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„Vorerkrankt“ – wie aus einem medizinischen Begriff ein semantischer Abgrund wurde

Ein Begriff macht die Runde, und zwar ein solcher, der bis dato dem medizinischen Betrieb vorbehalten war: „Vorerkrankt“. Im Zuge der Corona-Krise wird er zunehmend zu einem semantischen Abgrund.

In jener Zeit, als es das Corona-Virus noch nicht gab, diente der Befund „vorerkrankt“ Haus- und Spezialärzten dazu, Patienten durch regelmäßige Termine in der Praxis oder bei Hausbesuchen engmaschig zu überwachen, also zu checken, ob die jeweilige Medikation weiterhin ausreichend war. Auch galt es, weitere Erkrankungen des oder der „Vorerkrankten“ zu verhindern. Also etwa Schlaganfälle und Herzinfarkte bei Diabetikern oder Menschen, die bereits einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten hatten. All diese drei Krankheiten kamen und kommen zwar vorwiegend, nicht aber ausschließlich bei älteren Menschen vor. Auch Jüngere können also „vorerkrankt“ sein.

„Vorerkrankt“ – vor Corona eine Selbstverständlichkeit zur Rücksichtnahme

„Vorerkrankt“ sind auch jeder Mann und jede Frau, die Krebs hatten oder immer noch haben. Bekanntlich sind gerade Brust- und Gebärmutterhalskrebs keine Phänomene, die vor allem Älteren vorbehalten sind. Kamen solche „vorerkrankten“ Menschen vor der Corona-Krise wegen anderer, zusätzlicher Leiden ins Krankenhaus, so genossen sie ganz besondere Schutzmaßnahmen, damit die „Vorerkrankung“ ihren Heilungsprozess nicht übermäßig gefährdet.

„Vorerkrankt“ also war in der Vor-Corona-Zeit ein Zustand, auf den sehr human mit besonderem Augenmaß reagiert wurde. Inzwischen jedoch ist „vorerkrankt“ binnen weniger Wochen wahlweise begrifflich  zu einer Verharmlosung der potentiell tödlichen Folge des Corona-Virus oder zu einem Stigma für all jene geworden, deren Schutz manchen lästig wird.

„Vorerkrankung“ als Verharmlosung der tödlichen Folgen des Corona-Virus

Beginnen wir mit der Verharmlosung. Vollmundig wies der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel gegenüber dem „Hamburger Abendblatt“ vom 27. April darauf hin, dass alle von ihm bis dato Obduzierten eine „Vorerkrankung“ gehabt hätten. Wörtlich sagte er „Der überwiegende Anteil der Verstorbenen war schon vorher relativ alt und schwerkrank“. Was er unter „schwerkrank“ versteht, bleibt indes offen, außer dass es heißt, es seien Menschen gewesen, die schon zuvor „im Altenheim oder in Krankenhäusern darniederlagen“. Ansonsten ist nur die Rede von „80 Prozent Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, „60 Prozent“ mit „geschädigten Lungen, wie man sie von Rauchern kennt“ und „Krebserkrankungen“. Es gebe, so Püschel, ergo „keinen Grund für die Bevölkerung, in Deutschland, übermäßige Angst zu haben“. Vielleicht erkennt man den Zynismus in dieser Aussage nicht sofort, aber mindestens auf den zweiten Blick ist selbiger evident.

Denn Püschel stigmatisiert, signalisiert, dass die Angst all jener – und das sind in Deutschland nicht wenige – die „Vorerkrankungen“ haben, nicht sonderlich der Rede wert sei. Wichtig ist für ihn offenbar allein, dass die (Noch-)Gesunden keine größere Sorge haben müssen.

„Vorerkrankte“ Eltern und Großeltern sind egal

Doch haben solche Gesunde oft Eltern, Großeltern, die qua Alter nicht selten „vorerkrankt“ sind. Was also soll das Gerede, dass die Gesunden keine „übermäßige“ Angst haben müssen, es sei denn, man blendet all ihre Angehörigen aus, die wegen Corona womöglich vor ihrer Zeit sterben werden?

Wer so redet wie Püschel wirft den Menschen auf sich selbst, den Partner und die eigenen Kinder zurück, erklärt aber das Schicksal der „vorerkrankten“, älteren verwandtschaftlichen Generation für letztlich irrelevant. Hauptsache, man und jene, die so alt sind wie man selbst oder jünger, bleiben gesund. An der Lebensrealität der meisten Menschen, die sich um ihre Eltern und Großeltern sorgen und deren Gewissen nicht derart abgekocht wurde, dürfte ein solcher Utilitarismus hoffentlich vorbeigehen. Mal ganz abgesehen davon, dass durchaus auch viele junge Menschen an Corona sterben.

Und überhaupt, was heißt „vorerkrankt“, auch über Püschel hinaus? Viel ist davon ja derzeit die Rede, nicht nur im Sinne eines „Darniederliegens“. Ab welchem Grad der (altersbedingten) Herzschwäche oder Raucherlunge (das schreibe ich als lebenslange Nichtraucherin) ist man „vorerkrankt“?

