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Obama: Yes, he can!

So schnell fallen Helden. Gerade mal zwei Jahre sind vergangen, seit Barack Obama in den Olymp der Heilserwartungen entrückt wurde. Amerika freute sich damals auf den Gegenentwurf zum dumpfbackig und verschroben wirkenden George W. Bush. Mehr noch. Land und Leute sehnten etwas Neues herbei. Endlich ein Intellektueller mit rhetorischen Fähigkeiten und gewinnendem Auftreten. Ein charmanter Liberaler, der sich einst als Anwalt für sozial Schwächere einsetzte. Yes, he can.

Dass viele US-Bürger so dachten – verständlich. Aber dass gerade Europa, vor allem Deutschland, der Obamania verfiel, hatte schon etwas merkwürdig Entrücktes. Es schien, als sei ein Polit-Messias erschienen, mindestens. Der neue Mann im Weißen Haus würde im Handumdrehen die Welt zum Besseren bekehren. Glaube, Liebe, Hoffnung. Ein Held eben.

Und nun, nach der herben Niederlage der Demokraten bei den Kongresswahlen, ist plötzlich alles ganz anders. Obama, der Versager. Der Überhebliche. Der Schönredner. Der Heimatlose. Der Gespürlose. Der Oberlehrer. Der Zauderer. So ist es jetzt überall zu lesen und zu hören. Auch und gerade hierzulande. Auf einmal heißt es, Obama müsse reifen, ja sich neu erfinden. Aber mit Verlaub: Wir waren es, die ihn erfunden haben. Wir waren es, die all unsere Sehnsüchte auf den ersten schwarzen US-Präsidenten projiziert haben. Wir waren es, die ihn in den Himmel gelobt haben. Wir waren es, die ihm mit glänzenden Augen zugerufen haben: Willkommen, Mr. Change!

Wer so über die Maßen hofiert wird, kann als Normalsterblicher mit all seinen Schwächen nur verlieren. Und Barack Obama hat Schwächen gezeigt, kein Zweifel. In den Niederungen des Alltags ist das politische Geschäft ein anderes, als es in blumigen Wahlkampfreden gemeinhin dargestellt wird. Wirtschaftskrise, hohe Arbeitslosigkeit, Umweltkatastrophe vor der Küste – das sind schon richtige Brocken, mit denen Obama in den vergangenen zwei Jahren zu kämpfen hatte. Da fallen die kleinen Erfolge, etwa bei der Gesundheitsreform, kaum ins Gewicht. So ist aus überbordender Hoffnung größtmögliche Unzufriedenheit geworden, der Traum ausgeträumt. Doch muss das dem vermeintlichen Helden und Heilsbringer angekreidet werden? Die Enttäuschung ist ebenso maßlos, wie es die Erwartung war.

Vielleicht hilft da ein Schuss Vernunft weiter. Nicht alles, was zuvor lange versäumt und falsch gemacht wurde, kann einer allein in der relativ kurzen Zeit von zwei Jahren reparieren. Messen wir Obama am Machbaren, nicht am Unmöglichen. Das könnte auch dem US-Präsidenten dabei helfen, sich endlich selbst zu finden, einen an den realen Gegebenheiten orientierten Kurs einzuschlagen und so verloren gegangene Popularität zurückzugewinnen. Das Zeug dazu hat er. Also, lassen wir Barack Obama endlich in die Welt der Sterblichen zurückkehren. Welcome back, Mr. Change!

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4 Gedanken zu “Obama: Yes, he can!;”

  1. avatar

    Der Artikel klammert die Begeisterung der Europäer für Obama auf der emotionalen Ebene aus. In seinen liberalen Ansichten erkannten wir uns wieder; dass die Amerikaner ihn gewählt haben, gab uns den Glauben, dass auch sie in ihrem politischen Denken mehrheitlich endlich dort gelandet waren, wo wir die politische Mitte ansiedeln.

    Dass aber europäische Rezepte in den Staaten nicht funktionieren (weil die Amerikaner eben doch eher konservativ als [links]liberal agieren), machen hier in Europa nun wiederum an Obama fest. Das Machbare tun – das hat vielen Europäern nach den tristen Jahren der Bush-Präsidentschaften nicht gereicht.

  2. avatar

    „…Welcome back, Mr. Change!…“

    Dieses unsägliche „deficit spending“ des Mister O plus die hysterische Gelddruckerei des Mister B werden uns noch „Change“ bescheren, bis uns Hören und Sehen vergeht…

  3. avatar

    Sehr geehrter Herr Böhme,
    so gerne ich auch Ihre Artikel lese, in einem Punkt muss ich Ihnen widersprechen. Die Gesundheitsreform durchgebracht zu haben, ist keine „kleine“ Leistung. Seit fast hundert Jahren haben amerikanische Politiker versucht, ein funktionsfähiges Gesundheitssystem zu installieren, dass möglichst allen Amerikanern zugute kommt, auch denen, die sich das nicht leisten können. Wie erbärmlich ist Clinton in den 90er-Jahren noch daran gescheitert, die teils unhaltbaren Zustände zu ändern? Deswegen finde ich, kann man diese Leistung der Obama-Administration gar nicht hoch genug einschätzen. Ich hoffe für die Amerikaner, die am meisten von der Reform profitieren, dass die Republikaner in diesem Punkt nicht wieder das Rad zurückdrehen.

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