avatar 28. März 2016 - 08:38
Von: Alan Posener

Margot Käßmann und der Terror

Soll man Terroristen mit Liebe begegnen? Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, hat einiges Aufsehen provoziert mit ihrer Behauptung, Christen dürften nicht mit Gewalt auf den islamischen Terror reagieren, sondern mit Liebe und Gebet.

„Jesus hat eine Herausforderung hinterlassen: Liebet eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen! Er hat sich nicht verführen lassen, auf Gewalt mit Gewalt zu antworten. Für Terroristen, die meinen, dass Menschen im Namen Gottes töten dürfen, ist das die größte Provokation.“ Ist das wirklich eine christliche Haltung? Würde Jesus heute etwa auf den Anschlag in Lahore so antworten wie Margot Käßmann?
Nun, für diejenigen Christen, die gern die Überlegenheit ihres heiligen Buchs – also des „neuen“ Testaments – gegenüber den heiligen Büchern der Juden und Muslime herausstreichen, ist diese Schlussfolgerung zwingend. Gegenüber dem „alttestamentarischen Gesetz der Rache, Aug um Auge, Zahn um Zahn“ haben sich Christen oft mit ihrem „Gesetz der Liebe“ gebrüstet, und Ähnliches gilt für jene Passagen im Koran, die zur Unterwerfung der Ungläubigen und zum Mord an den Juden aufrufen.

Der Kontext ist entscheidend
Demgegenüber gilt es festzuhalten, dass jedes dieser Bücher im Kontext seiner Entstehung zu lesen ist. Jesus von Nazareth lebte, als Palästina römisches Protektorat war. Jüdische Fundamentalisten, Extremisten und Nationalisten waren mit der Herrschaft Roms und seiner jüdischen Statthalter nicht einverstanden und predigten den bewaffneten Aufstand wie die Zeloten oder den Rückzug ins Reine wie die Essener. Wo der historische Jesus wirklich stand, ist schwer auszumachen. Die Römer kreuzigten ihn – dies immerhin scheint als Faktum festzustehen, allein schon, weil es ein Skandalon ist – als „König der Juden“, das heißt, mit der Methode, die sie für Banditen, Räuber und Aufständische reservierten, und mit der Begründung, er habe sich zu einem Führer seines Volkes aufschwingen wollen. Seine Anhänger, so viel steht fest, leisteten dagegen keinen nennenswerten Widerstand. Erst Jahrzehnte nach seiner Kreuzigung brach der bewaffnete Widerstand aus, mit katastrophalen Folgen für die Juden. Die Evangelien in der uns überlieferten Form wurden nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer verändert, um Hinweise auf diese Ereignisse als Prophezeiungen aus dem Mund des Gekreuzigten aufzunehmen. Möglich auch, dass sie auch sonst redigiert wurden, um Jesus und seine Anhänger friedlicher erscheinen zu lassen, als sie es zu seinen Lebzeiten gewesen waren.
Denn eines war klar, und das zu erkennen war die große Leistung des Gründers der neuen Religion, Saulus aus Tarsus im heutigen Syrien: Mit einem direkten Aufstand gegen Rom war nichts zu gewinnen außer dem Tod. Jedoch bedeutete der Liberalismus des Imperiums – für den die Apostelgeschichte mehrere Beispiele liefert – und die Existenz einer einflussreichen jüdischen Diaspora, dass man den Versuch wagen konnte, den neuen Glauben friedlich zu verbreiten. Zwar gaben sich die frühen Christen gern blutdürstigen Endzeitvisionen hin, wie die Offenbarung des Johannes beweist; in der Praxis waren sie jedoch quietistisch und loyal gegenüber den römischen Behörden, die sie als „von Gott eingesetzt“ anerkannten, wie Saulus/Paulus lehrte. Als das Christentum drei Jahrhunderte später zur Staatsreligion avancierte, war es im Inneren mit der Toleranz und nach außen mit der Friedfertigkeit vorbei, und dafür fanden sich denn auch die nötigen theologischen Begründungen, zum Beispiel die Lehre vom gerechten Krieg.
Es ist also völlig absurd, die Lehren des Jesus von Nazareth, etwa das „Liebet eure Feinde“ oder „Haltet die andere Wange hin“ außerhalb ihres Kontextes zu lesen und auf eine Situation zu übertragen, die Jesus weder kannte noch sich vorzustellen vermocht hätte. Möglich sogar, dass er, wenn man seine Ausführungen gegen Reiche ernst nimmt, und wenn man bedenkt, wie das Christentum seine Lehre inzwischen verfälscht hat, man denke nur an die Lehre von der Dreifaltigkeit, eher mit den heutigen Fundamentalisten des Einen Gottes sympathisieren würde als mit den häretischen Anbetern des Mammon.