Boris Palmer, der Sarrazin des Corona-Tabubruchs

Vielleicht sind „vorerkrankt“ und „alt“ aktuell noch keine weit verbreiteten Stigmata, aber leider geht die Entwicklung rasant in exakt diese Richtung. So hat der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der sich bekanntlich gerne ins Gespräch bringt, gerade erst gegenüber dem Sender „Sat1“ Folgendes kundgetan: „Ich sag es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.“ Und weiter: „Wenn Sie die Todeszahlen durch Corona anschauen, dann ist es bei vielen so, dass viele Menschen über 80 sterben –  und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann“.

Nach der von ihm gewiss einkalkulierten großen Empörung wollte Palmer sich zunächst nicht entschuldigen, um es dann letztlich doch zu tun. Sonderlich ernst nehmen muss man diese Entschuldigung indes nicht. Der Provokateur Palmer hat halt irgendwann gemerkt, dass er sich diesmal nicht als „Contrarian“ in die Talkshows bringen kann, sondern überzogen und weithin Entsetzen ausgelöst hat. Kurz: sein Kalkül ist nicht aufgegangen, jetzt muss er Rufrettung betreiben.

Die Palmer-Adepten und das zunehmende Ressentiment gegen die „Vorerkrankten“

Doch leider wimmelt das Netz längst von Adepten Palmers, die sich gegen die staatlichen Schutzmaßnahmen zur Wehr setzen, weil Corona doch eh nur Alte und/oder „Vorerkrankte“ treffe. Klar, es ist völlig legitim, ja sogar überaus wichtig, genau zu überlegen, wie man die Wirtschaft wieder in Schwung bringt, wie man also die Gesundheitsrisiken so in dem Griff bekommt, dass der Lockdown schrittweise aufgehoben werden kann.

Nicht legitim aber ist es, das Sterben von „Vorerkrankten“ einfach so hinzunehmen, um bloß wieder eigene maximale Freiheit zu haben und „Widerstand“ gegen eine vermeintliche „Gesundheitsdiktatur“ zu leisten.

Der pseudoliberale Widerstand gegen die „Gesundheitsdikatur“ erschafft genau jene Asepsis, der er verhindern will

Paradoxerweise sind es aktuell jene Publizisten und Intellektuelle mit pseuodoliberaler Pose, die nun meinen, sich gegen das Heraufziehen einer Art diktatorischer Gesundheitsregierung zur Wehr setzen müssen, weil sie es satt haben, zu viel Rücksicht auf Risikogruppen zu nehmen, die damit selbst die Voraussetzung dafür schaffen, dass Menschen künftig übervorsichtig in Sachen eigener Gesundheit werden und so das öffentliche Leben auch nach Corona aseptisch werden könnte.

Und zwar deshalb, weil auch bis jetzt Kerngesunde künftig wohl alles dafür tun werden, keine „Vorerkrankung“ zu entwickeln, anders als bisher nicht mehr nur aus Sorge um den eigenen Körper, sondern auch aus purer Angst davor, irgendwann zu jener Gruppe von Menschen zu gehören, die man jetzt „Vorerkrankte“ nennt und die sich – das zeigt die Debatte der letzten Tage – künftig wohl leider nicht mehr uneingeschränkt darauf verlassen kann, dass die Gesamtgesellschaft ihren Schutz für unhinterfragbar hält.

Insofern schüttele ich persönlich in diesen Tagen auch den Kopf über die jüngste Einlassung der Schriftstellerin Juli Zeh, deren futuristisches, gutes Buch „Corpus Delicti“ (2009) über eine Gesundheitsdiktatur in einem meiner Bücherregale steht. Zeh rief jüngst zusammen mit fünf anderen öffentlichen Personen in einer Art Großintellektuellen-Pose mit viel Empörung und umso weniger validen Argumenten zu sofortigen Lockerungsmaßnahmen auf.

Margarete Stokowski, eine kluge linke Autorin, mit der ich bei anderen Thema wenig überraschend selten einer Meinung bin, hat gerade erst in ihrer „Spiegel“-Kolumne passende Worte dazu gefunden: „Auch die Berliner Demonstranten beziehen sich aufs Grundgesetz, genau wie dieser groteske Prominenten-Aufruf „Raus aus dem Lockdown – so rasch wie möglich“, der auch noch die bereits vielfach entkräftete These wiederholt, Corona sei ja eh nur so schlimm wie Grippe. Was ist das? Der Versuch, sich als eine Art Anti-Drosten zu etablieren und das Volk wie ein wirtschaftsnaher Messias aus dem Lockdown zu führen? Populismus und Pandemie, ein match made in hell.“

Kurz: die Gefahr zieht auf, dass es in und auch nach der Corona-Krise künftig einen wahlweise vorwurfsvollen Fingerzeig oder ein indifferentes Abwinken verbunden mit den Slogan gibt: „Du bist vorerkrankt“. Das gilt es zu verhindern.

