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Journalisten machen kein PR – das ist leider wahr

Der SPIEGEL zerlegt gerade seine Reputation; es tut in der Seele weh, wie jämmerlich sich das „Sturmgeschütz der Demokratie“ selbst darstellt. Es gehört ja zur Ehre der Investigativen Journalisten, dass sie kein PR machen. Ganz offensichtlich können sie es auch nicht. Das ist wie Moral im Alter: der Verzicht auf sexuelle Abenteuer fällt leichter, wenn auch die versagenden Lendenkräfte ihn nahe legen.

Man muss das dem Rest der Menschheit, der nicht zur hochwohl gelobten (ab-)schreibenden Zunft gehört, erklären: Was in der Liebe wahre Gefühle sind und was bezahlter Sex, dieser Unterschied bestimmt auch die Differenz von Journalismus und PR. Das sagen jedenfalls die Anhänger der wahren Liebe, die Redakteure, Inhaber der Vierten Gewalt. Und PR ist ihnen fremd. Die Ware Liebe wird von den PR-Leute betrieben, die Auftragsarbeiten ausführen.

Wer erwachsen ist und zu oft auf moralische Verklärungen reingefallen, weiß gleich: Hier stimmt was nicht. Aber es soll uns nicht darum gehen, die vermeintliche Ehre der PR-Leute zu retten (das macht schon deren Ethik-Rat in atemberaubender Peinlichkeit). Es geht uns um die Jammergestalt, die Journalisten abgeben, wenn es um ihre Zunft und ihre Blätter geht. Mein Anliegen ist die Autorität des gehobenen Journalismus, der Respekt vor einem Blatt wie dem SPIEGEL; mein Schmerz, die Posse, mit der beim SPIEGEL gerade die Chefredaktion ausgetauscht wird. Dabei wird unfreiwillig eine böse Geschichte über das Blatt erzählt, die wenig Respekt zurücklässt.

Was ist passiert? Man durfte in einem Blatt der nun wirklich anders gestrickten Springer-Presse  lesen, dass die Chefredakteure für das gewichtige Blatt und den leichtfüßigeren Internetdienst rausfliegen, weil sie zerstritten sind und ein Geschäftsführer des Verlages findet, der eine tue nicht, was er wolle. Aha! Die Redakteure gelten als überrascht. Zuvor hörte man schon Dinge über das Betriebsklima und die Frauenquote in der Berliner Dependance und andere Grillen.

Wieso war man intern überrascht? Das verwundert, weil seit einigen Tagen alle möglichen Publizisten der Republik angemeiert werden, ob sie den oder die Jobs nicht wollen. Den Nachfolger suchen, um den Vorgänger los zu werden, das gehört zu den wirklich schmutzigen Verfahren im Personalmanagement. Wie Sauerbier wird Hans und Franz angeboten, was einst als der Olymp des Journalismus galt.

Die ventilierten Vorwürfe sind grundsätzlicher Natur. Der vom SPIEGEL, dem Magazin, ist ruppig und kann keine Titel. Gemeint sind Titelgeschichten, die die Auflage am Kiosk heben oder senken. Was zurück in die Papiermühle muss, bringt kein Geld in die Kasse und senkt die Preise für die Werbung. Schon vorher war zu hören, dass der Chefredakteur sich beim Titelschmieden heimlich von einem alten STERN-Chefredakteur am Telefon beraten ließe.

Zweiter Vorwurf: Der Online-Mann wolle keine Integration von Papier und Netz. Und er wolle die Gratis-Kultur, während die Springerleute angeblich zeigen, wie es geht. Zur Zusammenführung seien auch Redakteure des Blattes nicht geneigt, weil sie dann am Ende mehr als ein Stück im Monat machen müssten, was dann nun wirklich an Lohnschreiberei grenze. Hallo? Wer sich jemals die Stückchen aus SPON angesehen hat, weiß, das solche Häppchen zwischen Fahrstuhl und WC runterzudiktieren sind. Das alles mögen aber böswillige Gerüchte sein.

Jetzt aber kommt es. Was sagt die Pressestelle des Sturmgeschützes angesichts des Kommunikationsdesasters? Sie sagt, man werde keine Gerüchte kommentieren. Punkt, Ende, aus, Micky Maus. Das ist der absolute Dummfick-Satz der PR, für den selbst in PR-Agenturen der Provinz die Praktikanten rausfliegen. Und die Pressestelle sagt eben auch „off-the-records“ nichts mehr. So verschiebt sich die Schuld für das Elend spekulativ auf ein Wesen namens Mitarbeiter-KG. Das ist so schlecht, dass es schon Methode haben könnte.

Jetzt werden als neue Führer gehandelt: ein Leitender Redakteur der BILD, und der schon beim letzten Desaster vergraulte Grüne aus Bielefeld, inzwischen Herausgeber und Mitbesitzer eines Wirtschaftsblattes, eine Agentur-Mops, der gelernte Staatsanwalt und Ständige Vertreter Gottvaters bei der SZ, der Verlegersohn TGIF, der Pizzabäcker von der Leine, zur Zeit an der Spitze der Lehrerzeitung, ein Chefredakteur von Kölner Gnaden, der schon längst auf die schwarze Seite (vulgo: PR) gewechselt ist, es aber könnte…You name it.

