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Willkommen zurück in der Verantwortung. Zwei Bücher widerlegen das Dogma von der Allmacht der Gene

Genetik und Demographie sind zu den Leitwissenschaften des 21. Jahrhunderts avanciert. Die angeblich ehernen Gesetze der Bevölkerungswissenschaft erzwingen etwa die Erhöhung des Renteneintrittsalters; angeblich gesicherte Erkenntnisse über die genetischen Ursachen von Schulversagen und anderen unliebsamen Erscheinungen befeuern die Fremdenangst und rechtfertigen die Ausgrenzung des Prekariats. Und ein Buch, das Demographie und Genetik miteinander verrührt, wird zum Bestseller.

Ein erstaunliches Comeback. Denn nach dem Ende des Dritten Reichs, des europäischen Kolonialismus, der Rassendiskriminierung in den USA und der eugenischen Programme in vielen westlichen Ländern galten beide Wissenschaften als kompromittiert. Soziologie und Psychologie wurden zu den Leitwissenschaften einer optimistischen Ära, in der die Perfektibilität des Menschen aus der Perfektibilität der Gesellschaft zu folgern schien. Auf deren Höhepunkt mutierte selbst das Geschlecht zum psychosozialen Konstrukt.

Es war klar, dass in der – immer auch ideologisch aufgeladenen – Debatte über nature versus nurture das Pendel irgendwann nach der anderen Seite aussschlagen würde; das geschah spätestens am 26. Juni 2000, als US-Präsident Bill Clinton zusammen mit Craig Venter und Francis Collins die Entschlüsselung des menschlichen Genoms bekanntgab.

Nun schien beinahe jedes menschliche Verhalten genetisch erklärbar, ja vorherbestimmt: Frauen können nicht einparken, weil ihre Vorfahren nicht auf die Jagd gingen und darum nicht für ihre räumlichen Orientierungsfähigkeiten selektiert wurden; Männer können nicht zuhören, weil Empathie dem Jäger keinen evolutionären Vorteil gewährt; und ob jemand an Krebs oder Depression, Fettleibigkeit oder der Modekrankheit ADS erkrankt – oder ob er Fußballstar oder Humangenetiker wird: das alles und noch viel mehr war in seinen Genen programmiert. Die Genetik wurde zur Leit- und Begleitwissenschaft eines Jahrzehnts der Verantwortungslosigkeit: Ich bin’s nicht, meine Gene sind’s gewesen.

„Im Rückblick waren unsere damaligen Ansichten über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast schon peinlich ist“, gibt Craig Venter mittlerweile zu. Das Zitat findet sich im neuen Buch des Wissenschaftsjournalisten Peter Spork: „Der zweite Code. Epigenetik – oder Wie wir unser Erbgut steuern können“.

Wie wenig das Genom für sich genommen die Gestalt des individuellen Lebewesens bestimmt, zeigt Spork anhand der Metamorphose eines Schmetterlings: „Das simple wurmartige Geschöpf, das nicht viel mehr konnte als fressen und kriechen, trug in jeder seiner Zellen exakt dieselben Gene wie das herrliche Tier, das jetzt so unnachahmliche Flugkunststücke vorführte… Was sich geändert hatte, waren einzig die epigenetischen Programme. Einen Winter lang wurden in Millarden Zellkernen Methyl- und Acetylgruppen umgebaut, Histone verformt, Mikro-RNAs gebastelt, was das Zeug hält. Hinterher hatte fast jede Zelle eine andere Aufgabe.“

Wie das alles funktioniert, beschreibt Spork detailliert, aber auch für den Laien verständlich. Er findet für das Zusammenwirken von Genom und Epigenom folgendes Bild: „Erbgut und Proteine funktionieren wie eine riesige Bibliothek: die DNA enthält dabei die Texte, während die epigenetischen Strukturen die Bibliothekare, Ordner und Register sind, die die Informationen verwalten und sortieren.“

Das Genom – unser Chromosomensatz – ist relativ stabil und vor Umwelteinflüssen geschützt; wäre dem nicht so, gäbe es keine über Jahrtausende und Jahrmillionen relativ stabilen Arten. Das Epigenom hingegen, das die konkrete Ausprägung des Genoms – des Erbguts – im einzelnen Individuum und in der einzelnen Zelle regelt, ist relativ stark von Umwelteinflüssen abhängig – zum Beispiel von der Nahrung.