Was würde Luther dazu sagen? 
Niemand wusste das besser als Martin Luther, und das müsste Margot Käßmann als „Botschafterin für das Lutherjahr“ 2017 eigentlich wissen. Ich zitiere Karl F. Grimmer aus dem „Sonntagsblatt“, der die Positionen des Reformators, wie sie von der Evangelischen Kirche verstanden werden, gut zusammenfasst:

„Martin Luther wollte die Bergpredigt nicht als Forderung, sondern als Evangelium verstanden wissen. Die Bergpredigt handelt von den Früchten des Glaubens. Als Anleitung zum Leben in der Welt der Sünde ist sie nicht geeignet. Allenfalls kann man, so neuere Interpretationen Luthers, durch die Bergpredigt sein Scheitern erkennen und auf die Rechtfertigung allein aus Gnade verwiesen werden.“ Anders gesagt: Die Forderung nach der Feindesliebe (und so weiter: Armut, Keuschheit, Gottvertrauen) soll uns ein schlechtes Gewissen machen. Da wir so nicht handeln können, sind wir auf die Gnade (und also die Kirche) angewiesen. Toll.
„Allerdings hat Luther die Möglichkeit, den Forderungen der Bergpredigt nachzukommen, nicht völlig ausgeschlossen“, so Grimmer weiter. „Aber der Christ steht nur für sich selbst unter dieser Forderung, er kann die andere Backe hinhalten usw. Sobald er Verantwortung für andere hat, in seiner Familie oder einem öffentlichen Amt, wiegt diese Verantwortung schwerer. Dann muss mit allen Mitteln des weltlichen Regiments das Lebensnotwendige getan werden, notfalls mit der Durchsetzung von Gewalt.“ Genau. Und wenn‘s gegen die Papisten, die Bauern oder die Juden ging, dann schwelgte Luther in Gewaltfantasien, die einem Osama bin Laden in nichts nachstanden. Immerhin war er nicht so verlogen wie seine heutige Botschafterin.

Und Hitler? Und Stalin?
Verlogen hinsichtlich der Botschaft Jesus und Luthers, und realitätsblind gegenüber der Geschichte. „Millionen von Menschen wären gerettet worden, wenn Hitler frühzeitig getötet worden wäre“, wendet Miriam Hollstein von der „BamS“ zu Recht ein. Käßmann antwortet: „Sie wären gerettet worden, wenn sich alle Christen dem Holocaust entgegengestellt hätten. Wenn Soldaten sich geweigert hätten, nach Stalingrad zu ziehen. Es braucht keinen Tyrannenmord, wenn es einen Geist des Widerstands gibt.“ Gewiss doch. Da es aber diesen Geist nicht gab: Was dann?
Und weiter: „Ja, eine solche Haltung wird belacht und sie wird auch viele Menschen überfordern. Weil es der menschliche Instinkt ist, Rache zu üben. Aber auf den Hass nicht mit Hass zu antworten, das ist die Herausforderung. Die größten Persönlichkeiten in der Geschichte sind nicht Stalin, Hitler oder Pol Pot, sondern Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder Aung San Suu Kyi, die nicht mit Gewalt reagierten.“ Ähm, Moment: Hitler, Stalin und Pol Pot wären Rächer gewesen? Leute, die mit „Hass auf Hass antworteten“? Und wer hat sie gestoppt? Bestimmt nicht die Gandhis dieser Welt, sondern im Falle Hitlers ein Winston Churchill – mit Gewalt; im Falle Stalins ein Harry Truman – mit Gewalt; im Falle Pol Pots die vietnamesische Armee und Heng Samrin – mit Gewalt.
Auch Gandhi, Martin Luther King und Aung San Suu Kyi (über die das letzte Wort der Geschichte noch nicht gesprochen ist) müssen – wie Jesus und Paulus – im historischen Kontext gesehen werden. Gandhi etwa kämpfte gegen das Britische Empire, das letztlich unfähig war, ihn zu besiegen, weil es die eigenen Ideale und Grundsätze, die Gandhi übernahm und gegen die Kolonialherrschaft wandte, nicht verraten wollte und konnte. In Großbritannien selbst genoss Gandhi große Sympathien. Martin Luther King klagte die Rechte der schwarzen Bürger der USA ein, die ja in der Verfassung verankert waren; wie Gandhi wusste er, dass seine symbolischen Aktionen in den freien Medien Resonanz finden und die Politiker zum Handeln zwingen würden. Weder Gandhi noch King hätten gegen Stalin oder Hitler etwas ausrichten können, und heute so etwas zu suggerieren ist nicht nur naiv, sondern unverantwortlich und im eigentlichen Sinne unchristlich.

