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Radfahrer, Juden und andere Sündenböcke

Zum rhetorischen Arsenal meines Freunds und Kollegen Henryk M. Broder gehört ein Gedankenexperiment, das er letztens wieder bei der Besprechung von Götz Alys neuem Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ eingesetzt hat:

„Wenn Sie das nächste Mal bei Ihren Nachbarn zu einer Geburtstagsparty eingeladen sind, dann machen Sie – beiläufig, zwischen einem Prosecco und einen Mojito – die Probe aufs Exempel. Sagen Sie einfach, ohne ihre Stimme zu erheben oder zu senken, den Satz: „An allem sind die Juden und die Fußgänger schuld.“ In neun von zehn Fällen wird Ihr Gegenüber mit der Frage reagieren: „Wieso die Fußgänger?“ Sollten Sie beabsichtigen, den Rest des Abends allein zu verbringen, dann machen Sie weiter und fragen zurück: „Wieso die Juden?“ Möchten Sie aber bestehende Freundschaften nicht aufs Spiel setzen, dann sagen Sie einfach: „Das frage ich mich auch“ und beenden das kleine Experiment. Natürlich ist Ihr Nachbar kein Antisemit. Er hat schon im Toten Meer gebadet, hört daheim Klezmer-Musik und liebt den Humor von Woody Allen.

Aber, um Fassbinder zu zitieren: „So denkt es in ihm.“ Dass die Juden an allem schuld sind, am Atheismus und am Christentum, am Marxismus und der Psychoanalyse, am Sozialismus und am Kapitalismus, an Hollywood und Pornografie, an fallenden und an steigenden Aktienkursen, das ist so selbstverständlich, dass auch Menschen, die relativ frei von Ressentiments sind, die Judenkarte ziehen, wenn ihnen Sündenböcke zur Auswahl angeboten werden. Lügen mögen kurze Beine haben, aber sie haben einen langen Atem. Das ist der Kern der Judenfrage. Es gibt sie, weil es sie schon immer gegeben hat.“

http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article13542489/Neidhammel-sucht-Suendenbock.html

Ich bewundere Henryk, und diese Passage ist klassischer Broder. Ich bin überzeugt, dass er und Fassbinder – in dem „es“ auch gedacht hat, und nicht zu knapp – Recht haben mit der Überzeugung, dass auch die liberalsten Menschen anfällig sind für den Antisemitismus. Allein das angeführte Gedankenexperiment ist ein untaugliches Mittel, das zu beweisen. Oder vielmehr: richtig durchgeführt, beweist das Experiment etwas anderes. Sie müssen den Party-Satz nur variieren: „An allem sind die Muslime und die Radfahrer schuld“. Oder (unter Protestanten): „An allem sind die Katholiken und die Radfahrer schuld“. Oder (im Westen): „an allem sind die Ossis und die Radfahrer schuld“ und im Osten „die Wessis und die Radfahrer“. Unter Jan-Fleischhauer-Fans „die Linken und die Radfahrer“, unter Linken „die Rechten und die Radfahrer“. Und so weiter. In allen Fällen dürfte Ihr Gegenüber zurückfragen: „Wieso die Radfahrer“?

Interessant wird es erst, wenn Sie sagen: „An allem sind die Juden und die Muslime schuld.“ Ich bin keineswegs sicher, wie die Antwort ausfallen wird. Bei Thilo Sarrazin lautet sie: Wieso die Juden?

„Deutschland schafft sich ab“, so Sarrazin, weil Muslime und andere Transferleistungsempfänger eine niedrige IQ und eine hohe Geburtenrate haben, so dass Deutschland im Schnitt immer dümmer wird. Juden, die dank ihrem „jüdischen Gen“ eine höhere IQ als die christlichen Deutschen haben, wären ihm ja „willkommen“. Natürlich hat Thilo Sarrazin von den konkreten Juden in Deutschland – etwa den „Kontingentflüchtlingen“ aus der ehemaligen UdSSR – so wenig Ahnung wie von den konkreten Muslimen etwa in Kreuzberg, einem Bezirk, den er in seinen sieben Jahren als Berliner Finanzsenator nicht einmal besuchte. Aber das nur nebenbei.

Bleiben wir kurz bei Götz Aly. In seinem neuen Buch weist er eben nicht nach, dass „es die Judenfrage gibt, weil es sie immer gegeben hat“. Das wäre auch unoriginell, weil Henryk Broder darüber schon ein Buch geschrieben hat: „Der ewige Antisemit“. Der Tabubrecher Aly, der ja mit „Hitlers Volksstaat“ gezeigt hatte, dass es sich für die meisten Deutschen in der kommoden Nazi-Diktatur sehr gut lebte, dass also die Begeisterung für das „Dritte Reich“ und seinen Führer einen materiellen Grund hatte, führt vielmehr den Nachweis, dass auch der Judenhass in Deutschland einen materiellen Grund hatte. Es gab eine „Judenfrage“: Nicht, weil es sie schon immer gegeben hatte, obwohl der Antijudaismus der Christen (auch der war ja materiell durch Neid unterfüttert) sozusagen das Ausgangs-Mem für den Antisemitismus bildete, sondern weil sich die Juden seit der Emanzipation besser an die Bedingungen der Marktwirtschaft anpassten, weil sie geistig agiler, sozial mobiler und – horribile dictu – geschäftlich erfolgreicher waren als ihre tumben, langsamen, konservativen christlichen Mitbürger. In der Konkurrenz um das knappe Gut „Aufstiegschancen“ hatten die Juden die Nase vorn, kein Wunder, dass ausgerechnet dieses Organ (das ja auch sexuell konnotiert ist, nicht wahr, an der Nase des Mannes erkennt man seinen Hannes, weiß jedes Mädchen) in der antisemitischen Hetze eine so große Rolle spielte. Die Neidhammel suchten einen Sündenbock, und es waren deshalb nicht die Radfahrer, weil von denen nichts zu holen war. Beeindruckend und bedrückend ist es, bei Aly zu lesen, wie gerade die Sozialdemokraten durch ihre gewaltigen Bildungsanstrengungen  in der Weimarer Republik zum Aufstieg der Nazis beitrugen. Man kennt ja den Begriff der Revolution der steigenden Erwartungen. 1933 kann man als Konterrevolution aufgrund enttäuschter Erwartungen deuten: die Weltwirtschaftskrise hatte die Zukunftshoffnungen dieser neuen Mittelschicht zerstört; sie rächte sich durch die Zerstörung des „Systems“, das sie erst aus der Unterschicht geholt hatte. Und durch die Enteignung und Vernichtung der jüdischen Konkurrenz.

Nun muss man sagen, dass Alys Buch, das einen Gegenentwurf zu Büchern wie Henryk Broders „Der ewige Jude“ und – stärker noch – zu Daniel Jonah Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ darstellt, in denen das Mem „eliminatorischer Antisemitismus“ ein sozusagen transzendentes Eigenleben jenseits soziologischer und historischer Ereignisse führt, die gestellte Frage „Warum die Deutschen? Warum die Juden“ auch nicht vollständig beantwortenkann. Man muss ja, um dieser Frage beizukommen,  alles zusammen nehmen – die Geistesgeschichte und die materielle Geschichte, die Religion und die Psychologie, und einiges mehr, ich denke an Raphael Gross und seine Untersuchungen zur Moral des Nationalsozialismus. Worum es Aly aber geht, ist die Erkenntnis, dass die Deutschen damals gar nicht so anders waren als wir heute; dass wir uns nicht einbilden sollten, bloß weil wir, um mit Henryk zu reden, Klezmer mögen und Woody Allen, den Antisemitismus und überhaupt jeden Rassismus ablehnen, nicht unter vergleichbaren (nicht identischen!) sozialen Bedingungen der Konkurrenz und Unsicherheit vergleichbaren (nicht identischen!) Ideologien des kollektiven Neids und Hasses anheim fallen könnten.

Womit wir dann doch wieder bei Sarrazin sind.