Aus Bienenlarven, die mit Gelée Royale gefüttert werden, werden Königinnen. Die anderen werden Arbeiterinnen. Die Kinder rauchender Väter oder Alkohol trinkender Mütter weisen signifikante Gesundheitsschäden auf, die mit der Programmierung ihres Stoffwechsels zusammenhängen. Die Niederländer haben sich aufgrund verbesserter Ernährung innerhalb von 150 Jahren von einem körperlich kleinwüchsigen Volk zu einem Volk von langen Kerls entwickelt.

Aber auch psychische Faktoren – Erziehungs- und Umgangsformen, Religion und Meditation, das eigene Selbstwertgefühl und die Anerkennung durch andere – hinterlassen ihre Spuren im Epigenom und bestimmen darüber, wie sich der Körper – und auch sein wichtigstes Organ, das Gehirn – entwickelt. „Gene sind kein Schicksal“: Das ist der Titel eines weiteren Buchs zum Thema, das der SPIEGEL- Journalist Jörg Blech fast zeitgleich vorgelegt hat, und das erklären will, „wie wir unsere Erbanlagen und unser Leben steuern können“. Willkommen zurück in der Verantwortung.

Wer Näheres über die biochemischen Grundlagen der Epigenetik und über die individuellen Möglichkeiten der Optimierung des eigenen Erbguts – durch Ernährung, Sport, Meditation usw. – erfahren will, ist bei Spork besser bedient; wen die gesellschaftlichen und politischen Implikationen der neuen Wissenschaft interessieren, wird bei Blech fündig. In Bezug auf Thilo Sarrazins Thesen von der angeborenen Intelligenz nimmt er kein Blatt vor den Mund: sie sei „wissenschaftlich gesehen blanker Unsinn“. Trotz eifriger Suche sei es den Wissenschaftlern nicht gelungen, ein „Intelligenz-Gen“ zu finden. „Vermutlich sind es Hunderte, wenn nicht gar Tausende Gene, die für die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen eine Rolle spielen – und das tun sie natürlich im Zusammenspiel mit den Einflüssen aus der Umwelt“.

Die Zwillings- und Adoptionsforschung hat von den angeblich vererbten Intelligenzunterschieden zwischen den Ethnien und sozialen Klassen wenig übrig gelassen; praktische Erziehungsexperimente haben die enorme Plastizität des menschlichen Gehirns und die überragende Rolle der Umwelt bei der Herausbildung der Intelligenz belegt. Wenn sich Deutschland „selbst abschafft“, dann nicht wegen einer quasi natürlichen Abnahme der Intelligenz infolge demographischer Verschiebungen, sondern, wie es vor 50 Jahren Georg Picht formulierte, weil das Land die vorhandenen „Bildungsreserven nicht ausschöpft“.

Dialektik der Aufklärung: die Weiterentwicklung der Genetik zur Epigenetik setzt die Umwelt, die Gesellschaft, die Familie und das Individuum wieder in ihre Rechte und legt die Grundlage für eine neue Synthese von Genetik, Psychologie und Soziologie.

Peter Spork: Der zweite Code: Epigenetik – oder Wie wir unser Erbgut steuern können. Rowohlt, 300 S., 19,90 Euro. Jörg Blech: Gene sind kein Schicksal. Wie wir unsere Erbanlagen und unser Leben steuern können. S. Fischer, 286 S., 18,95 Euro

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27 Gedanken zu “Willkommen zurück in der Verantwortung. Zwei Bücher widerlegen das Dogma von der Allmacht der Gene;”

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    Das Hauptproblem der Wissenschaften liegt in dem
    linearen Denken. In Teilbereichen (z.B. bei der
    Vorhersage von Sonnenfinsternissen) ist es derart
    erfolgreich, dass man annahm, man könnte es in
    ALLEN Bereichen erfolgreich anwenden. Dadurch
    erklärt sich die Abneigung gegen Zufall, das Dogma
    des Determinismus und der Kausalität und der
    Widerstand gegen die Chaostheorie. Einfacher
    formuliert : Der Mensch will sich die Grenzen seines
    Wissens nicht eingestehen. Daher werden auch
    weiterhin teuere Experimente der Hirnforschung und
    ähnliches „Beweise“ erbringen, dass der Mensch eine
    Maschine und daher wertlos sei. Daher der Apell an
    alle, die den Menschen für mehr als eine Maschine
    halten : Sucht Beweise für den menschlichen Geist
    und widerlegt das Märchen des Determinismus! Auf
    dem Spiel steht der Mensch und unsere Gesellschaft,
    das sollte Anreiz genug sein!