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69 Kommentare zu „Margot Käßmann und der Terror“

  1. avatar derblondehans sagt:

    @Thonberger

    Der Gelehrte für Römische Geschichte, Professor Thomas Arnold, … Inhaber des Lehrstuhls für moderne Geschichte an der Oxford-Universität, sehr gut vertraut im Umgang mit Beweisen zur
    Bestimmung historischer Tatsachen, sagte:

    ‘Ich bin seit Jahren daran gewöhnt die Geschichte anderer Zeiten zu studieren bzw. die Beweise derer zu untersuchen und abzuwägen, welche darüber schrieben, und mir ist keine einzige Tatsache der Geschichte der Menschheit bekannt, die besser und vollständiger bewiesen wäre, jedenfalls nach dem Verständnis einer fairen Untersuchung, als das große Zeichen, welches Gott uns gegeben hat, nämlich dass Christus gestorben ist und wieder auferstanden von den Toten.’

    … guckst du hier! u.a.!

  2. avatar Oleander sagt:

    @ Roland Ziegler

    Das beweist, dass Sie das nicht richtig verstehen:
    “@Oleander: Also ich kenne keinen einzigen Sohn, der überall derselben Meinung ist wie sein Vater. Selbstverständlich ist diese Meinungsgleichheit also bestimmt nicht. Man hätte uns Jesus ja auch als Inkarnation oder sowas vorstellen können. Aber man hat ihn uns als Sohn vorgestellt.”

    Johannes hat ihn meiner Meinung nach am besten verstanden und dargestellt, allerdings würden mir viele, auch viel Berufenere darin widersprechen. Er ist letztlich eine spirituelle Reinkarnation, eine Fleischwerdung des Geistes Gottes.

    Sie können das nicht einfach mit modernen Sohn-Vater-Beziehungen vergleichen, wenn schon, dann eher mit von Schülern angenommenen großen Lehrern. Sie kommen somit vielleicht eher hin mit Platon-Sokrates, wenn Sie etwas brauchen, aber nicht mit postfreudianischen oder gar post-68er Sohn-Vater-Beziehungen.

    Sie kommen auch mit Konkretisierungen hier nie zum Ziel, aber mit Herrn Posener, der sehr gut darin ist. Eine Literatur zum NT ist mir inzwischen eingefallen: Maria von Selbigem.

    Im Prinzip ist es so: Wir sind immer in irgendeiner Form dazu verurteilt, schuldig zu werden, auch unschuldig schuldig, oft nur kleinschuldig. Die Bibel nennt das Sünder. Jesus nimmt das alles als Stellvertreter auf sich. Wie er sündenfrei bleibt, zeigt Joh. in dem Kapitel über den fehlschlagenden Versuch des Teufels, Jesus zu verführen.

    Diesen Aspekt finden wir wieder im Parsifal (die reine Seele). Dem Parsifal gelingt das aber nicht.

    Niemandem würde das gelingen. (Die Juden wissen das, purer Realismus). Und deswegen dürfen wir uns verteidigen. Reinheitsgedanken bei Käßmann oder zuweilen in anderer Form bei der Grünenpartei sind daher letztlich Scharlatanerie. Außerdem sind sie gefährlich. Truman Capote interessierte sich plötzlich für die beiden Mörder einer Farmersfamilie und schrieb bekanntlich ein Buch darüber. Er entwickelte zwischenzeitlich eine gewisse Sympathie für sie. Aber Capote war ein wenig gaga, finde ich. Den Opfern wurde seine Sympathie nicht gerecht.
    Während der Anfänge dieser misslichen Mode, hinterhältige Anschläge zu begehen, zu RAF-Zeiten, wurde bekannt, dass es Hanns-Martin Schleyer mit seinem Charme durch Gespräche mit seinen Bewachern fast gelungen wäre, sich zu befreien. Draufhin wurden Kontakte verboten. So was darf man nicht lieben, und wie Posener schrieb, hätte Jesus das auch nicht geliebt. Nehmen Sie Carpenter’s “The Thing”. Plötzlich verändert sich etwas, das vorher lebte, zu etwas Kaltem, Monströsem.