Sarrazin ist der Heinrich von Treitschke unserer Tage. Treitschke war der Mann, der den Antisemitismus in Preußen salonfähig machte. Ursprünglich ein Liberaler, wurde er später ein Konservativer, der besonders gegen die Juden und die Sozialdemokraten – die Gutmenschen der damaligen Zeit – polemisierte. 1879 brach er mit seiner Schrift „Unsere Aussichten“ und dem markanten Spruch „Die Juden sind unser Unglück“ den „Berliner Antisemitismusstreit“ vom Zaun. Bis dahin galt es einfach als unfein, Antisemit zu sein. Der Antisemitismus war etwas für den Pöbel und für zurückgebliebene Geistliche und verkrachte Junker. Aber nach dem gewaltigen Boom der Gründerzeit und dem anschließenden Bankenkrach fielen Treitschkes Worte auch in der Mittel- und Oberschicht auf offene Ohren. Von da an galt auch in gebildeten Kreisen die „Political Correctness“ – damals „Anstand“ genannt – als Hemmnis, das auszusprechen, was doch „jeder wusste“: Es gibt ein Problem mit den Juden, und „auch wenn der Treitschke ein wenig übertreibt, hat er doch immerhin dafür gesorgt, dass über den Missstand gesprochen wird“. Der Missstand, noch einmal, bestand darin, dass die Juden dem christlichen Bürgertum erfolgreich Konkurrenz machten.

Vor Sarrazin galt auch der Antiislamismus in der besseren Gesellschaft als unfein. Was gab es für eine Aufregung, als man aus der Regensburger Rede des Papstes meinte, eine generelle Verurteilung des Islam herauslesen zu können! Überhaupt waren Fremdenhass und Ausgrenzung etwas für die da unten und die da drüben im Osten. Man erinnere sich an die Lichterketten nach dem – angeblichen – Mord an dem kleinen Joseph im sächsischen Sebnitz und Henryk M. Broders exzellentes, inzwischen vergriffenes und nicht neu aufgelegtes Buch „Deutsche Leidkultur“. Seit Sarrazin gilt:  „Auch wenn der ein wenig übertreibt, hat er doch immerhin dafür gesorgt, dass über den Missstand gesprochen wird“. Und natürlich hat das mit der wirtschaftlichen Situation seit dem Krach von 2008 zu tun. Der Missstand besteht nicht darin, dass die paar Vorzeigetürken dem christlichen Bürgertum direkt Konkurrenz machen. Das kann noch kommen: Untersuchungen belegen, dass der Bildungswille bei Muslimen in der Unterschicht stärker ausgeprägt ist als bei soziologisch vergleichbaren christlichen Familien. (Das Adjektiv „christlich“ wird hier im denkbar weitesten Sinn benutzt, so wie man die randalierenden Unterschichtjugendlichen in Paris vor einigen Jahren umstandslos als „muslimisch“ gekennzeichnet hat, ohne zu fragen, „wie muslimisch“ sie seien.) Aber darum geht es – noch – nicht.

Die Xenophobie in der Unterschicht bezog sich lange Zeit auf Dinge, die für die Mittelschicht uninteressant waren: die Konkurrenz um Jobs und Sozialhilfe. Das ging „uns“ nichts an. Als das Militäretat das Dreifache des Sozialetats betrug, in den 1970er Jahren, war man pazifistisch und plädierte dafür, statt Panzer Kindergärten zu bauen. Inzwischen hat sich die Relation im Haushalt umgekehrt; die Ausgaben für Soziales und die Staatsschulden machen sich als Steuern und Abgaben auch für uns hier oben bemerkbar. Weniger Steuern bedeuten ja, mehr Geld für mich. Die Einwanderer konkurrieren also nicht direkt mit dem Bürgertum um Jobs und Einfluss, sondern indirekt – einmal über die absolute Höhe der Steuern und Abgaben, und zum anderen über die Konkurrenz um die staatliche Alimentierung, indem etwa weniger Geld für Gymnasien und Universitäten da ist – Einrichtungen für das obere Drittel der Gesellschaft, die der Gesamtheit der Steuerzahler finanziert werden. Studiengebühren, die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur auf zwölf Jahre, Schul- und Klassenzusammenlegungen usw. sind die Folge. Es ist kein Zufall, dass die Schulsorgen der Mittelschicht in fast allen Ländern der Bundesrepublik bei Wahlen entscheidend waren. Das Gymnasium ist zum Symbol für den Willen der Bildungsbürger geworden, den sozialen Vorsprung, den ihnen erst die massive Ausweitung der Bildungschancen in den sozialdemokratischen 1970er Jahren ermöglichte, gegen die Zumutungen der Unterschicht zu verteidigen. Hinzu kommt die Angst um die Stellung in der internationalen Konkurrenz. In der aktuellen Europa-Diskussion kommt das besonders deutlich zum Ausdruck: „Wir“ sollen für die faulen Griechen, Portugiesen, Spanier, Italiener, Franzosen (die Liste wird täglich länger) zahlen! Nö. Machen wir nicht. Und wenn Europa dabei zusammenkracht.

Die soziale Grundlage – Neid und Missgunst, Angst um den Wohlstand, Misstrauen gegen die Globalisierung – ist also dafür gegeben, dass sich auch in Deutschland wie in anderen Ländern das Mem „Angst vor dem Fremden“ wieder in neuer Gestalt breitmacht; dass „es wieder in ihnen spricht“. Es wird nicht gegen die Radfahrer gehen, so viel ist sicher, und auch nicht gegen die Juden. Jürgen Möllemann hat das versucht, und es ist ihm nicht bekommen. Europa und der Islam sind die Gegner. „Ich hätte eine Staatskrise auslösen können“, brüstet sich Sarrazin in der lesenswerten Reportage von Alexandros Stefanides im „Zeit-Magazin“ vom 29. Juli. Wahrscheinlich hat er Recht. Wenn ein Bürger, ein Ex-Senator und Ex-Bundesbanker, damit schon angibt, sind wir schon weit gekommen.

 

 

 

 

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61 Gedanken zu “Radfahrer, Juden und andere Sündenböcke;”

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    @ Dr. Sein

    Sie sind ein Mann mit klaren Urteilen, sind Sie auch ein Mann mit genügenden historischen Kenntnissen?

    Was soll diese alberne „Personalisierung“ der Diskussion? These, Gegenthese und Begründungsversuche sollten genügen. Und wenn Ihnen zu blöde ist, was ich sage, reden Sie doch einfach nicht mit mir.

    Sie sagen: Der Hitler-Stalin-Pakt wurde im August 1939 geschlossen. Das ist richtig.

    Und dass die massenhaften Judenvernichtung im Zuge des “Feldzugs Barbarossa” gut 2 Jahre später in Gang gesetzt wurde, entspricht der konventionellen Geschichtsschreibung. „Massenhaft“ meint in diesem Zusammenhang die große Zahl (von Opfern), die durch das Eindringen in sowjetisch beherrschtes Gebiet für die Deutschen überhaupt erst erreichbar wurde.

    Wenn ich davon spreche, dass die massenhafte Judenvernichtung […] wahrscheinlich dadurch ausgelöst [wurde] , dass die Deutschen die im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts ausgelösten “Umsiedlungen” nicht bewältigen konnten, meine ich mit „massenhaft“ auch die (relativ) große Zahl, vor allem aber den weitgehend ungeplanten, improvisierten Charakter der „Aktionen“.

    Nachdem am 15. September 1939 deutsche Truppen die Stadt Przemy?l besetzt hatten, wurden in den Tagen zwischen dem 16. und dem 19. September etwa 600 Juden erschossen. Das geschah auf der Basis vorbereiteter und mitgebrachter Listen. Insofern handelte es sich um eine geplante und kontrolliert durchgeführte Handlung. (In dieser Weise gezielt wurden zwischen September und Ende Dezember 1939 gut 60.000 polnische Bürger umgebracht.) Im Gegensatz dazu fanden die „Umsiedlungen“ höchst improvisiert statt.

    Zwar waren die „Interessensphären“ der Sowjetunion und Deutschlands weitgehend schon im August abgesteckt worden, aber die „Umsiedlungen“ wurden erst nach dem deutschen Sieg über Polen im Deutsch-Sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag Ende September vereinbart. Dennoch waren die „Umsiedlungen“ beispielsweise aus Lettland, Estland, Litauen, Wolhynien, Galizien, dem Narewgebiet und dem östlichen sogenannten Generalgouvernement bereits Ende Januar 1940, also innerhalb von nur vier Monaten, abgeschlossen, und das, obwohl sie mehrere Hunderttausend sogenannte Volksdeutsche umfassten.