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    Sehr geehrte Frau Roda,

    habe mich über Ihre versöhnlichen Worte gefreut und über die geteilte Kraus-Doderer-Sympathie.

    Für künftige Diskussionen wünsche ich uns beiden Orientierung an der Sache und Freundlichkeit im Umgang.

    Schöne Grüße

    Burkhard Wahle

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    @ Alle: ich finde, das war eine faire Diskussion auf hohem Niveau. Rita Groda hat natürlich Recht: Wenn ich sage, dass ich meine genetische Ausstattung via Epigenetik beeinflussen kann, dann stellt sich die Frage, was „ich“ ist und wodurch „ich“ beeinflusst werde. Denn natürlich ist das autonome „Ich“ eine psychische Konstruktion und eine gesellschaftliche Konvention (z.B. für juristische Zwecke). Wie R.D. Precht sagt: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Andererseits führt das hier zu weit. Für die Zwecke dieser Diskussion (Genetik / Epigenetik) finde ich es sinnvoll, die Konstruktion eines frei handelnden Subjekts vorauszusetzen: dieses Subjekt kann durch diese und jene Handlung oder Unterlassung seine Gene beeinflussen. Die hier aufgeworfenen weitergehenden Fragen mit ihren Weiterungen (Schuldfähigkeit des „Individuums“ usw.) müsste man gelegentlich aus anderen Anlässen und mit anderen Vorgaben diskutieren.

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    @Lieber Herr Ziegler, daß Ihnen die Lust auf den freien Willen, bei den vom lieben 68er angegebenen links vergangen ist, kann ich vollständig nachvollziehen.
    Auch mein link war nur der“Allgemeinverständlichkeit“ halber eine alte Meldung aus der TAZ.

    Bei Interesse sollten Sie sich bei einigen Max Planck Instituten kundig machen. Dort sind die Veröffentlichungen seriöser und gut verständlich.

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    @Sehr geehrter Herr Wahle, in diesem Fall antworte ich Ihnen gerne, ohne eine an mich gestellte Frage von Ihnen.
    Sie sind jetzt nämlich jetzt genau den Weg gegangen, den ich mir vorher gewünscht hätte.

    Die Renaissance der Verantwortung ist eine leicht erklärbare Angelegenheit, nach einer langen Phase der freiwillig an den Staat abgetretenen Verantwortung. Sie haben genau die „Allmachtphantasien“ erkannt, also den Absolutismus, der mich jetzt einmal grundsätzlich bei vielen neuen Thesen stört.

    Heimitio von Doderer war mir immer ähnlich lieb, wie Karl Krauss. Mit einem weiteren Zitat von diesem möchte ich Ihnen eine gute Nacht wünschen.

    „Alles hat zwei Seiten. Aber erst, wenn man erkennt, daß es drei sind,hat man die Sache erfaßt.“Soviel zur Objektivität.

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    @Rita E. Groda

    Meine Frage bezog sich auf Ihre.
    „Kann jemand bestraft werden, der überhaupt nicht selber über sein Handeln bestimmt?“

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    „Die“ These der Neurobiologie stellt nicht den Rechtsstaat infrage, sondern die Legitimation von Strafe. Deren Begründung verlagert sich, wie Frau Winter und 68er schon gesagt haben, weg vom „Metaphysischen“ ins Pragmatische. Ansonsten sind ja auch die Neurobiologen schon bescheidener geworden und haben in der Diskussion (bis 2004 gut dokumentiert in „Hirnforshung und Willensfreiheit“, hrsgg. von Christian Geyer, es 2387)ihren Alleinerklärungsanspruch relativieren müssen. Auch auf diesem Feld deutet sich also eine Renaissance der Verantwortung an – inklusive der Entlarvung von (u.a. militärischen)Allmachtsfantasien als ebensolchen. Selbst wenn unser „Ich“ eine Fiktion ist (dies ganz verkürzt Wolf Singers These), hätte diese Fiktion doch eine für uns alle nicht hintergehbare Realität, niemand käme aus ihr heraus. Der Wunsch nach Entlastung von Verantwortung ist allemal verständlich; da wir alle ihn mindestens in „schwachen“ Stunden empfinden, haben die wissenschaftlichen oder philosophischen Theorien (Nietzsche), die unsere Regressionswünsche veredeln, verführerischen Glanz. Aber welche Alternative zur Autonomie als Selbstbestimmung (unseres Willens) hätten wir? „Wer nicht säuft, setzt heutzutage schon eine beachtliche und freiwillige Mehr-Leistung“ (Heimito von Doderer 1966).

