allem weit überlegen, was mir bekannterweise als Ethik bezeichnet wird.

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    @EJ/Lyoner: Zwar fühle ich mich am wohlsten, wenn die Karawane weitergezogen ist und man, so ab Kommentar 150, den leeren Platz erkunden, Müll einsammeln und dabei beliebige Abschweifungen nehmen kann, aber gerne belassen wirs dabei und können uns auch gerne darauf einigen, dass ein Entweder-Oder eine viel zu scharfe, „tödliche“ Grenze zieht, die bei komplexen Dingen nicht am Platz ist.

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    @Lyoner

    Genau! – Ich hätte mir meinen Kommentar von (gestern) 18:03 sparen können, wenn ich Ihren von 17:26 gekannt hätte.

    Was das Paradox betrifft: Wenn wir jedem „ist“ mit einem „ist-(vielleicht)-nicht“ den sicheren Boden entziehen (müssen), wenn wir jede Aussage – und gerade die mit emphatischem Wahrheitsanspruch – nur nach dem Muster der Negativen Theologie formulieren können, ist das schon einigermaßen paradox. Oder nicht?

    Aus meiner Sicht können wir’s (in obigem Sinne 😉 bei dieser persönlichen und sachlichen Approximation belassen. Ohnehin ist die Karawane längst weiter gezogen.

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    @ Roland Ziegler

    Dass ich den Holocaust irgendwie philosophisch erklären wollte (wie Sie mir zu unterstellen scheinen), halte ich für ein Missverständnis. „Philosophisch“ ging es mir um Singularität (und Relativität). Und auch in dem Zusammenhang habe ich nur von philosophischen Versuchen, nicht von definitiven Lösungen gesprochen. (Kants Schematismuskapitel etwa halte ich nicht für die/ eine Lösunf, sondern für die Beschreibung eines Desiderats.) Und eben weil es definitive Lösungen nicht gibt, sind wir auf die Metapher, auf metaphorisches Sprechen angewiesen.

    Es ging mir als Lösung für das übliche, u.U. tödliche Entweder-Oder (hier: Singularität oder Relativität) bzw. in der Kritik des APO-Textes und dessen Kritik um eine reflektierte, sozusagen auf die metaphorischen Bedingungen ihrer Möglichkeit reflektierte, andere Kultur des Rechthabens, wenn Sie so wollen: um’s Rechthaben nach dem Holocaust.

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    @ EJ

    Ich habe im Verlaufe dieser Diskussion an keiner Stelle dagegen argumentiert, dass irgendeiner ein Ereignis für qualitativ „singulär“ oder quantiativ „am schlimmsten“ bezeichnet; ich habe allerdings dagegen argumentiert, dass da ein Posener kommt, der von der Todsünde des „Relativierens“ spricht, wenn ein Gauck davor warnt, ein Ereignis in den Bereich des Sakralen zu überhöhen, weil dadurch ein Begreifen, Verstehen, Einordnen, Analysieren etc. schwieriger bis unmöglich gemacht würde. Insofern scheint mir Posener eine Engführung zwischen Name und Begriff gemacht zu haben, die rechte Lesart, einen Kanon vorzugeben. Also will ich mit meinem Argument keinem die Nase oder den Kopf einschlagen. Ich hoffe nun, dass meine Haltung in Übereinstimmung mit Ihrer Interpretation der „Metaphorizität“ ist, im anderen Falle bitte ich Sie, mir mit einfachen Worten zu erklären, wenn ich hier gefehlt habe und noch fehle. Ich erlaube mir jedoch, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass die Nicht-Identität, Differenz zwischen Namen und Begriff, Signifikant und Signifikat noch keine paradoxe, in sich widersprüchliche Lage begründet, sondern uns lediglich mahnt, bescheidener zu sein und nicht doktrinär, nominalistisch an die „Wirklichkeit“ heranzugehen.

    @ Roland Ziegler

    hier können Sie, sofern Sie etwas Zeit haben, sich mit der Rolle nicht nur Elie Wiesels in der Gedenkpolitik am Beispiel US Holocaust Memorial Museum befassen: Katrin Pieper, die Musealisierung des Holocaust, insbesondere Kap 3.1.1.1., Die Politics of Representation, S. 71ff http://books.google.de/books?i.....38;f=false

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    Ich vermute, Sie meinen in etwa: „Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.“ Zunächst scheint es aufgrund der Unfassbarkeit der Verbrechen so zu sein, dass wir zwar ein Wort – den Namen „Holocaust“ – haben, aber keinen zureichenden Begriff. Dies macht zunächst die Montrösität, die „Singularität“ des Holocaust aus.
    Bei näherer Betrachtung sehenv wir, dass das generell so ist: Wir haben Namen, aber keine oder zureichenden Begriffe. Dies hebt die Singularität des Holocasut wieder auf.

    Ich würde demgegenüber meinen, dass wir völlig zureichende Namen und auch zureichende Begriffe haben, aber mitunter eine falsche Vorstellung, wie Namen und Begriffe zusammenhängen. Beim Holocaust würde ich sagen, dass wir die Erschütterung, die wir angesichts der Verbrechen spüren, nicht mit dem Begriff verwechseln sollten. Die Erschütterung bleibt, da können wir unsere Begriffe ausbauen und differenzieren, wie wir wollen. Die Erschütterung entsteht aber auch bei anderen Verbechen, die unsere Moralität ebenso erschüttern können. Hier lässt sich nichts differenzieren, hier gibt es keine Singularität; die Erschütterung liefert keinen Begriff, sondern ist ein psychisches Phänomen und lässt sich psychologisch fassen. Die „Singularität“ liegt woanders; wir können sie rational-begrifflich, anhand von „Messdaten“ – Opferzahlen, Informationen über die Taten, Ermittlung der Tätermotivationen… – erfassen.

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    @EJ: Sie sprechen das Problem der Referenz an. Wie beziehen wir uns auf Dinge in der Welt, wie identifizieren wir dabei, wie stellen wir dabei Identität her? Das ist ein interessanter philosophischer Fragekomplex, bei dem untersucht wird, wie Namen (sprachliche Dinge) auf die echten Dinge der Wirklichkeit Bezug nehmen und diesen Bezug trotz der ablaufenden Zeit aufrecht erhalten. „Den Kreis, den Sie zeichnen wollen, bekommen Sie nicht geschlossen, weil die Voraussetzungen am Ende der Linie nicht mehr die gleichen sind.“ Und trotzdem wird es ein Kreis.

    Dieses interessante Problem besteht sowohl für Ihren Hund Senta und Ihre genetisch identischen Onkels als auch für den Holocaust oder den Mt. Everest. Das Argument, das ich dem entgegenhalten würde, ist dasselbe wie das, was ich der Instrumentalisierung von Kant entgegengehalten habe: Die Fragestellung ist in der Holocaustdebatte deplatziert, sie führt in die Irre. Der Holocaust kann genauso gut oder genauso schlecht von der Philosophie erklärt werden wie es Frege die Bewandnisse des Morgen- oder Abendsterns klären konnte. Und umgekehrt sind die Einflüsse des Holocaust auf die Erkenntnistheorie ebenfalls minimal.