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36 Gedanken zu “„Vorerkrankt“ – wie aus einem medizinischen Begriff ein semantischer Abgrund wurde;”

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    Was ist das für ein queres Statement? Worauf die Autorin konkret hinaus will, erschließt weder mir… evtl. nicht mal Ihr selbst. Sie tut gerade so als hätte Mensch eine neue Spezies entdeckt an der er seine Brutalität ausleben kann? Ist die Existenz von Tod und Krankheit so tabu geworden, das man aus dem Fakt, das Alte, Schwache und Erkrankte weniger wiederstandsfähig gegenüber Krankheitserregern sind? Wer bejammert die HIV- infizierten? Was soll diese Aussage? Soll eben Diese, Medizinern die sich die Mühe machen und genau hinschauen was die Mortalität von Sars- COV2 bedingt den Maulkorb verpassen? Weder moralisch noch rational sind diese Gedankengänge nachvollziehbar.

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    Widerspruch.

    Der Status „vorerkrankt“ ist nicht Verharmlosung, sondern Verneinung der Meinung, dass dies Virus tödlich sein soll. Also etwas völlig anderes.

    Und selbst wenn dies Virus sozusagen der letzte Tropfen im Fass gewesen sein solle anstelle irgendeines anderen, so müssen wir es dennoch den Naturgewalten zurechnen.

    Ich fahre fort. Indem Sie das Wort „Vorerkrankt“ zu einem Pejorativ stilisieren (wäre zu übersetzen etwa mit „Schlechtsprech“), betreiben Sie Rabulistik, die ich missbillige.

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    Wenn auch die Motive anders sind, erinnert mich Püschels Aussage und die Diskussion darum ein wenig an die Posse um Köhler und die 112 Lungenärzte von vor einem Jahr. Hier wie dort provoziert ein Mediziner mit einer Aussage und wird von denen auf den Thron gehoben, denen ihr Dagegensein wichtiger ist als die Stichhaltigkeit der Behauptungen. Köhler glänzte damit, sich um die eine oder andere Zehnerpotenz verrechnet zu haben und als Lungenarzt Aussagen zur Epidemiologie zu tätigen (einem Gebiet, auf dem er keine Forschungen publiziert hat), und Püschel lehnt sich mit seiner gerichtsmedizinischen Expertise aus einem fachfremden Fenster. Die Frage, wie riskant eine Infektion mit Covid-19 ist, ist nämlich keine, die von den Medizinern beantwortet wird, sondern von den Statistikern. Es gibt bereits Daten darüber, wie groß die Wahrscheinlichkeit dafür ist, daß ein Einwohner der Bundesrepublik mit Alter x, Krankengeschichte y und Geschlecht z im Verlauf des nächsten Jahres sterben wird, und es ist eine Aufgabe des Data Minings, jetzt herauszuarbeiten, inwieweit sich diese Wahrscheinlichkeiten durch eine Infektion mit Covid-19 ändern. Bei 160000 positiv Getesteten in diesem Land sollte die Stichprobe aussagekräftig genug sein; einige Unsicherheitsfaktoren (wie die Wahrscheinlichkeit, trotz einer Infektion keine Symptome zu zeigen) müssen allerdings noch deutlicher werden. Aber in jedem Fall ist eine Aussage darüber, wie gefährlich eine Infektion ist, also wie sich die Sterbewahrscheinlichkeit verändert, verfrüht, denn sie kann nur die kurzfristig Verstorbenen erkennen.

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      Bei 80 Mio Einwohnern ergeben 160000 Infizierte einen prozentualen Anteil von 0,5 %. Wenn davon mindestens 80000 schon genesen sind, liegt das Risiko, z.B. im Supermarkt auf einen Covid-19-Virenträger zu treffen bei überschlägigen 0,25 %. Das sind 2,5 auf 1000. Dass ein derartig geringes aktuelles Risiko immer noch eine so übermächtige Welle an Gehorsamkeit, Expertengläubigkeit, Denunziationslust, Aggression, Depression, Schutzbedürfnis verursacht, kann ich mir nur mit einer ‚Angstlust‘ erklären. Keine besonders guten genetischen Voraussetzungen für eine freiheitliche Demokratie. Das macht mir ehrlich gesagt mehr Sorgen, als die paar Zyniker, die Risikogruppen wegsperren oder wegsterben lassen wollen. Der ‚große Elefant‘ im Raum ist doch längst das große Angst-Hysterie-Monster, stets auf der Suche nach ‚Volksschädlingen‘, ‚Brunnenvergiftern‘, die sich entweder nicht bei den ‚Maßnahmen‘ einreihen oder den Virus bewusst verteilen.