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    @Rita E. Groda/68er: Ich wollte Ihnen keine Nachhilfe geben; auch sonst niemandem; dazu fehlt es mir an Kompetenz u. Überblick. Das sind nur ad-hoc-Gedanken zu einer erstaunlich aktuellen, uralten Diskussion um den freien Willen. So ganz fehl am Platz ist dieser Schlenker aber nicht, denn die Fragen der Epigenetik, die Alan Posener angesprochen hat, münden in die Diskussion um den freien Willen (oder sind jedenfalls mit ihr verbunden).

    Ich wollte stattdessen nur meinen eigenen Standpunkt zum besten geben, der zwar noch sehr nebulös, aber grundsätzlich eher bei Wittgenstein u. Searle als bei Kant zuhause ist.

    Aber als ich nachgesehen habe, was sich hinter den Links vom „68er“ beim European für eine Diskussion verbirgt, ist mir die Lust auf den freien Willen schnell wieder vergangen. Dort gibt es viel Konfusion, große Ansprüche und große Aufregung.
    Aber auch in der akademischen Diskussion geht es sehr kompliziert zu. Man bräuchte mehr Zeit, um sich dort einzulesen.

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    @Lieber Herr Ziegler: Wie Sie, womöglich, präferiere auch ich Kant und die Erkenntnislehre, zur Erklärung meiner Welt.

    Bei der von mir erwähnten These ging es mir aber weder um Moralphilosophie noch Determinismus.
    Sie haben, durchaus sehr kompetent, Unterschiede aufgezeigt zur Epigenetik, ich wollte auf „sehr mögliche“ Konsequenzen, der von mir eingeworfenen These aufmerksam machen, und somit auf die Verantwortung, die jede aufgestellte These mit sich bringt.

    Ich bin für nicht begrenzte Freiheit, auch bei Wissenschaft und Forschung. Die Wissenschaft hat ihre Unschuld bei der Kernspaltung verloren, zuerst benutzt wurde sie vom Militär. Nicht umsonst sprechen wir seither nur noch von der friedlichen Nutzung der Kernenergie.
    Selbst gebe ich mir die größte Mühe, auch nicht immer erfolgreich, alle, mir noch verständlichen Theorien, bis zu letzen Konsequenzen zu durchdenken, was eben auch den Mißbrauch einschließt.

    Daß – nicht von Ihnen – der Umgang mit meiner These als eher esoterisches Geschwafel abgetan wird, erscheint mir gefährlich naiv.
    Wir können nicht mal mehr unseren Hühnern und Schweinen trauen, aber ansonsten jedem naiv und blind.

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    @Frau Winter: „Aber ich hätte natürlich gerne einmal von Ihnen gelesen, was Sie in diesem Fall für angemessen halten würden.“

    Frage, auch bei bestem Willen, nicht veständlich. Die nicht kurierbare Dummheit – ist das nicht“ mein „Dauerthema seit Beginn der Debatte hier?
    Denke ich schon.
    Daher verstehe ich die Formulierung nicht“aber ich hätte natürlich gerne einmal von Ihnen gelesen …………

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    @Lieber Herr Ziegler: Um was es da geht, hatte ich schon vor Jahren verstanden, bedarf auch keiner erneuten Nachhilfe, weder von Frau Winter noch von anderen.
    Ich hatte auch ebenfalls nicht die Absicht, diese These als neue oder alternative These hier zu vorzustellen.

    Aber – ich hatte vorausgesetzt, daß es Personen gibt, die die Gefährlichkeit dieser These erkennen würden.
    Es gibt Behauptungen, also engeblich, soll das „Militär“, reden wir mal ganz allgemein vom Militär, bereits mit dieser Methode experimentiert. Und was ein skrupelloses System in der Praxis mit dieser Methode anstellen könnte, ist einigermaßen unvorstellbar.
    Gleichschaltung, ohne für das Individuum erkennbar.