    Bei der philosophischen Betrachtung geht es nicht um ein dämonisches Phänomen, das die Alltagsphänomene erhellen würde, sondern die Philosophie betrachtet alles gleichermaßen als Alltagsphänomene. Auch den Holocaust.

    Die Untersuchung von Metaphorizität ist allerdings sehr wichtig, für alle Diskurse, auch für den Holocaustdiskurs. Aus dem einfachen Grund, weil bei den Metaphern eine herausragende Quelle für Missverständnisse liegt, aus der sich ganze Diskursgenerationen speisen können. Vergleicht man z.B. die Bedeutungen, mit denen der Begriff „Singularität“ verwendet wird, lässt sich im Idealfall eine Menge Luft & Ärger aus der Diskussion herauslassen.

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    @Lyoner: Wenn Eli Wiesel den Holocaust tatsächlich im analytischen Sinn „unverstehbar“ findet und „jenseits der Geschichte“ ansiedelt, dann wäre das Quatsch. Vielleicht wird damit aber auch nur die normale Fassungslosigkeit ausgedrückt, angesichts der unvorstellbaren Dimesionen. Ich kann das nicht beurteilen, weil ich die Texte von Eli Wiesel nicht kenne.

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    @ Roland Ziegler: Wieso kann man die unfassbaren Verbrechen des Holocaust nicht mit derselben Perspektive betrachten, aus der man andere Verbechen auch betrachtet?

    Man kann(!) sie in derselben Perspektive betrachten. Und nach dem Zweiten Weltkrieg wird das ja auch in justizförmigen Verfahren gemacht. Nur wird man damit dem Holocaust nicht gerecht. Selbst wenn Sie ein dem Holocaust metrisch entsprechendes zweites/ weiteres Verbrechen finden sollten, bliebe der Holocaust doch der Holocaust.

    Stellen Sie sich eineiige Zwillinge vor – ein Maximum an metrischer Übereinstimmung. Sie haben dieselben Krankheiten, beide sterben durch Unfall (die Onkel meiner Frau). Sie waren und sind in der Erinnerung unzweifelhafte Singularitäten. Und um eher in Ihrer Beispielwelt zu bleiben: Ein zu 8848 Metern Höhe aufgeschütteter Berg ist nicht der Mount Everest, relativiert und eliminiert nicht dessen Singularität.

    Was nur zu benamen, nur mit Namen zu nennen ist, ist nicht auf den Begriff zu bringen: Singularität.

    Es gilt aber auch: Ohne (impliziten oder expliziten) Begriff – ohne Relativierung, Kontextualisierung, Klassifizierung usw. usf. – wäre der bloße Name sinnlos. „Senta“ beispielsweise unterscheidet nicht nur nicht zwischen Mensch und Hund. Ohne (impliziten oder expliziten) Begriff wüssten wir überhaupt nicht, um wen oder was es sich bei „Senta“ handelte. Es könnte sich bei „Senta“ nicht nur um einen Menschen oder einen Hund, sondern auch um ein Wetter-Hoch oder um einen Berg in den italienischen Alpen usw. usf. handeln.

    Die philosophischen Versuche, Name und Begriff in einen vernünftig begründetes Verhältnis zu setzen, sind Legion. Trotzdem ist das Problem ganz und gar kein akademisches. Für den politischen Versuch, Name und Begriff (zugunsten entweder des Namens oder des Begriffs) identisch zu machen, für den politischen Versuch, so oder so Eindeutigkeit zu schaffen, wird massenhaft getötet.

    Ich hatte vom Bekenntnis zur „schwarzen Milch“ gesprochen – nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei angeblich barbarisch. Tatsächlich ist es genau umgekehrt. Nach Ausschwitz sollte klar sein, dass wir alle und in jedem Falle, auch gerade in der Politik, nur in Metaphern, in Übertragungen, nur zwischen Name und Begriff und nur so (eingeschränkt und prekär) autorisiert und legitimiert sprechen. Davon, dass Aufklärung nach Auschwitz Reflexion auf die Metaphorizität unseres Denkens und Sprechens sei, kann jedoch (wie auch diese Diskussion wieder zeigt) kaum bzw. eher nicht die Rede sein.

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    @ Roland Ziegler

    Wenn man es so sehen kann, wie Sie es schildern, muss man sich nicht streiten. Das ist jedoch eine Frage, die eher an Alan Posener geht als an mich; ich habe seinen Text so verstanden, dass man andere für eine verbindliche Lesart („singulär“, „unverstehbar“, „jenseits der Geschichte“) für dieses eine Ereignis, das einen „absoluten Maßstab“ abgeben soll, verpflichtet.

    Ich meinte die Art der Gedenkkultur, die Elie Wiesel, ich habe sie kurz beschrieben, ins Spiel gebracht hat. Dort gibt es doch eine Hierarchisierung der Opfergruppen.

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    Jetzt noch einmal der Versuch richtiger Thread und lesbar.

    @Parisien: Bis 9/11 hat sich keine S.. um diesen immer gepflegten Antisemitismus dort unten gekümmert. (Ihr Zitat)

    In meiner Jugend konnte ich mir auch nicht vorstellen, welchen großen Einfluss Hitlers Propaganda auch außerhalb Deutschlands hatte.

    Hier ließ Diktator Adolf Hitler gegen Juden hetzen. (Quelle: Per Radio hetzte Hitler die Araber gegen Juden auf http://www.welt.de/kultur/arti.....n-auf.html )

    Ich denke auch deshalb ist es so wichtig den Holocaust in seiner Komplexität zu begreifen, nicht nur für den Nahen Osten sondern auch für Osteuropa, denn in Osteuropa fand er statt.

    @DerblondeHans: Ich muss zugeben, dass ich mich mit der Frage der Finanzierung der Hitlers noch nicht so sehr beschäftigt habe, mir wurde die Begründung, dass die NSDAP im Interesse der Großindustrie gehandelt habe und zu diesem Zweck von ihr an die Macht gebracht worden sei (Quelle: Großindustrie und Aufstieg der NSDAP http://de.wikipedia.org/wiki/G....._der_NSDAP) in der Schule gelehrt. Inzwischen gibt es auch hier anderslautende Bewertungen von Historikern, das ist für mich schwer einzuschätzen, ich bin aber an der neusten Forschung interessiert.

    Die Rede von Herrn Gauck wirft für mich einige Fragen auf.

    Die Erfahrungen, die ich zur Sprache bringen will, sind gleichwohl nicht nur individuelle, sondern es sind auch solche, die Teil einer kollektiven Identität einer Großgruppe sind.
    Welches sind seine individuellen Erfahrungen?

