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Kaputt in Hollywood – eine Hommage an Marvin Gaye und den Soul

PR Photo of Marvin Gaye taken by Jim Britt in 1973, during recording sessions for the album „Let’s Get It On“ at the Hitsville West Studio in Los Angeles

Es ist noch nicht richtig Frühling. Deshalb warmer Soul und heißer Funk mit Marvin Gaye. Das verlorene Album Marvin Gayes „You’re the Man“ als Einstieg in eine himmlische Stimme, deren Leben mitunter die reine Hölle war. Alle Gegensätze vereinen sich zu einer Tragödie shakespeareschen Ausmaßes. Aber lest und hört nur selbst.

Das 2019 posthum veröffentlichte Album „You’re The Man“ ist mehr als ein Archivfund. Es ist ein Dokument. Ein Einstieg in eine Stimme von beinahe überirdischer Sanftheit – und in ein Leben, das von Beginn an unter Hochspannung stand.

Als Marvin Gaye 1972 den Song „You’re The Man“ veröffentlichte, formulierte er einen offenen Brief an den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der Ton: geschmeidig. Der Vorwurf: scharf. Egomanie, Rassismus, Demagogie, Lüge. Gemeint war Richard Nixon. Die Parallelen zu Gegenwart und dem jetzigen Amtsinhaber des Grauens drängen sich auf.

Doch der Zorn war damals konkret. Viele Afroamerikaner hatten genug vom rechtsnationalen Kurs des Amtsinhabers. Gaye antwortete nicht mit Parolen, sondern mit Groove.

Gayes politischer Appell verhallte nahezu in der Motown-Welt

Die Wirkung blieb begrenzt. Politisch ohnehin. Und auch im eigenen Haus fehlte Rückendeckung. Motown-Gründer Berry Gordy verstand Soul primär als elegante bis erotisierende Zerstreuung, als Soundtrack romantischer Eskapismen.

Haltung?

Haltung störte das Geschäftsmodell. Schon Marvins ewig lodernden „What’s Going On“ hatte er 1971 nur widerwillig akzeptiert. Als das folgende „You’re The Man“ kommerziell schwächelte, verschwand das Projekt im Archiv.

Jahrzehntelang.

Bis 2019, um genau zu sein.

Warum erzähle ich diese Episode?

Ganz einfach.

Von hier betrachtet schält sich daraus der perfekte Blickwinkel auf Marvin Gayes Leben. Davor wie danach.

Das verlorene Album „Your’re the Man“ als Bindeglied eines Künstlers im Übergang zwischen dem politischen Chronisten und dem späteren Hohepriester der Erotomanie.

Denn:

Heute lässt sich dieses Album als fehlendes Bindeglied hören: zwischen dem politischen Chronisten und dem späteren Hohepriester der Erotomanie. Die Stücke zeigen einen Künstler im Übergang. Noch ist der Blick nach außen gerichtet, doch der Rückzug nach innen hat längst begonnen.

Um diesen zu verstehen, muss man weiter zurück.

Viel weiter.

Marvin Gayes Vater war hoch angesehener Prediger, Heiler und Exorzist in seiner Gemeinde. Daneben fundamentalistisch, autoritär, gewalttätig, übergriffig.

Religiöser Eifer verband sich mit eiserner Strenge.

Hinter der Deckung der Frömmlerei verborgen: Ein Cross-Dresser. Zuhause trug er Frauenkleider.

Eine Jugend à la „Carrie“ im Sado-Tranvestie Setting.

Marvins Jugend?

„Carrie“ im Sado-Tranvestie Setting.

Der Sohn wurde geschlagen,

gedemütigt,

systematisch gebrochen.

In Marvins Lebendigkeit witterte der Vater das Wirken des Luzifers. Die Kirche war Marvin somit Zuflucht (Chor) und Bedrohung (alles andere) zugleich. Musik blieb der einzige Raum, in dem der Junge existieren durfte, ohne Rechtfertigung.

Marvin sang 24/7 überall.

Zeitlebens nie in seinem Elternhaus.

Musik als Rettung aus dem Elternhaus – die frühen Motown-Erfolge

Der Erfolg kam früh. Nach dem Militärdienst führte der Weg nach Detroit, zu Motown. Zunächst als Sessionmusiker, dann als Solokünstler entwickelte sich Gaye zu einer der prägenden Stimmen des Soul. Seine Kunst war breiter als das standardisierte R&B-Format der frühen Labeljahre. Croonertum Marke Frank Sinatra, ungezähmten Funk und politische Reflexion erweitern die Palette. Berstende Entfaltung.Er will keine schwarze oder weiße Zuhörerschaft. Er will Publikum. Sein Publikum.

Die 60er Jahre wirkten wie ein Aufstieg ohne Widerstand. Hits folgten, darunter „I Heard It Through The Grapevine“, ein Eifersuchts-Drama in dreieinhalb Minuten. Seine Visitenkarte of Song. Besonders gut live:

Mit Tammi Terrell bildete er ein Duo von geschwisterlicher Innigkeit.

Freundschaft als Heilung.

Terrell als Balsam

Für die gebrochenen Flügel dieses singenden Engels.

Die Tragik rund um den Killer-Song „Ain’t No Mountain High Enough“ – Fuel für das ohnehin fragile Selbstbild

Zusammen brachten sie die Originalversion des Evergreens „Ain’t No Mountain High Enough“ auf die Bühne. Ein Killer unter Killern.