    Mit einem gewissen Bedauern stelle ich fest, daß Einwürfe, nicht nur von mir, keine Anregung zum Nachdenken sind, sondern lediglich Anlaß, eine andere Theorie mit Klauen und Zähnen zu verteidigen, anstatt gefährliche Alternativen schlicht zu erkennen und zu analysieren.

    Ich wollte Sie nämlich explizit darauf aufmerksam machen, daß in unserer Wegwerfgesellschaft wir auch mit neuen Erkenntnissen und wissenschaftlichen Theorien genau so umgehen, wie mit unseren Lebensabschnittsgefährten und Konsumprodukten. Ex und Hopp.
    Große Euphorie, einseitig und unreflektiert, und dann kommt der oder das Nächste und hopp.

    Mein Experiment sehe ich als absolut misslungen.Ohne meine weitere Erklärung haben die meisten lediglich nur ganau das gelesen, was ich nicht geschrieben habe.

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    @Josef: Die Psyche bzw. Seele ist nach meiner Meinung (eine eigentl. überflüssige Floskel) einerseits neuronal determiniert, andererseits hat sie ihre eigene Beschreibungsebene, auf der sich Ursachen- und Folgenketten bilden lassen: der Psychologie. (Z.B. die Ursachen, Symptome, Folgen und Therapiemöglichkeiten von Kindheitstraumas.)

    Nochmal zum freien Willen: Hier finde ich es erhellend, den Begriff nicht absolut zu diskutieren, sondern einzuordnen: Wann sprechen wir von einem freien Willen, wann von einem unfreien Willen? Gibt es Zwischenstufen?

    Dann stellt man fest, dass „freier Wille“ eigentlich Selbstbestimmung – in Gegensatz zu Fremdbestimmung – bedeutet. Es gibt eben fremdbestimmte Handlungen und selbstbestimmte. Und niemand käme bei dieser Betrachung auf die Idee, eine kausale Verursachung durch die eigenen Neuronen als Fremdbestimmung zu bezeichnen. Mein Hirn gehört eben mir! D.h. die Neurologie ficht einen so verstandenen freien Willen überhuapt nicht an.

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    @Rita E. Groda: Dass wir (wie in dem von Ihnen verlinkten Artikel behauptet wird) statt der Wirklichkeit ein Fantasiebild sehen, ist eine Neuformulierung der Kantschen „Ding an sich“-Problems. Das „Ding an sich“ müsse zwar lt. Kant aus logischen Gründen a priori vorausgesetzt werden, aber wir könnten keinerlei Aussagen darüber treffen. Was ein Widerspruch in sich ist. Das „Ding an sich“ – oder in der neurologischen Neuformulierung: die unserer Fantasiewelt vorgängige Wirklichkeit – ist eher ein „Unding“, über das man besser schweigen sollte, weil man diesem seinen Begriff keine Bedeutung beigelegt hat.

    Beim „Freien Willen“ muss man auch ohne neueste Hirnforschung überlegen, wie man in einer naturwissenschaftlich beschreibbaren, d.h. von Naturgesetzen vollständig determinierten Welt zurechtkommt. Wir selbst, unser Denken, unsere Seele und unser Handeln wird restlos kausal verursacht; alles andere wäre der erstaunliche Befund einer geheimnisvollen Parallelwelt, die auf völlig unerklärbare Weise in unsere Welt hineinspuken würde. Die naturwissenschaftliche Kausalerklärung bezieht sich bei menschlichen Entscheidungen zum großen Teil auf die Funktionsweise des Hirns.
    Das hat aber nicht zur Folge, dass man den „freien Willen“ grundsätzlich verabschieden muss. Er bekommt lediglich einen Kratzer und muss seine absolutistische Hochherrschaftlichkeit abgeben. Begründungen würden den Rahmen sprengen, der durch das Thema vorgegeben ist; ich begnüge mich auf zwei Hinweise: erstens die enorme Komplexität, die herangezogen werden müsste, um z.B. eine abwägende menschliche Entscheidung anhand neuronaler (und anderer) Interaktionen zu beschreiben oder gar vorherzusagen, und zweitens die Möglichkeit, Dinge auf mehreren Ebenen anhand unterschiedlicher Begriffssysteme zu beschreiben. Auf der neuronalen Ebene gibt es weder freien noch unfreien Willen, etwa so wie es auf der Ebene der Atome – in einer mikroskopischen Welt, in der man nur größere und kleinere rotierende Kügelchen mit endlosen Zwischenräumen sähe – keinen Unterschied zwischen flüssigem und festem Aggregatzustand erkennen kann. Zwischen den Ebenen gibt es so etwas wie Korrespondenz.