    Und zu diesem Textabschnitt:

    Ja, oft war es sogar lebensgefährlich, auf Fakten zu bestehen, wenn diese der Herrschaft nicht genehm waren. Und war es nicht gefährlich für das Leben, so für Karrieren und den Platz im Gemeinwesen, den Menschen nun einmal anstreben. In der Regel bestand die Ratio der Diktaturbewohner auf Anpassung an die Faktensicht und -deutung der Macht. Lohnt sich das Festhalten und Behaupten einer historischen, politischen oder moralischen Wahrheit wirklich, wenn man dafür seine berufliche Karriere oder die materielle Sicherheit der Familie riskiert? – So lernte man zu fragen. (Quelle: Gauck Rede)

    Wer ist man? Und sind dies nicht die typischen Ausreden?

    Genau dieses von ihm beschriebene Verhalten ist für mich Teil einer Zustimmungsdiktatur und erst als ich erkannte, dass dieses Verhalten anderen geschadet hat, z. B. wenn ich Andersdenkende oder Ausreisewillige aus meinen Gedanken streiche, konnte ich mir die Schuldfrage beantworten und die Opfer integrieren. Dafür war es für mich auch notwendig, die Ideologie der DDR zu hinterfragen.

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    …der Vergleich mit monotheistischer Setzung hinkt ungleich stärker als der mit einer Singularität in der Astronomie. A. Posener schrieb doch ausdrücklich „…durchaus vergleichbare…Verbrechen“

    Der Ausdruck „absoluter Maßstab“ ist etwas unglücklich, „Singularität“ ist aber kein Problem, wenn man das astronomische Begriffsvorbild heranzieht. Wieso wird deswegen so ein Fass aufgemacht? Gemeint ist: Hier ist etwas extrem Schlimmes passiert; einige sagen, etwas so Schlimmes, das andere schlimme Verbrechen dagegen zu verblassen drohen; andere, dass es viele schlimme Verbrechen gibt, dieses aber zu den schlimmsten zählt. Soweit scheint Konsens zu bestehen. Muss man sich wegen dem Rest streiten?

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    @Lyoner: Ihre Frage verstehe ich nicht. Das Konzept der egalitären Moral bezieht sich auf die Bewertung von Menschen und Menschengruppen. Hier sagt man: Alle werden gleichbehandelt, egal ob schwarz, weiß, grün oder blau. Bei der Bewertung von Gedenk- und anderer Politik ist dagegen nicht-egalitäre Moral am Platz, mit der man zwischen guter und schlechter Politik unterscheidet, schlechte Konzepte aussortiert und gute fördert. Aber das meinten Sie vermutlich nicht.

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    Mein Kommentar sollte auf jeden Fall in diesen Thread, deshalb noch mal:

    @Parisien: Bis 9/11 hat sich keine S.. um diesen immer gepflegten Antisemitismus dort unten gekümmert. (Ihr Zitat)

    In meiner Jugend konnte ich mir auch nicht vorstellen, welchen großen Einfluss Hitlers Propaganda auch außerhalb Deutschlands hatte.
    Hier ließ Diktator Adolf Hitler gegen Juden hetzen. (Quelle: Per Radio hetzte Hitler die Araber gegen Juden auf http://www.welt.de/kultur/arti.....n-auf.html )

    Ich denke auch deshalb ist es so wichtig den Holocaust in seiner Komplexität zu begreifen, nicht nur für den Nahen Osten sondern auch für Osteuropa, denn in Osteuropa fand er statt.

    @DerblondeHans: Ich muss zugeben, dass ich mich mit der Frage der Finanzierung der Hitlers noch nicht so sehr beschäftigt habe, mir wurde die Begründung, dass die NSDAP im Interesse der Großindustrie gehandelt habe und zu diesem Zweck von ihr an die Macht gebracht worden sei (Quelle: Großindustrie und Aufstieg der NSDAP http://de.wikipedia.org/wiki/G....._der_NSDAP) in der Schule gelehrt. Inzwischen gibt es auch hier anderslautende Bewertungen von Historikern, das ist für mich schwer einzuschätzen, ich bin aber an der neusten Forschung interessiert.

    Die Rede von Herrn Gauck wirft für mich einige Fragen auf.
    Die Erfahrungen, die ich zur Sprache bringen will, sind gleichwohl nicht nur individuelle, sondern es sind auch solche, die Teil einer kollektiven Identität einer Großgruppe sind.
    Welches sind seine individuellen Erfahrungen?
    Und zu diesem Textabschnitt:
    Ja, oft war es sogar lebensgefährlich, auf Fakten zu bestehen, wenn diese der Herrschaft nicht genehm waren. Und war es nicht gefährlich für das Leben, so für Karrieren und den Platz im Gemeinwesen, den Menschen nun einmal anstreben. In der Regel bestand die Ratio der Diktaturbewohner auf Anpassung an die Faktensicht und -deutung der Macht. Lohnt sich das Festhalten und Behaupten einer historischen, politischen oder moralischen Wahrheit wirklich, wenn man dafür seine berufliche Karriere oder die materielle Sicherheit der Familie riskiert? – So lernte man zu fragen. (Quelle: Gauck Rede)
    Wer ist man? Und sind dies nicht die typischen Ausreden?

    Genau dieses von ihm beschriebene Verhalten ist für mich Teil einer Zustimmungsdiktatur und erst als ich erkannte, dass dieses Verhalten anderen geschadet hat, z. B. wenn ich Andersdenkende oder Ausreisewillige aus seinen Gedanken streiche, konnte ich mir die Schuldfrage beantworten und die Opfer integrieren. Dafür war es für mich auch notwendig, die Ideologie der DDR zu hinterfragen.

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    Tja, nun haben wir den Salat, Verzeihung: den Pastor. Eine so schlechte Figur wird er nicht machen. Eine Amtszeit, 5 Jahre lang.

    Wenn wir eine andere Figur in diesem Amt haben wollen, sollten wir nicht nur meckern, mäkeln, ironisieren, sondern uns frühzeitig Gedanken machen und dann unsere Vorschläge in die Diskussion und ins Spiel bringen.

    Also, ich möchte nochmal Peter Sloterdijk in die Diskussion bringen. Er ist ein Mann, der die Themen ansprechen kann und Diskussionen anstossen, die entscheidend für die nächsten Jahrzehnte sind, z.B.

    – Kritik der zynischen Vernunft
    – Eurotaoismus. Zur Kritik der politischen Kinetik.
    – Weltsucht. Anmerkungen zum Drogenproblem
    – Chancen im Ungeheuren. Notiz zum Gestaltwandel des Religiösen in der modernen Welt
    – Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus
    – Die Verachtung der Massen. Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft
    – Das Menschentreibhaus. Stichworte zur historischen und prophetischen Anthropologie
    – Im Weltinnenraum des Kapitals. Zu einer philosophischen Geschichte der terrestrischen Globalisierung
    – Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch
    – Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen
    – Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik
    – Die nehmende Hand und die gebende Seite: Beiträge zu einer Debatte über die demokratische Neubegründung von Steuern
    – Streß und Freiheit

    Peter Sloterdijk ist ein Medienprofi, auf allen Parketts zu Hause; Peter Sloterdijk ist fit wie ein Turnschuh (http://www.spiegel.de/spiegel/.....72,00.html); für seine Behaarung bräuchte er noch einen Stilberater.