      Zur Wissenschaft: Mir ist völlig unverständlich, dass weder mathematische Modelle, die vergangene Epi- und Pandemien modellieren, zur Vorhersage herangezogen wurden, noch, dass das Problem spieltheoretisch durchgerechnet wurde, was mindestens die Erkenntnis gebracht hätte, dass eine Fixierung auf die Minimierung von’Corona-Toten‘ mehr Opfer fordern wird, als ’nichts‘ zu tun. Wir haben es nun mal – aber das ist keine ganz neue Entwicklung und ich drücke es mal subtil aus – mit allzu fachspezifischem Denken zu tun.

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        ..auch noch falsch gerechnet: 0,1% Infizierte, einer von Tausend.. und das mir..

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        „Der ‘große Elefant’ im Raum ist doch längst das große Angst-Hysterie-Monster, stets auf der Suche nach ‘Volksschädlingen’, ‘Brunnenvergiftern’, die sich entweder nicht bei den ‘Maßnahmen’ einreihen oder den Virus bewusst verteilen.“

        Wobei der Elefant aus meiner Beobachtung eher eine Gummiente ist. Palmer ist in allen Zeitungen, wirklich jedes Mainstreammedium publiziert Gegenmeinungen, jede Meinung eines Wirtschaftsverbandes wird verbreitet und ich komme mit dem Schauen von Dissidenten auf YouTube gar nicht mehr hinterher, so groß ist die Flut an Veröffentlichungen. Jetzt gibt es sogar wieder Demos. Wenn das Diktatur und Hexenjagd ist, fühlen sie sich gar nicht so dramatisch an.

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        Ich möchte Ihnen Ihr Sicherheitsgefühl nur ungern nehmen, lieber KJN, aber leider sieht die Ansteckungswahrscheinlichkeit etwas anders aus. Nehmen wir vereinfacht an, daß man sich mit einer Wahrscheinlichkeit p > 0 bei einer neuen Begegnung mit einer Person ansteckt und entsprechend mit Wahrscheinlichkeit q = 1 – p ohne Ansteckung bleibt. Dann ist die Wahrscheinlichkeit dafür, nach n unterschiedlichen Begegnungen immer noch ohne Ansteckung zu bleiben, gleich q^n, und da q < 1 ist, strebt dieser Wert für wachsendes n gegen Null.
        Mit der Annahme, daß die Ansteckungswahrscheinlichkeit pro Begegnung bei 1/1000 liegt, sind es knapp 700 Begegnungen, bis man mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% selbst infiziert ist, für p = 1/10000 liegt n bei knapp 7000 (errechnet sich aus log(0,5)/log(q)). Daher ist die Ansteckungswahrscheinlichkeit pro Begegnung zu verringern (etwa durch Gesichtsmasken), nur ein Schritt, um die Epidemie flach zu halten, und der ist kaum etwas wert, wenn nicht gleichzeitig auch die Zahl der Begegnungen gering bleibt. Die 700 Begegnungen aus dem obigen Beispiel hat man auf einem großstädtischen Weihnachtsmarkt wie dem in Frankfurt am Main problemlos an einem Adventssamstag absolviert.

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        Wozu etwas durchspielen, wenn man die Möglichkeit einer Pandemie vollkommen ignoriert ?
        Es gab in Deutschland keinerlei Vorbereitung auf so eine Situation, und dementsprechend auch keine Strategie. Wie eine Strategie hätte aussehen können, sieht man ich Schweden. Man muß nicht alles gut finden, was der schwedische Chefepidemiologe so macht. Aber daß Schweden im Gegensatz zu Deutschland eine Strategie hat, sieht man schon daran, daß es in Deutschland so etwas wie einen Chefepidemiologen gar nicht gibt.
        Hier haben wir stattdessen 17 Regierungschefs (1 Kanzlerin + 16 Ministerpräsidenten), die sich jeweils die „Experten“ suchen, die zur eigenen Meinung passen. Kraft Amtes wäre am besten der Präsident des Robert-Koch-Instituts geeignet, aber der ist derzeit Veterinär.

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    Ich sehe das, verehrte Frau Bednarz, nicht ganz so pessimistisch.

    Letztlich führt auch diese Pandemie in Abwägungsfragen, in denen der Schutz des Lebens vor einem Virus nicht absolut gesetzt werden kann! Das „warum“ dieser Unmöglichkeit ergibt sich bei einer Folgenbetrachtung – der menschlich bestmögliche Schutz vor dem Coronavirus kann sehr schnell in eine Situation führen, in der man durch längeres Lahmlegen einer Volkswirtschaft die Voraussetzungen dafür vernichtet, anderen menschen in der Zukunft noch effektiven Gesundheitsschutz gewähren zu können.