    Um zum Thema zurückzufinden: Beim Hirn, das den freien Willen verursacht, gibt es nur eine Richtung der kausalen Verursachung: von unten nach oben. Die Neuronen verurachen die geistigen Phänomene und nicht umgekeht. Bei der Epigenetik nun scheint es in beiden Richtungen zu funktionieren: Das Epigenom verursacht den Menschen und der Mensch verändert durch sein Verhalten etc. sein Epigenom, d.h. die Funktionsweise seiner Gene, d.h. er nimmt kausale Änderungen an sich selber vor. Hier entsteht also einen Kreis. Das scheint mir ein wichtiger Unterschied zwischen der von Ihnen angesprochenen Hirnforschung und der Epigenetik zu sein.

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    Schön, dass es sich hier auch schon herumgesprochen hat, dass es eine „…Allmacht der Gene…“ nicht gibt. Man muss eben Ambivalenzen aushalten können, mit einfachem Schwarz-Weiß-Denken kommt man heutzutage nicht mehr weit. Alle menschlichen Eigenschaften basieren auf genetischen Grundlagen, diese werden dann durch die Umwelt beeinflusst, auch die „berühmte“ Intelligenz. Sarrazin hatte auch niemals behauptet, es gäbe ein Intelligenz-Gen. Ebenso ist die Sache mit der Eigenverantwortlichkeit des Menschen, denke ich, nicht so einfach zu entscheiden, es hängt eben alles mit allem zusammen. Man wird mehr auf praktikable Lösungen setzen müssen – als auf „wahre“…

    Interessanter Artikel zum Thema Intelligenz aus Spektrum der Wissenschaft:
    http://www.spektrum.de/artikel/983260

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    Liebe Rita E. Groda,

    über die Frage, ob es einen „freien Willen“ gibt, habe ich beim European ausgiebig mitdiskutiert. Leider ist das wenig erquicklich und erinnert an Diskussionen mit Theologen oder Esoterikern, die irgendwann so ein mitleidiges Lächeln aufsetzen und mit ihrer hyperventilierenden Fachsprache versuchen ihren Mythenluftballon auf Volumen zu halten.

    Hier das Thema von Herrn Görlach angestoßen.

    Und hier von einem Herrn Grätzel.

    Irgendwo habe ich da auch versucht zu erklären, dass es für unser Rechtssystem völlig egal ist, ob man einen freien Willen hat. Damit eine Gesellschaft „funktioniert“ ist es nur notwendig, dass das Individuum potentiell auf Sanktionen der Gemeinschaft in adäquater, d.h. von der Gemeinschaft gewünschter Weise reagiert. Und dabei ist es ja egal, ob die „Besserung“ des Individuums aufgrung eines freien Willens geschieht oder deshalb weil das Limbische System die entsprechenden Reaktionen veranlaßt. Hauptsache ist, dass der Mensch sozial interagiert. Und das wird ja von den Hirnforschern, soweit ich den Forschungsstand als Laie verstanden habe, gar nicht in Frage gestellt.

    Ihnen eine gute Nacht!

    (Mein freier Wille treibt mich – vom Gefühl der Müdigkeit hintergangen – ins warme Bett.)

    Ihr 68er

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    @Rita E. Groda

    Neben der Tatsache, dass ich auch diese „Tatsache“ in Frage stellen würde:
    Natürlich kann auch jemand bestraft werden, der sein Handeln auf sein limbisches System bezieht und von diesem gesteuert werden soll.
    Bestrafung ist eine Form gesellschaftlicher Ordnung.
    Wenn also alle nur so handeln, wie es ihr Gehirn vorschreibt ist auch das Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Gesellschaftsordnung dort ansässig und hat den gleichen Wert und macht die Frage überflüssig.
    Es geht ja auch heute bei Bestrafung nicht ausschließlich um Schuld oder Moral, sondern eben darum, eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten. Ein freier Mörder oder Kinderschänder stört also dieses Ordnungs- und Sicherheitsgefühl. Egal ob wir nur funktionieren oder selber bestimmen würden, alles ist Aktion-Reaktion.
    Also auch Tat und Bestrafung. Und dies sogar ohne je die Frage nach Richtig und Falsch stellen zu müssen. Sehen wir eine Straftat als reine Handlung aus biologischen Gründen an, würden wir zum Erhalt unserer Gesellschaft dennoch dafür sorgen, dass das Individuum, das gesellschafgtsschädigend wirkt, aus eben dieser ausgeschlossen wird. Zu glauben, die logische Schlussfolgerung aus dem Gehirn als Hauptantrieb wäre Straffreiheit schließt gleichzeitig die Reaktion (dann ja auch nichts weiter als Gehirnfunktion) der Gesellschaft ja nicht aus, die auf Selbsterhaltung und Funktionsfähigkeit ausgerichtet ist. Ganz im Gegenteil, solch ein Denken (also die Annahme, ein Täter „könne ja nicht anders“) dürfte noch eher die Resozialisierung in Frage stellen. Und damit wären wir auch wieder bei der nicht kurierbaren „Dummheit“. Aber ich hätte natürlich gerne einmal von Ihnen gelesen, was Sie in diesem Fall für angemessen halten würden.