    Mehr fällt mir dazu nicht ein außer vielleicht: Botschafterin des Lutherjahres? Oh je.

  3. avatar Oleander sagt:

    Lesen Sie auch Hannes Stein, Roland Ziegler:
    http://www.welt.de/debatte/kom.....tlich.html
    Und hier über das Gegenteil eines Amish:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Liviu_Librescu

  4. avatar Roland Ziegler sagt:

    @Oleander: keine Frage: ich verstehe das nicht richtig. Es ist mir schon klar, dass man es nicht mit normalen Vater-Sohn-Beziehungen gleichsetzen kann. Aber IRGENDETWAS muss es schon von einer Vater-Sohn-Beziehung haben, sonst wäre die Rede vom “Sohn” sinnlos.

    Ich komme darauf auch nur, weil es einen ins Auge springenden und nicht wegzudiskutierenden Unterschied zwischen “Liebe deine Feinde! Halte deine andere Wange hin!” (usw., Neues Testament; Sohn) und “Töte deine Feinde samt allem, was dazugehört!” (usw., Altes Testament; Vater) gibt.

    Herr Posener hält diesen Unterschied für rein strategisch uhd sagt, dass auch Jesus alle Feinde ausmerzen würde, wenn dieses Vorgehen erfolgversprechender wäre. Das wäre dann politischer Pragmatismus, ja Zynismus. Diese Interpretation glaube ich von allen Möglichkeiten (und möglich wäre das schon!) am allerwenigsten. Die Interpretation etnsteht überhaupt nur deshalb, weil man auf Teufelkommraus eine vollkommene Einheit zwischen Vater und Sohn herstellen will. Nach dem Motto: jedes Wort, das der Alte gesagt hat, und sei es noch so gewalttätig, muss auch der friedliebende Sohn dreimal unterschreiben können, sonst wackelt die Wesensgleichheit. Aber dies ist gar keine Wesensgleichheit mehr, die Unterschiede und Entwicklungsprozesse ermöglicht, sondern eine hundertprozentige, total statische, sozusagen schockgefrostete Identität.

    Und auch hier bleibt immer noch die Frage, wieso das denn nicht gesagt wird: dass es nur auf den Erfolg ankommt. Das steht so nirgendwo und wird von außen in den Text hineingetragen. Wenn Jesu’s Ansicht, dass man seine Feinde lieben und nicht töten soll, irgendeine substanzielle (= nicht rein pragmatische) Bedeutung haben sollte, dann GIBT es einen Unterschied; da nutzen die intensivsten Beteuerungen an anderen Stellen, dass es diesen Unterschied nicht gäbe, gar nichts. Wie gesagt: Auch Gott kann die Logik nicht einfach außer Kraft setzen, zumindest nicht in einem Text, den wir verstehen können sollen.

    Damit will ichs jetzt aber bewenden lassen. Wenn Zeit ist, werde ich mir Ihre Literaturempfehlungen dazu gerne zu Gemüte führen, vielleicht verstehe ich das Ganze dann besser. (Obwohl ich den Verdacht hege, dass das nicht der Fall sein wird, was mir etwas die Motivation nimmt, muss ich gestehen.)

  5. Eigene Empfindsamkeit vs. notwendiger Krieg?

    Wären Friede, Sicherheit, Geborgenheit und Freundschaft, Freiheit und die Liebe, Empfindsamkeit und man selbst sein zu können, authentisch, gemeinsam, ja, wäre das Gefühlvolle, Schöne in der Welt nur sicher. Ohne Kampf zur Verteidigung da, immer da. Aber ist es nicht. Es braucht z.B. der Selbstsicherheit im Zwischenmenschlichen, die Nein sagen kann, auch physisch kämpfen zur Not. Ein Kinderbuch von mir hieß “Wehr dich, Jay”. Aber in der richtigen Weise. Und politisch, ist es da nicht manchmal genauso? Ich nehme das Wort “militärisch” meist nur als etwas Abschreckendes in den Mund, auch, wenn ich mich historisch mit Krieg befasse, weil es mir um den Frieden geht, menschlich wie politisch. Aber sagen zu müssen, wir sollten Krieg führen? Es fühlt sich seltsam an, aber ich kenne eben gerade aus der Geschichte, wie verbrecherische Anführer und Organisationen, Staaten, zu allen Zeiten gestoppt werden mussten, und wie oft sie nicht gestoppt wurden. Die Alliierten hätten spätestens nach Hitlers Rheinland-Coup, als sie noch die Stärkeren waren, in Deutschland einmarschieren müssen, den Nationalsozialismus entmachten, aber sie waren so kriegsmüde, und sie wollten keinen Mann verlieren, und sie waren mitten im Appeasement – das erst endete, als die Stuka’s auf Warschau niederheulten.