    Dass manche Menschen – vielleicht auch zum Eigenschutz (ihrer Psyche) – diese notwendige Debatte reichlich unsensibel führen, sollte bitte nicht über das angerissene Grundsatzdilemma hinwegtäuschen. Es ist immer sehr leicht (und immer das Ende jeder Debatte), sich in die Position des moralisch Überlegenen zu begeben und zu verlangen, man müsse „alles Menschenmögliche tun, um zu verhindern, dass (Beliebiges einsetzen) passiert“. Diese Position ist extrem einfach zu vertreten und verrät gleichzeitig den Unwillen oder die Unfähigkeit, Konflikte zu erkennen und zu benennen (weil man sich dadurch ja für böswillige Diskussionsgegner schuldig macht, kleine Kinder oder hier alte Leute zu verbrennen).

    Im übrigen machen wir uns alle täglich dieser Grausamkeit schuldig, ohne auch nur darüber nachzudenken. Wie nehmen z.B. achselzuckend mehrere tausend im wesentlichen durch motorisierten Verkehr verursachte Tote jährlich und zehntausende von Verletzten in Kauf, weil wir die Alternative – das absolute Verbot motorisierten Verkehrs – aus vielen Gründen für die schechtere Alternative halten. Ich könnte ohne Anstrengung dutzende dieser Beispiele anbringen, in denen der Schutz des Lebens gesellschaftlich eben nicht absolut gesetzt wird.

    Warum soll und muss das in der Corona-Debatte anders sein?

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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      Lieber Herr Haupts, Ihr Beitrag ist vernünftig und diskutabel. Ich bin aber anderer Meinung. Um mit dem letzten Punkt zu beginnen: Der Autoverkehr ist ein anders gelagertes Risiko, das wir aus bestimmten Gründen in Kauf nehmen. Dieses Risiko ist permanent und gilt für alle, die am Straßenverkehr teilnehmen. Nicht nur für Alte und Kranke oder z.B. Kinder, die alle eine besondere Fürsorge genießen. Hier gibt es außer Geschwindigkeitsbegrenzungen auch keine Therapie, keine Impfung und überhaupt nichts, was wir dagegen tun könnten – solange wir Auto fahren.

      Bei Corona ist das alles anders. Hier gibt es nach Stand der Dinge den Zeithorizont von ca. einem Jahr. Danach gibt es (hoffentlich, denn daran gibt es leider begründete Zweifel…) eine Impfung. Danach hat sich das Risiko und die Situation erledigt. Und bis dahin können wir durch die Lockdown-Maßnahmen etwas Wirkungsvolles tun. Die Wirkung zeigt sich in den Maßnahmen, die ja den Reporduktionsfaktor >1 halten und die zu meiner Überraschung viele dazu bringen anzunehmen, die Gefahr und die Krise seien vorüber (eine wirklich erstaunliche Kurzsichtigkeit).

      Ihr Hauptargument besteht in der Gegenüberstellung einer zukunftsfähigen Gesundheitsversorgung und den aktuellen Maßnahmen. (Dass „das Leben“ nicht als absoluter Wert gesetzt werden soll, schenke ich Ihnen; es reicht, wenn man es als höchstes Gut – d.h. relativ – fasst. Dann ist es höherwertig als „die Wirtschaft“, „die Freiheit“ usw. und der alte Spruch „Lieber tot als xy“ wäre zumindest für die Allgemeinheit falsch.)
      Hierzu würde ich sagen, dass die aktuellen Maßnahmen eben zu einer zukunftsfähigen Gesundheitsversorgung führen. D.h. es verhält sich gerade umgekehrt. Wir sehen, warum das bestehende System keine wirkliche Zukunftsfähigkeit hat: Es ist in einer Pandemie zu schnell überfordert (z.B. Italien). Was soll werden, wenn der nächste Virus nicht 0,3%, sondern 20% aller infizierten Menschen dahinrafft? Hierfür brauchen wir eine Strategie. Es ist gut, wenn die jetzt entsteht.

      Meines Erachtens laufen alle Gegenargumente derjenigen, die die Maßnahmen jetzt abschaffen wollen, darauf hinaus zu sagen: „Der Virus ist gar nicht so schlimm, wir haben alles im Griff“. Ich glaube aber, dass sie sich täuschen und der Virus schlimm genug ist – nicht für sie, die Kritiker natürlich (einige verdrängen gern, dass sie selber betroffen sind), aber für andere. Jeder sollte sich fragen, was wäre, wenn der Virus doch so schlimm ist? Oder ein anderer folgen wird, der so schlimm ist? Was tun wir dann? Wirklich so weiter machen, als wäre nichts gewesen, weil es so schön ist, und dabei in den Tod rennen? Ist das vernünftig?

      Wir brauchen ein Verfahren, das das Überleben sicherstellt. Jetz sind wir dabei, dafür erste Konzepte und Maßnahmen zu schaffen und Erfahrungen zu sammeln, die es vorher nicht gab. Das ist gut. Es gibt noch viele andere Katastrophern, für die wir ähnliche Konzepte brauchen (Meteoriteneinschlag, atomare Verseuchung, Ökokatastrophe, Klimawandel…). Aber für die Pandemie-Katastrophe haben wir bereits jetzt (für viele) den Ernstfall oder, wenn die Verharmloser recht haben, zumindest die sehr wichtige Generalprobe, die wir nutzen müssen. Gerade im Interesse eines zukunftsfähigen Gesundheitssystems.

