avatar 23. September 2014 - 05:30
Von: Alan Posener

Die Antideutschen und Israel

Wer sich – wie ich – publizistisch für Israel engagiert, wird früher oder später mit Organisationen wie „Stop the Bomb“, „Café Critique“ oder bestimmten Untergliederungen der „Deutsch-israelischen Gesellschaft“ zu tun haben, die mehr oder weniger stark von der Sekte der „Antideutschen“ unterwandert oder Frontorganisationen der Sekte sind. Der wohl eloquenteste Kopf dieser Sekte ist Stephan Grigat, „wissenschaftlicher Direktor“ von „Stop the Bomb“ in Österreich.


Da inzwischen Mitglieder und Sympathisanten dieser Sekte auch die Mainstream-Medien zu infiltrieren versuchen, sollte man wissen, worin ihre Ideologie besteht – eine Ideologie, die sie durch demonstrative und lautstarke Kritik am Antisemitismus und Antizionismus verstecken. Nichts gegen Kritik am Antisemitismus. Jedoch ist der plakative Anti-Antizionismus der Antideutschen rein instrumentell. Wenn es so etwas wie die „Antisemitismuskeule“ gibt, so schwingen sie die Antideutschen. Die Hauptantriebskraft der Antideutschen ist nämlich nicht die Solidarität mit dem Staat Israel und seinen Bewohnern, sondern der Kampf für den Kommunismus. Dies hat mit dankenswerter Klarheit bereits vor einigen Jahren der „wissenschaftliche Direktor“ von „Stop the Bomb“ ausgeführt. Hier ist zum Nachlesen Stephan Grigats Essay:

