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Es heißt nicht mehr konservativ!

Von Alexander Görlach, Herausgeber und Chefredakteur “The European”:

Die Behauptung, es gäbe eine Debatte darüber, was konservativ ist, ist falsch. Es gibt vielmehr eine grundsätzliche Debatte über die Richtung, in die unsere Gesellschaft gehen soll. Die Werte, denen sie sich verpflichtet, das Ethos, das sie lebt.

Klassische konservative Themenfelder, sagen wir die Bundeswehr, werden gerade generalüberholt. Weil es notwendig ist. Mit einem bestimmten Maß an Pragmatismus. Wird die neue Bundeswehr deshalb von den “Konservativen” nicht mehr oder von den “Linken” mehr gemocht werden? Die Agenda 2010 der SPD war mutig und pragmatisch. Sie wurde aber von einem Teil der “linken” SPD auf das Schärfste abgelehnt und bekämpft, aber von Teilen der “Konservativen” begrüßt. Was jetzt? Und: Ist die SPD eine “linke” Partei oder eine “konservative”, weil sie bei der Rente mit 67 in eine Welt zurück will, die es nur noch in der Erinnerung gibt?

Das Konservative als Lebensstil hat sich überlebt. Wertkonservativ sein als Haltung nicht. Nur: Welche Werte wären das?

Ich möchte hier drei Werte aufführen, die ich als konservativ beschreiben würde. Welche Partei oder Gruppierung sich auch immer dieser Werte verschreibt – das müssen nicht notwendigerweise oder ausschließlich die Christdemokraten sein –, ist meiner Meinung nach eine wertkonservative.

1.) Bildung ist der Schlüssel zu allem. Bildung geschieht im Kindergarten, der Vorschule, der Schule und an der Universität. Bildung heißt nicht: auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sein. Denn wie oft haben wir schon gehört, dass uns Lehrer, Ärzte, Ingenieure ausgehen, um drei Jahre später zu lesen, dass wir doch genug davon haben. Bildung heißt Wissen erwerben, Zusammenhänge herstellen können, unsere Kultur verstehen. Dadurch werden Transfers möglich, egal, in welchem Wissensbereich. Es klagen Juristenkammern und Medizinerverbände, dass die Uni-Absolventen wohl ihr Fach verstehen, aber keine Bildung haben, wenn es um ethische Prinzipien oder den Umgang mit Menschen geht. Bildung in diesem umfassenden Sinne ist ein konservativer Wert.

2.) Leistung erwächst aus der erworbenen Bildung. Das Wissen um das gesellschaftliche Ganze spornt an. Jeder kann einen Unterschied machen. Das geht nur, wenn man etwas leistet. Sich einbringt. Damit ist nicht mehr Netto vom Brutto gemeint. Leistung ist eine Haltung. Wir honorieren im Moment Leistung nicht ausreichend. Ja, Sie haben richtig gehört. Warum? Wer Hartz-IV-Empfänger Schnee schippen lassen will, der muss die Arbeit des Schneeschippens als gesellschaftlich wichtige ehren. Er muss die, die diese Arbeit leisten, ehren. Das gilt für die Aufsicht im Museum genauso wie für den, der Alten im Heim etwas vorliest. Das ist keine Leistung zweiter Klasse. Leistung so zu sehen, das ist ein konservativer Wert.

3.) Engagement: Gesellschaftliches Engagement, die starke Bürgergesellschaft erwächst aus Bildung und Leistung. Die, die es geschafft haben, übernehmen Verantwortung. Bitte nicht immer nach dem Staat rufen. Der Staat kann nicht alles und der Staat muss auch nicht alles können. Er setzt den Rahmen für die Ermöglichung persönlicher Entfaltung. Er garantiert die Grundrechte. Als Sozialstaat schafft er Ausgleich. Er moderiert Interessen und setzt Grenzen. Dass Eigentum verpflichtet, ist kein Gesetz, sondern ein Artikel des Grundgesetzes. Engagement ist ein Wert, der sich aus der Konstitution des Menschen ergibt: Einige sind stärker als andere. Wir leben aber nicht mehr im Naturzustand, sondern in einer zivilisierten – und in Deutschland darüber hinaus sogar – in einer christianisierten Gesellschaft. Das Engagement als Beitrag zur Überwindung des Naturzustands in einer humanen Gesellschaft zu betrachten: Das ist ein konservativer Wert.

Die Frage, auf die alles zuläuft, ist die: Wie wollen wir leben? Die meisten, die Sie fragen, werden etwas von Werten sagen. Säkulare, plurale und demokratische Gemeinschaften geben sich diese Werte. Sie sind von der Vernunft einsehbar und zugleich ein anspruchsvoller, großer Wurf. Bildung, Leistung, Engagement. Die Werte müssen aus sich die Kraft haben, sich zu bewahren – wertkonservativ sein –, weil sie selbstevident sind, nicht weil sie von einer politischen Partei verteidigt werden.

zuerst erschienen auf www.theeuropean.de

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6 thoughts on “Es heißt nicht mehr konservativ!