    Dieser gewaltige Akt der „Umsiedlung“, der 1940 und in den folgenden Jahren aus anderen Gebieten seine Fortsetzung fand, konnte für die sogenannten Volksdeutschen so schnell und relativ problemlos vonstatten gehen, weil die „Umsiedlung“ schlicht und einfach in „belebtes“ und bewirtschaftetes polnisches Eigentum hinein stattfand. Um materielle Verluste, z.B. an Vieh, so gering wie möglich zu halten, wurden die sogenannten Volksdeutschen in Häuser und Wohnungen „umgesiedelt“, in denen – in wörtlichem Sinne – die Betten noch warm waren oder die Kaffeetasse auf dem Tisch noch dampfte.

    Entsprechend stellt sich für die Polen die „Umsiedlung“ in das Generalgouvernement als radikale und brutale Vertreibung -in’s Nichts dar. Zumal weil neben der Vertreibung wegen der Umsiedlung weitere Vertreibungen aus dem Gebiet Polens, das dem Reich einverleibt worden war, stattfanden, fanden sich hunderttausende Polen über Nacht im sogenannten Generalgouvernement wieder. Nahrung, Wohnung und Arbeit mussten als Hungerration, Lager oder Ghetto und Zwangsarbeit erst geschaffen bzw. improvisiert werden.

    Man kann (auch aus entsprechenden Zeugnissen) annehmen, dass die deutsche Besatzungsmacht bzw. die deutsche Verwaltung des Generalgouvernements durch diese Situation völlig überfordert war und ihre Probleme durch exzessive Brutalität und den massenhaften Tod der Vertriebenen – zuallererst der Juden selbstverständlich, auch der ortsansässigen, deren Vermögen man brauchte – zu „lösen“ versuchte.

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    Meine Aussagen Mein Vertrauen ist weg und da bin ich zuversichtlich sind sicher sehr widersprüchlich.
    Nach dem Prinzip „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ (Precht-Titel) gibt es zwei Personen in mir. Die erste Person ist ängstlich, da hat der Erinnerungsdiskurs (Auschwitz-Fahrten, Schule, Familie) stark zu beigetragen. Ich wurde durch die Kampagne für das Buch „Deutschland schafft sich ab“ extrem verunsichert. Vor allem da wir ja in einer Finanz- und Wirtschaftskrise stecken. Die zweite Person versucht die Situation zu analysieren. Dies ist umso schwieriger, da ich nicht in der „Alten“ BRD aufgewachsen bin. Wie hat sich Deutschland nach 1945 entwickelt? Der Start war sehr NS-belastet. Wie viel ist davon noch da? Habe ich mich täuschen lassen? Diese Fragen musste ich mir erst einmal beantworten.

    Sicher eine gut funktionierende Demokratie hält auch solch ein Buch aus.

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    @EJ: Deshalb gilt dieser Satz.

    „Alle Kriege zeigen, dass es unangebracht ist, sich über Tod und Verkrüppelung zu wundern oder zu empören: Wenn Krieg ist, ist das so. Man sollte sich besser fragen, ob und unter welchen Umständen und sozialen Bedingungen Menschen vom Töten ablassen können.“
    Quelle: Stern 15/2011 Interview Michael Stoessinger

    Hier wurde das Buch von Sönke Neitzel, Harald Welzer – „Soldaten“ vorgestellt. http://www.focus.de/kultur/bue…..17528.html

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    „Worum es Aly aber geht, ist die Erkenntnis, dass die Deutschen damals gar nicht so anders waren als wir heute…“

    Stimmt das wirklich? Hatten die Deutschen vor 1945 je in einer funktionierenden Demokratie gelebt. Die Weimarer Republik war geprägt von den Ergebnissen des 1. Weltkrieges. Inzwischen haben die Deutschen in 60 Jahren Demokratieerfahrungen gesammelt. Ich bin da zuversichtlich.

    Natürlich muss diese Demokratie geschützt werden. Eine demokratische Wahl kann auch in einer Diktatur enden.Deshalb ist es so wichtig, dass die Bürger nicht demokratiemüde werden und ihre Rechte der Wahl und der Mitgestaltung wahrnehmen.

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    @Alan Posener: Es ist nicht meine Absicht Henryk M. Broder als Person anzugreifen, allerdings habe ich mich in den letzten Monaten schon über einige Aussagen gewundert und geärgert. Jetzt wiederhole ich mich: Ironie in einer politischen Auseinandersetzung, kann ich (man) auch missverstehen.

    Sie haben in ihrem Buch „Imperium der Zukunft“ geschrieben, dass Israel, die Türkei, Syrien und Palästina zu Europa gehören könnten. Vielleicht auch mit dem Gedanken aus dem Nahen Osten einen stinknormalen, langweiligen Ort (Balkan, Rehn) zu machen. Davon sind wir weit entfernt. Wie soll das auch gehen, bei einer derartigen Islamkritik? In diesem Gebiet leben viele Muslime. Da wurde in meinen Augen viel Porzellan zertreten.

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    @fjr: Für mich geht es gar nicht darum, mittels Statistiken etwas zu beweisen. Dass Probleme da sind, wird ja nicht bestritten. Über Mommsen weiß ich nicht so viel, aber es gab jemanden der auf das Problem Islamkritik aufmerksam gemacht hat: Prof. Benz

    Das hat Henryk M. Broder noch im Januar 2010 geschrieben: „….dermaßen unterstellend, dass Kritik am Islam per se verdächtigt ist, die Moslems so zu diffamieren wie der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts die Juden diffamiert hat? „ (Quelle: http://www.achgut.com/dadgdx/i.....ssor_benz/

    Was war das dann, was Sarrazin in seinem Buch gemacht hat? Sicher nicht genauso, wahrscheinlich hat niemand den Bildungswillen der Juden gezweifelt.

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    @Roger Bacon

    meine Fußnote 🙂

    >Fußnote: Der Juden-Radfahrer-Vergleich ist schon wesentlich älter. Er stammt aus einer Zeit, in der die Radfahrer noch “Bicyclisten” genannt wurden (um 1900?). Hanna Arendt zitiert ihn 1951. Beides findet man schnell mit einer Google-Suche nach “Bicyclisten Juden”Das Ludendorff-Gedicht

    Ludendorff oder der Verfolgungswahn

    Hast du Angst, Erich? Bist du bange, Erich?
    Klopft dein Herz, Erich? Läufst du weg?
    Wolln die Maurer, Erich – und die Jesuiten, Erich,
    dich erdolchen, Erich – welch ein Schreck!

    Diese Juden werden immer rüder.
    Alles Unheil ist das Werk der .·..·. Brüder.

    Denn die Jesuiten, Erich – und die Maurer, Erich –
    und die Radfahrer – die sind schuld
    an der Marne, Erich – und am Dolchstoß, Erich –
    ohne die gäbs keinen Welttumult.

    Jeden Freitag abend spielt ein Kapuziner
    mit dem Papste Skat – dazu ein Feldrabbiner;
    auf dem Tische liegt ein Grand mit Vieren –
    dabei tun sie gegen Deutschland konspirieren …

    Hindenburg wird älter und auch müder …
    Alles Unheil ist das Werk der .·..·. Brüder.

    Fährst du aus dem Schlaf? Die blaue Brille
    liegt auf deinem Nachttisch wohl bereit?
    Hörst du Stimmen?

    Das ist Gottes Wille,

    Ludendorff, und weißt du, wer da schreit -?

    Hunderttausende, die jung und edel
    sterben mußten, weil dein dicker Schädel
    sie von Grabenstück zu Grabenstück gehetzt

    bis zuletzt.

    Ackerkrume sind, die Deutschlands Kraft gewesen.
    Pack die Koffer! Geh zu den Chinesen!
    Führ auch die bei ihren Kriegen!
    Ohne Juden wirst du gleichfalls unterliegen.

    Geh nach China! Und komm nie mehr wieder -!
    Alles Unheil ist das Werk der Heeresbrüder.

    von Bruder Kurt Tucholsky, 1928
    (aufgenommen 24. März 1924 in der Berliner Loge „Zur Morgenröte“)<

    Demnach waren auch noch die Jesuiten und die Maurer Schuld 🙂 🙂 🙂

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    @ ET

    Sie sind ein Mann mit klaren Urteilen, sind Sie auch ein Mann mit genügenden historischen Kenntnissen?

    Der Hitler-Stalin-Pakt wurde im August 1939 geschlossen; „zurückgeschossen“ wurde ab 1.9.1939; da marschierten dann auch die Sowjets mit ihren Armeen und ihren Politkommissaren (genaueres über diese Funktionselite können Sie bei Alexander Solschenizyn nachlesen) in ihr Interessengebiet östlich von Narew, Weichsel und San ein. Soweit ich informiert bin, wird der Beginn der massenhaften Judenvernichtung im Zuge des „Feldzugs Barbarossa“ gut 2 Jahre später in Gang gesetzt, also nach „Aufkündigung“ des Hitler-Stalin-Paktes. Haben Sie andere und bessere Informationen?