http://www.cafecritique.priv.at/ktUndZionismus.html

Nun erwarte ich nicht, dass sich jeder Leser dieses Blogs durch den Wust von Adorno-. Horkheimer-, und Marcuse-Zitaten arbeitet und den verqueren Gedankengängen eines Salon-Kommunisten folgt. Deshalb fasse ich Grigats Gedanken hier zusammen. Anhand des Essays kann jeder feststellen, dass ich sie nicht verfälsche.
Was sofort auffällt, ist die Tatsache, dass es im ganzen Essay nicht einmal um das konkrete Land Israel geht, das Grigat nicht einmal zu kennen scheint. Israel ist hier eine Chiffre. Israel ist der „Staat der Shoahüberlebenden“, was dem real existierenden Staat Israel, in dem die Mehrheit der Bewohner sephardische Juden aus dem arabischen Raum sind (um nur einen von vielen Einwänden gegen diese Kennzeichnung zu formulieren), noch weniger gerecht wird, als die Bezeichnung „Land der Täter“ dem heutigen Deutschland. An anderer Stelle beschreibt Grigat Israel als „antinationalistische Nation“. Man fragt sich, ob er überhaupt die Reden der Gründerväter Ben Gurion oder Jabotinsky gelesen hat, von Ariel Sharon, Binjamin Netanyahu oder Aryeh Deri ganz zu schweigen.
Diese Ignoranz gegenüber dem realen Staat Israel und seinen Bürgern hat aber Methode, denn Israel dient Grigat und den Antideutschen nur als Knüppel, um auf ihre Feinde einzuschlagen. Die „materialistische Antisemitismustheorie“, so Grigat, bedeute nämlich „Kritik des Antisemitismus als Gesellschaftskritik“, genauer: „Denunziation der deutschen Ideologie und des Nachlebens des Faschismus in der Demokratie“, noch genauer: des „Bündnisses zwischen Deutsch-Europa (der EU, A.P.) und den zu kurz gekommenen Staates des Trikont (der „Dritten Welt“, A.P.)“, die gemeinsam „einen Kalten Krieg niederer Intensität gegen die USA eröffnet“ hätten.
Über die Absurdität dieser „Analyse“ braucht man keine Worte zu verlieren. Man muss aber betonen, dass die Antideutschen nicht etwa, wie es nach den Bemerkungen über jenen angeblichen „Kalten krieg“ der Deutschen gegen Amerika scheinen könnte, Freunde der USA sind. Im Gegenteil. Der Sieg der USA im wirklichen Kalten Krieg gegen den Kommunismus sehen Grigat und Co. als Unglück an, denn früher habe es „auf Grund der Existenz der Sowjetunion und ihres leider völlig in Verruf geratenen ‚Sozialimperialismus’ noch sehr viel mehr Anzeichen für eine … Dialektik von nationaler und sozialer Befreiung (gegeben) als heute.“ Der „Antiimperialismus Leninscher Prägung“ sei nämlich fortschrittlich gewesen, im Gegensatz zum „Antiimperialismus des Dschihadismus“, gegen den etwa die Sowjetunion zu Recht in Afghanistan gekämpft habe.
Der Aktionismus von Grigat und Konsorten in Sachen Israel hat also weder etwas mit Sympathie für den konkreten Staat Israel zu tun noch mit dem Einstehen für die „Werte des Westens“, als da wären liberale Demokratie, marktwirtschaftlicher Kapitalismus, Pluralismus und individuelle Freiheit. Es geht ihnen vielmehr um „die momentane (!) Aussichtslosigkeit revolutionärer Praxis.“ Diese Praxis nämlich würde, wenn es so weit wäre, „mit der Abschaffung von Staat und Kapital“ (also von Demokratie, Liberalismus, Pluralismus, Kapitalismus und Marktwirtschaft, A.P.) „auch die Notwendigkeit des Zionismus aus der Welt schaffen“. Also Israel abschaffen.
Denn „der Zionismus ist nicht die richtige Antwort auf den Antisemitismus (das wäre die klassen- und staatenlose Weltgesellschaft)“. Israel ist nur „die vorläufig einzig mögliche“ Antwort, und zwar weil er „der bewaffnete Versuch der Juden (ist), den Kommunismus noch lebend zu erreichen.“ Tja, da staunt der Bibi Netanyahu. Das wusste er gar nicht. Aber er ist ja auch kein Dialektiker.
Nun habe ich nichts dagegen, wenn Kommunisten auf „revolutionäre Praxis“ verzichten, und sei es nur „momentan“; ich habe auch nichts dagegen, wenn Kommunisten Israel verteidigen, und sei es nur sozusagen als notwendiges Übel, bis die Weltrevolution Zionismus und Antizionismus, Judentum und Antisemitismus aus der Welt schafft und alle Menschen Brüder sind. Und Schwestern natürlich.
Freilich muss man solchen Ideologen mit Vorsicht begegnen.
Mein Verhältnis zu den Antideutschen entspricht etwa dem Verhältnis jenes Funktionärs der Israel-Lobby-Gruppe AIPAC zum durchgeknallten christlichen Fundamentalisten und Israel-Freund John Hagee (dessen Ansichten zur EU, zum Iran und zum kommenden messianischen Zeitalter durchaus Parallelen mit den Fieberfantasien der Antideutschen aufweist), der mir sagte: „Besser Hagee ist im Zelt und pisst raus, als dass er außerhalb des Zelts steht und reinpisst.“
Aber: Man muss wissen und sagen, dass Hagee ein durchgeknallter Fundamentalist ist, dessen Loyalität letztlich nicht Israel, sondern seinem Messias gilt; man muss wissen und sagen, dass Grigat und Co. durchgeknallte Fundamentalisten sind, deren Loyalität letztlich nicht Israel, oder dem Judentum, sondern dem Kommunismus gilt.
Noch pissen sie aus dem Zelt. Ich würde nicht darauf wetten, dass es so bleibt.

