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Zum Jubeln ist es zu früh

War das schon die Krise? Klingt so. Immerhin freuen sich Wirtschaftsforscher und Notenbanker immer freizügiger über das Ende der Rezession. Die Firmen, die sich gerade in Berlin zur Funkausstellung trafen, jubeln über dicke Auftragsbücher. Und sogar die Banker atmen auf. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein zum Beispiel beschwörte diese Woche bei einer Stippvisite in Frankfurt das Krisenende: „Das Schlimmste liegt hinter uns!“

Seltsam. Die Krise scheint überstanden. Aber was hat sich geändert? Schließlich hatten doch die aufgeschreckten Akteure aus Politik und Wirtschaft noch vor Monaten sich in ihren Warnungen überboten. Alles werde sich ändern, nichts so bleiben, wie es war. Geändert hat sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise, die sich schnell zu einer Weltwirtschaftskrise auswuchs, wirklich viel: Billionen von Steuergeld flossen in marode Banken, Milliarden von Anlegergeld hat sich scheinbar in Luft aufgelöst, Millionen von Arbeitsplätzen wurden ausradiert.

Haben wir dazugelernt? Kaum. Gierige Banker zocken schon wieder. Anleger auch. Dass hohe Renditen auch hohe Risiken bedingen, scheint schon wieder vergessen. Der Optimismus dieser Tage kann deshalb nichts anderes als eine bloße Momentaufnahme sein.

Die Risiken, unter denen die Wirtschaft leidet, sind immer noch gewaltig. Zwar haben milliardenteure Schutzschirme so manche Bank künstlich am Leben gehalten, aber kaum ein Institut wurde geschlossen. Ganz zu schweigen von den Landesbanken, die sich nach wie vor den so notwendigen Fusionen versagen. Der Autoindustrie geht es nicht viel besser. Die Abwrackprämie sorgte für ein kurzes Zwischenhoch. Im kommenden Jahr wird eine gewaltige Sturmfront aufziehen. Auch andere Branchen leiden. Weil die Hürden für Kredite immer höher gelegt werden, Überstunden-Konten aufgebraucht sind und in vielen Betrieben die staatlich subventionierte Kurzarbeit vor dem Ende steht, wird es nicht nur Entlassungswellen geben. Insolvenzverwalter sagen bereits einen weiteren Anstieg von Firmenpleiten vorher.

Die Entwarnung kommt deshalb viel zu früh. Wir haben die Krise längst nicht bewältigt, im besten Fall verschoben. Damit wird der gleiche Fehler zum zweiten Mal begangen. Vor einem Jahr sahen die Akteure die schlimmsten Auswüchse der damals herrschenden Finanzkrise überstanden und wähnten sich zurück in der Normalität. Das System schien so ausreichend stabilisiert, dass in Amerika sogar die Investmentbank Lehman Brothers leichtfertig in die Pleite geschickt wurde. Das System, so glaubte man, werde den Ausfall der weltweit vernetzten Bank schon verkraften, hieß es. Ein folgenschwerer Irrtum. Die wirkliche Krise begann da erst.

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Ein Gedanke zu “Zum Jubeln ist es zu früh

  1. avatar

    Das kann man aber sowas von vergessen, dass die Krise vorbei ist. Nicht vergessen wir befinden uns in der heißen Wahlkampfphase und der Wähler soll bloß nicht durch Verunsicherung an den linken oder rechten Rand gedrängt werden. Die Illusion soll bis nach der Wahl aufrecht erhalten bleiben um dann wie eine Keule zuzuschlagen. 100%

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