Filmposter von 1975. Wikipedia / Warner Bros. / Public Domain
Eine Freundin empfahl mir David Gilmours Buch „The Film Club“. Der Plot ist, kurz gesagt: ein Vater erlaubt seinem Sohn, die Schule zu schmeißen, einzige Bedingung: sie müssen zusammen zwei Filme die Woche schauen. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Familienroman und fortlaufender Filmkritik.
Zwar sind die etwa vierzig Filme, die Vater und Sohn zusammen sehen, von „Aguirre, der Zorn Gottes“, bis „Who’s Afraid of Virginia Wolf“, sehr stark zugunsten der 70er Jahre gewichtet, zu stark für meinen Geschmack, aber man kann das Buch auch als einen Führer benutzen, um nachträglich Filme zu sehen, die man verpasst oder vergessen hatte, zumal sie fast alle auf Amazon Prime und Apple+ zu sehen sind.
Und es sind keine didaktischen Filme. Zum Erziehungsziel des Vaters gehört es „auch trashige Filme ohne schlechtes Gewissen“ genießen zu können. In diese Kategorie gehört für ihn (und ich stimme ihm bei) Arthur Penns „Night Moves“ mit Gene Hackman. Hackman spielt darin einen Privatdetektiv in der Nachfolge Philip Marlowes: ein halbwegs anständiger Kerl in einer restlos verdorbenen Welt. Hier ist es die Welt der Hollywood B-Pictures.
Ich habe mir die Kritiken angeschaut, die meistens die Schwäche des Drehbuchs und die Leistung Hackmans betonen. Gilmour selbst hebt eine Stelle hervor, in der ein alternder Regisseur, der Sex mit seiner sechzehnjährigen Stieftochter hatte, mit Blick auf das knapp bekleidete Mädchen zu Hackman sagt: „Sowas gehört verboten“. Hackman erwidert trocken. „Ist es auch.“
Immerhin. Was keiner der Kritiker erwähnt, ist das eigentliche Thema Penns: Brüste. Es gibt keine Frau in diesem Film, die ihre Brüste nicht zeigt, einschließlich der damals 16 Jahre alten Melanie Griffith, die jene „Nymphe“ (Gilmour) spielt, deren Anmache Hackman väterlich – und eben nicht stiefväterlich – abwehrt. Dabei sind weder Griffiths Brüste noch die von Susan Clark und Jennifer Warren für die Handlung relevant. Der Zuschauer wird widerwillig in die Rolle eines Voyeurs gedrängt.
Kleine Korrektur: die alternde B-Picture-Diva Arlene Iverson (gespielt von Janet Ward) zeigt ihre Brüste nicht, thematisiert sie aber im Gespräch mit Hackman: „Gott, hatte ich früher tolle Titten!“ sagt sie beim Betrachten eines alten Fotos. Worauf Hackman, ein anderes Foto betrachtend, erwidert: „Ihre Tochter“ – Melanie Griffith – „ist auch nicht schlecht ausgestattet.“
Der schockierendste Satz im Film, noch schockierender als der des Schwiegervaters, der meint, gegen junge Mädchen und ihre Sexualität müsse es „ein Gesetz geben“, nicht gegen die Ausbeutung ihrer Naivität durch dirty old men, kommt auch von Arlene, als sie von Hackman vom Missbrauch ihrer Tochter durch ihren Ex-Mann erfährt: „Mein Gott ja, ich musste vor der Hälfte der Männer dieser Stadt in die Knie gehen, um Karriere zu machen.“
Ein Satz, den keiner der Kritiker erwähnt. Das war so, das nahm man so hin, das wusste jeder und jede, Jahrzehnte vor Weinstein und #MeToo“, und ein Film, der das zugleich thematisierte und praktizierte, indem er Frauen und Mädchen dem Zuschauer als Sexobjekte präsentierte, wurde als gelungenes – oder weniger gelungenes – Beispiel für „Neo-Noir“ gefeiert. Man muss 50 Jahre später die Empfindlichkeiten der Gegenwart nicht als Anklage gegen einen Film verwenden, der getreu eine unempfindlichere Zeit abbildet; aber diese Empfindlichkeiten sind ein Gewinn.