Tor zum KZ Buchenwald. Foto Andreas Trepte. Creative Commons Lizenz: Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 generisch
Meron Mendel ist der Roberto Blanco der Erinnerungskultur. Man spürt, dass er auch anders könnte, dass er aber niemandem wehtun will. Mendel ist in Israel geboren, aber israelkritisch. Jude, aber mit einer Muslima verheiratet. Leiter einer nach Anne Frank benannten Bildungsstätte, aber nicht volkspädagogisch unterwegs. Man kann sich auf ihn verlassen: Wenn er in eine Talkshow kommt, wird niemand beleidigt herausrennen. Wenn Blanco ein „wunderbarer Neger“ ist, so ist Mendel ein ganz famoser Jude.
Nun wurde Mendel eingeladen, eine „Weimarer Rede“ zu halten. Und sagte das, was der gemeine Deutsche von einem famosen Juden hören will. Mendel forderte laut MDR „eine neue Erinnerungskultur“. Statt allein auf die Abgründe der deutschen Geschichte zu blicken, habe er die Besinnung auf positive humanistische Traditionen empfohlen, um jungen Menschen Orientierung zu geben und Antisemitismus zu begegnen. Mit dem starren Fokus auf die NS-Verbrechen seien sie nicht mehr zu erreichen.
„Wir sind in der Lage, uns mit den Abgründen unserer eigenen Nationalgeschichte zu befassen“, so Mendel, übrigens ohne Beleg, „aber dafür brauchen wir auch die Elemente, die uns mit Stolz erfüllen.“ In dem Zusammenhang kritisierte Mendel auch den kürzlich verstorbenen Jürgen Habermas. Angesichts des singulären Verbrechens des Holocaust habe Habermas im westdeutschen Historikerstreit von 1986 einen neuen Nationalstolz allenfalls auf eine Art Verfassungspatriotismus beschränken wollen. Mendel bedauerte, dass die Erinnerungskultur seitdem stagniere.
Den Vogelschiss vergessen?
„Dieser unsägliche Typ!“ schrieb mir eine jüdische Bekannte. „Den Vogelschiss soll man vergessen??“ Nun, das hat Mendel nicht gesagt; und selbst Alexander Gauland hat mehrfach bekannt, dass seine zugespitzte Formulierung, der Nationalsozialismus sei im Vergleich zur tausendjährigen deutschen Geschichte ein Vogelschiss, ein Fehler gewesen sei.
Dabei betonte der AfD-Chef, und da dürften Gauland, Mendel und ich – das darf ich so schreiben, weil ich beide auch persönlich kennengelernt habe und sogar sympathisch fand – einer Meinung sein, wenn wir es auch je anders ausdrücken würden: „Wir haben eine ruhmreiche Geschichte – und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre.“
Worauf man jeweils stolz ist, was jeweils als „ruhmreich“ gelte, was eher nicht: das ist der Stoff, aus dem die historischen Debatten jenseits des missglückten Historikerstreits gemacht sind. Und wo man Gauland und Mendel widersprechen muss, das ist nicht in dem, was sie positiv fordern, nämlich eine positive Haltung zu den Leistungen der Vorfahren, ob das nun „humanistische Traditionen“, wissenschaftliche und wirtschaftliche Erfolge oder militärische Taten wie das Zurückschlagen der Türken vor Wien seien.
Unbelegte Kritik des Geschichtsunterrichts
Nein, wo man ihnen widersprechen muss, das ist zunächst in der Unterstellung, der Geschichtsunterricht an Schule und Universität, die Erwachsenenbildung und öffentliche Diskussion blicke „allein auf die Abgründe der deutschen Geschichte“, vermeide die Beschäftigung mit Luther, Kant, Goethe und Schiller, Fontane und Mann, Dürer, Gutenberg, Kepler und Koch, Borsig, Krupp und Benz – oder eben Don Juan d’Austria, Prinz Eugen und Marschall Blücher. Um nur einige Männer zu nennen. Fanny Hensel und Lily Braun, Marlene Dietrich und Königin Luise von Preußen kämen mit vielen, vielen anderen hinzu.