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    @Alan Posener:
    „Worum es Aly aber geht, ist die Erkenntnis, dass die Deutschen damals gar nicht so anders waren als wir heute; dass wir uns nicht einbilden sollten, bloß weil wir, um mit Henryk zu reden, Klezmer mögen und Woody Allen, den Antisemitismus und überhaupt jeden Rassismus ablehnen, nicht unter vergleichbaren (nicht identischen!) sozialen Bedingungen der Konkurrenz und Unsicherheit vergleichbaren (nicht identischen!) Ideologien des kollektiven Neids und Hasses anheim fallen könnten.“

    Aly mag Recht haben mit der Erkenntnis, dass Deutsche in vergleichbarer Situation „Ideologien des kollektiven Neids und Hasses anheimfallen könnten“. Kann sein.

    Trifft dies aber nur auf uns Deutsche zu. Nein!!! Diese Idee lehne ich grundlegend ab. Es gab in der Weltgeschichte viele andere Beispiele von Grausamkeiten an fremden Völkern in Verbindung von Rassismus. Vielleicht sollte Aly einmal das Buch von Tim Flannery „Ewige Pioniere“ lesen. Oder ein Buch suchen mit dem Titel “Warum die Amerikaner? Warum die Indianer?“

    Ich will den Völkermord an Millionen Juden nicht relativieren, Deutsche haben schwere Kriegsverbrechen begangen, sie haben dabei moderne Methoden des Mordens verwendet. Es war für mich als Nachgeborene schrecklich so etwas zu hören und zu sehen. Haben Sie gemerkt wie ich mich bei den Meme festgefahren hatte? Ich muss sehr mit den Erinnerungen aufpassen, da ist so viel Wut und Trauer.

    Besser hätte ich in meiner Jugend Goethe, Schiller und vielleicht Shakespeare gelesen, anstatt den Ort Auschwitz verstehen zu wollen.

    „Die deutsche Schicksalsfrage – „Wie hältst du es mit den Juden?“ – liegt wieder auf dem Tisch, nur dass es diesmal um Israel geht.“ Quelle: Broder

    Es ist keine deutsche Schicksalsfrage. Deutschland kann nur bereit sein, im Rahmen der EU oder der NATO Israel schützen. Dafür muss Israel auch Kritik ertragen können, ohne sofort Antisemitismus zu rufen.

    Jetzt zu ihrem Freund und Kollegen Henryk M. Broder. Als ich ihn neben Thilo Sarrazin gesehen habe, war ich entsetzt. Ich gehe nicht davon aus, dass Herr Broder ein Rassist ist, dafür hat er sich schon häufiger gegen Rassismus geäußert. Trotzdem hat er dieses Forum genutzt, um gegen den Islam zu reden. Ich kann seine Sorgen, um Israel verstehen. Hier aber wurde der Kampf gegen Islamismus mit Rassismus vermischt. Sicher sind die Deutschen nicht auf die Türken und Araber hier in Deutschland neidisch. Sie schrieben: Kann ja noch kommen. Was sagte Thilo Sarrazin? Die Migranten kosten uns zu viel.Und wenn wir schon über Neid reden: Wo der Islam ist, gibt es viel Öl. Darüber würde ich mal nachdenken.

    Wir Deutschen haben gut reagiert. Oder?

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    Sarrazin ist der Heinrich von Treitschke unserer Tage.

    Sarrazin ist schlimmer als Treitschke, denn er sollte gewusst haben, um die Verbrechen der Nationalsozialisten, dem Völkermord an den Juden und den anderen Schrecken des 2. Weltkrieges.
    Bereits bei der Werbung für das Buch in der Bildzeitung wurde mit Verweisen zum Nationalsozialismus gearbeitet: „Manche mögen dies als gerechte Strafe empfinden…“ oder „…wenn man nicht unter völkischen Ideologieverdacht geraten wollte“

    Nach dem 11. September 2001 ist der Islam in unserem Bewusstsein nicht nur als Religion, sondern auch mit dem Terrorismus verbunden. Jeden Tag sehen wir die schrecklichen Bilder von Selbstmordanschlägen und Krieg. Seit 10 Jahren befinden sich deutsche Soldaten in Afghanistan im Einsatz.

    In einer derart aufgeregten Situation legte Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“ vor.

    Ja, ich bekam Angst.

    Plötzlich ging es nicht nur um die Bekämpfung von Terrorismus (Krieg dem Terror), sondern um die muslimischen Bürger in Deutschland.

    Und ist es etwa kein völkisches Gedankengut, wenn ich einer Gruppe bestimmte Eigenschaften zuweise? Wieder sollte die Wissenschaft Ressentiments begründen, dafür wurden die Intelligenztheorie und Genetik missbraucht. Die Gruppe ist dümmer, fauler, gewaltbereiter, bekomme zu viele Kinder, ihre Art und der Islam usw. Die Wissenschaft wehrte sich, Thilo Sarrazin schien es nicht wahrnehmen zu können.

    Wieder steht eine Religionsgruppe am Pranger. Der Islam ist schuld, Schuld am Terrorismus und daran dass sich Deutschland abschafft.

    Und wissen Sarrazin und auch ihr Freund und Kollege Henryk M. Broder denn nicht, dass Hitlers Hass gegen die Juden, eben nicht nur dem Neid und der Missgunst entsprang, sondern seine Feindbilder Bolschewismus und Finanzkapital waren. Für Hitler galt Bolschewismus=Juden und Finanzkapital=Juden.

    Wie heißt das Feindbild Islam heute? Islam=Terrorismus

    Die Reaktionen der Politiker und Regierung waren enttäuschend.

    Mein Vertrauen ist weg.

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    @ Dr. Sein

    Nein. Dass die Deutschen die „Umsiedlungen“ nicht bewältigen konnten, widerspricht nicht der Vernichtungs-Intention. Die Behauptung unterstellt lediglich, dass die Massen-Vernichtung so nicht geplant war. (Allein schon deswegen nicht so geplant war, weil auch die Nazis vermutlich nicht davon ausgehen konnten, dass jeder x-beliebige deutsche Besatzer, weil gerade verfügbar, sich widerstandslos daran beteiligen würde.)

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    @ EJ

    Sie schreiben: „Die massenhafte Judenvernichtung wurde wahrscheinlich dadurch ausgelöst, dass die Deutschen die im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts ausgelösten “Umsiedlungen” nicht bewältigen konnten.“

    War dann der Holocaust ein Betriebsunfall? Nicht intentional? Ist das nicht Holocaust-Revisionismus?

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    Hmm, wenn Sarrazin Treitschke ist, wo bleibt dann aber Mommsen heutzutage. Oder so jemand wie der preußische Kultusminister Becker in seiner Rolle im Preußischen Hochschulkonflikt noch in den späten 1920er Jahren.

    Nicht zu vergessen, dass der Antisemitismus ja auch erst zu Zeiten Treitschkes als Begriff geprägt wurde, in dem Sinne wie Sarrazin, Broder etc. den Antiislamismus erfinden: Sie tragen den Diskurs vom Stammtisch (Richtung „etwas für den Pöbel und für zurückgebliebene Geistliche und verkrachte Junker“) in die Feuilletons und eben leider sogar in die Universitäten: „Aber nach dem gewaltigen Boom der Gründerzeit und dem anschließenden Bankenkrach fielen Treitschkes Worte auch in der Mittel- und Oberschicht auf offene Ohren.“

    Tja, zum Glück wiederholt sich Geschichte ja nicht, wie ein alter Rauschebart mal feststellte, ansonsten könnte man glatt Angst bekommen.

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    Der Vergleich mit Treitschke ist gut … zumal es auch aufzeigt, was im Fall von Sarrazin notwendig wäre: nicht moralisches Empörung, sondern nüchternes Zelegen von in Statistiken verstecken Werturteilen: so zumindest sind damals Theodor Mommsen und Max Weber vorgegangen … Die ‚Desillusion ist: geholfen hat’s nix …

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    @ Kerstin: Himmler hatte ein Programm, um die rassisch Wertvollen zu integrieren

    (rassisch Wertvolle – Man sollte vielleicht doch manchmal distanzierende Anführungszeichen setzen.)