Doch auf eben dieser Bühne endet alles Gute, Wahre, Schöne in Gayes Leben.

Sie bricht 1967 während eines Konzerts in seinen Armen zusammenbricht. Stirbt kurz darauf an einem Hirntumor.

24 Jahre alt.

Es trifft ihn ins Mark. Der Verlust frisst sich tief in sein ohnehin fragiles Selbstbild.

Schuldgefühle mischen sich mit religiöser Prägung. Hatte er den Weg Gottes verraten?

Das Angesicht seines Vaters vergessen?

Ist mein Erfolg Verrat?

Die Hure Babylon?

Ist Tammi deshalb gestorben?

Habe ich sie umgebracht?

Gayes seelische Flügel zerbrechen erneut in einem Muster aus Dominanz, Misstrauen und Selbsthass.

Kein Wunder mithin: Depression und Kokain wurden ständige Begleiter. Die Ehe mit Anna Gordy zerbrach. Spätere Beziehungen wiederholten Muster aus Dominanz, Misstrauen und Selbsthass.

Gayes demonstrative Maskulinität und Sexualisietung – kulminierend in „Let’s Get It On“ (1973) – wirkte weniger wie Triumph als wie Abwehr.

Habe ich das Crossdressing in mir wie mein Vater?

Sexualität wurde Bühne und Schutzschild zugleich.

Und dennoch entstanden in den 70ern Soul-Meisterwerke: „Sexual Healing“ und „Trouble Man“

Dennoch bzw. genau deshalb entstanden in den 70ern einige der eindrucksvollsten Soul-Alben überhaupt: So etwa der Blaxploitation-Soundtrack „Trouble Man“, das intime „I Want You“, oder das bittere „Here, My Dear“. Selbst in Phasen persönlicher Desintegration blieb Gayes Musikalität ungebrochen.

Hörbefehl: „Trouble Man“ – 12 Inch:

1982 gelingt ihm mit „Sexual Healing“ und dem Album „Midnight Love“ ein eindrucksvolles Comeback.

Ein Lied als Geständnis: Gaye sucht Rettung in totaler Körperlichkeit, weil andere Heilungsformen längst nicht mehr greifen. Nicht mal die Drogen.

Sinnliche Hymne auf körperliche Liebe – dabei simultan verzweifelter Versuch, innere Leere mit Nähe zu füllen.

Schattenjahre flackern unter pulsierender Oberfläche – „Sexual Healing“ vertreibt die inneren Dämonen nicht

Unter pulsierender Oberfläche flackern alte Narben.

Grell.

Einsamkeit, Misstrauen, all die Schattenjahre zuletzt.

Ironie der Geschichte: „Sexual Healing“ wird sein größter Späthit, sein Testament, eine Hymne auf Lust und Überleben.

Doch dahinter brodelt der Mann, gezeichnet von Verlust, Trauma und den Dämonen der Familie.

Zwar steht er souverän auf der Bühne, strahlt totale Sinnlichkeit aus. Doch man spürt, wie sehr jeder Ton von Schmerz, Angst in ungebrochener Kreativität getragen wird.

Hier die brillante 12 Inch Version – 10 Minuten sinnlicher Schweiss:

 

Gayes private Instabilität jedoch blieb. So lernte er bei der Arbeit an „Let’s get it on“ die erst 16-jährige Janis Hunter kennen – sie wurde später seine zweite Frau, beide gründeten eine Familie. Doch so sehr Gaye sich bemühte, die Dysfunktionalität des Elternhauses samt Trauma zu überwinden, so kaputt war mittlerweile sein Verhältnis zu Frauen und sich selbst:

Innere Dämonen erwachten, der Star missbrauchte Janis sexuell, wurde durch Kokain sogar im Alltag unberechenbar. Die Ehe zerbrach. Sein Freund Smokey Robinson sagte: „Marvin wurde von den Leuten geliebt. Aber nicht von sich selbst. Das war sein Problem.“

Gayes Elternhaus 1. April 1984: Ein Streit eskaliert. Als Marvin Gaye seine Mutter vor dem aggressiven Vater schützt, fallen drei Schüsse.

Abgegeben von Marvin Gaye Sr. – mit einer Waffe, die der Sohn ihm Jahre zuvor schenkte.

Ein später diagnostizierter Tumor im Kopf des Vaters mag juristisch von Bedeutung gewesen sein. Für Marvins Lebensgeschichte bleibt er eine Randnotiz. Die eigentliche Zerstörung hatte Dekaden zuvor begonnen.

Die Chronik eines zerrissenen Menschen

Marvin Gaye wurde nur 44 Jahre alt.

Seine Geschichte ist keine Legende vom gefallenen Engel. Es ist die Chronik eines zerrissenen Menschen.

Seine Biografie kennt keine einfache Moral. Nix für Pharisäer. Er war Opfer und Täter, Suchender und Zerstörer, Genie und Abhängiger.

Gaye Senior überlebte sein von eigener Hand ermordetes Kind um 14 Jahre.

Marvins Stimme jedoch,

sie bleibt.

Und mit ihr eine Musik, die bis in alle Ewigkeit von Verletzlichkeit, Begehren, Narben, Sex und unerfüllter Hoffnung erzählt.

Gute Nacht, süßer Prinz

From Hamburg with Love

UK

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