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108 Kommentare zu „Die Antideutschen und Israel“

  1. avatar Roland Ziegler sagt:

    @KJN: Ich bin nicht sicher, ob Ihre Erklärung Nr. 1 sich nicht mit Ihrer These – dass Religion nichts mit Aufklärung zu tun habe – beißt. Aber egal, mir ging es nur darum, dass die liberale Ansicht, dass jeder seinen Irrtümern beliebig nachhängen können soll, bestenfalls ein relativistisches Nebenprodukt der Aufklärung ist. Die Aufklärung selber ist nicht relativistisch, sie geht mit einem starken Wahrheitsanspruch ins Feld. Sie sagt z.B., dass die kreationistische Welterkrlärung falsch ist und gibt zum Beweis ihre Messungen an. In dieser Hinsicht besteht noch heute ein Konkurrenzkampf zwischen den “Religiösen” (Kreationisten) und den “Aufklärern”. Auch für diesen Konkurrenzkampf bedarf es relativistische “Schiedsrichter”, die jeden zurückpfeifen, der mit unlauteren Mitteln (Gewalt) kämpft.

  2. avatar Klaus J. Nick sagt:

    @R.Z.
    “Sie sagt z.B., dass die kreationistische Welterkrlärung falsch ist und gibt zum Beweis ihre Messungen an.”
    Nein, lieber Roland Ziegler, nicht “falsch” oder “wahr”, das gibt es nur in der Mathematik (oder der Religion). Was hier gemeint ist, ist “plausibel” bzw. “nicht plausibel” oder “wahrscheinlich” bzw. “nicht wahrscheinlich”. Die Evolutionstheorie ist auch nicht “bewiesen” (auch Beweise gibt es nur in der Mathematik, ggf. in der Rechtsprechung, wo etwas als ‘bewiesen ‘gilt’), sondern plausibel – nicht mehr. Was Ihnen vielleicht wie Haarspalterei vorkommt, ist Wesen der (Natur)wissenschaft. Würde sie Wahrheiten verkünden (wie die Scholastiker es noch taten), gäbe es keine neuen oder erweiterten Theorien. Was Einstein noch gegenwärtig war, ist heutzutage vielen ‘Wissenschaftsgläubigen’ abhanden gekommen: Bescheidenheit und eine gesunde Skepsis. Viele Wissenschaftler (große Teile des Wissenschaftsbetriebes) sind diesbezüglich extrem anmaßend geworden und mutieren damit einstmals skeptische Wissenschaft zur (antireligiösen) Ideologie – auf gleicher kleingeistiger Ebene, wie religiöse Eiferer: Ein weltanschaulicher Schwachpunkt des säkularen Westens.

  3. avatar Roland Ziegler sagt:

    @KJN: Ihre These, dass es kein “wahr” und (darum ging es ja) nicht einmal ein “falsch” in der Wissenschaft gäbe, ist zumindest sehr umstritten. Karl Popper spricht sogar davon, dass Falsifizierbarkeit geradezu ein wesentliches Merkmal von Wissenschaft ist. (Nicht Plausiblität; bei der Elementarteilchenphysik kann man sich schon fragen, was daran plausibel sein soll.)

    Die Kreationisten behaupten beispielsweise, dass die Erde nicht älter als 10 000 Jahre wäre.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kreationismus

    Die Wissenschaft sagt dazu, dass die Erde 4,6 Milliarden Jahre alt ist.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Erde

    Beides zugleich kann nicht stimmen, irgendeine Aussage muss falsch sein. (Möglicherweise sind auch beide falsch.) Vielleicht sagen Sie dazu, dass die Wissenschaft in dieser Frage den Kreationisten die Plausibilität/Wahrscheinlichkeit von “fast Null” beimisst? Ich denke aber, dass eine solche Plausibilitäts- und Wahrscheinlichkeitsaussage gleichbedeutend mit “falsch” ist (ansonsten Etikettenschwindel wäre). Ein Wissenschaftler würde sagen, dass die Aussage, die Erde wäre lediglich 10000 Jahre alt, falsch sei. Schlicht und ergreifend.

