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Wulff und die Wahrheit: Ein Down-Grading (Warum wir auf den amtierenden Bundespräsidenten herabsehen, statt zu ihm aufzuschauen)

Von der Popgruppe Dire Straits gibt es einen Ohrwurm mit der Zeile: „Money for nothing, chics for free and gigs on mtv.“ Zu deutsch sind das die drei großen Versprechen der Halb-Welt, von denen Kleinbürger sehnlichst träumen: „Geld für nichts, Mädchen umsonst und tolle Fernsehauftritte“.

In Hannover, wo die Scorpions eine Größe sind, träumen diesen Traum viele Emporkömmlinge. Und einige scheinen ihn erreicht zu haben. Diese Parvenüs werden dann von den Nachwuchspolitikern umschwärmt. Das erklärt die seltsamen Paarungen aus Neureichen und Politikern, die im Rest der Republik schlicht peinlich wirken.

So entsteht eine gesellschaftliche Melange von Emporgekommenen und Günstlingen. Das ist die Halb-Welt, die heute dem Bundespräsidenten in immer neuen Skandalen und Skandälchen zugerechnet wird. Kein Berlusconi, aber ein Berluscönchen soll er sein, der Christian Wulff. Dagegen hat er eine Transparenzoffensive angekündigt, die neue Maßstäbe setzen werde, sagt er selbst vor einem Millionenpublikum. Wulff und die Wahrheit, das ist das Thema. Es hat staatspolitische Bedeutung, weil es um den Bundespräsidenten geht.

Die Wulffsche Wahrheit besteht immer, das haben wir inzwischen gelernt, aus mindestens drei Geschichten.

Zunächst die Halbwelt-Story à la Baby Schimmerlos: „Christian Wulff nebst glamouröser Gattin lassen sich von einem Filmfinanzier umschwärmen, der mit so tollen Projekten wie „Der Wixxer“ berühmt geworden ist und über Bürgschaftszusagen des Landes Niedersachsen verfügt. Man feiert auf dem Oktoberfest in München im Edelzelt von Gastronom Käfer, wo es nach Ansage der Insider die besten Speisen im Zelt und den besten Koks auf dem WC gibt. Man nächtigt in einer Suite im örtlichen Promi-Hotel (Fünf Sterne). Ein Auftritt wie von John F. Kennedy und Jackie selig. Es ging, sagt der Einladende, um Networking. Und Wulff kann Networking, weil, so sagt er bei einem anderen Amigo, gerade in der Krise darauf gesetzt werden muss.“

Jetzt die nüchterne Version: „Ein Ministerpräsident wird von einem Unternehmer, für den er schon als Lobbyist aufgetreten ist, wieder zu einem Fest eingeladen, diesmal auf das Oktoberfest. Er reist  unerwarteterweise mit Frau und Kind an, weshalb der Unternehmer ihm (angeblich hinter seinem Rücken) eine Luxussuite und ein Kindermädchen besorgt. Das nennt man Upgrade. Für die Mehrkosten lässt der Unternehmer sich vom Hotel eine falsche Rechnung ausstellen, die die Zimmernummern unterdrückt. Er bezahlt zunächst mit seiner privaten Kreditkarte, die Rechnung lautet dann aber wunschgemäß auf seine Firma.  Wenn dies ein Privatvergnügen war, ist das möglicherweise Steuerbetrug auf Seiten des Unternehmers, der seine Party in Geschäftskosten umfrisiert. Oder es war Repräsentation. Aber das ist nicht die Frage. Denn wenn es für ihn einen dienstlichen Vorteil gab, ist es, jetzt wird es politisch böse, möglicherweise Bestechlichkeit und Vorteilsannahme auf Seiten des Ministerpräsidenten. Wir reden über Straftaten. Das ist dann eine Sache des Parlaments oder des Staatsanwalts.“

Nun, wie immer, die offenen Fragen, also die dritte Story: „Das Kindermädchen zahlt der Unternehmer mit der Kreditkarte; der Ministerpräsident erstattet das Honorar aber bar zurück. Weil Kindermädchen ja meist nur Kreditkarte nehmen. Und kleine, gebrauchte Scheine auf Seiten des Politikers den Vorteil der  Belegfreiheit haben, ein angeblicher Vorgang, natürlich ohne Quittung. Die Rumpfkosten der Übernachtung zahlt der Amtsträger im Hotel, verrechnet das dann aber nach Angabe seiner Anwälte mit der Partei und der Staatskanzlei, weil er am Rande auch offizielle und parteipolitische Termine hatte. Na klar, zu denen er mit Frau und Kind anreiste. Folglich war es für ihn als Person selbst nicht nur ein Upgrade, sondern insgesamt gratis. Money for nothing…“

Wir dürfen uns jetzt als Wähler aussuchen, welche Geschichte uns am besten gefällt. Von der Transparenzoffensive des Bundespräsidenten ist dabei keine wirkliche Unterstützung zu erwarten. Er setzt auf eine Verzögerungstaktik. Es ist nicht ausgeschlossen, dass dies gelingt; irgendwann mal ist der Wähler es leid und findet, die Tierquälerei müsse ein Ende haben.