    Gestern abend hatte ich Gelegenheit, darüber mit dem Kulturhistoriker Manfred Osten zu sprechen. Er würde diese Kandidatur herzlich begrüssen. Volksgenossen, machen wir uns auf den Weg!

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    @ EJ

    ich darf doch davon ausgehen, dass aus einer paradoxalen Verfassung keine Doxa abgeleitet werden?

    @ Roland Ziegler

    Sie haben Recht, mich darauf hinzuweisen, dass selbst der Vergleich mit schwarzen Löchern hinkt. Diner/Wiesel/Posener würden nie die universelle Anerkennung der Singularität z.B. des sowjetischen, chinesischen und kambodschanischen Soziozid verlangen. Ich vermute, dass diese Setzung einer einzigen Singularität am ehesten mit der jüdischen monotheisteischen Setzung zu vergleichen ist. Ich frage (mich), ob das den Befürwortern bewußt ist.

    Ich möchte an Sie nochmals meine Frage wiederholen: könnten Sie Ihr Konzept der egalitären Moral auch auf die Gedenkpolitik anwenden?

    @ Parisien

    Sie haben natürlich Recht, dass es hier eine allzu deutsche Parodie gibt. Aber warum sollten wir nicht auch auf die jüdische Gedenkpolitik blicken können?

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    Germany’s next „Herrenmenschen-Ideologie“: „Der Holocaust ist in der Tat der absolute Maßstab, an dem andere, durchaus ähnliche, durchaus vergleichbare, durchaus furchtbare Verbrechen zu messen sind. „

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    @Parisien: Sie haben recht. Was man aber sagen kann, ist, dass auch der Krieg mit demselben sich steigernden Größenwahn zu tun hatte, der auch zum Holocaust geführt hat; dass man mit dem Holocaust einen inneren Krieg und mit dem Überfall auf Polen einen äußeren Krieg durchführte. An diesem totalen Krieg ist das beschriebene System dann zusammengebrochen.

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    Link zum letzten Satz in meinem vorigen Eintrag, in etwa, „noch dämlicher finde ich, einen jüdischen Staat in NO zu gründen, ohne vorher dort zu entnazifizieren“:
    http://www.achgut.com/dadgdx/i.....in_libyen/

    Bis 9/11 hat sich keine S.. um diesen immer gepflegten Antisemitismus dort unten gekümmert. Das Entnazifizieren hat man wohl den Israelis selbst überlassen. Aber wie soll ein Jude entnazifizieren, wenn seine bloße Anwesenheit in größeren Zahlen schon zu Antisemitismus führt?

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    @ Lyoner
    Also, diese Aussage mit dem Ersatzgott finde ich nur in deutschem Zusammenhang interessant. Berückend finde ich auch, dass angeblich manche Deutsche genetisch! untersuchen lassen, ob sie jüdische Vorfahren haben. Merkwürdig, dass die Schmuckindustrie noch nicht darauf aufmerksam geworden ist. Ein Anhänger, auf dem stünde „Mein Opa war ein Jude“ würde einen zu einem Viertelopfer machen, also 25% von der Belastung „Tätervolk“ subtrahieren. Großartig finde ich auch, wenn Leute antizionistisch sind und dabei darauf verweisen, dass sie jüdische Vorfahren haben.
    Was die Israelis damit machen, welche Gedenkkultur die Juden weltweit haben, ist ihre Sache. Es sind ihre Verstorbenen. Aber unser Zeug, eine Art Adoption des Holocaust, die Reinwaschung über Schuld und Sühne, das Buddeln nach Verwandschaft, entbehrt nicht einer gewissen Lächerlichkeit.
    Dass wir schon zehn Jahre nach dem Krieg hier wieder nach vorn schauen durften, ist ein Wunder. Die Singularität der organisierten Monstrosität fand im Umgang mit Nachkriegsdeutschland keinen richtigen Niederschlag. Die Alliierten waren m.E. zu weich und zu ungenau. Und so schleppen wir das bis heute mit und übergeben es Nachkommen, die damit nichts zu tun haben. Mehr tote Täterväter und finanzielle Hilfe für die Rumpffamilien mit kleinen Kindern wäre eine sauberere Lösung gewesen.
    Noch unsauberer finde ich, einen jüdischen Staat in NO auszurufen, ohne vorher dort zu entnazifizieren. Das Ergebnis sieht man heute.

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    @ Lyoner
    Ihre Aussage
    „Mir scheint darin ein jüdischer Bias zu liegen: Dies ist Dein Holocaust. Du sollst keinen anderen Holocaust daneben haben.“

    Entschuldigung, Alan Posener u.a., aber die Komik hierin ist unverkennbar. Und die Folge:
    Du darfst nicht falsch Zeugnis reden wider….

    Aber, Lyoner, das ist m.E. mehr ein deutsches Problem, zumal es Israelis gibt,die fern von jenen monströsen Ereignissen gelebt haben. Ich glaube, dass es viele Juden furchtbar nervt, dass wir den Holocaust zu unserem Holocaust und nichts daneben machen, dass wir sogar dabei sind, unsere Sühne zu unserem Markenzeichen zu erheben und dabei damit auch noch Kasse machen. Und in diese Richtung dürfte Gauck zielen,keineswegs auf die Israelis.
    Wir machen inzwischen mehr Kasse mit unserer demonstrierten Sühne als die katholische Kirche jemals mit ihren Kathedralen. Inzwischen nehmen sie hin und wiederEintritt, nur, um die Kosten für den Erhalt mit zu decken.

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    @ Roland Ziegler
    Sie schreiben „Weil man die Guten nicht weiter aufwerten konnte, blieb nichts anderes übrig, als die Schlechten weiter abzuwerten, so lange, bis man sie in KZs ermordete. Hier war das Maximum erreicht, der Gipfel der Schlechtigkeit. Anschließend brach das System in sich zusammen.“

    Nun ja. Wirklich? Ich würde sagen, manche theoretischen Überlegungen führen auch zu solchen Absurditäten. Da brach nichts in sich zusammen,sondern der Angriff auf Pearl Harbour führte glücklicherweise zum amerikanischen Kriegseintritt. Nach der Landung der Allierten in der Normandie wurde Hitlerdeutschland in die Zange genommen. Das unmenschliche System wurde innerhalb eines Jahres besiegt. Es brach nicht in sich zusammen, sondern wurde besiegt.
    Es wäre bedeutend besser für uns gewesen, wenn es „in sich zusammen gebrochen wäre“, wenn zum Beispiel von Stauffenberg erfolgreich gewesen wäre. Viel besser für das Land, wenn tatsächlich aus dem inneren Widerstand die Kehrtwende gekommen wäre.

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    EJ: Immerhin, was verstanden haben Sie.

    Tipp: Bei der intendierten Realisierung der linguistischen Simplifizierung des regionalen Idioms resultiert die Evidenz der Opportunität extrem apparent, den elaborierten und quantitativ opulenten Usus nicht assimilierter Xenologien konsequent zu eliminieren.

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    @Alle:… ich bitte die Tippfehler zu entschuldigen, es ist spät, und es war ein langer Tag.