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        Tach Herr Ziegler,

        ich verstehe Ihre Argumente und die dahinterstehende Haltung. Alles gut. Meine Antwort zielte eher darauf, zu verdeutlichen, dass man (begründet) anderer Auffassung sein kann und es dann nicht jeder/m gegeben ist, das so zu fassen, dass ihn/sie andere nicht für ein A* halten (bestimmte Leute werden das ohnehin immer tun, aber die lässt man besser unbeachtet).

        Gruss,
        Thorsten Haupts

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      Lassen Sie mich noch einen Gedanken hinterherschieben:

      WENN der bestmöglich menschenmachbare Schutz vor Corona das Ziel sein SOLL, dann hat die deutsche Regierung bereits versagt, im Vergleich zu den best practices sogar ziemlich drastisch, wie die Vergleiche mit Südkorea und Taiwan beweisen. Wir reden also schon lange nicht mehr über den bestmöglichen Schutz, sondern nur noch über den für tragbar gehaltenen Kompromiss zwischen „Anzahl der in Kauf zu nehmenden Toten“ und „Normalisierung des Alltagslebens“.

      Das ist natürlich in dieser Deutlichkeit so unangenehm, dass wir es weder von Journalisten noch von Politikern jemals zu hören bekommen werden …

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        Hierzu würde ich sagen, dass Sie das Ziel ganz richtig formuliert haben, es aber nie nur ein einziges Ziel gibt. Auch bei einer hierarchisch geordneten Liste von Zielen sollten auch die weiter unten geordneten Ziele verfolgt werden, nicht nur Ziel Nummer Eins. Das führt dann zu einer Balance. (Dass die deutsche Regierung nicht alles richtig gemacht hat, ist aber auch im Rahmen dieser Balance sicher wahr – man hätte früher und heftiger „locken“ sollen, bis alle Infektionskreise lokalisierbar sind. Andererseits kann man dieses Versäumnis damit entschuldigen, dass frühzeitigen Maßnahmen noch viel mehr Unverständnis hervorgerufen hätten, als es die verspäteten hervorrufen).

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        Richtige Maßnahmen führen ja dazu, dass es das Problem nicht gibt, das es ohne die Maßnahmen gegeben hätte. Aber dann kommen dieblondenhänse dieser Welt und sagen: „Was für ein Problem? Es gibt keins! Warum also die Maßnahmen?“

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    Sehr guter Beitrag, Frau Bednarz! Sie benennen, bestärken und kritisieren Positionen in der Debatte über die Maßnahmen in der aktuellen Gesundheitskrise. Die Debatte findet statt; Kritik evoziert bisweilen Antikritik – das ist dann selbstverständlich kein „Totalitarismus“. Die gesamte Debatte wird sowieso zum guten Teil mit heteronomen Elementen aufgeladen. Merkel ist eh scheiße, da kann ihre Corona-Politik auch nicht gut sein. (Man lese einen beliebigen Artikel zum Thema auf Achgut, besonders erhellend die Ergüsse eines Großteils der Claqueure im Kommentarbereich dortselbst oder eines blondenhans oder KF Buck hier).
    Corona, Flüchtlinge, Klimawandel – man könnte ja mal die „Systemfrage“ diskutieren anstatt alle gegen alle in Stellung zu bringen: Hartzer gg Flüchtlinge, Alte gg Junge etc pp. Aber daran besteht kein Interesse, offenbar.

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      Jo, die „Systemfrage“.

      Das verlässlich bequemste Ausweichvehikel, um der Erkenntnis auszuweichen, dass Menschen Menschen sind. Seit jahrzehnten.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

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        Genau, lieber Herr Haupts, deswegen heißt es ja auch „Systemfrage“, und nicht „Systempostulat“ oder so ähnlich. Ihre Aussage impliziert, dass das „System“ so ist, weil der Mensch so ist, wie er ist. Ist dieses Gegenargument nicht auch ziemlich bequem?
        Gruß zurück.

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    Frau Bednarz ist eine Person mit totalitärem Charakter. Sie hat ihre Meinung, „alternative“ Meinungen werden nicht einmal zur Kenntnis genommen. Es wäre ja anstrengend, die andere Meinung aufzunehmen und zu hinterfragen. Lieber heult man mit den Wölfen.

    Das Kennzeichen von Sozialisten ist, dass immer alles für alle bereitgestellt werden soll. Also ich lade 1,6 MIO Menschen ein, die leider keine Wohnung haben. Will man das ansprechen, so erntet man einen moralischen Shitstorm: Wie könne man nur eine Gruppe gegen eine andere ausspielen? Das Problem wird natürlich nicht gelöst, moralisieren reicht aus.

    Palmer hat recht: An Corona sterben Menschen zwischen 50 und 100 Jahren.
    Das arithmetische Mittel liegt bei 80 Jahren.