    Manchmal muss man für all das Schöne, Sanfte, oben Genannte hart handeln, das ist auch die “Paradoxie” der streitbaren Demokratie, der man nicht entflüchten kann – und bei der man dennoch genauestens überlegen sollte, immer, think thrice! Denn viel zu oft neigen die politischen Führer, aufgeheizte Volksmassen dazu, gerade durch leichtfertige militärische Aktionen bis hin zum Krieg wiederum gerade die oben genannten wertvollsten Dinge des menschlichen Lebens zu zerstören, massiv und ungeheuerlich brutal. Und wie ist es, erst tatsächlich selber zu handeln als Soldat: Grauen, Angst, und sich selbst nicht zu verlieren, kein Trauma zu erleiden, nicht, wie der Held in “Im Westen nichts Neues” im Grund schon vor dem eigenen Tod ohne Bezug mehr zum Leben zu sein, leer, mit solchem Gesicht liegt er am Ende des Buches da; an einem Tag im Jahr 1918 im Westen erschossen, als so wenig an der Front passierte, dass der dt. Heeresbericht vermeldete, im Westen sei nichts Neues zu berichten. Und doch starb ein Mensch (eine Welt), der ich sein könnte. Ist das Ziel eines Kriegs, auch gegen Verbrecher wie Pol Pot, Hitler, Stalin das wert? Der Einzelne, ich! – und das so wichtige Kriegsziel – auch eine Paradoxie zwischen dem, was gut ist, das ich oben aufgeführt habe, und dem, was für sehr Viele (vielleicht) relativ besser ist.

    Das Thema ist von vorn bis hinten voll Schrecken und fragwürdigen Entscheidungen, wenn es ernst würde umso mehr – zugleich fallen mir Helmut Schmidt ein, und Willy Brandt, und dass die obigen schönen Dinge einen verantwortungsvollen Schutz brauchen. Und da verbindet sich wieder eine ggfs. nötige Kriegsführung (niemals Bellizismus!) gegen den “IS” (wie gegen Hitler; oder man denke an das Versagen diesbezüglich in Ruanda), mit Menschlichkeit, mit tiefer Menschlichkeit, die man so zeigt, wenn man verantwortungsvoll handelt. Unnd wenn Friedenspolitik immer vorgeht, aber der Realismus Krieg nicht ausschließen kann, ohne Schlimmeres zu riskieren – in Ausnahmefällen. Helmut Schmidt hat Schleyers Tod in Kauf nehmen müssen, weil der Staat sich nicht dauerhaft von einer radikalen RAF erpressen lassen durfte. Er jedenfalls entschied, ihr nicht nachgeben zu dürfen, keine Selbstverständlichkeit. Eine harte Entscheidung für die oben genannten, feinfühligen, schönen Dinge, aber diese schützen wollend. In einer Talkshow hat Helmut Schmidt später übrigens erzählt, danach habe er geweint.

  6. avatar Julius sagt:

    Nach Ihrem Beitrag geht es mir wieder besser! Danke Herr Posener! Es wäre nur wünschenswert wenn Frau Käßmann Ihre Ausführungen lesen würde.

    Wenn Frau Käßmann einen Anschlag mit weggerissenen Gliedmaßen, zerfetztem Gesicht und Körper mehr tot als lebendig überlebt hätte, dann hätte sie für sich das Recht öffentlich zu verkünden, den Tätern zu vergeben.
    Aber Frau Käßmann brüllt ihre Schäbigkeiten den Toten, Halbtoten und fürs Leben gezeichneten Opfern entgegen. Was Frau Käßmann sich da vermutlich bei einem guten „Hillinger Icon 2012“ ausgedacht hat, ist brutal und verkommen.
    Die Elite der deutsche Christenheit hat mit Sicherheit den Prozentual größten Anteil an völlig durchgeknallten Schwätzern und Schwätzerinnen.

