
Ob sie selbst die Ideengeberin der Aktion war, die Grünen-Abgeordnete Lamya Kaddor? Auf ihren Social-Media-Kanälen kommentiert sie das Fastenbrechen im Bundestag so: „Gestern Abend wurde im Deutschen Bundestag ein kleines Stück Parlamentsgeschichte geschrieben: Zum ersten Mal hat die grüne Bundestagsfraktion zu einem Parlamentarischen Abend zum Ramadan mit Iftar eingeladen. Das ist das erste Mal, dass eine Bundestagsfraktion das im Hohen Haus ausrichtet.“
In ihrer Rede bei dem Iftarabend sei es um die Wahrnehmung von Muslimen und des Islam gegangen, der öffentlich und medial „ausschließlich über Ausgrenzung und thematischer Verengung stattfindet“, schreibt Kaddor. „Dass dieser Iftarabend mit über 150 Gästen im Bundestag stattfinden konnte“, so Kaddor weiter, „sendet ein klares Signal: Muslimisches Leben gehört selbstverständlich zu unserem Land.“
Als ich auf Facebook den Post las und mir die Fotos anschaute, grummte es zunehmend in meinem Magen, spürte ich mein Unbehagen. Ich bin fassungslos und will dieses Gefühl nicht für mich behalten. Denn diese Einladung trägt keineswegs dazu bei, dass „muslimisches Leben“ als selbstverständlich zu unserem Land gehörend wahrgenommen wird. Nicht nur, weil es keine Selbstverständlichkeit ist und nicht werden sollte, ein islamisches Ritual in einem Parlament auszuführen.
Spontan fielen mir zwei Worte zu der Aktion von Kaddor und Konsorten ein: Provokation und Paternalismus!
Ist es die Aufgabe einer politischen Partei, im Bundestag einen Iftar, das Mahl zum Fastnbrechen, zu zelebrieren? Einen Ort der Demokratie für die Selbstdarstellung von Vertreter muslimischer Organisationen zu instrumentalisieren?
Bestätigung für Vorbehalte
Die Einladung zum Iftar ins „Hohe Haus“, um in Kaddors Wortwahl zu bleiben, hat meines Erachtens etwas Paternalistisches, damit „unsere Muslime“ sich ernst- und wahrgenommen fühlen können. Wenn man sich auskennt, erkennt man unschwer auf den Fotos vom Iftarabend die üblichen Akteure aus muslimischen Institutionen, Verbänden, Vereinen. Sie alle fühlen sich nun noch wichtiger als sie sich eh schon fühlen, teilen auf Social Media Fotos von sich vom Fastenrechen im Bundestag. Von dem Abend, um wieder bei Kaddors Wortwahl zu bleiben, an dem „im Deutschen Bundestag ein kleines Stück Parlamentsgeschichte geschrieben“ wurde.
Es wird sich zeigen, welcher Art diese Parlamentsgeschichte sein wird. Ob sich die Minderwertigkeitskomplexe von Muslimen und die Haltung von Menschen, die Vorbehalte gegen den Islam haben, mit Shows dieser Art abbauen lassen. Ich bezweifele das.
Bundestag kein Festsaal
Was ich hingegen nicht bezweifele: Es sorgt bei denen, die Unbehagen gegenüber der islamischen Religion und Muslimen haben, für noch mehr Unbehagen. Es wird wohl eher wie eine Landeinnahme wahrgenommen. Das Foto von betenden Männern auf dem Boden des Bundestags wird vermutlich als Provokation empfunden. Zu recht! Was soll dieses Zurschaustellung der Religiosität? Es gibt für Muslime nicht die Pflicht zum Beten, wenn die Situation es nicht ermöglicht. Jedes rituelle Gebet kann nachgeholt werden. Wenn ich das schon weiß, wissen es all die, die sich die Möglichkeit zum Beten im Bundestag nicht haben entgehen lassen.
Wenn überhaupt religiöse Rituale und Feste im Bundestag zelebriert werden sollten, dann aller Religionsgemeinschaften. Das aber würde der Bundestag in einen Festsaal mutieren. Er ist jedoch der zentrale Ort demokratischer Aushandlungsprozesse.
Solche Feiern gibt es doch schon, höre ich schon die Kritiker meiner Kritik am Iftarabend der Grünen entgegnen. Ja, das stimmt, Berichte dazu sind auf der Internetseite des Bundestags zu finden. So gastiert der Lucia-Chor des Stockholmer Musikgymnasiums auf Einladung des Bundestags seit 2022 im Bundestag. Das Luciafest, ein Brauch aus Skandinavien, wo es im Winter sehr dunkel ist, wird am 13. Dezember zelebriert. Der Einzug der Chormitglieder erfolgt mit Kerzen in der Hand, Lucia hingegen trägt eine Krone mit sieben Leuchtern – als Symbol dafür, dass sie nach den dunklen Tagen das Licht zurückbringt.
Im Bundestag wurde im Dezember 2025 erstmals auch das jüdische Lichterfest Chanukka gefeiert. Eingeladen dazu hatte aber nicht eine Fraktion, sondern die Interessengemeinschaft Bernhard-Kreis, eine Initiative von Mitarbeitern des Bundestages zur Förderung des jüdischen Lebens und zur Bekämpfung von Antisemitismus in Deutschland.
Dass im Bundestag auch christlich-heidnische und jüdische Anlässe begangen werden, halte ich für ebenso falsch. Der wichtige Unterschied jedoch: Anders als zum Iftar lud zum Chanukka-Fest wie zum Lucia-Fest nicht eine Fraktion ein.
Das die Grünen den Iftar-Empfang abhielten, sei ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber Muslimen, so eine der Interpretationen der Aktion. Ich empfinde das keineswegs so, weil ich nicht bedürftig bin und auch nicht als bedürftig „gelesen“ werden möchte. Und ich auch nicht denke, wenn es eine jüdische Feier im Bundestag gab, dann muss dort auch eine muslimische stattfinden.
Nochmal: Statt immer mehr religiöse Feste und Feiern im Bundestag auszurichten sollte das Parlament ausschließlich Ort demokratischer Aushandlungsprozesse von gewählten Vertretern politischer Parteien und des Volkes sein.
Du sprichst mir aus der Seele. Guter Kommentar! Birgit
Ich finde, dass Frau Topçu hier vollkommen Recht hat. Ich stimme ihr zu 100 % zu und sehe das genauso.
Der Bundestag sollte in erster Linie ein Ort der demokratischen Debatte und politischen Entscheidungsfindung sein. Religiöse Feiern – egal ob muslimisch, jüdisch, christlich oder andere – gehören meiner Meinung nach nicht in das Parlament. Staat und Religion sollten klar getrennt bleiben.
Gerade deshalb überzeugt mich das Argument: Statt immer mehr religiöse Anlässe im Bundestag zu veranstalten, sollte der Fokus auf der politischen Arbeit für alle Bürgerinnen und Bürger liegen. 👍