    Wie dem aber auch sei: Es ging mir um etwas anderes. Nämlich darum, dass Wissenschaftler und Kreationisten (als Beispiel für Religiöse) sich in einer Auseinandersetzung befinden. Sie bilden sozusagen mehrere Teams, die gegeneinander antreten. Die Schiedsrichterschaft haben keine von beiden inne, die hat eine andere Instanz (bzw. sollte sie haben), die sich hinsichtlich der Frage, wie alt die Erde ist, heraushalten muss.

    Es mag auch sein, dass Ihre persönliche Form von Religiösität sich aus solchen Fragen – wie alt die Erde ist – heraushält und die Frageen sozusagen kampflos und von vornherein der Wissenschaft überstellt. Dann ist das aber eine besondere Form von Religiösität (fast würde ich sagen: Meta-Religiösität), die bei weitem nicht von allen Religiösen geteilt wird. Die Leute von der IS beispielsweise haben dazu eine ganz andere Auffassung. Und können Sie ernsthaft sagen, dass das keine religiösen Leute sind? Die Religiösität der IS-Leute steht aber mit Sicherheit auch in einem Konflikt zur modernen Wissenschaft.

  4. avatar Roland Ziegler sagt:

    ..nochmal zu: ““falsch” oder “wahr”, das gibt es nur in der Mathematik (oder der Religion).”

    Stimmt diese These? Wenn ich Sie frage, ob Sie gerade Kuchen essen, und Sie darauf mit “Nein” antworten, weil Sie gerade keinen Kuchen essen, machen Sie dann wirklich nur eine Plausibilitäts und Wahscheinlichkeitsaussage? Meinen Sie dann wirklich nur: “Genau weiß ich es nicht zu sagen, aber ich esse mit hoher Wahrscheinlichkeit gerade keinen Kuchen; Kuchen zu essen wäre mir aktuell, wo ich gerade gar nichts zu essen scheine, wie mir meine Rezeptoren melden, sondern diesen Blogbeitrag lese, zudem sehr unplausibel”?

    Ich glaube, dass Sie stattdessen meinen: “Nein, ich esse gerade keinen Kuchen; und wer das Gegenteil glaubt, der irrt sich.” Ganz einfach. Es ist kein Drama, sich zu irren. Auch nicht, recht zu haben, insb. wenn man sagt, dass man keinen Kuchen isst. Wahrheit, Falschheit, Recht und Irrtum sind gar nicht so nebulös wie es scheint, und keinesfalls der Mathematik und der Religion vorbehalten. Jede ganz normale, harmlose Bemerkung im Alltag – “Wie spät ist es? Ach, schon nach 10…” enthält einen knallharten Wahrheitsanspruch (und eben nicht den gedrosselten Anspruch auf Wahrscheinlichkeit und Plausibilität).

  5. avatar Roland Ziegler sagt:

    Es ergäbe sich übrigens auch ein logisches Problem. Stellen Sie sich mal einen Wissenschaftler vor, der seine Aussage, die Kreationisten würden sich irren, als reine Wahrscheinlichkeitsaussage verstünde – nicht weil er irgendwelche sachlichen Zweifel hätte, sondern aus dem Grundsatz heraus, dass er alle seine Aussagen prinzipiell nur mit Wahrscheinlichkeiten belegt.

    Dann wäre seine Aussage 1: “Der Kreationist irrt sich mit 99 % Wahrscheinlichkeit.”

    Daraus ergibt sich eine Aussage 2: “Aussage 1 trifft mit einer Wahrscheinlichkeit von 99% zu.”

    Und daraus dann eine Aussage 3: “Die Wahrscheinlichkeit, dass Aussage 2 zutrifft, liegt bei 99%”.

    Merken Sie, wohin das führt? Und erschwerend kommt hinzu, das jede einzelne dieser Aussage selbstwidersrpüchlicherweise eine uneingeschränkte Behautptung ist, d.h. einen Wahrheitsanspruch äußert.

    Anders gesagt: Welche Wahrheit hat die Fundamentalaussage, es gäbe keine Wahrheit? Ist diese Fundamentalaussage ihrerseits wahr? Oder falsch? Oder hat sie eine bestimmte Wahrscheinlichkeit?