  7. avatar Oleander sagt:

    Lieber Roland Ziegler!

    Auf heitere Art beantworte ich es noch mal: Liebe, griechisch:
    Nehmen wir von den Formen Eros heraus, wurde das über die Jahrtausende ständig praktiziert, zuletzt von IS mit Jesidinnen. Das meinte Jesus sicher nicht. Oder doch? Meinte er “Wehrt euch, und nehmt den Römern die Frauen weg?” Dann wäre es klar, dass die Römer ihn ruckzuck erledigten.

    Philia: Unter der Liste von erschossenen Paris-Attentätern ist einer, der ganz lustig aussah. Bestimmt hatte er Freunde, wahrscheinlich auch unter Nichtmuslimen. Es hat ihn nicht davon abgehalten. Auch deren Familie hält sie nicht ab, selbst wenn sie will. (Hier sollte man auch an Gudrun Ensslin denken.) Taugt im pragmatischen Sinne also nicht. Allerdings könnte Jesus das gemeint haben. Schließlich war er mit dem Pharisäer Nikodemus befreundet. Aber dieser war nun nicht gerade in Terrorist.

    Agape: Das meint natürlich Käßmann. Das kann man immer billig haben, nämlich aus sicherer Distanz. Das ist die Elfenbeinturmliebe, für die man nichts tun oder beweisen muss und schöne Reden führen kann. Die passt zu Käßmann, vielen Politikern, Matthäus, Verbalsamaritern aller Art und den meisten ev. Pfaffen generell. Da kenne ich eine Pfaffenfamilie, die die ständig im Mund führte und heftigst um das (überschaubare und spießige) Erbe von Muttern gestritten hat und danach jahrelang nicht mehr miteinander redete. Das sind dieselben Leute, die unaufhörlich davon faseln, aber in der Nazizeit mit Hitler quasi paktiert haben. Die kann Jesus, der ja auch mal anpackte, auch nicht gemeint haben. Fakt ist, dass Religionsgründer bzw. Sektierer im Nahen Osten selten friedfertig waren und Matthäus das ebensogut (z.B. aus Ratlosigkeit) erfunden haben kann.

    Oder aber es bezog sich auf einen speziellen Fall. Jedenfalls wäre die Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte, mit Liebe zu den männlichen Feinden schlecht bedient gewesen. Und Jesus liebte die auch nicht, sondern hielt ihnen in früh-psychoanalytischer Manier einen Spiegel vor, und sie ließen davon ab.
    Man kann das auch Liebe im Sinne von Agape nennen, könnte sagen, er sah darin Sinn und machte sie klüger. Wir aber nennen das Vernunft.

    Und bei der Auseinandersetzung mit dem internationalen Terrorismus kommt es wohl kaum auf einen Begriff wie Liebe an, sondern auf vernünftige Handlungsweisen.
    So muss man berechtigt fragen dürfen, ob es vernünftig ist, wenn Frankreich Qatar hätschelt und Belgien die Saudis, Dschland dagegen die Türkei, die alle drei Pressefreiheit und Frauen unterdrücken (die Türkei weniger, aber zunehmend), dem Staat Israel zwar nicht feindselig, aber auch nicht begeistert gegenüberstehen, keine Kirchenbauten zulassen, die Bibel bei der Einreise (hier die ersten zwei) konfiszieren würden, aber hierzulande 200 Moscheen finanzieren wollen (SA) usw.
    Da muss man fragen, ob es nicht vernünftiger wäre, unseren Industrien zu sagen: “Wenn Ihr Handel mit denen wollt, baut dort Firmen. Macht euren Scheiß mit denen allein, und lasst uns in Frieden.”
    Man muss sich auch fragen, ob es vernünftig war, über die Jahrzehnte intellektuell minderbemittelte Massen in die Länder zu lassen, die unseren Bildungs- und Arbeitssystemen nicht gewachsen waren. Die, die dem gewachsen sind, gehen ihren Weg, und die hätte man in den Botschaften herausfiltern können wie auch die dort Verfolgten, Homosexuelle, Christen, Frauen, die vor Zwangsheirat weglaufen, Minderheiten wie Aleviten und politisch Oppositionelle etcetera.