    Ja, aber die Nazis waren nicht nur radikale Rassisten. Sie waren auch radikale Opportunisten. Einzelpersonen und Familien der untersten Kategorie
    http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Volksliste
    wurden 1943 – nach Stalingrad – „rassisch heraufgestuft“, um die Männer, die zuvor „wehrunwürdig“ waren, zur Wehrmacht einziehen zu können.

    Die massenhafte Judenvernichtung wurde wahrscheinlich dadurch ausgelöst, dass die Deutschen die im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts ausgelösten „Umsiedlungen“ nicht bewältigen konnten.

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    @Alan Posener: Jetzt habe ich mich aber von der Mem-Geschichte hinreißen lassen. Die meisten, der von mir genannten Mem (Sklaverei, Eroberungskriege, usw.) lehne ich grundlegend ab, sie gehören auf den Müllhaufen der Geschichte. Das wenigsten sollten wir feststellen, da die Menschheit ja eine Geschichtsschreibung hat.

    Ich könnte jetzt viele Mem aufschreiben, die mir wichtig sind, z. B. die Freiheit, die Emanzipation, die Menschlichkeit, der Friedenswillen, Europa. Es gibt so Vieles, was uns wichtig sein sollte.

    Ja, ich lebe lieber in der ihrer „unvollkommenen, aber lebens- und liebenswürdigen Gesellschaft“

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    Fußnote: Der Juden-Radfahrer-Vergleich ist schon wesentlich älter. Er stammt aus einer Zeit, in der die Radfahrer noch „Bicyclisten“ genannt wurden (um 1900?). Hanna Arendt zitiert ihn 1951. Beides findet man schnell mit einer Google-Suche nach „Bicyclisten Juden“.

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    Ich glaube, Sie haben bei der Probe aufs Exempel eine Kategorie vergessen. Wenn Sie auf einer Party mit Intellektuellen sind, dann muss die Aussage so lauten: an allem sind die tumben, langsamen, konservativen christlichen Mitbürger, also die Masse oder auch Volk genannt, und natürlich die Radfahrer schuld. Weil „es“ in ihnen denkt, sie aber nicht selber denken, so habe ich das zumindest verstanden. Wenn sie aber nicht selber denken, wo kommen denn dann die Gedanken her? Hm. Was mir nach diesem ganzen Artikel immer noch schleierhaft ist: was ist zu tun? Wie können wir es besser machen als im letzten Jahrhundert? Denkt es da irgendwo hier in diese Richtung? Dann denkt es vielleicht auch im Volk irgendwann in diese Richtung, denn, der Fisch fängt doch immer am Kopf an zu stinken, oder so.

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    Zum Test Broders. Mal im Ernst: Wenn ich so was auf ner Party in den Raum werfen würde, würden mich meine Freunde nicht fragen „Wieso die Radfahrer?“ sondern würden mich eher fragen, ob es mir soweit ganz gut geht, oder ob ich irgendwelche Probleme hätte. Und von denen haben die wenigsten im toten Meer gebadet und auch hören die zu Hause eher selten Klezmer und klar, Woody Allen finden die schon gut. Aber „lieben“, naja.

    Übrigens liest von denen aber glaube ich keiner diese Springer-Schmutzblättchen, für die Broder so schreibt.

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    @Kerstin

    . . . Ihre und des werten A. Poseners ‚Sündenbocktheorie‘ ist bemerkenswert.

    Da ich, als ‚derblondehans‘, nachweislich nicht nur finanziell, und das gegen geltendes Völkerrecht, für die Verbrechen der National-SOZIALISTEN zur Verantwortung gezogen werde, bin ich doch der Sündenbock, der für andere her halten muss und nicht die ‚Juden‘ – wie Sie beide der EJott und andere behaupten. Oder? Wie geht das zusammen?

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    @billytheboy : Rassismus ist keine Erfindung der Neuzeit, er bringt vor allem Identifikation und Abgrenzung. Zur negativen Bedeutung gelangte der Rassismus auch, weil man die Südstaatensklaverei erklären wollte.

    Ab dem 18. Jahrhundert machte die Wissenschaft große Fortschritte (Sprachwissenschaft, Geschichte, Völkerkunde, Medizin), es wurde katalogisiert, vermessen, gesammelt usw. Natürlich gab es auch hier viele Fehlanalysen. Völkerkundemuseen zeugen von der Sammelfreude.
    Der Rassismus des Nationalsozialismus hatte pseudowissenschaftlichen Charakter. Dabei wurden vor allem äußerliche Merkmale (Körpermerkmale: Hautfarbe, Augenfarbe: blau, Haarfarbe: blond, Körpermaße, Gesundheitszustand) aber auch die Lebensgewohnheiten der Völker berücksichtigt, natürlich war das Deutschtum Vorbild. Dabei wurde eine Menge Stereotypen entwickelt, da wurden dann Eigenschaften hervorgehoben.

    Es gab damals reichlich Literatur über die östlichen Gebiete (z. B. die Pripjetsümpfe), diese waren meistens abwertend, nicht nur für die Landschaft, sondern auch für ihre Bewohner: Juden und Slawen. Den Slawen wurde eine „angeborene Unfähigkeit zu echter Feldbaukultur“ unterstellt. Die Landschaft wurde als „dunkelgraue Wüste“ bezeichnet, die man urbarmachen wollte, nach den Beispielen Friedrich des Großen in Westpreußen. Nachzulesen in Davis Blackbourn: Die Eroberung der Natur Kapitel: Rasse, Bodengewinnung und Völkermord.

    Stimmt. Ich habe in der Schule noch gelernt: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler, wer Hitler wählt, wählt den Krieg.“, Losung zur Wahl 1932. Bereits 1924 taucht bei Hitler erstmals der Gedanke eines Eroberungskrieges gegen die Sowjetunion auf. (Quelle Richard Rhodes: Die deutschen Mörder)

    Seine Feindbilder Bolschewismus und Juden. Der Krieg war bereits beschlossen.

    @EJ: Sie hatten Recht, Himmler hatte ein Programm, um die rassisch Wertvollen zu integrieren. Die Juden bildeten einen Sonderfall. Bis 1941 wurde die Möglichkeit einer großen Auswanderung nach Afrika erwogen, vor allem außerhalb Europas, als dies nicht möglich war, begann der Völkermord an den Juden.

    Mem „Provaganda“ : Nicht die Wissenschaft und Kunst ist verantwortlich, sondern die, die sie benutzen, um ihre Interessen durchzusetzen. Auch zum Aufhetzen von Menschen und zur Vertuschung von Verbrechen und zu Ablenkung bestens geeignet.

    Wenn man zum Sündenbock auserkoren ist, kann man sagen oder schreiben (Ernst, Spaß, Ironie) und machen, was man will, dann wird alles gegen einen verwandt.

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    Damals dachten viele, Juden wären an der Inflation von 1923 und an der Wirtschaftskrise von 1929 schuld.
    1933 nach der Machtergreifung gab es in der Industrie über 40% Wirtschaftswachstum innerhalb eines Jahres. Bis 1938 gab es ein Wachstum des Bruttosozialproduktes vom über 10% pro Jahr, allerdings wurde schon 1936 auf Rüstungsproduktion umgeschwenkt. Die DDR-führung hatte sich 1948 vorgenommen, den Wohlstand von 1936 wieder zu erreichen.
    Über Lebensraum und Rassismus kann man schwer etwas erfahren.

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    Es gibt noch eine weitere Wechselwirkung zwischen den deutschen Nationalsozialisten und den Juden. Auch aus der jüdischen Religion (Siddur ?) wurde eine Menge herausgelesen und interpretiert.

    Hitler wollte eine neue elitäre Rasse gründen. Wie kann man dann ein „auserwähltes Volk“ neben sich akzeptieren?

    „…. und es steht geschrieben: ›Du hast uns erwählt vor allen Völkern, und nicht umsonst beneidet uns die ganze Welt…“ Quelle: Scholem Alejchim – Tewje, der Milchmann (etwa 1905)

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    Als ich (12-13 Jahre alt) meine Mutter fragte, warum wir Deutschen denn die Juden umbrachten, sagte sie: „Antisemitismus, nichts ist so langlebig, wie diese Lügen.“ Damals erklärte sie mir den Antisemitismus nicht. Recht hatte sie.