  1. avatar

    Cengiz sagt: ….Erfahrungen beweisen, dass eine stabile familiäre Ordnungsstruktur und emotionale Zuwendung eine große Rolle spielen. Stabilität und Berechenbarkeit, Vorbild der Eltern, geistige und kulturelle Anregung und Übertragung eigenständig zu bewältigender Aufgaben, verbunden mit anspornendem Lob durch Eltern und Bezugspersonen sind wichtige Elemente dieser Erziehung…

    Sayin Cengizbey, komisch, gell, daß Staat dabei überhaupt keine Rolle spielt….Sind wir falsch “gewickelt”, in unserem Mitteleuropa? Der Staat soll es richten? Ein Irrsinn! Cok selamlar, aus Ihrer ersten Heimat, die verstehen das!

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    Dem Herrn Görlach geht es wie gesagt um eine spezifisch katholische Fundierung des Konservatismus. Ich sag es noch einmal explizit, damit das nicht übersehen wird:
    Bildung = Vater.
    Leistung = Sohn.
    Engagement = Heiliger Geist. (Und bei dem weiß ich nun nicht, was das sein soll. Irgenwie ein Bindemittel.)

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    Was Konservatismus angeht, würde ich, neben Pragmatismus, Humanismus als Wert nennen. Die Linke will das Monopol des Antirassismus für sich beanspruchen. Die Rechnung geht aber nicht auf. Die stärkste Gegner und Bekämpfer der Faschisten waren aber konservativ, zumindest in Frankreich und England: De Gaulle, Chirac, Churchill. Der konservative britische Premier Benjamin Disraeli war dejenige,der die Wahlrechtsreform in die Wege geleitet, und damit England parteipolitisch demokratisiert hat.
    Ich darf erinnern, dass der Sozialist Mitterrand bis zum Lebensende seinen Freund den Faschisten René Bousquet protegiert hat, der für die Deportation der französischen Juden verantwortlich war.

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    @Herr Görlach: Schön das Sie in Punkt 3 das vertreten, was ich seit Jahren “Verantwortung” nenne, Verantwortung deren, die eine privilegierte Stellung haben, u.a. durch Bildung, leistung sowie Herkunft. Engagement ist ein viel sanfteres Wort, ist mir schon klar, viel unpräziser und unverbindlicher!!Klingt mehr nach Pflicht, sehe ich aber auch so, als Pflicht.

    Lieber Don Camillo: Nein, das wäre nach Ihrer Version natürlich, vielleicht nach meiner auch – bloß was ist heute schon als natürlich anzusehen.
    Deregulierung, Eigenverantwortung und Verantwortung für andere, und die Fähigkeit positive Perspektiven zu erkennen. Ebenso die Konsequenz aus der Kantschen Erklärung für Aufklärung – Befreiung von der selbstgewählten Bevormundung.
    Somit würden wir uns alle sog. Werte sparen können, ob konservativ oder nicht. Wie herrlich wäre es doch, mal ohne den moralinsaueren zeigefinger leben zu können.

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    Bildung, Leistung, Engagement – die Trinität der Konservativen, soso. Eigentlich doch nur eine Zweieinigkeit, oder wo ist der Unterschied zwischen “Leistung” und “Engagement”? Also “Bildung” und “Leistung”.

    Dann bin ich also doch kein Koonservativer. Als ich gerade eben Alan Poseners Kommentar zu Schulers Konservenartikel gelesen habe, wurde ich mir doch arg konservativ.

    Nein: Bildung und Leistung sind keine Werte, jedenfalls nicht für mich. Für mich sind z.B. Musik, Geld, gutes Essen, Freiheit, Glück, Liebe, Solidarität, Freundschaften… Werte.

    Wissen auch, ja, insofern ist Bildung wenigstes irgendwie betroffen. Bildung ist der Weg hin zu Wissen. Achso: Auch Sprachgefühl ist für mich ein Wert…

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    Herr Görlach, interessante Überlegungen zu: “Wie wollen wir leben?”

    Bildung, Leistung, Engagement, stellen Sie in den Focus.

    Darf ich ganz nüchtern feststellen: Diese Werte stecken alle in uns! Jedes (gesunde) Kind hat sie! Haben Sie schon die unstillbare Neugier eines Kindes erlebt, das Ihnen ein Loch in den Bauch frägt? Der Bildungstrieb also angeboren zu sein scheint? Diese Bildung dann in – Tun – zu übertragen, es auszuprobieren, was man gesagt und gelehrt bekommen hat, mit anfänglich Bagger, Traktor und Kran? Und dass Engagement ganz automatisch kommt, wenn man sich in einer Gruppe wohlfühlt? Man schaue auf unformale Bolz- und Kickmatches auf jedem Spielplatz…

    Herr Görlach, es steckt in uns, von Natur aus, so meine ich. Was wir nicht dürfen, – und damit wäre viel gewonnen: Die Entwicklungen zu behindern! Das ist das Problem, in das unsere Gesellschaft geraten ist.

    In Ihrem Beitrag nennen Sie nicht das Elternhaus, als Bildungsstätte? Vergessen? Keine Bildungsstätte? Sie beginnen mit dem Kindergarten? Bildung findet immer und überall statt, – gerade eben von und mit “vertrauten” Personen.

    Unsere Gesellschaft glaubt, Dinge regulieren zu können, schiebt Argumente vor, wie Chancengleichheit, Gerechtigkeit, Links- Rechtsdenken, Konservativismus, Progressivismus etcpp. Dabei wäre der größte Gewinn für unsere Gesellschaft, wenn wir natürlich gegebene Veranlagen ganz einfach: – nicht behindern würden-!

    Wäre das auch konservativ?

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