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Von Geldmeistern und Weltmeistern – Das Unbehagen an der Politik

Ja, ja – alles wird gut. „Wir“ werden Weltmeister, Christian Wulff wird Bundespräsident und schwarz-grün-gelb die Fahne der Nation. Horror, horribilis –ein Albtraum kommt selten allein.

Dieses Schreckensszenario ist so absurd nicht. Wobei – Deutschland Fußballweltmeister? Warum eigentlich nicht? Ist doch sportlich, und nicht politisch, oder?

Doch erinnern wir uns. Waren es nicht die Helden von Bern, die uns anno 1954 mit ihrem Endspielsieg über Ungarn ein Stück nationaler Identität und Selbstbewusstsein zurückgegeben haben. Manche sprechen gar in diesem Zusammenhang von der Gründungsstunde der Republik. Waren wir nicht alle ein bisschen Fritz Walter?

Nicht wenige Soziologen und Politologen haben seither verblüffende Zusammenhänge zwischen Fußball und Politik hergestellt. 1974, gerade war der „Weltökonom“ Helmut Schmidt Kanzler geworden und die Ölpreiskrise überwunden, schossen Beckenbauer und Co. die deutsche Mannschaft an die Weltspitze. Und 1990, nur wenige Monate nach dem Mauerfall, wer wurde Weltmeister? Na, wir natürlich!

Da ist es wohl nicht allzu gewagt, dass, wenn Ende des Monats Christian Wulff gegen den beliebteren und besseren Kandidaten Joachim Gauck gewinnen sollte, eine Woche später – natürlich- das deutsche Team auf dem schwarzen Kontinent obsiegt. Das nennt man wohl das Gesetz der Serie.

Und, nota bene – dann endlich wird es auch mit schwarz-gelb wieder bergauf gehen, denn ein bürgerlicher Dreier in Düsseldorf nach Jamaika-Rezept wird nun auch nicht mehr so ganz ausgeschlossen. Und so wird es dann zur Jahresmitte eine politische Trendwende in dieser Republik geben, die, wie inzwischen so vieles in der Politik, eigentlich kaum rationale Gründe haben kann. Wir sind inzwischen nämlich Bürger einer „Befindlichkeitsrepublik“, in der Stimmungen schwerer und nachhaltiger wiegen als Stimmen.

Die merkelschen Mundwinkel werden sich wieder heben, der Spaßmacher der Nation, Guido Westerwelle wird als Vorreiter eines angeblich neuen Programms „liberalen Rückenwind“ verspüren und Optimismus versprühen. Allein SPD und Linke werden wieder einmal als Miesmacher und Spaßbremsen der Nation das politische Sommermärchen als solches zu entlarven versuchen. Und die Grünen wissen allmählich gar nicht mehr, ob sie Männlein oder Weiblein sind – vor allem aber bleiben sie Zeigefinger der Nation.

Dabei wird die Parallelgesellschaft der Zurückbleibenden vom Schlage Hartz Vier, Migranten und Kinder immer größer, die Kluft zwischen arm und reich immer größer, wie selbst das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung jetzt festgestellt hat. Widerstand sei zu befürchten, warnen die Gutachter. Doch die politischen Heilsverkünder und deren Herolde mit ihren Vuvuzelas werden diese Proteste von Gewerkschaften und Kirchen niedertröten, wogegen der nervige Geräuschpegel aus „Cup-Stadt“ eine wohlklingende Serenade ist.

Schon wird die ohne erkennbare Basis von Wirtschaftsminister Brüderle verkündete Zurückweisung von Staatsbürgschaften für Opel angesichts des jetzt von GM verfügten Verzichts auf jegliche Staatshilfen als genialer politischer Schachzug gewertet. Dabei war dies ein „Glückstreffer“ nach neo-liberalem Denkmuster. Merkel und Opel-Länderchefs lagen ziemlich daneben. Nieten gezogen, sozusagen. Aber so ist eben Politik inzwischen. Reinste Glückssache. Und so wird den Wulff Bundespräsident, Deutschland Weltmeister und die Staatsfarben…..Na, Sie wissen schon.

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Ein Gedanke zu “Von Geldmeistern und Weltmeistern – Das Unbehagen an der Politik

  1. avatar

    Lieber Herr Burchardt,
    Sie und viele andere renommierte Journalisten, schreiben wohltemperierte Verslein über das Unbehagen an der Politik und das gesetz der Serie in unserem Land.
    Das ist ja sehr schön und durchaus unterhaltsam – unterhaltsam nur für die Schicht, die einen sicheren Arbeitsplatz, respektive ein sorgloses Auskommen hat.

    Auf einen meiner letzten Beiträge, anläßlich der Sparpläne unserer Regierung, eine Mahnung an alle Privilegierten, sich zu Lobbyisten derer zu machen, die keine Lobby in unserer Gesellschaft haben, konnte ich
    bisher keinerlei Ressonanz feststellen.

    Das nenne ich schön politisch verantwortlich – wohl ausgewogene Stimmungsberichte, und federal Angela , wie auch federal Guido schön aus dem Weg gegangen, oder weiter Honig ums Maul geschmiert.Aber, ja nie konkret werden und sich der „Kultur der Kapitulation“ entziehen.
    Meine Kritik richtet sich nicht ausschließlich an Sie, und ich möchte Sie auch wirklich nicht beleidigen – aber Ihr Stimmungsbericht bot sich wirklich so gut an, für Kritik

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