    @KJN: „Den Kreis, den Sie zeichnen wollen, bekommen Sie nicht geschlossen, weil die Voraussetzungen am Ende der Linie nicht mehr die gleichen sind.“ Ein sehr schöner Satz.

    @Lyoner: Sie hatten doch ursprünglich die Messkategorien (Opferzahl etc.) ironisiert. Nun, im Nachsatz, deuten Sie sich selber ernsthaft. Aber egal. Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass der Holocaust schon einem Schwarzem Loch in der Astronomie sehr ähnlich ist, insofern ist der Begriff „Singularität“ auch m.E. am Platz. Mein Angebot ist: Sollten Astrophysiker sich semantisch am Begriff „Singularität“ im Zusammenhang mit Schwarzen Löchern stören, z.B. weil es andere, veergleichbare Punkte mit extrem dichter Masse gibt, könnte man sich auf einen anderen Begriff einigen, z.B. den Begriff „Dichtester Punkt“. Vorausgesetzt natürlich, dass es sich um Astrophysiker handelt und nicht um Theologen.

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    @Jean-Luc Levasydas: Das ist genau das, was ich meinte: Die nicht-egalitäre Moral ist nicht von den Nazis in die Welt gesetzt worden; sie gab es schon vorher in Deutschland, in geringerem Ausmaß, und sie wurde von den Nazis potenziert. Das war ihr System. Die Nazis und ihre Sympathisanten wurden süchtig nach dieser Moral, weil sie ihnen nicht nur überhaupt Wert, sondern einen ganz besonderen Wert zusprach. Einen Wert, der permantent gesteigert werden musste, weil sonst das System zusammengebrochen wäre. Wie kann man ein solches System steigern? Entweder man wertet die Guten immer weiter auf oder die Schlechen immer weiter ab. Weil man die Guten nicht weiter aufwerten konnte, blieb nichts anderes übrig, als die Schelchten weiter abzuwerten, so lange, bis man sie in KZs ermordete. Hier war das Maximum erreicht, der Gipfel der Schlechtigkeit. Anschließend brach das System in sich zusammen.

    Antisemitismus ist eine wichtige Komponente dieser Moral, aber eben auch nur eine Komponente innerhalb eines Gesamtsystems sich immer weiter verstärkender nicht-egalitärer Moral. Es ging nicht nur um die Abwertung der Juden, sondern auch um die Aufwertung von sich selbst, der eigenen Herrlichkeit, der eigenen Rasse, der „Herrenrasse“. Als Rationalität diente die Kartografierung der menschlichen Spezies nach Rassen, bei der als Ergebnis eine Pyramide verkündet wurde (vgl. Hannes Stein), mit den Ariern oben und den Juden ganz unten und in der Mitte der Rest der Menschengruppen. (Dies hat mit der messenden Wissenschaft, deren Messverfahren beispielsweise in jüngster Zeit die Entdeckung der Exoplanenten ermöglichten, nicht zu verwechseln. Es ist eine Art allesverfehlende Nachahmung, Afterwissenschaft, die nicht der Wahrheitsfindung dient, sondern der Begründung der nicht-egalitären Moral.)

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    @trbln: Ich euphemisiere nichts. Moral als solche ist nichts Gutes und auch nichts Böses, sondern die Instanz, die zwischen Gut und Böse unterscheidet. Faschisten unterscheiden zwischen Gut und Böse und handeln deshalb moralisch. Es ist den Faschisten eben NICHT egal, wer getötet wird und wer nicht. Es gibt eine vorgängige und wesentlich Unterscheidung zwischen Gut und Böse, wichtig und unwichtig (u.ä.).

    @Lyoner: Hier haben Sie recht: Es ist nicht klar, ob Alan Posener mit meinem Verständigungsvorschlag einverstanden ist. Deshalb bitte ich Sie auch, meine Position nicht in einen Topf mit der Position von Herrn Posener zu werfen. Sind Sie denn mit dem Vorschlag einverstanden?
    Das mit dem Kategorienfehler ist wie gesagt Kokolores.

    @EJ: Ich verstehe Ihren Satz vom „existentiellen Paradox“ nicht. Wieso kann man die unfassbaren Verbrechen des Holocaust nicht mit derselben Perspektive betrachten, aus der man andere Verbechen auch betrachtet? In den Ermittlungen eines normalen Mordfalls der Kripo und im sich anschließenden Gerichtsverfahren gibt es auch kein Problem mit irgendwelchen „existentiellen Paradoxien“. Da geht es um die Frage, wer hat was aus welchen Motiven gemacht, und wie ist die Schwere der Tat einzuschätzen.

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    EJ: In dieser Diskussion haben beide Seiten unrecht, sofern sie Singularität/ Identität nicht das existentielle Paradox begreifen, ohne das nicht zu leben ist.

    … jau … EJ ist Patriot geworden!

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    Liebe @Rita E. Groda: Bereits nach dem 1. Weltkrieg war eine massiv antijüdische Stimmung festzustellen. (Ihr Zitat)

    Ja, das stimmt, ich hatte so etwas einmal bei Stefanie Zweig „Das Haus in der Rothschild-Allee“ gelesen, sie schrieb dort von einer Judenzählung:

    Der Erlass des preußischen Kriegsministers Adolf Wild von Hohenborn vom 11. Oktober 1916 reagierte auf den im deutschen Offizierskorps verbreiteten Antisemitismus und die von antisemitischen Verbänden, Parteien und Medien damals verstärkte Propaganda, Juden seien „Drückeberger“, die sich dem Waffendienst an der Front mit allen möglichen Ausreden entzögen und davon unverhältnismäßig oft befreit würden. (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Judenz%C3%A4hlung)

    Herrn Gaucks Rede konnte ich zunächst nicht lesen, es stimmt was an meinem Computer nicht.
    Diese antijüdische Stimmung gab es auch in anderen europäischen Ländern.

    Und der Antisemitismus? In den dreißiger Jahren hatten dessen Anhänger überall in Europa Zulauf, weil die Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise die Menschen verunsicherten. Vor allem in Osteuropa war die Neigung groß, Juden zu Sündenböcken zu stempeln und sie als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt auszuschließen.
    In Ungarn durften Juden seit Ende der dreißiger Jahre öffentliche Ämter nicht mehr bekleiden und zahlreiche Berufe nicht mehr ausüben; Rumänien übernahm von sich aus die infamen Nürnberger Gesetze. In Polen begrenzten de facto viele Universitäten den Zugang für Juden.
    (Quelle: Der dunkle Kontinent http://www.spiegel.de/spiegel/.....14139.html

    Deshalb verstehe ich auch diesen Satz nicht in Herrn Gaucks Rede:
    Und ebendies ist dann eine spezielle an die Nation, auch an eine spezielle Zeit gebundene Erinnerungsform unserer europäischen Großgruppe, das lässt sich nicht ´europäisieren´.