Sind diese Gestalten seit dem Historikerstreit gecancelt worden? Für diese Behauptung müsste man Beweise vorlegen: Analysen von Schulbüchern und Curricula, Berichte aus der Unterrichtspraxis und dergleichen. Zwar wird seit Jahrzehnten beklagt, der Nationalsozialismus und der Holocaust nähmen einen zu großen Raum im deutschen Geschichtsunterricht ein, aber die Klagen bleiben anekdotisch und unbelegt. Ich verbuche die meisten, auch angesichts der eklatanten Mängel im Wissen über diese Zeit, unter der psychologischen Kategorie der Abwehr.
Es wird sicher so gewesen sein, dass einige „68er“-Lehrkräfte, die in Opposition zum westdeutschen Geschichtsunterricht der 1950er und 1960er Jahre groß geworden sind, in dem, wie ich bezeugen kann, tatsächlich die NS-Zeit nur kursorisch – und als Betriebsunfall der ansonsten ruhmreichen deutschen Geschichte – und der Holocaust gar nicht behandelt wurde, aus einem volksaufklärerischen Impuls heraus wenig Gutes an der Geschichte lassen wollten, aber die allermeisten dürften es so gehalten haben, wie es Mendel fordert: man förderte die Identifikation jenen Elementen der Geschichte, die man als „progressiv“ ausmachte, und die Ablehnung jener Tendenzen, die als „reaktionär“ galten.
Mit erheblichen Lücken. Luthers Widerstand gegen Rom wurde gefeiert, seine Verurteilung der Bauern verurteilt, seine antisemitische Hetze aber verschwiegen. Kochs Beiträge zur Volksgesundheit wurden gelobt, seine Menschenexperimente in deutschkolonialen Krankenhäusern waren so gut wie unbekannt. Und so weiter.
Am Problem der Gedenkkultur vorbei
Der Punkt ist aber: Es ist nicht Aufgabe der „Erinnerungskultur“, der Gedenk- und Bildungsstätten, ein neues Verhältnis zur deutschen Geschichte zu entwickeln, gar den Stolz auf diese Geschichte zu fördern. Allenfalls den Stolz auf den Widerstand und das Bewusstsein dafür, dass es ihn gab, und nicht nur bei den Männern des 20. Juli 1944.
Das Problem der Erinnerungskultur ist nicht, wie Mendel und Gauland unterstellen, dass sie die „zwölf Jahre“ überbetonen – das, und die Erinnerung an die 45 Jahre kommunistischer Diktatur ist schließlich ihre Aufgabe; ihr Problem ist ein neuer, linker und rechter Widerstand im akademischen Bereich – Postkolonialismus dort, Nationalismus hier – und deren Niederschlag bei den Schülern.
„Einige muslimische Schüler fordern die Kollegen etwa beim Thema Holocaust heraus und suchen die Provokation“, sagte Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, 2021 der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er wisse von Fällen, in denen junge Muslime den Unterricht massiv gestört hätten. Die deutschen Lehrer, so die „Christlich-Islamische Begegnungsstelle“ bei der Deutschen Bischofskonferenz, seien oft „ratlos“.
Und dann – auf der formal gesehen anderen Seite des politisch-kulturellen Spektrums oder Hufeisens – gibt es die vielen Berichte über weiße Schüler, vor allem aus der ehemaligen DDR, die beim Besuch von Gedenkstätten mit Hitlergruß und ähnlichem provozieren.
Weder in dem einen noch in dem anderen Fall ist es Aufgabe der „Gedenkkultur“, der Gedenkstättenleiter oder der begleitenden Lehrer, auf die humanistischen oder sonstigen Leistungen Deutschlands hinzuweisen, damit die Kinder dann auch mit Stolz in den Abgrund schauen können. Was deren Aufgabe wäre, wie man mit solchen Provokationen umgehen kann, die nicht nur Ausdruck von Jugendirresein und oft toxischer Männlichkeit sind, sondern tief sitzende Ressentiments der Herkunftskultur zum Ausdruck bringen, weiß ich nicht.
Ich weiß nur, dass Mendel zwar in Weimar bella figura machte, den Gedenkstättenmitarbeitern aber einen Bärendienst erwies. Zwar sang Roberto Blanco: „Ein Bisschen Spaß muss sein / Dann ist die Welt voll Sonnenschein“ Manchmal aber ist Schluss mit lustig. Manchmal muss man damit leben, kein ganz famoser Jude zu sein, sondern den Leuten sagen, was sie nicht hören wollen.