    Insgesamt hat man eine wirtschaftsfreundliche Politik mit etwas Teilhabe praktiziert, aber nie über einen sinnvollen Umgang mit zurückgebliebenen Staaten mit hoher Analphabetenrate (im Niger angeblich 80! Prozent) nachgedacht, wie einen auch die Unsitte der weiblichen Genitalverstümmelung in Afrika, vor allem auch in Ägypten, kalt ließ. Dieses Thema hätte Jesus zum Beispiel aufgenommen, eine wohlfeile Kirchenmarktschreierin wie Käßmann dagegen nie. Sie hat ja ihre mutmaßlich noch, im Gegensatz zu einer so klugen, vernünftigen und anziehenden Frau wie Ayaan Hirsi Ali, die in diesem Scheißeuropa keiner schützen wollte, und die einen Asylgrund erfinden musste, weil Zwangsheirat keiner war.

    Jetzt ist es doch nicht ganz so lustig. Aber eins ist sicher. Nicht nur wegen dieser Käseverkäuferin werde ich aus diesem glanzlosen Verein, der zur Verbrüderung mit Krokodilen neigt und das 1933-1945 schon einmal eindrucksvoll demonstriert hat, austreten. Ich bin nur zu faul, zur Gemeinde zu latschen, sonst wäre das schon längst passiert. Shalom! (Denn das könnte mein Ersatz sein, falls ich einen brauche). Ich brauche einfach Leute um mich, die kontrovers und intelligent diskutieren können. Also lesen Sie, aber bleiben Sie lieber außen vor. Schönes Wochenende!
    Peace!
    Das sagt immer der Brite, der seit Jahren die Saudis kritisiert (mir fällt gerade der Name nicht ein).
    Wenn Letztere das sagen, fragt man sich, ob sie “Piece” meinen, bzw. pieces. Das trifft auf so’n kleines Mädchen zu, die in Brüssel die Beine verloren hat. Käßmann hat ihre noch. Und offensichtlich kann sie sich so ein Kind nicht vorstellen, sonst würde sie so ein Blech nicht reden, über das die Hühner lachen (und vermutlich die Terroristen, wenn sie davon Wind bekommen).

  8. avatar Oleander sagt:

    Als Nachtrag och so ein
    ” Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt”:

    „Den Umgang der Türkei mit Kurden und der Pressefreiheit muss man kritisch sehen, aber letzteres gilt auch für Ungarn und Polen – eine billige antitürkische Haltung sollten wir uns nicht leisten.“

    Ein klassischer Whataboutism. Von Stegner.
    http://www.achgut.com/artikel/.....t_die_welt

    Und das ist toll:
    http://www.welt.de/politik/deu.....ehabt.html
    Das ist mehr als Religion: Wenn Leute mal Danke sagen für ihr Leben.

  9. avatar Julius sagt:

    Im Übrigen ist die Einlassung von Frau Käßmann wohlfeil. Heute ist weit und breit kein Pontius Pilatus zu sehen, der Frau Käßmann für solche Äußerungen kreuzigen würde. Solche öffentlichen Äußerungen dienen dazu dem Mainstream der eigenen Community zu bedienen, um sich dafür feiern zu lassen. Habe mal im Netz geschaut, ob Frau Käßmann den Angehörigen der Opfern der NSU- Terroristen gleichlautende Schäbigkeiten vor die Füße geworfen hat. Hab zum Glück nix gefunden.

  10. avatar Alan Posener sagt:

    Julius, ich würde das Wort “Mainstream” nicht verwenden. Es dient mittlerweile nur zur Diffamierung, weil sich heute jeder für etwas Besonderes, also nicht Teil des “Mainstreams” hält. Ein Irrtun.

  11. avatar derblondehans sagt:

    … Freunde, ‘Lügenpresse’, ‘Mainstream’, ‘Staatsfunk’, ‘Reschke-Fernsehen’ … schreibt einfach ‘Wahrheitspresse’ … *rofl*

  12. avatar Julius sagt:

    Danke Herr Posener, guter Hinweis!

  13. avatar Roland Ziegler sagt:

    @Oleander: Ich kenne Frau Käßmann nicht, finde aber, dass man Pazifisten unrecht tut, wenn man behauptet, Pazifismus wäre einfach oder “wohlfeil” (ich bin kein Pazifist). Es ist nicht gesagt, was einfacher oder wohlfeiler ist: einen Angreifer abwehren oder ihn nicht abwehren, sogar noch die Wange hinhalten. (Ich selber aber möchte keine Wange hinhalten, sondern Angreifer abwehren, egal ob das christlich oder nicht-wohlfeil ist.)