  6. avatar Klaus J. Nick sagt:

    @R.Z.
    daß ich “Kuchen esse” oder “nicht Kuchen esse” ergibt sich aus vereinbarten Konventionen (Essen=Nahrungsaufnahme, Kuchen=Getreide/Zuckerzubereitung), der Sprachlogik und den Randbedingungen eindeutig. Klar. Ich könnte auch sagen, nein ich esse keinen Kuchen, sondern ein Muffin. Sprachliche Vereinbarungen sind wie mathematische Definitionen und führen zu einem Raum mit Objektivität. Dieser ist zwar mittlerweile sehr groß, aber durchaus begrenzt. Ehrliche Naturwissenschaftler wissen das. Ansonsten hätte ein Einstein den Newton mit seinem euklidischen Raum, seiner unbegrenzten Geschwindigkeit usw. (damals noch außerhalb dieses gesicherten Wissens- oder Konventionsbereiches) nicht widerlegen können. Anders ausgedrückt wird’s trivial: Wären die Vermutungen um die Welt bereits in allen Bereichen wahr, gäbe es keinen wissenschaftlichen Fortschritt, man brauchte zwecks Erkenntnis nur logische Schlüsse aus dem bereits Bekannten ziehen und experimentelle Forschung wäre überflüssig. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind daher keineswegs alle ‘wahr, sondern in unserem Erfahrungsraum mehr oder weniger ‘sicher’. Der Hammer fällt in Ihrem Werkkeller immer zu Boden (bei dieser ‘Versuchsanordnung': Wahrscheinlichkeit -> Unendlich) aber nur mit begrenzter Wahscheinlichkeit auch auf Ihren Zeh. Wir bauen unsere Erkenntnis auf ein gesichertes Fundament unserer Erkenntnisse, unserer alltäglichen Erfahrungswelt, was ich im Übrigen auch keineswegs relativieren möchte. Die Schlüsse ins ‘unbekannte Gebiet’ sind jedoch keineswegs gesichert, eben weil das Gebiet unbekannt ist, also nicht alle Randbedingungen bekannt. So löst sich m.E.auch der von Ihnen formulierete logische Widerspruch:

    “Anders gesagt: Welche Wahrheit hat die Fundamentalaussage, es gäbe keine Wahrheit? Ist diese Fundamentalaussage ihrerseits wahr? Oder falsch? Oder hat sie eine bestimmte Wahrscheinlichkeit?”

    Kenne ich also nicht alle Randbedingungen, kann ich auch keine ‘wahren’ Aussagen treffen: In der Mathematik kenne ich alle Randbedingungen (weil ich sie definiere), im Alltag weitestgehend (aufgrund vereinbarter Begriffe: Kuchen, essen..), die Experimentalphysik bemüht sich, diese Randbedingungen eindeutig zu definieren – naja – und die Evolutionstheorie kennt überhaupt nicht alle Randbedingungen (und das’missing link’ wurde ja auch noch nicht gefunden), sie ist also bestenfalls ‘plausibel’.
    Ihr Denkfehler (m.E.) besteht also darin, Ihre Wahr-Falsch-Logik,die im geschützten Alltagsraum aufgrund bekannter Randbedingungen verlässlich ist, unkritisch auf Bereiche mit nicht vollständig bekannten Randbedingungen auszuweiten. (Genau das macht die etablierte Klimaforschung derzeit.)

    Und: Ob die Welt auch bei bei einem vielleicht irgendwann bekannten vollständigen Satz von Randbedingungen stets logischen Abläufen folgt, also Abläufen, die wir in unserem Leben kennengelernt haben, ein Denken das sich bewährt hat, das ist letztlich wohl auch Glaubenssache, bzw. wir haben nichts anderes.
    (Ich ‘bin’ übrigens nach wie vor Agnostiker, aber eben nicht nur im religiösen Sinne.)