    Gerade Frauen wissen, wie man mit Jugend und Schönheit Geld verdienen kann.
    Je knuspriger das Huhn, desto höher der Preis.

    Merkel hat den grossen Hammer herausgeholt just zu dem Zeitpunkt, als die Epidemie schon am abebben war. Drosten und das RKI sind in der Kritik. Man hat das Gefühl, dass Merkel uns solange hinhalten soll, bis der Impfstoff ihres Kumpels Gates fertig ist.

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      Sie haben – mit freundlichem Verlaub – gepflegt einen an der Waffel :-). Darüberhinaus sind Sie ein wenig bürgerlicher Diskutant – kein Wort zu der Argumentation von LB, statt dessen ein wenig whataboutism gemischt mit ein paar offenbar innig gepflegten Vorurteilen und ein wenig Frauenfeindlichkeit. Frühverkalkung wäre meine freundölichste Interpretation – und ich danke Ihnen dafür, als Beispiel zu dienen, wie ich in 10 Jahren nicht argumentieren möchte.

      Knusprige Grüsse,
      Thorsten Haupts

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    Jede einzelne Obduktion erweitert den Wissensstand über diese neue Krankheit.
    Daher muß man Professor Püschel dankbar sein, daß in Hamburg JEDER der mutmaßlich an Covid19 verstorben ist, fachgerecht untersucht wurde. Befremdlich ist es dagegen, daß das Robert-Koch-Institut bis vor kurzem von Obduktionen abriet, angeblich zur Vermeidung von Infektionsrisiken bei den Pathologen.
    Befremdlich aus zwei Gründen:
    1. Warum ist das RKI nicht an Erkenntnisgewinn interessiert ?
    2. Wie schlecht muß es mit der wissenschaftlichen Expertise des RKI aussehen, wenn man nicht weiß, daß Pathologen bei JEDER Obduktion die größtmöglichen Sicherheitsstandards einhalten. Hat man seine Kenntnisse aus dem TV, wo Börne und Co. neben der geöffneten Leiche frühstücken ?

    Das RKI hat schließlich großen Einfluß auf die Entscheidungen der Politik. Und wenn das RKI offensichtlich an wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn nicht interessiert ist oder selbst nicht über genügend wissenschaftliche Expertise verfügt, fragt man sich schon, wie sinnvoll sind die politischen Entscheidungen, die auf den Rat eben dieses RKI basieren.
    Man muß kein Mediziner sein um zu erkennen, daß die Risiken durch das Corona-Virus in der Bevölkerung ungleichmäßig verteilt sind. Wäre es da nicht auch angebracht, die Einschränkungen ungleichmäßig zu verteilen ? Und dazu muß man halt auch wissen, wer zur Risikogruppe gehört und warum. dazu gehören halt auch Vorerkrankungen.
    Ist es wirklich notwendig, Kinder mit ihren Eltern monatelang zu Hause einzusperren, um die zur Risikogruppe gehörenden Großeltern zu schützen ? Wäre es nicht einfacher, auf Besuche bei den Großeltern zu verzichten, ansonsten aber das normale Leben weiter zu führen.
    Ich bin sicher, wir werden durch die Wissenschaft in Zukunft noch viele weitere Erkenntnisse über diese neue Krankheit gewinnen.
    Ich bin aber nicht sicher, daß daraus auch die richtigen Schlüsse gezogen und die richtigen politischen Entscheidungen gefällt werden.
    Absolut sicher bin ich dagegen, daß keiner unserer Politiker Fehler bei früheren Entscheidungen jemals eingestehen wird. Die entscheidenden Fehlentscheidungen sind nämlich schon vor langer Zeit gefallen, als man auf jegliche Vorbereitung auf eine Pandemie verzichtet hat, Gefahrenabwehrpläne wie sie in Industriebetrieben vorgeschrieben sind, scheinen der Politik vollkommen unbekannt zu sein.
    Das ist quasi die Vorerkrankung des politischen Systems. Daraus ergaben sich dann alle anderen Fehlentscheidungen.
    Da man auf eine Pandemie nicht vorbereitet war, hat man sie anfangs einfach ignoriert.
    Als man sie nicht mehr ignorieren konnte, hat man sie verharmlost.
    Als man sie angesichts der Bilder aus Italien nicht mehr verharmlosen konnte, hat man angefangen zu reagieren. Und da man ja keine vorbereiteten Gefahrenabwehrpläne hatte, hat man einfach mal improvisiert. Das aktuellste Beispiel dazu sind ja die Gesichtsmasken:
    Noch vor wenigen Wochen riet das RKI vor einer Benutzung ab, für Kanzlerin Merkel waren sie „Virenschleudern“. Mittlerweile gibt es eine gesetzliche Tragepflicht, allerdings ohne irgendwelche technischen Vorgaben. Manche ziehen sich einen gestrickten oder gehäkelten Schal vors Gesicht, und das war´s dann. Wie sollte der Staat auch technische Vorgaben machen, es gibt ja gar keine Maskenvorräte. Schon sind wir wieder beim Grundproblem, der „Vorerkrankung“ des politischen Systems.
    Die Äußerungen von Schäuble und Palmer stellen zumindest den bisherigen Konsens über die Alternativlosigkeit der bisherigen politischen Entscheidungen in Frage.