    Es gab noch zwei weitere Mem, das Mem „Landgewinn“ und das Mem „Vernichtungswille“.
    Sicher ist die Zeit von 1933 mit heute nicht vergleichbar. Das Ende des 1. Weltkrieges hatte nicht nur desillusionierte Deutsche hervorgebracht, nach der Revolution in Russland gab es viele Flüchtlinge, im Versailler Vertrag war ein Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei und Griechenland festgelegt, Deutsche wurden aus französischen Gebieten vertrieben und der Mord an den Armeniern war bekannt. Das alles und noch andere Geschichtsschreibung und der Rassenwahn diente zur Argumentation beim Vorgehen im 2. Weltkrieg.

    Vom Antisemitismus zum millionenfachen Mord ist ein weiter Weg. Ich kann und will nicht daran glauben, dass der „eliminatorischer Antisemitismus“ solch einen breiten Zuspruch in der deutschen Bevölkerung hatte. Sie können mir gern widersprechen. Ich versuche das zu begründen. Vor 3-4 Jahren quälte ich mich durch das Buch „Die deutschen Mörder“ von Richard Rhodes.

    Als Siedlungsraum für die Deutschen waren die Ostgebiete vorgesehen. Für Hitler, Himmler und die SS standen die Feindbilder Jude und Bolschewismus fest. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt und der Besetzung der polnischen Gebiete wurde zunächst die polnische Elite vernichtet. Hitler beauftragte Himmler mit der Vertreibung von über acht Millionen Nicht-Deutschen aus dem ehemaligen Westpolen in den Osten. Dabei nahm man auch deren Tod billigend in Kauf.
    Gleichzeitig war man bestrebt die Weltöffentlichkeit und auch die deutsche Zivilbevölkerung über die wahren Ausmaße dieses Völkermordes zu täuschen. Zeitgleich herrschten in Deutschland ein Klima der Angst und eine mörderische Justiz auf der einen Seite und die Endsieg-Gewissheit auf der anderen.

    Ich sage auch nicht, Hitler war´s.

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    @ Parisien: Ich vergleiche nicht heute mit 1933. Allenfalls um festzustellen, dass die Situation eine völlig andere ist. Und ich setze heute auch nicht mit 1879 gleich. Ich stelle Parallelen fest.
    @ Alle: ich schlage vor, den blonden Hans prominent zu ignorieren, der sich vornehmlich auf ganz rechten Websites herumtreibt und sich hier nur wichtigtut. Keine Zensur, nur Nichtbeachtung.

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    Ach, Alt-68er: Erst jetzt erkenne ich, dass Sie also der gute alte Dings, ähm, na, – Alzheimer – Mercator sind, der durch seine Erfahrungen mit einer katholischen Erziehung und einer jüdischen Ehefrau dauergeschädigte, broderfixierte Herr Kaufmann aus Potsdam. Wie dumm von mir. Wie konnte ich die stilistischen Ähnlichkeiten übersehen! Was halten Sie also davon, Sie legen die Maske ab und schreiben fortan unter Ihrem richtigen Namen?
    @ Moritz Berger: Danke für den Hinweis auf Tucholsky. Ja, damals stimmte das ja auch. Und ja: anständigerweise sollte man Quellen benennen. Ihren Einwand bezüglich Steuern und Abgaben verstehe ich nicht ganz, und nicht nur, weil ich im Hinblick auf den Einkauf von Flachbildschirmen bei Saturn kein Profi bin. (Habe übrigens damals gar keinen gekauft, und das war vermutlich eine goldrichtige Entscheidung.) Abgaben sind faktische Steuern, nur dass sie nicht so genannt werden. Dass „ich“ etwas davon zurück erhalte in Form von Dienstleistungen, ist klar. Ich habe geschildert, dass in der Mittelschicht der Eindruck wächst, dass man aber eben nicht genug dafür zurückbekommt, dass die Schulen schlechter, die Unis voller werden usw., kurz, dass die bisherige Alimentierung der Bessergestellten duch die ganze Gesellschaft (was ich für einen Skandal halte) nicht mehr funktioniert. Und dass von daher die Bereitschaft wächst, „die da unten“ – speziell die Zuwanderer – dafür verantwortlich zu machen und auf Leute wie Sarrazin zu hören. Ich teile ja diese Haltung nicht; zwar bin ich auch der Meinung, dass meine Belastung durch Steuern und Abgaben zu hoch ist, aber ich mache eine falsche Ausgaben- und Einnahmenpolitik des Staates dafür verantwortlich, nicht die Zuwanderer. Sarrazin selber lenkt mit seinem Buch davon ab, dass er in sieben Jahren als Finanzsenator von Berlin zwar die Schulden nicht in den Griff bekam, dafür aber allen Projekten, die der Integration von Zuwanderern dienen, die Mittel gekürzt hat.

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    @derblondehans: Mein Ausgangspunkt für „Hitler und die Meme“ war: Was kann passieren, wenn eine Ansammlung von Meme zur Staatideologie erhoben wird.

    Jetzt habe ich den Artikel von Stefan Schmitz Eva in der Nazifalle im Stern 43/2007 gefunden, da gibt es einen Kasten „Wie Hitler weiter regiert“.

    Anwaltsmonopol, Heilpraktikergesetz, Schornsteinfegerverordnung, 1. Mai, Kilometerpauschale, Ehegattensplitting, Gesundheits- und Jugendämter, Mutterschutz, Rentenreform, Straßenverkehrsordnung, Kindergeld, Grundlagen des Naturschutzes im Reichsnaturschutzgesetz, Rabattgesetz usw.

    Meine Bewertung des Nationalsozialismus ist weiter: menschenverachtend.

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    @derblondehans: Der Satz war richtig blöd, ist mir auch erst später aufgefallen. Ich hatte einen Teilsatz von @Alt 68 übernommen, dabei ist mißverständliches entstanden. Pardon!

    Lesen Sie bitte, was ich über „Hitler und die Meme“ geschrieben habe:

    Reden wir über Hitler und die Meme. Hitler und seine Helfer haben sich in der damaligen Geschichtsschreibung bedient und eine Ideologie zusammengestellt, die das deutsche Volk und auch andere Völker tief ins Unglück stürzte. Die Arier von den Veden, das Hakenkreuz aus Indien (Swastika), der Gruß (Römischer Gruß), die Euthanasie aus der Antike, Straßenbau von den Römern usw. Da die Nationalsozialisten sich berufen fühlten, besser zu sein als die anderen, schienen andere Nachbarvölker unwichtig. Der Rassismus nicht nur gegen die Juden sondern auch gegen die Slawen war vorhanden. Polen war das „Klein“-Amerika, das erobert und kultiviert werden musste. Indem Hitler zum Kanzler ernannt wurde, wurde das Ganze zur Staatsideologie erhoben, dass Volk wurde gleichgeschaltet und lief mit, war ja alles so einfach. Quelle: http://starke-meinungen.de/blo.....mment-8891 16. August 7:36

    Für Sie interessant vielleicht auch mein Kommentar vom 15. August 2011 um 10:02.

    Ich kann überhaupt nichts Gutes am Nationalsozialismus finden, einfach nur menschenverachtend. Die Deutschen waren den Faschisten letztendlich auch egal.

    Die Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, um im Bild der Meme zu bleiben, war das Mem „Sklaverei“. Dabei war nicht die Sklaverei der Antike Vorbild, sondern eher die Südstaatensklaverei Amerikas. Dies zu Ergänzung zu meine Gedanken zu „Hitler und die Meme“ 16. August 7:36 Uhr

    Nun noch einmal zur Mem “Gott” 16. August 2011 um 10:37 : Mem „Gott“ und das Christentum. Wird ein Staat angegriffen und dann seine Gegenmaßnahmen mit „Heiliger Krieg“ bezeichnet, wird das Christentum zur Staatspolitik und zwei Religionen stehen sich gegenüber. Wenn sich die Politik plötzlich ihrer christlich-jüdischen Tradition erinnert, während es gegen eine andere Religionsgruppe geht, sollte man aufhorchen. Davon fühlen sich nicht nur Muslime, sondern auch Atheisten bedrängt. Auch das Christentum hat eine Geschichte der Staatsideologie.

    Das Mem „Terrorismus“ gehört als Mittel der Politik abgeschafft. Eine Bevölkerung, die sich durch solche Maßnahmen (Sabotage, Anschläge) bedroht sieht, wird bei allen unterschiedlichen Meinungen zusammengeschweißt, wenn der Staat Schutz und Verteidigungsbereitschaft verspricht. Da stellt sich sofort die Frage: Wo ist der Feind? Außen. Außerdem eignet sich dann ein Aufdecken solcher Aktivitäten ausgezeichnet zur Propaganda.