    @derblondehans: Ich will noch mal etwas zur Situation 1933 ergänzen:
    „Früh“ sei er gegangen, sagt Hess, „rechtzeitig. Obwohl ich nicht geahnt habe, was mit den Juden geschehen würde. Es war jenseits meiner Vorstellungskraft“. (Quelle: *)
    Hess weiß, dass der Hassprediger auf dem Hotelbalkon Juden für die Inkarnation des Bösen hält. „Jüdische Hände schaffen nur Mist und Jauche“, hatte Hitler seiner Weimarer Gefolgschaft schon 1925, beim Tag der NSDAP, zugerufen. Hess weiß auch, dass Hitlers Judenhass große Zustimmung in der Bevölkerung findet. (Quelle: *)
    „Ich war verzweifelt“, sagt Hess. Es schien, als würde es zum ersten Mal keinen Ausweg mehr geben für den jungen Deutschen. Hess ging durch die Straßen von Paris und sprach bei etlichen Botschaften vor, um ein Visum zu bekommen; vergebens. (Quelle: Vertreibung ins Paradies http://www.spiegel.de/panorama.....64,00.html)

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    @ Roland Ziegler

    Zu Ihrem „Verständigungsvorschlag“ „Singularität“ durch „Extrem“ zu ersetzen müßte eigentlich Alan Posener noch Stellung nehmen. Ich fürchte er macht es nicht. Ich glaube jedoch, dass er damit nicht einverstanden wäre; falls ich mich täusche, bitte ich um Korrektur. In dem schönen Fach Geographie würde man auch nie von einem singulären Berg, sondern von einem extrem hohen bzw. dem höchsten Berg. In den Naturwissenschaften ist nach meinem Wissen von Singularität nur in Bezug auf den Urknall und bei schwarzen Löchern die Rede, ist so definiert, dass wir keinerlei Informationen über das Jenseits des Ereignishorizontes erhalten (können). Damit ist der Gebrauch von „Singularität“ z.B. durch Dan Diner („Nichtverstehbarkeit“) oder Elie Wiesel („außerhalb der Geschichte“) am ehesten vergleichbar: der Holocaust ist so einzigartig, dass man ihn mit nichts vergleichen kann. Das ist doch keine Qualität, die der „Sache“ inhärent ist, sondern eine Setzung, m.E. pseudoreligiöser und pseudowissenschaftler Art.

    Ich richte mich nicht „aus grundsätzlichen Erwägungen“ gegen eine Vermessung – sondern gegen den Kategorienfehler der Objektivierung. Ich habe Ihnen ja einige Skalierungsmöglichkeiten, Menge der Opfer, Art der Liquidierung, Qualität der Opfer, beste Absichten der Täter vorgeschlagen; nur eine dieser Skalen ist quantitativ, alle anderen qualitativ. Sie können diese Skalen verbessern, verfeinern, ergänzen – und Ihr subjektives Urteil fällen. Als Deutscher ist z.B. für mich der Holocaust die bedeutsamste aller Scheußlichkeiten, aber ansonsten ist das Urteil über Extreme arbiträr; ich wüßte nicht, wie ich jemanden entkräften sollte, der argumentiert, dass Verbrechen im Namen einer humanistischen, egalitären, universellen Idee noch „schlimmer“ sind als Verbrechen aus einem partikularistischen Rassenwahn.

    Ihr Konzept von „egalitärer Moral“ vs. „antiegalitärer Moral“ knirscht zwar reichlich, könnte jedoch von einem heuristischem Nutzen sein. Könnten Sie dieses Konzept auch auf die Gedenkpolitik anwenden? Denken Sie dabei an Elie Wiesel („den Holocaust stehlen wollen“) und an die Singularisierung der Juden in der Diskussion und in der Durchführung von Holocaust-Museen, Gedenkstätten. Mir scheint darin ein jüdischer Bias zu liegen: Dies ist Dein Holocaust. Du sollst keinen anderen Holocaust daneben haben.

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    @ Lyoner: Es würde mich sehr interessieren, wenn Sie den sehr poetischen Ausdruck “schwarze Milch” als Standpunkt noch explizieren würden

    Weitere Explikation ist eigentlich unnötig. Was ich nur andeute, ist im Verlauf der Diskussion schon hinreichend problematisiert. Jenseits des (wissenschaftlichen) Handwerks ist Geschichte (wie etwa auch Rechtwissenschaft und Theologie) eine höchst unwissenschaftliche politische und soziale Angelegenheit. Seit mehr als 200 Jahren denken wir intensiv darüber nach. Ich kann mir ersparen, diese Geschichte zu erzählen.

    stan etwa weist mit Recht darauf hin, dass alle Geschichte – evtl. besser zu „hören“, wenn man sagt: jede Geschichte – singulär ist. Aber er zieht die völlig falschen Konsequenzen daraus, wenn er den Hinweis darauf für „belanglos“ und Geschichte für eine bloße „Meinungssache“ hält. – In dieser Diskussion haben beide Seiten unrecht, sofern sie Singularität/ Identität nicht das existentielle Paradox begreifen, ohne das nicht zu leben ist.

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    @ Rita E. Groda
    Alan Posener klagt mit Recht die Kirchenmitglieder an, die “zu 99 %” für den Holocaust verantwortlich waren. Doch mit Jesus, dem Christus, hat das alles nichts zu tun. Kirche und der Jude Jesus sind Gegensätze.)”

    So ist es oft, so war es damals auf jeden Fall, von den berühmt gewordenen Ausnahmen abgesehen.

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    @kerstin: Nachtrag:

    Bei meiner o.g. Quelle wird übrigens Alan Posener zitiert, was mir erst gerade auffiel:

    „Der Journalist Alan Posener am 28.2.2012; zit. nach http://starke-meinungen.de/blo.....#more-3157; Alan Posener klagt mit Recht die Kirchenmitglieder an, die „zu 99 %“ für den Holocaust verantwortlich waren. Doch mit Jesus, dem Christus, hat das alles nichts zu tun. Kirche und der Jude Jesus sind Gegensätze.)“

  33. avatar

    Liebe Kerstin: Über die Endlösung der Judenfrage hat bereits 1921 ein protestantischer Pastor nachgedacht, namens Auer und wohl praktische Vorschläge an den Staat übermittelt.

    Bereits nach dem 1. Weltkrieg war eine massiv antijüdische Stimmung festzustellen. Herr Adolf hatte also ganz offensichtlich nicht die Exklusivrechte für die Massenvernichtung.

    Wer hören wollte, der konnte das, und sich nicht auf absolutes Nichtwissen oder Nichtverstehen herausreden.

    So Sie lustig sind, lesen Sie mal:

    http://www.theologe.de/theologe4.htm#5

    Die Intentionen mancher Protestanten waren nicht weniger verbrecherisch, als die Vernichtung selbst.
    Jedem, der so etwas las, bzw. dem solches von einer Kirchenkanzel herab verkündet wurde, hat genau wissen können, daß es eine praktische Umsetzung der Vernichtungsgedanken geben könnte.

    Wenn man so etwas liest, vergeht einem jeglicher Gedanke an Vergebung, wegen angeblichem Nichtwissen.