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    @KJN: Ich wünsche mir Pluralität, nicht Absolutismus, bei wissenschaftlichen Thesen, Göttern, Meinungen.
    Es gibt nicht nur eine Wahrheit.

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    @Alan Posener: Die Neurologen, Hirnforscher, scheinen sich aber langsam einig zu sein, daß unser Gehirn(limbisches System) uns steuert, nicht wir, mit einem freien Willen, über uns selbst bestimmen.

    Diese These stellt so ziemlich alles in Frage, sogar den Rechtsstaat. Kann jemand bestraft werden, der überhaupt nicht selber über sein Handeln bestimmt?

    http://www.tagesspiegel.de/wis.....40602.html

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    @Alan Posener
    ich schließe mich Frau Winter, an, danke!
    „Auf deren Höhepunkt mutierte selbst das Geschlecht zum psychosozialen Konstrukt.“
    und
    „Modekrankheit ADS“:
    Zwei aus Wissenschaftsgläubigkeit entstandene Absurditäten. Ich füge zum zweiten noch die „Sozialphobie“ dazu, früher vulgo „Schüchternheit“. All das ist aufgeblasenes Zeug. Weil das zu ernst genommen wird, gibt es einen Markt für Bücher, wie „Warum Männer dies nicht können und Frauen das nicht lassen“ oder so, mit der dringend benötigten therapeutischen Funktion: Entlastung vom psychosozialen Machbarkeitswahn der 68er (Feminismus inclusive).
    Ich wünsche mir beim Umgang mit wissenschaftlichen „Erkenntnissen“ (ich sage ja lieber „Modellierungen“) die Bescheidenheit der Physiker, die auch von den Naturwissenschaftlern am exaktesten arbeiten und die nie sagen würden, „das ist so“, sondern eher „unsere Theorie erklärt die meisten Phänomene“ (Frau Winter wies ja bereits darauf hin).
    Sollten Sie mit dem Gedanken spielen, ein Buch über Wissenschaftsgläubigkeit zu schreiben, im Stile Ihres Buches über Benedikt XVI, biete ich Ihnen hier verbindlich an, ein Kapitel über meine Lieblingsklientel, die Neurobiologen beizusteuern.

    PS: Es gibt statistische Erkenntnisse darüber, daß Hungerphasen in einer Generation zu kleinerer Nachkommenschaft, bis hin zu den Enkeln, führen. Genbeeinflussung durch Umwelt ist ja schließlich eine Voraussetzung für Evolution. Das erklärt, glaube ich, in etwa die kleinen Ritterrüstungen des Mittelalters.

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    Vielen Dank, lieber Herr Posener,
    dass Sie sich des spannenden Themas Epigenetik angenommen haben und für die schöne Rezension meines Buches.
    Morgen halte ich übrigens einen Vortrag zum Thema bei der Gemeinnützigen in Lübeck: Mehr Infos hier: http://www.landeskulturverband.....g-praegen/
    Hinweise auf weitere Veranstaltungen, zum Beispiel in Winnenden oder Bregenz finden Sie auf meinen Netzseiten unter http://www.peter-spork.de/29-0-Terminvorschau.html

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    Wenn ichs richtig verstehe, ergibt sich eine wechselseitige Verursachung: Hurra, wir formen unser Epigenom jetzt selber, eigenverantwortlich, wie wir sind! Und unser Epigenom formt gleichzeitig uns, blind und kausal.