Beenden wir die wilden Spekulationen und kommen zu den harten Fakten: das Problem heißt Mitarbeiter-KG. Der Altverleger Augstein hatte in einer eher philanthropischen als sozialistischen Anwandlung seinen Mitarbeitern die Hälfte des Unternehmens geschenkt. Die sind nun in Mielkes Letztem Kombinat, der Mitarbeiter-KG, organisiert. Schon beim unwürdigen Abgang der letzten Redaktionsspitze hatte man das Gefühl, dass hier das Heckenschützentum zur Königsdisziplin entwickelt ist. Aber nichts genaues, weiß man nicht. Denn Journalisten machen kein PR.

Was geht uns das als Leser an? Bitte ruiniert nicht ein Blatt, das wir schätzen und fürchten gelernt haben. Was geht uns das als Bürger an? Bitte ruiniert nicht einen Beruf, den wir schätzen und fürchten gelernt haben. Was geht uns das als PR-Menschen an? Gebt einem unserer Kollegen einen Job, damit diese Posse nicht ewig währt. Wenn wir nämlich in einer SPON-Welt wach werden, dann braucht es weder gute Journalisten noch gute PR-Leute. Das, was dann noch SPIEGEL heißt, kann der Leser oder ein paar Werbetussen sich selbst zurecht bloggen. Dann bliebe von der wahren Liebe noch der Quickie. Ach.

8 thoughts on “Journalisten machen kein PR – das ist leider wahr

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    @Jan Z. Volens: Dass Reggae – diese ureigenste karibische Musikschöpfung, die von einer Insel aus um die Welt ging, mit der drastischen Verlangsamung eines swingenden Offbeats als Grundidee (Entschleunigung) – alles infiziert hat, ist einerseits ein sympathisches Wunder, aber andererseits auch verständlich. Musik ist immer mystisch-meditativ, und der Reggae macht diese Grundeigenschaft klar und für jedermann eingängig. Verstärkt wird das, wenn das volksnahe gesungene Lied zu einem Instrumental wird (mit der Stimme als Musikinstrument), d.h. mit der Entstehung des Dub (der elektronisch verfremdeten und teilweise noch weiter minimalisierten Form des Reggae). Die Infektion des Reggae erstreckt sich durch den Dub bis ins Mark der heutigen Clubmusik; die ersten Virenprogrammierer waren zwei Leute, die meistenteils getrennt voneinander arbeiteten: King Tubby, ein karibischer Elektriker und Mischpultkünstler, der seine Hallgeräte selber umlötete, und Lee „Scratch“ Perry (letzterer noch immer aktiv, als Urgestein des Dub mit Wohnsitz in der Schweiz – er liebt Berge und Schnee). Wenige in den heutigen Discos kennt diese Namen.

    Ihre Musikempfehlugnen sind wie immer sehr interessant; ich hoffe ich finde am Abend Zeit, sie anzuhören.

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    @Roland Ziegler: Mal den Blick auserhalb des Goldfischaquariumdes heutigen „Germany“ wo man unter 60 nur „American music“ oder „hits from Britain hoeren darf, und ueber 60 nur alte mitteleuropaeische Klassik oder Blasmusik aus dem Dorf. (Trotzdem – Mitteleuropa hatte Lehar, Strauss elche ich auserhalb Europas empfehle). Leider ist es aus mit der Schoepfung von Musik in Lateinamerika seit den 1980ziger: Alles infiziert von Reggea, Funk, Rap, Hip-Hop: Gespenstisch! Aber zugleich hoert man heute die „musica latina“ der Goldenen Periode – 1880-1980 in der internationalen Philharmonik (sieheDANZON NO.2 oder SALSARIA). Aber die schoenste Musik erklingt heute von einem unERKANNTEN Land: Kapverde !!! Siehe TITO PARIS PRETINHA – und ueberhaupt unter „musica caboverdiana“. Leider hat sich auch in Haiti die Musik „anglosiert“ – aber die „Alten Meister“ zeigen noch was die Klassik Haitis zu bieten hat: Siehe FRERES DEJEAN NAIDE -.

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    @Jan Z. Volens: Jetzt versuchen Sie sich auch in parfümiertem Feuilleton. Wollen Sie Parisien beerben? (Wo ist der eigentlich geblieben, ich habe ihn doch nicht etwa abgeschreckt?) Jedenfalls: Wer Henry Purcell hervorbringen konnte, hat alles, was man für die Musik braucht.

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    Es heißt allerdings „off the record“, also ohne Plural-S, (übersetzt etwa: abseits des öffentlich Gesagten), nicht „off-the-records“. Letzteres hieße „abseits der Schallplatten“, was wenig sinnvoll erscheint. Könnte man wissen, wenn man wollte.

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    Ernsthafte Menschen lessen doch keine deutsche (BRD)Presse – also keine Zeit daran verlieren. Die Schweiz hat eine erstklassige (world class!) Presse in deutscher Sprache. In Oestreich ist die Presse vollkommen vertrottelt. „Deutscher“ Journalist ist eine unwahrscheinliche Figur – fast so „interessant“, und aufregend wie ein deutscher Humorist! —Meine Meinung: Die U.S. Amis haben keine Schriftsteller – aber erstklassige Journalisten. Die Briten (so viel ich sie geopolitisch beschuldige) haben alles erstklassig: Die Schriftsteller, die Journalisten, die Schauspieler. Aber Musiker und Komponisten erzeugen die Briten niemals – auch wenn der einfaeltige „German“ alles Winseln von London und Liverpool aufschleckert! Die Lateinamerikaner – so viel ich sie auch liebe – haben erstklassige Schriftsteller – aber ihre Journalisten verbummeln alle ihre Aufgaben mit poetischen Verbraemungen und lassen ihre eigenen Neigungen zuegellos entbloest.

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