  34. avatar

    @Kerstin

    .. noch mal was ich weiter oben u.a. zitiert hatte:

    Seligmann u.a.: Die Diskriminierung der Juden wurde toleriert. Doch die Gewalttaten des November 1938 erregten allenthalben in Deutschland Abscheu.

    Die Deutschen waren eben keine ‚eliminatorischen Antisemiten‘. [sic!]

    Und weiter, auch oben: Jetzt müssen Sie nur noch nachdenken, wer und/oder was Hitler von 1,8%[sic!] Stimmen zur Reichstagswahl 1928, auf 43,9% für 1933, die schon keine demokratische Wahl mehr war, gebracht hat.

    Ich gebe schon mal ein Tipp und zitiere Nietzsche: Geld ist das Brecheisen der Macht.

  35. avatar

    @Derblondehans: … wollen Sie andeuten die ‘Juden’ ’33 in Deutschland wussten vom ‘Holocaust’? (Ihr Zitat)

    Aus Gerhart M. Riegner: Niemals verzweifeln – Sechzig Jahre für das jüdische Volk und die Menschenrechte: Ich kannte ihren (Anmerk. Nazis) Fanatismus und ihre Brutalität, ihre nie nachlassende Bestialität. Ich hatte Mein Kampf gelesen und begriffen, dass der 1. April 1933 http://www.dhm.de/lemo/html/na.....index.html der Anfang vom Ende des deutschen Judentums war.

    Hitlers Reden zufolge sollte dieser Kampf in die Vernichtung des jüdischen Volkes münden. (Quelle: *)

    Seine (Gerhart M. Riegner) Frage: Wieso konnten die anderen es nicht (Anmerkung verstehen)?
    Vielleicht aus dem einfachen Grund, weil sie es nicht wirklich wollten … (Quelle: *)

    Gerhart M. Riegner war es auch, der die Schreckensnachricht übermittelte. Am 8. August 1942 suchte er die amerikanische und die britische Gesandtschaft in Bern auf und bat sie, Washington und London über die Ausrottungen in Osteuropa zu informieren. (Quelle: Ein Warner und Mahner http://www.nzz.ch/2001/12/05/fe/article7TYCU.html)

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    @derblondehans: Noch einmal zur Zustimmungsdiktatur:

    Der Ermordung unheilbar Kranker und Behinderter hatte Adolf Hitler im Oktober 1939 mit einem auf den 1. September zurückdatierten und auf seinem Privatbogen verfassten Schreiben die Ermächtigung gegeben: „unheilbar Kranken … [sollte] der Gnadentod gewährt werden“. … Am 3. August 1941 prangerte der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, die Tötungsaktionen in einer aufsehenerregenden Predigt öffentlich an. Mit Rücksicht auf die Stimmung in der aufgebrachten Bevölkerung ließ Hitler das „Euthanasie“-Programm daraufhin offiziell einstellen. …
    (Quelle: http://www.dhm.de/lemo/html/wk.....index.html

    Es gab also Proteste und eine Reaktion Hitlers.

  37. avatar

    Außer der Diskrepanz zwischen den Zahlen in Focus/Spiegel und APo/Welt entdeckte ich in den letzten Tagen eine weitere Diskrepanz zwischen Teilen der deutschen Presse und der französischen. Wie in der deutschen Medienlandschaft etwas flapsig berichtet wurde, wolle angeblich F.Hollande Einkommen von 1 Mio Euro mit 75% besteuern. Das ist falsch. Hollande will alles, was bei einem Alleinstehenden über 1 Mio hinausgeht, so besteuern, also nur die Einkünfte oberhalb von 1 Mio, bei Paaren oberhalb von 2 Mio. Französischsprachige können das im folgenden link im ersten Absatz nach der Einleitung nachlesen. Es wird auch sofort klar, wer sich dagegen windet: Fußballclubs zum Beispiel. Daraus darf man den Schluss ziehen, dass es am Ende unter Hollande wieder die Mittelschicht treffen wird, die Melkkuh für rechts wie links, die Dämelacke, die ihn vielleicht wählen, weil sie meinen, er kriegte das durch. Sein Vorschlag, absolut angemessen, dürfte stark bekämpft werden.
    http://www.lefigaro.fr/sport-b.....lliard.php

  38. avatar

    @ Roland Ziegler:

    Den von Ihnen verwendeten Begriff „nicht-egalitäre Moral“ halte ich für einen Widerspruch in sich selbst. Er scheint etwas zu repräsentieren, dessen gedankliche Voraussetzung ich als die Essenz des Faschismus, mithin als das GEGENTEIL jeder Moral bezeichne, nämlich eine unabhängig von Vorhandensein und Ausprägung der Eigenschaften Leidensfähigkeit, Personalität und Lebensbewußtsein vorgenommene Bestimmung moralischer Objekthaftigkeit, die einer vagen und inkonsistenten Vorstellung von Zweck und Struktur der Ethik entspringt. Faschismus – NICHT Moral! – ist überall dort, wo gleiche ethisch relevante Eigenschaften nicht auch die gleiche Berücksichtigung erfahren. Hier einige Beispiele für Unterscheidungen nach faschistischem Denkmuster:

    • Jahwe und sein „auserwähltes Volk“ gegen Nichtjuden – der Führer und die „Herrenrasse“ gegen „Nichtarier“
    • Seligkeit für die „Gläubigen“ – Verdammnis für die „Ungläubigen“
    • „Arische“ Mütter und ihre Kinder mit KdF in die Sommerfrische – jüdische Mütter und ihre Kinder mit Viehwaggons nach Auschwitz
    • Wohlgenährte Menschen in Europa und Nordamerika – unterernährte und verhungernde Menschen in Afrika und Asien
    • Mit AIDS lebende Menschen in Frankreich – an AIDS sterbende Menschen in Bangladesh
    • Verwöhnte Haustiere – gequälte „Nutztiere“
    • „Heilige“ Entrüstung über Säuglingsmord – bestenfalls erhobener Zeigefinger für Katzenmord
    • Viel Gezerre um Stammzellforschung – wenig Gezerre um Tierversuche

    Faschistisches Denken und entsprechendes Handeln, bzw. Unterlassen war und ist also noch immer Teil der menschlichen Kultur, insbesondere der Religionen. Statt zu hoffen, daß es sich in seiner Willkür schon nicht gegen uns wenden wird (falls es das nicht längst tut), sollten wir uns mit aller Kraft um seine Überwindung bemühen und es nicht noch als Form der „Moral“ euphemisieren!