    Damit es das richtig macht, übernehmen wir jetzt die Kontrolle über das Programm und formen unser Epigenom nach allen Regeln der Kunst. Aber wir wurden u. werden ja bereits geformt, von unserem Epigenom, von uns…

    Außerdem finde ich erwähnenswert, dass die Dummheit in der Sarrazin-Diskussion zu schlecht wegkommt. Womöglich gibt es ein Durcheinanderwürfeln zweier Bedeutungen von „dumm“. Einerseits: dumme Aussagen, dummes Gerede, Apathie u.ä. – sowas ist natürlich schlecht für den Output unserer Gesellschaft. Andererseits die performativen Fähigkeiten der Gesellschaftsteilnehmer (und hierbei viel weniger die emotionalen, musischen oder empathischen Fähigkeiten als die rationalen). Seltsamerweise fordern ausgerechnet Leute, die sich durch besonders dumme Äußerungen hervortun, eine ständige Abnahme der allgemeinen Intelligenz.

    Hauptschüler, Sonderschüler, geistig Behinderte, Kinder, sehr Alte sind aus verschiedenen Gründen durchschnittlich „dümmer“ (im Sinne der performativen Fähigkeiten) als der Rest. Genetik hin, Epigenetik her. Na und?

    Warum schafft sich Deutschland eigentlich ab, wenn der durschnittliche IQ der deutschen Bevölkerung um ein paar Prozentpünktchen sinkt? DAS scheint mir die skurrilste These aus der Gedankenwelt Sarrazins zu sein. Merkwürdigerweise liest man dazu kaum etwas.

  22. avatar

    @ Josef: Was, bitteschön, haben Jon Entines Forschungen mit der Epigenetik zu tun? Vielleicht lesen Sie mal einen Artikel, bevor sie ihn kommentieren?
    @ Susannah Winter: D’accord. Besonders wichtig scheint mir Ihr Hinweis auf den Missbrauch von Tiefenpsychologie und Genetik als Lehren, die – wie ehedem die Demographen und Ökonomen von Malthus zu Marx – dem Individuum und der Gesellschaft im Grunde genommen die Möglichkeit der eigenverantwortlichen Selbstveränderung zum Besseren absprechen. Was eigentlich eine religiöse Figur ist. Im Gegensatz zur Religion ist die Wissenschaft immerhin, und darauf weisen Sie hin, in der Lage, sich selbst zu korrigieren.

  23. avatar

    Danke 🙂
    Jede moderne Wissenschaft muss immer wieder herhalten für Thesen, die immer wieder dasselbe beweisen sollen: Der Mensch sei kein eigenverantwortliches Wesen. Der Sozialdarwinismus, der „survival of the fittest“ komplett misinterpretierte und damit der Vorstellung einer „Herrenrasse“ Vorschub bot. Die Anfänge der Psychologie, nach dessen erster Popularitätswelle jeder im Volke plötzlich wusste „Es ist stärker als Ich“ und dass im Zweifelsfalle Elternhaus und Kindheitstraumata verantwortlich waren und damit von allen Folgen des eigenen Verhaltens entbinden.
    Und nun die Genetik, zu der jeder etwas zu sagen hat, mindestens aber weiß, das Übergewicht läge in den Genen, nicht etwa in mangelhafter Ernährung, der Alkoholiker greife nicht etwa zur Flasche um sich dem Schmerz und der Verantwortung zu entziehen, sondern weil es seine Gene vorschreiben würden. Und Dummheit, so verbreitet sie auch scheint, sei ebenso genetischen Ursprungs. Und dem Entgegenwirken dieser unabänderlichen Tatsache durch Lesen, Lernen, Weiterbilden entgegenwirken zu wollen so sinn- wie nutzlos.
    Dieses Weltbild zu stürzen ist etwa so notwendig, wie es die Aufklärung war. Gott in Frage zu stellen, seine Allmacht und Verantwortung für alles was ist und alles was sein wird, und diese dem Menschen zurückzugeben.
    Dasselbe müssen wir uns für unsere modernen Wissenschaften angewöhnen. Unser Wissen über uns, unsere Funktionsweise, unsere Welt ist noch lange nicht komplett, steht nicht still und kann noch lange keinen Allwissenheitsanspruch stellen. Wissenschaftler wissen dies in der Regel. Der breiten Masse ist diese Illusion noch zu nehmen. Ich hoffe, die von Ihnen genannten Bücher werden das notwendige dazu tun.

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