Cover der deutschen Single. Foto: Alan Posener
„She Loves You“ ist ein perfekter Popsong. Als er herauskam, im Spätsommer 1963, fand ich ihn allerdings albern. Ich stand damals auf amerikanische Musik, auf die Everly Brothers, Rickie Nelson, Neil Sedaka, Del Shannon, den göttlichen Ronnie Self, Little Eva, Ben E. King und Ray Charles; und die schlichte, im Vergleich zu den US-Nummern fast punkige Produktion, die schrägen Harmonien und die schiere Banalität des Refrains – „Yeah, yeah, yeah!“ – törnten mich ebenso ab wie die Tatsache, dass alle Mädchen meines Alters auf das Quartett standen. Ich hielt die Beatles für eine vorübergehende Modeerscheinung.
Erst als „I Wanna Hold Your Hand“ auch in den USA – wo Teenager und Musikkritiker die Beatles bis dahin genauso missachtet hatten wie ich in Deutschland – die Nummer eins der Hitparade erreichte, erfasste auch mich das Beatles-Fieber. „She Loves You“ allerdings mochte ich auch dann nicht besonders. Früh gefasste Urteile weichen schwer späterer Einsicht.
Um es vorwegzunehmen: Was an „She Loves You“ so großartig ist, das ist gerade das, was Walter Ulbricht empört auf dem 11. Plenum des ZK der SED mit zweijähriger Verspätung als „die Monotonie des Jehjehjeh und wie das alles heißt“ kritisierte. Dieses Ja zum Leben und zur Liebe symbolisiert besser als alles, was die Beatles später machten, was sie so besonders machte, und was Amerika einige Monate später nach dem öffentlichen Mord an John F. Kennedy so dringend brauchte, weshalb sich die Nation den Invasoren aus England kampflos ergab.
Wie John Lennon viel später in „Mind Games“ schrieb: „Yes is the answer / And you know that for sure / Yes is surrender / You gotta let it, gotta let it go“.
Der Song ist für Lennon/McCartney-Verhältnisse schlicht: Es hat zum Beispiel keine „Bridge“ oder „Middle eight“, anders als die vorangehenden Singles „Love Me Do“, „Please Please Me“ und „From Me to You“, nur Strophe und Refrain. Das macht auch seine Wucht aus. Die Strophen allerdings haben es in sich. Wo gab es denn bis dahin einen Pop-song, bei dem es gar nicht um den Sänger geht? Der ist nur der Überbringer der Nachricht: She loves you. Sie hat mir gesagt, was ich dir sagen soll: Sie liebt dich.
Übrigens ist der deutsche Text von Camillo „Ich zähle täglich meine Sorgen“ Felgen an entscheidenden Punkten schwächer, obwohl er wenigstens die Struktur des Beatles-Texts – jemand überbringt einem Freund die frohe Botschaft – beibehält.
Vergleichen wir mal:
You think you’ve lost your love
Well, I saw her yesterday
It’s you she’s thinkin‘ of
And she told me what to say
She says she loves you
And you know that can’t be bad
Yes, she loves you
And you know you should be glad
Du glaubst, sie liebt nur mich
Gestern hab‘ ich sie gesehen
Sie denkt ja nur an dich
Und du solltest zu ihr gehen
Oh, ja, sie liebt dich
Schöner kann es gar nicht sein
Ja, sie liebt dich
Und da solltest du dich freuen
Dass das Mädchen womöglich etwas mit dem Überbringer hatte („du glaubst, sie liebt nur mich“) wird bei den Beatles nirgends angedeutet. Und dass aus dem Understatement („you know that can’t be bad“) die Übertreibung wird („schöner kann es gar nicht sein“), ist fast so schlimm wie der Reim „sein – freun“ statt „bad – glad“.
Weiter im Text:
She said you hurt her so
She almost lost her mind
But now she says she knows
You’re not the hurtin‘ kind
Du hast ihr weh getan
Sie wusste nicht, warum
Du warst nicht schuld daran
Und drehtest dich nicht um
Abgesehen davon, dass die deutsche Übersetzung keinen Sinn macht (was soll das bedeuten, „und drehtest dich nicht um“?): dass der Freund, der dem Mädchen wehtat „nicht schuld daran war“, sagen die Beatles nicht. Sie sagen, das Mädchen wisse, dass er nicht „the hurtin‘ kind“ ist, also dass er – wodurch, wird nicht gesagt – sie nicht mit Absicht oder aus habitueller Gemeinheit verletzt hat. Dass hier alles im Ungefähren bleibt (hat er seine Freundin beleidigt? Mit einem anderen Mädchen betrogen? Schlecht gemacht?), ist – wie bei „I’m Sorry“ von Brenda Lee – beabsichtigt und macht den Song nur besser.
You know it’s up to you
I think it’s only fair
Pride can hurt you, too
Apologize to her
Du musst jetzt zu ihr gehen
Entschuldig‘ dich bei ihr
Ja, das wird sie verstehen
Und dann verzeiht sie dir
Der deutsche Text wiederholt die Ermahnung, zur Freundin zu gehen, lässt dafür die beste Zeile im Beatles-Song weg: „pride can hurt you, too.“ Der Stolz kann auch dir wehtun; überwinde ihn, entschuldige dich. Warum der Junge zu stolz sein sollte, sich zu entschuldigen, obwohl er seine Freundin so schwer verletzt hat, dass sie „almost lost her mind“, wird auch nicht gesagt.
Es ist einfach so eine Zeile, die mitten in einem freudig-lebensfrohen Song vor dem Stolz – der schlimmsten Todsünde übrigens nach katholischer Lesart – warnt, die auf das Genie des Duos Lennon und McCartney verweist. Deren Partnerschaft übrigens nicht zuletzt am Stolz zerbrach.
Übrigens will ich Camillo Felgen nicht kritisieren. Es ist höllisch schwer, Beatles-Texte gut zu übersetzen, wie überhaupt englische Gedichte, weil das Deutsche, wie Wolf Biermann anmerkte, zu viele Silben hat, weshalb er seinen Übersetzungen der Sonette Shakespeares zwei Silben dazu gab; und vor den Beatles dachte man, es käme bei Popsongs auf den Text auch gar nicht an. Ich benutze Felge nur, um die Feinheiten des Originals herauszuarbeiten.
(Und ist es ein Zufall, dass ich in meinem Dylan-Buch die Besprechung von „Foot of Pride“ an einer Kritik der Verdeutschung durch Gerulf Pannach aufziehe? „Es gibt keine Zufälle“, sagte mein Vater. Aber das wäre eine andere Geschichte.)