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    Wenn man Schirrmacher (s.Alt68er) und Charles Moore liest,weiß man,dass das nächste Feindbild nur dann nicht Banker und Eliten heißen wird,wenn es so offensiv behandelt wird wie von diesen Autoren und darauf reagiert wird durch vernünftige Änderungen. Der Groll auf Eliten wächst. Nicht einmal Tickets für Fußball-WM’s oder Olympics kriegt der normale Bürger noch, Hotelpreise bei solchen Ereignissen unerschwinglich.
    Der Groll auf die eingewanderten Muslime,die unfreundlich unsere Kultur betrachten und verweigern -das betrifft ja nicht alle- ist nicht durch Sarrazins Buch entstanden, sondern weil die Probleme jahrzehntelang totgeschwiegen und nicht angegangen wurden. Sarrazins Buch brachte ihn lediglich zum Vorschein. Der Grund ist politische Untätigkeit, Ratlosigkeit und Lethargie.
    Außerdem lehne ich Vergleiche zwischen 1879 oder 1933ff und heute ab,denn das Volk ist heute vielschichtiger und gebildeter,vor allem ist heute die weibliche Hälfte dabei. Man kann das nicht mit einer Zeit vergleichen, in der keine Frau studierte.
    Ob mit weiblicher Beteiligung in den entscheidenden Etagen der Holocaust stattgefunden hätte, ist eine interessante Frage.

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    @Kerstin

    Ich schrieb nicht alles was Nationalsozialismus anfasste war schlecht . . .

    . . . helfen Sie mir. Was war gut, was Nationalsozialismus ‚anfasste‘?

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    @Alt 68 er: Ich weiß noch immer nicht, was Ihr Deutschland darstellt. Ist es die Kultur und Sprache (Goethe, Kölner Dom, Wagner, Heine, Knigge usw.), das Gemeinwesen (Rente, Krankenkasse), die Wirtschaft, die Religion (christlich-jüdisch) oder die Moral des Bürgertums? Sind es die Landesgrenzen? Erst dann kann ich entscheiden, ob es schade wäre wenn es verloren geht.

    Die DDR war im Übrigen sehr deutsch. Wir haben die Liebe zur Heimat gelehrt bekommen, dies stand häufig in großem Kontrast zur Umgebung. Die Einflüsse fremder Kulturen und Fernsehprogramme waren viel geringer. Die östlichen Nachbarländer für die meisten kein Vorbild. Nun kann man über die Globalisierung denken wie man will, sie beeinflusst besonders die Jugend sehr. Heute stehen die Kulturen im Wettstreit, ich schreibe extra nicht Kampf der Kulturen. Alles andere ginge nur durch Abschottung. Im Übrigen glaube ich, dass nach einer Phase der Oberflächlichkeit auch eine Rückbesinnung eintritt.

    Sicher kann die Schule einiges dazu betragen, erzwingen kann man es letztendlich nicht.

    Ich schrieb nicht alles was Nationalsozialismus anfasste war schlecht, trotzdem müssen wir schon die Motivation (Arbeitsbeschaffung, Kriegsvorbereitung) und vor allem auch die Finanzierbarkeit betrachten. Sozialpolitische Geschenke auf eine Gruppe, in diesem Fall Deutsche, während andere in Zwangsarbeit und in Konzentrationslagern schufteten, können ja wohl nicht sein.

    Im Spätsommer 1944 waren etwa ein Viertel der Arbeitskräfte in der gesamten deutschen Wirtschaft Zwangsarbeiter, Anfang 1945 stellten Ausländer ein Drittel der gesamten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft. Sie stammten aus allen von der Wehrmacht besetzten Ländern Europas, die meisten aus Polen und der Sowjetunion, letztere wurden auch als Ostarbeiter bezeichnet. Etwa die Hälfte von ihnen waren Mädchen und Frauen.
    Die Entwicklung der Anzahl der Zwangsarbeiter im Deutschen Reich zeigt, dass nach Sauckels Amtsantritt besonders viele neue Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert wurden. Von 1942, dem Jahr seines Amtsantrittes, bis 1943 verdoppelte sich die Zahl der in der Landwirtschaft tätigen Zwangsarbeiter von 1,4 auf 3,2 Millionen.[1]

    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Z.....ozialismus

    Zusätzlich die Experimente an Menschen http://de.wikipedia.org/wiki/KZ-Arzt oder http://antifa.vvn-bda.de/201107/0702.php.

    Für mich gibt es da auch nichts gegenzurechnen.

    Autobahnen und Volkswagen dürfen schon gebaut werden, wenn man es sich leisten kann. Dafür brauchen wir aber auch die internationalen Märkte. Oder?

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    Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Es sind verschiedene Feindbilder und Neidobjekte im Umlauf.

    Ein Volk – ein Reich – ein Feindbild – diese Zeiten sind vorbei, es geht vom Pluralismus nicht in Richtung Totalitarismus weiter, sondern in Richtung Chaos.

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    Ach, Alan Posener, das schöne ist, dass man bei Ihnen beobachten kann, wie es in Ihnen fort und fort arbeitet und dabei immer deutlicher wird, wie „Es“ in Ihnen denkt.

    Wenn Sie auf deutsche Parties gehen, werden Sie feststellen, dass in 99% aller Fälle das Thema „Sind die Juden schuld?“ nicht auf den Tisch kommt, es sei denn, wenn ein Broder oder einer seiner ebenso brillianten Spießgesellen es auftischt. Wenn Sie wissen wollen, wie diskutiert wird, lesen Sie doch Frank Schirrmachers „Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat“ (http://www.faz.net/artikel/C30.....84461.html), auch wenn Sie ihn nicht leiden können; und Sie sind seit Menschengedenken der erste auf dieser Party, der, um zu „provozieren“, den Witz mit jüdischen und anderen Nasen zum Besten gibt. Ohaha.

    Ich will gar nicht bestreiten, dass es eine kritische soziale Gemengelage, Neid und Missgunst, Angst um den Wohlstand (ist die Angst neurotisch?), Misstrauen gegen die Globalisierung (ist das Mißtrauen ungerechtfertigt?), gibt. Ich bin auch unter den ersten, der Ihnen beipflichtet, dass auch in diesem Fall der Horror vor den Fremden eine neurotische Abwehr ist (wie ich meine, vor dem Horror der eigenen Unfruchtbarkeit).

    Was die Angst vor der Globalisierung und einer, so Frau Heckel, nicht richtig greifbaren „internationalisierten Finanzelite, die national und konfessionell nicht identifizierbar“ (steckt dahinter gar das altvertraute Gespenst des jüdischen Finanzkapitals?) ist, angeht, diese könnte man doch dadurch entschärfen, dass man Frau Heckels Bitte nachkommt, diese Elite zu identifizieren; auf der Liste werden dann sicherlich nicht nur Lloyd Blankfein oder Larry Summers (siehe Inside Job http://www.youtube.com/watch?v=FzrBurlJUNk), sondern auch Genies aus anderen Ethnien und Konfessionen stehen. Da geht Ihnen jedoch der rsch auf Grundeis und Sie rufen Frau Heckel zu: die Schinesen! (http://starke-meinungen.de/blo.....mment-8773)

    Wenn Sie jedoch Sarrazins Buch darauf verkürzen „„Deutschland schafft sich ab“, so Sarrazin, weil Muslime und andere Transferleistungsempfänger eine niedrige IQ und eine hohe Geburtenrate haben, so dass Deutschland im Schnitt immer dümmer wird.“ und nicht mit Sätzen wie z.B. diesem „dass wir als Volk an durchschnittlicher Intelligenz verlieren, wenn die intelligenten Frauen, die studiert haben, weniger oder gar keine Kinder auf die Welt bringen“ korrelieren, dann ist das so, als wenn Sie eine Niederlage Deutschlands im Fußballländerspiel gegen die Vereinigten Arabischen Emirate kommentieren und dabei vergessen zu erwähnen, dass unsere Leistungsträger eine grottenschlechte Leistung gebracht haben.