  7. avatar Roland Ziegler sagt:

    @KJN : Ich stimme hier völlig zu: “Wir bauen unsere Erkenntnis auf ein gesichertes Fundament unserer Erkenntnisse, unserer alltäglichen Erfahrungswelt, was ich im Übrigen auch keineswegs relativieren möchte. Die Schlüsse ins ‘unbekannte Gebiet’ sind jedoch keineswegs gesichert, eben weil das Gebiet unbekannt ist”. Genauso ist es. Die Hypothesen der aktuellen Forschung wurzeln auf Thesen (die aus älterer Forschung und letztlich auf dem Alltagsverständnis wurzeln). Thesen aber sind begründete Wahrheitsaussagen (die trotzdem falsch sein können, aber das ändert nicht ihren Charakter als These).

    Ansonsten sprechen Sie über Wahrheintsbedingungen. Wann IST etwas wahr? Ist es wirklich und in echt wahr, dass ich gerade keinen Kuchen esse, keinen Muffin, keine Torte, weil ich aktuell überhaupt gar nichts esse (sondern tippe)? Oder unterliege ich einer fiesen Sinnestäuschung, weil ich mampfe und in mich hineinstopfe, ohne es überhuaopt noch zu merken?

    Diese Frage nach den Wahrheitsbedingungen ist eine andere Frage als die nach dem Anspruch auf Wahrheit. Wenn ich sage, ich esse keinen Kuchen, dann behaupte ich gleichzeitig, dass es wahr ist, dass ich keinen Kuchen esse. Dies ist mein Punkt. Nicht dass es nur wahrscheinlich oder plausibel wäre. Und in demselben Sinn meinte Galilei, dass die Erde sich um die Sonne dreht (was ja faktisch falsch bzw. noch unzureichend ist: beide drehen umeinander). Er wurde von der Kirche dazu gedrängt, seine Theorie als Hypothese anzusehen, aber er war der Ansicht, dass es sich nicht um eine Hypothese, sondern um ein wohl begründetes Faktum handelt.

    Auch Einstein war der Ansicht, dass die Relativität v. Raum und Zeit keine Hypothese, sondern eine Tatsache ist. Und in diesem Sinne glaubt die Wissenschaft, dass die Erde 4r,6 Mrd. Jahre alt ist. Das muss nicht richtig sein, vielleicht ist die Welt ja wirklich nur 10 000 Jahre alt. Aber die Wissenschaft hält sich nicht zurück, nicht mal ein bisschen. Sie sagt mit vollem Wahrheisanspruch: “Nein, es ist falsch anzunehmen, dass die Erde 10000 Jahre alt ist. Stattdessen ist sie 4,6 Mrd. Jahre alt. Die Stelle hinter dem Komma ist vielleicht noch eine diskutable Hypothese, der Rest aber nicht.”

    Man geht mit dem Anspruch auf Wahrheit in den Kampf, auch Wissenschaftler tun das. Es gibt auch Axiome, die tautologischer Natur sind. Im Physikunterricht haben Sie sicher auch nicht gesagt bekommen, dass Leistung vermutlich – plausibler- und wahrscheinlicherweise; man weiß es aber nicht – Arbeit durch Zeit sein könnte. Sondern dass es sich genau so und nicht anders verhält. Weil wir es so setzen.

  8. avatar Roland Ziegler sagt:

    …und, um den Kreis wieder zu schließen: dieser Wahrheitsanspruch (nicht zu verwechseln mit dem Wahrheitsbesitz) ist es, der die “liberalen Schiedsrichter” von den Religiösen und den “Aufklärern” (Wissenschaftlern) gleichermaßen unterscheidet. Die Aufklärer “klären auf”. Sie sagen, wie es sich verhält. Wenn sie an vielen Stellen nur Hypothesen nennen können, so ändert das nichts am Grundsätzlichen. Der “liberale Schiedsrichter” dagegen klärt niemanden auf. Er führt auch niemanden ins Glück. Er “hält sich raus”. Ihm geht es nur darum, dass die Spielregeln eingehalten werden.

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