    Mir erscheint Pazifismus keinesfalls wohlfeil, sondern schwierig und modern. Ist Ihnen übrigens schon aufgefallen, dass Jesus in einer Patchworkfamilie großgeworden ist? In diesem Zusammenhang könnte man nochmal über pazifistische Söhne mit autoritären Vätern nachdenken. (Macht man aber nicht, jedenfalls ich nicht).

  14. avatar Roland Ziegler sagt:

    …die Ansicht, erst müsse man selber (so wie Jesus) Schaden erdulden, bevor man die Duldsamkeit predigen dürfe, zeugt ja von der Schwierigkeit in der Durchführung! Gemeint ist: Pazifismus predigen ist einfach – Pazifismus leben ist schwer. Das stimmt. Aber die Ansicht, dass man vor der Lebensführung erst Schaden dulden müsse, als Führerscheinprüfung sozusagen, ist einfach und wohlfeil.

  15. avatar derblondehans sagt:

    Nachtrag

    … und wer sich weigert die ‘Wahrheitspresse’, den ‘Wahrheitsfunk’ zu bezahlen, kommt in Kerkerhaft des Merkel-Regimes.

    Es wird Zeit Freunde, auf die Barrikade!

  16. avatar Oleander sagt:

    @ Roland Ziegler
    “Ist Ihnen übrigens schon aufgefallen, dass Jesus in einer Patchworkfamilie großgeworden ist?”

    Nun ja.
    Es amüsiert mich nicht gering, wenn Sie, eher ein Atheist, so etwas behaupten, während ich, eher ein Agnostiker mit einem gewissen Glauben an nachvollziehbare Vorgänge oder im Bereich der Spiritualität angesiedelte Möglichkeiten, das unter cum grano salis betrachte.

    Pazifismus mit Terroristen leben ist nicht sinnvoll. Obama hat da einiges versucht, vor allem in der Diktion, insgesamt ist die Bilanz schlechter als unter G.W. nach Nineleven.
    So wie vielleicht auch Kleist: “Die Marquise von O.”

    Wichtiger finde ich, dass Jesus “Haus und Hof” verließ und das weiterempfahl, hochgefährlich, auch heute, und dass wir über Jesus vor dem Alter von 30 Jahren (Ehe? Kinder?) schier nichts wissen. Wir haben eine malerische Geburtsdarstellung von Lucas und eine Erscheinung mit 12 Jahren im Tempel, das war’s.

  17. avatar Roland Ziegler sagt:

    @Oleander: ich würde mich ebenfalls als “Agnostiker mit einem gewissen Glauben an nachvollziehbare Vorgänge oder im Bereich der Spiritualität angesiedelte Möglichkeiten” bezeichnen. Allerdings interessieren viele solche feinen Unterschiede nicht und sortieren das dann in die Rubrik Atheismus. Was mir dann recht ist, da man als Agnostiker ja auf Bekenntnisse sowieso nicht viel Wert legt.

  18. avatar Eva QUistorp sagt:

    Danke für den wunderbaren Kommentar, den ich leider
    wegen der Bschäftigung mit der AFD wahl und dem islamistischen Terror in Bruessel udn Alltagsflüchltingsarbeit erst jetzt lesen kann,
    ich habe mich gefragt, ob Frau Kässmann, die ich persönlich kenne und lange schätzte,immer noch besoffen ist,Doch sie hat ja schon zu Afghanistan und
    zum Syrienkrieg dreist seichte Friedensvorschläge gemacht,die meiner Kenntnis nach auch keinerlei Widerstand gegen das Nazireich mit der Waffe ermöglicht hätten..die Dietrich Bonhoeffer und Niemöller und die Militärs vom 20 Juli nachträglich beleidigen.Da komme ich aus einer anderen biografischen und theologischen Tradition und halte es damit, die Waffenhändler und Terroristen mindestens aus dem Tempel zu vertreiben, also mit Gewalt zur Not auch aus den Moscheen und internetseiten und sie aus UNomenschenrechtsräten auszuschliessen, ihre Finanzströme sofort zu stoppen siehe Panamapapers u.a.Ich wundere mich,was aus dem Protestantismus und seinen guten Denktraditionen,von denen es einige,wie die Demokratie braucht gibt, werden soll,
    wenn Frau Kässmann weiter so seichtes und falsches Zeug in der BIldzeitung schreiben kann

  19. avatar lucas sagt:

    nicht wahr Apo, oder wie ist das noch mit den Berliner Schädeltretern.
    http://www.welt.de/politik/deu.....scher.html

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