Eine Bibel!
Die ist mir sogar bewilligt worden in der Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit 1984. Täglich für eine Stunde. Mal früh, mal mittags, mal abends. „Wir haben nicht so viele Bibeln, nicht für jeden Untersuchungsgefangenen eine.“ Sagt der Leiter des Verwahrhauses, bei dem ich mich beschwert hatte.
„Können wir das nicht ändern?“ Frage ich. „Meine Mutter bringt eine Bibel mit. Nagelneu. Noch eingeschweißt in eine Folie. Es kommen also keine geheimen Botschaften hinein. Das Buch bleibt hier, wenn ich dieses Haus verlasse. Es kommen also keine geheimen Botschaften hinaus. Können wir das so machen?“
Zu meiner Verblüffung sagt er: „Ja, das kann so geschehen.“
Und dann hat doch dieser andere Offizier aus dieser anderen Abteilung meine Mutter wieder heimgeschickt mit der Bibel.
Und jetzt, …
Und jetzt werde ich ein ernster Bibelforscher.
Ohne Bibel sage ich nichts mehr in den Vernehmungen. Kein Wort. Nichts.
Außer eben das eine: „Ich will meine Bibel haben!“
9:00 Uhr bis 12:00 Uhr und 13:45 Uhr bis 16:30 Uhr. Fast 6 Stunden lang.
Ja und nach den ersten drei Stunden müssen wir Mittag essen. Auch weil ich ihm gesagt hatte, dass ich mich ja schon über seine Entscheidung beschwert hätte. Und wir die Entscheidung des Bezirksstaatsanwaltes darüber abwarten sollten.
Allerdings, so fährt er nach dem Mittagsmahl fort:
Nein, ich bleibe fromm. Ich brauche 16 Stunden am Tag eine Bibel. Punkt fertig aus.
Und unterschreiben werde ich hier sowieso nichts. Wenn er das unterschreibt: Reicht doch!
Zurück auf der Zelle gebe ich das Abendessen hinaus. „Schmeckt mir nicht ohne Bibel.“
Das sage ich auch über das Frühstück am nächsten Morgen und über das Mittagessen und über das Abendessen am zweiten Tag.
Am dritten Tag kommt die Frau Krankenschwester Unterleutnant mit dem Anstaltsleiter.
„Sie hatten mir zugesagt, dass ich meine Bibel bekomme!“ Grummele ich.
„Haben Sie das?“ Fragt ihn die Frau Krankenschwester Unterleutnant.
„Habe ich.“ Sagt dieser zu meiner erneuten Verblüffung. Und:
„Worum geht es Ihnen, Untersuchungsgefangener? Um eine Bibel? Oder um diese Bibel?“
„Um eine.“ Erwidere ich.
„Sie bekommen jetzt jeden Morgen eine anstaltseigene Bibel, die dürfen Sie den ganzen Tag auf der Zelle lesen. Essen Sie?“
„Selbstverständlich!“ rufe ich.
P.S.:
Bin ich nicht ein frommer Christ?
„Ausgerechnet Du!“ Lachen heute meine Söhne über die Geschichte.
Ja, manchmal sind Heilige Schriften einfach nur gut zum Recht haben.