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    @derblondehans: Daher kann niemand von ‘Zustimmungsdiktatur’ schreiben/sprechen, wenn dann – von Betrug, von Betrug am Deutschen Volk. (Ihr Zitat)
    Reichstagswahl: 12. November 1933 – 92,1 Prozent für NSDAP Wahlbeteiligung: 95,3 %. Das sind 45,453 Millionen Deutsche
    Zustimmung für Hitler: 19. August 1934 95,71 % gehen an die Urne, 38 Millionen stimmte für Hitler (89,93%); 4,3 Millionen sagen: Nein ; 874000 Stimmen ungültig
    Mit Rheinlandbesetzung wird der Reichstag aufgelöst: Neuwahl 29. März 1936 44955000 Menschen gehen zur Urne 99 % stimmen für Hitler

    Dies waren auch Volksabstimmungen, es waren Gegenstimmen möglich. Zudem gab es theoretisch keine Wahlpflicht, in der Praxis hingegen einen Zwang zur Wahl zu gehen: „Wahlrecht ist Wahlpflicht! Es darf sich niemand ausschließen, keiner darf seine staatsbürgerliche Pflicht versäumen!“ – so Gauleiter Hinrich Lohse im August 1934. ( Quelle: http://www.geschichte-s-h.de/v.....s-1938.htm)

    Hier eine Quelle von Prof. Dr. Ingrid Bauer:
    Wechselverhältnis zwischen Regime und Bevölkerung, zwischen oben und unten – denn
    genau das meint der Begriff „Zustimmungsdiktatur“, der vom deutschen Historiker Stefan
    Bajohr vor einigen Jahren ins Spiel gebracht wurde.

    … die nationalsozialistische Herrschaftspraxis in einem Wechselspiel „zwischen oben und unten“ vollzogen, bestätigt und aufrechterhalten wurde –, bis hinein in die Ausgrenzungs-,Verfolgungs- und Vernichtungspolitik des Regimes. Das ist sozusagen die extreme Ausprägung auf einer kontinuierlichen Skala, zu deren Kern die breite Akzeptanz von
    Ideologien der Ungleichheit, der Diffamierung und Ausgrenzung gehört hat; und: die Indifferenz der umworbenen Bevölkerungsgruppen gegenüber dem Schicksal derjenigen, die solcherart aus der Volksgemeinschaft exkludiert wurden. Wie akzeptiert diese Spaltung war, zeigt sich letztlich bis hinein in die Erinnerungskultur der Nachkriegsgesellschaft, die die Opfer des Nationalsozialismus und seines Terrors jahrzehntelang auch nicht in ihr Gedächtnis
    integrierte.
    (Quelle: http://www.erinnern.at/bundesl.....ktatur.pdf)

    Übrigens, die Volkskammerwahl in der ‘DDR’ 1988: Wahlbeteiligung 99,74, Zustimmung zur vorgeschlagenen Liste 99,94 Prozent! – war das auch (k)eine ‘Zustimmungsdiktatur’? (Ihr Zitat)

    Ich denke es war eine. Das Jahr 1988 Volkskammerwahl kann nicht stimmen, sie war 1986 und war ein „Falten gehen“. (Quelle: DDR – Volkskammerwahl http://www.wahlrecht.de/lexikon/ddr.html#wp-6) Es gab starken gesellschaftlichen Druck, dass man sein Wahlrecht gebrauchen soll. Erst zur Volkskammerwahl 1990 hat mir jemand die Bedeutung der Wahlkabinen und ihr Missbrauch zu Identifizierung von Kritikern erklärt.

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    Nachtrag zu:
    „“Selbst die aus dem Volk, die 1933 A.H. gewählt haben, wollten mit Sicherheit nicht Krieg und ‘Holocaust’.” Woher wissen Sie denn das?“
    Damit es nicht im „Gefecht“ untergeht: Was ich damit sagen will ist, daß offensichtlich damals keine oder zu wenig, nennen wir es „Sensibilität“ für Antisemitismus, Rassismus, Antihumanismus bestand. An diesem Punkt sind wir heute sicher „schlauer“. Ob wir heute bessere Menschen sind in dem Sinne, daß wir sensibel genug sind, alle antihumanen Entwicklungen überhaupt zu erkennen – das weiß ich zumindest nicht. Daß viele sich daher einer Religion, den Kirchen zuwenden, die Richtlinien geben wollen, verstehe ich gut.

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    …womit ich nicht sagen will, dass es keine Überläufer oder Saboteure gab. Aber die gehörten nicht mehr zur Wehrmacht (bzw. nur noch zum Schein). Sie vertraten die Moral der Wehrmacht nicht (mehr).

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    @Parisien: Nein, nicht entschuldbarer, warum? Der Grundwiderspruch der Revolutionäre ist, dass sie zu dem Ziel, Gleichheit für alle herzustellen, extreme Ungleichheit praktizierten, Ungleichheit bis zum Massenmord für die einen und Paläste für die anderen. (Die Nazis wollten keine Gleichheit für alle, sondern das beste für sich, die Guten, und Sklaverei bzw. im Fall der Juden sogar den Tod für die anderen, die Bösen.)

    @KJN: Kurz zur Wehrmacht (Sie hatten das im früheren Verlauf dieser Diskussion angesprochen): Ich glaube, die Wehrmacht als rein funktionalistisch zu betrachten, greift zu kurz. Auch die Wehrmacht hatte wie jede Armee eine bestimmte Moral, die zunächst zwischen Gut und Böse unterschied. Die übliche elementare Unterscheidung. Die Bösen waren die Feinde; bei den Guten muss man differenzieren: die eigene Gruppe im engsten Sinn (Wehrmachtsangehörige) (1), das deutsche Volk (2), die Regierung des deutschen Volkes (3) und die Verbündeten (4). 4 wäre problemlos austauschbar gewesen (obwohl es nicht dazu kam). Für die Wehrmacht wäre es kein Problem gewesen, etwa auch gegen Italien in den Krieg zu ziehen. Gegen 3 (die Regierung) haben sich einige Wehrmachtsangehörige gerichtet, die meisten aber nicht. Ob sie sich auch unter gewissen Umständen gegen 3 (das deutsche Volk) gerichtet hätten, wage ich zu bezweifeln. Gegen 1 (sich selbst) hätten sie sich in keinem Fall gerichtet.

    Mit diesem Countdown will ich zeigen, dass die Wehrmacht über eine ausgeprägte und differenzierte nicht-egalitäre Moral verfügte und also nicht rein funktionalistisch-technokratisch zu begreifen ist. Wie übrigens jede Armee.

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    @ derblondehans:

    Das hier von Ihnen ist an sich klug:
    „… dann haben Ihre Eltern Krieg und ‘Holocaust’ zugestimmt? … und wenn ich einen Kreis male – sehen Sie was? … wollen Sie andeuten die ‘Juden’ ’33 in Deutschland wussten vom ‘Holocaust’?“

    aber die Juden dürften nicht für die NS votiert haben. Vielleicht KJN’s Eltern auch nicht, was dann Ihren vorigen comment untermauern würde.

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    @derblondehans
    „und wenn ich einen Kreis male – sehen Sie was?“
    Es ist ein Unterschied zwischen:
    1) hineingezogen zu werden, sich ggf. zu versuchen wegzuducken, vielleicht sogar zu einem gewissen Grad mitzumachen und später den Fehler einzusehen und
    2) es im Nachhinein rechtfertigen zu wollen.

    Den Kreis, den Sie zeichnen wollen, bekommen Sie nicht geschlossen, weil die Voraussetzungen am Ende der Linie nicht mehr die gleichen sind.

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