    Verlogen und unredlich finde ich es, wenn Sie schreiben, dass erst Sarrazin den Antiislamismus in Deutschland salonfähig gemacht hat, und dabei unterschlagen, dass Ihr Freund Broder schon lange vorher mit Traktaten wie „Hurrah, wir kapitulieren“ und „Kritik der reinen Toleranz“ daran – nicht ganz so erfolgreich wie Sarrazin – gearbeitet hat. Ihr Satz „Vor Sarrazin galt auch der Antiislamismus in der besseren Gesellschaft als unfein.“ mag stimmen; möglicherweise hat die „bessere Gesellschaft“ bei Broders Traktaten noch die Nase zugehalten, das stinkt allerdings nach einem versnobten Antisemitismus. Auf jeden Fall war Ihr Freund schon lange der Held auf den für Sie nicht ganz so feinen Foren wie Politically Incorrect, wo sie für den freien Westen, Israel und gegen die muslimische Weltbedrohung sind. Erinnern Sie sich, dass ich Sie vor Zeiten bereits darauf hingewiesen haben? Das war der erste Strauß, den wir ausgefochten haben; Sie wollten das kontrafaktisch nicht glauben (http://von-den-einzigwahren-fr.....r-die.html).

    Sie haben eine reziproke Vorurteilsstruktur zu der, die Sie den Deutschen unterstellen. Natürlich ist am Aufstiegswillen der „geistig agilen, sozial mobilen und geschäftlich erfolgreichen Juden“ oder an dem potentiellen der Muslime aus der Unterschicht nichts auszusetzen, der ist gut, während der Aufstiegswille der „tumben, langsamen, konservativen, christlichen“ Deutschen nur fatal bis katastrophal sein kann. Ganz fies ist es, dass diese deutschen Michels um ihr Geld bangen, nicht die Kosten bezahlen wollen, nachdem die agilen Finanzgenies egal welcher Ethnie und Konfession ihre Gewinne eingestrichen haben. Der Schoß ist fruchtbar noch …

    Sie bekommen sich nicht ein, wenn jemand davon spricht, dass Deutschland sich abschafft und dabei besorgt ist. Ein Satz wie Sarrazins

    „Sich um Deutschland als Land der Deutschen Sorgen zu machen, das gilt fast schon als politisch unkorrektt. Das erklärt die vielen Tabus und die völlig verquaste deutsche Diskussion zu Themen wie Demographie, Familienpolitik und Zuwanderung. Ich glaube, dass wir ohne einen gesunden Selbstbehauptungswillen als Nation unsere gesellschaftliche Probleme (auch die der Einwanderung und Integration) nicht lösen können.“

    ist für Sie unsäglich. Sie finden es verächtlich, wenn jemand Deutschland oder gar das deutsche Volk liebt. Hinter dem liberalen Prediger der reinen Toleranz und dem Feingeist, der vieles und schönes über die Mutter Gottes, über Shakespeare, Elvis und die Beatles weis, taucht der aggressive Affekt einer exterminatorischen Germanophobie (verbunden mit Christianophobie) auf. Wie kann nur ein so kultivierter Mensch … Früher in Ihrem Sturm und Drang wollten Sie dieses Problem in der klassenlosen Gesellschaft auflösen, heute in Ihrer Mannesreife in einer Globalisierung, die die Differenzen auslöscht. Ich befürchte, Sie sind ein Sinowjew light, ein Sinowjew im Schlafrock, ein Dr. Feelgood, der das Selbstbewußtsein und das Schmerzempfinden der Deutschen mit der Droge der „lebens- und liebenswürdigsten Gesellschaft seit Anfang der Zeiten“ narkotisieren will. Können Sie sich mal Ihren Affekt klarmachen?

    Sie haben in mir einen treuen Wegbegleiter.

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    Lieber Herr Posener,

    >die Ausgaben für Soziales und die Staatsschulden machen sich als Steuern und Abgaben auch für uns hier oben bemerkbar. Weniger Steuern bedeuten ja, mehr Geld für mich. <

    ich kann mich erinnern , dass Sie schon immer etwas Schwierigkeiten mit dem rechnen und der wirtschaft hatten und auch haben. Siehe Ihr sogenanntes O Kreditschnäppchen bei Saturn/Media 🙂

    Was die Sozialabgaben in Deutschland betrifft haben Sie sicherlich dass die in den vergangenen Jahren gestiegen sind.

    Aber die Steuerbelastung ist eher verringert worden.

    Also bitte zukünftig nicht Äpfel und Birnen und Abgaben und Steuern verwechseln.

    Sie können auch in Niedrigsteuerländer wie die USA oder Irland ziehen, nur haben Sie dort leider eine Infrastruktur, die erheblich unter dem Niveau in Deutschland liegt.

    Und wenn Sie sich die skandinavischen Länder mit der hohen Steuerbelastung anschauen, dann erklären Sie bitte einmal uns " Wirtschaftslaien " warum dort so ein hoher Wohlstand herrscht??

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    Zur Aufklärung:

    Das erwähnte Zitat stammt von Kurt Tucholsky:

    „Die Juden sind an allem Schuld“, meinte einer. „Und die Radfahrer …“ sagte ich. „Wieso denn die Radfahrer?“, antwortete er verdutzt. „Wieso die Juden?“, fragte ich zurück.

    Fairerweise hätte Broder eine Fußnote dazu machen können.

    Aber wir leben ja im Guttenberg Zeitalter wo copy and paste zum Alltag gehört.

    Avi Primor hat auch ein Buch mit dem Titel:

    http://www.amazon.de/allem-Jud.....038;sr=8-2

    veröffentlicht.

    Hier die Buchvorstellung:

    http://www.youtube.com/watch?v=niVIOrH2jwc

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    Neues Neidobjekt, das der sozialistischen Neuordnung zu weichen hat, ist von linker Seite diesmal der weiße männliche Christ in seiner Position als Gelehrter, Geschäftsmann oder Familienvater. Man setzt allerlei Quoten (Frauen/Migranten) an, um ihn zu zwangsweise verdrängen. Medial wird er als kriminell, kaltherzig, pädophil und unglücksstiftend usw. gezeigt.

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    Soll Broder halt mal die Probe machen. So bleibt es ein Vorurteil. Man wird ihm den Vogel zeigen, wenn er die Frage stellt.

    Im 2. Weltkrieg gab es Rationierung. Die Menschen hungerten nur nicht so sehr, dass es zu Revolten kam wie im Ersten. Leben in Saus und Braus für die aufgeschwemmten Goldfasane, aber nicht für den Rest der einfachen Bevölkerung. Aly projiziert die Lage im heutigen Wohlfahrtsstaat in die NS-Vergangenheit, mein Eindruck.
    http://de.wikipedia.org/wiki/L....._Weltkrieg

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    @ Nic. Kann sein. Er sagt trotzdem nichts aus, außer dass Radfahrer nun einmal nicht als Universalsündenböcke taugen, im Gegensatz zu Juden, Muslimen, Katholiken, Freimaurern, Ossis, den 68ern usw.

  39. avatar

    @Alan Posener

    Sie zitieren Broder:

    Aber, um Fassbinder zu zitieren: “So denkt es in ihm.”

    Ich weiß nicht ob es vermessen ist, aber für einen Moment dachte ich, „so denkt es auch in Broder“.

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    Sehr geehrter Herr Posener,
    ich möchte Zweifel daran anmelden, dass dieser „Juden/Radfahrer-Vergleich“ von Broder stammt. Meines Wissens ist das von Stephan Heym.

  41. avatar

    Schon 20 Jahre seit dem Mauerfall. Die Rüstungsausgaben sind niedriger als damals und die Mehrwertsteuer ist höher. Da fragt man sich natürlich „Wo ist das Geld hin ?“

    Beschwerden über Finanzinvestoren gelten als antisemitisch.
    Der Käufer von PRO-Sieben hat es abgegrast und ist wie eine Heuschrecke weiter gezogen.

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    Neid auf ‚Juden‘ und/oder Mohammedaner? So ein Quark.

    So kann nur jemand denken, der Gier als Lebensmaxime ‚anbetet‘. Schreiben Sie doch über die Motivation derjenigen die nach einem Visa für die ‚BRD‘, in wahrsten Sinn des Wortes, ‚Schlange stehen‘. Dann kommen Sie der Wahrheit näher.

    Und noch einmal: Hass setzt u.a. verschmähte Liebe voraus.

    Lesen Sie die ‚Ur-Meme(n)-Sammlung‘ der Juden, der Christen und der Mohammedaner – um mal bei Dawkins und ‚Ihrer‘ Memen-Theorie zu bleiben – dann wissen Sie wo Hass ‚gepredigt‘ wird. (Oder auch in den Schriften der National-SOZIALISTEN, der SOZIALISTEN, der Kommunisten, der Maoisten . . .)

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