Das ist der Plan: Wulff gilt lieber als ein vermeintlicher Trottel als ein vermeintlicher Straftäter. Ein bekanntes Kalkül von fragwürdigen Strafverteidigern und deren Krisen-PR. Der gewitzte Anwalt Kubicki wundert sich, dass auch die Wulffschen Anwälte die Wahrheit down graden. Er spricht gar von Unwahrheiten. Zurecht, denn das Wulffsche Down-Grading der Wahrheit hat System. Zu Schluss noch ein weiteres Beispiel für solche „Geschichten aus drei Geschichten“, diesmal in einem Zug erzählt:

„In der niedersächsischen Stadt Wolfsburg wird Wulffs Wahlkampfmanager und Spin Doctor Markus Karp, angeblich nach einem Zerwürfnis mit Wulff, dessen Sekretärin er heiratete, zum Chef der Stadtwerke gemacht. Bei den Stadtwerken wird ein Mitarbeiter auffällig, weil er in der Dienstzeit und mit Dienstmitteln Wahlkampf für  die  örtliche CDU und deren Kandidaten Rolf Schnellecke macht; so seine eigenen Einlassungen.

Oberbürgermeister Schnellecke, von der Presse als Provinz-Berlusconi gehandelt, ist Honorarprofessor an einer Fachhochschule, an der Karp und ein Kabinettsmitglied Wulffs wirkten; ursprünglich stammt er aus der Staatskanzlei in Hannover. Die Grenzen zwischen Ämtern, Parteipolitik, Geschäften und Titeln erscheinen weich, auch wenn der klare Amtsmissbrauch nur die Kleinen trifft, die man hängen kann, während die Großen unbescholten laufen. Auch hier geht es um kleine Beträge. Und auch hier Halbwahrheiten, die keine Lügen sind, aber eben auch keine Wahrheiten.“

Geschichten aus der Republik Wulff. Down-grading der politischen Kultur. Dabei ist die strafrechtliche Frage sekundär. Dem Volk geht es nicht um Rache, sondern um Respekt vor ihm, dem Souverän. Was dürfen wir als Staatsbürger fragen: Wollen wir ein Milieu von Schnorrern und Günstlingsgestalten in Berlin sehen, gar beim ersten Amt des Staates? In der Provinz Wolfsburg stellt die CDU nicht mehr den Oberbürgermeister: berlusconi-freie Zone. Ist das Wulffsche Down-Grading der Wahrheit die Idee, die wir von unserem Land haben? Wer sonst könnte sie verkörpern?

Man darf sich wünschen, dass Christian Wullf Manns genug ist, sich die Frage selbst zu stellen  und sich  down zu graden. Herr Wulff, wir hätten gerne einen Bundespräsidenten, zu dem dieses Land aufschauen kann, statt auf ihn herabsehen zu müssen. Machen Sie den Köhler!

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4 thoughts on “Wulff und die Wahrheit: Ein Down-Grading (Warum wir auf den amtierenden Bundespräsidenten herabsehen, statt zu ihm aufzuschauen)

  1. avatar

    Herr Kock ist Spezialist für Zynismus und Inszenierungen aller Art, wie man einem Interview der ZEIT 2006 entnehmen kann. Eigentlich berät er Leute wie Wulff wie sie den Absturz aus der Ologarchenkaste verhindern können. Aus einem PR Motto von Brecht: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.” macht Herr Kock es diesmal andersherum. Ungewöhnlich in diesen Kreisen , dass man plötzlich die Moral bemüht. Das ist sonst die Masche der selbsternannten Gutmenschmedien und anderer sauertöpferischer Pietisten der gehobenen Stände. Natürlich ist Christian Wulff kein Opfer, aber das mal ein pomadiger Journalist der BILD Zeitung zur Ikone der ” Pressefreiheit” für selbsternannte Qualitätsjournalisten aus München, Hamburg und Berlin werden würde, das dreht einem schon den Magen um. Wenn es Böll noch gäbe , sein neustes Buch müsste heissen: Die verlorene Ehre des deutschen Journalismus”.

  2. avatar

    Der Respekt geht von unten verloren, weil der einfache Bürger so was nicht kann oder auch, wenn er’s versucht und erwischt wird, sofort gefeuert wird.
    Der Respekt geht aber auch von oben verloren, weil sich dort, wie im einletenden Absatz beschrieben, eine Halbwelt, eine Art ‘Ich will und kann nicht’ darstellt, die auch schon sehr schön bei Lanz in der Vorstellung der Villa auf Mallorca (“von ungeheurer Geschmacklosigkeit”)mit 13 Bädern (“für Leute mit ausgeprägtem Reinigungsbedürfnis”)von Zippert dargestellt wurde. Seitdem spätestens wird gelacht.
    Wir haben einen BuPrä, über den gelacht und gelästert wird. Das wird bleiben. Daher wäre er besser beraten, wenn er sich ein neues Leben aufbaute. Verlacht werden ist doch schmerzhaft.

  3. avatar

    Herr Wulff, … Machen Sie den Köhler!

    … jau! Vorher aber bitte noch de Ex feuern. Das darf er … muhahaha …

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