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      Lieber Gerald Wissler, dass mit den Lockdowns vor allem die „Vorerkrankungen des politischen Systems“ geschützt werden sollen, besonders, wenn die Gesundheitssysteme ‚auf Kante genäht‘ sind, können Sie im Ausland, sagen wir Südafrika oder Ecuador (ich schrieb darüber) sehr schön studieren. Umgekehrte Proportionalität von Kompetenz des politischen Personals zur Unerbittlichkeit des Lockdowns und der Ausgangssperren. Und der Faktor ‚Schwarzer Peter‘ wird ja überdeutlich., wenn Merkel jetzt Drosten kritisiert. Jeder will nach außen der größte Humanist sein, während unter dieser Wohltätigkeit und Fürsorge suggerierenden Oberfläche, bzw. Haltung schon von Anfang an der Zynismus ausgelebt wird: Sei es ‚trifft ja nur alte weiße Männer‘ bei der Linken oder Sozialdarwinismus bei der Rechten. Ich finde aber, bei gewissen Unzulänglichkeiten der Administration (keine Masken vorrätig), sollten wir durchaus etwas geduldiger sein, weil wir die Politik ansonsten zu noch mehr Scheinheiligkeit zwingen, aber auf der anderen Seite dürfen wir uns die Maßstäbe nicht verrücken lassen: Der Lockdown muss begründet werden und nicht dessen sofortige Beendigung. Es darf nicht sein, dass Schwarzer-Peter-Mechanismen zu einer Verlängerung des Lockdown führen und es darf schon gar nicht sein, dass die Hygiene-Diktatur mit Angst begründet wird. Ich weiß aus eigenem Erleben aus meiner Kindheit sehr genau, was Atemnot bedeutet und wenn hier Bilder von qualvoll sterbenden Kindern gemalt werden, hat das gerade deswegen einen enormen Ekelfaktor für mich. Ich denke, der anfängliche Aktionismus ist verzeihlich, aber derzeit sollte man/frau sich schon sehr genau überlegen, warum er/sie Palmer oder Schäuble kritisiert. Also ob bei den Personen wirklich die Abgründe liegen, oder nicht doch eher bei einem selber. Das Wort ‚Verdächtig‘ weckt nicht ohne Grund recht unangenehme Assoziationen. Zumindest verrät seine Benutzung in dieser Sache nicht gerade Scharfsinn oder gar Klugheit.

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    Sehe ich genauso, Frau Bednarz. In der Tat ein Abgrund. Aber was soll man sagen: Die Leute, sie sind halt so. Sie halten eine solche Solidaritätsmaßnahme zum Schutz der Eltern und Großeltern gerade mal 4 Wochen aus, danach machen sie schlapp und es geht nicht mehr. Dann kommen die seltsamsten Gedanken, plötzlich sieht man sich in einer Befreiungsaktion auf der Gefängnisinsel. Die Argumente mit den Leben, die die Solidaritätsmaßnahme bei den Armen kosten, sind jedenfalls hier in Deutschland an den Haaren herbeigezogen. Den Leidtragenden der Lockdownmaßnahmen kann man helfen, ohne dass sie sterben müssen (im Zweifelsfall mit Geldspritzen), den Leidtragenden des Virus aber nicht. Wir müssen warten, bis es einen Impfstoff gibt. Wenn die Reproduktionszahl über 1 steigt – und jeder weiß oder sollte wissen, dass das passieren wird, sobald „gelockert“ wird -, wird die Situation in den Krankenhäusern außer Kontrolle geraten. Eine einfache Logik, der jeder, auch nach ein paar Wochen Isolation, gewachsen sein sollte. Aber vorherzusehen, was passieren wird, ist sogar in so einfachen Fällen wohl zu schwer für viele.

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      … Massenquarantäne, ‚Lockdown‘, ‚Abriegelung‘, ‚Ausgangssperre‘, ‚Shutdown, ‚Stilllegung‘, ‚Abschaltung des öffentlichen Lebens‘ ist eine temporäre staatlich verordnete und durchgesetzte Quarantäne mit Einschränkungen des öffentlichen Lebens, um eine Epidemie oder Pandemie einzudämmen.

      Welche Pandemie? … das Hin und Her der deutschen Virologie – nachweislich von Bill Gates ‚geschmiert‘ ‚philantropiert‘ – geht Armin Laschet mächtig auf den Senkel: ‚Was zur Verunsicherung beiträgt: Wir haben dauernd die Bedingungen verändert!‘

      … die staatliche Gewalt allein in der Hand der Exekutivorgane hieß ‚früher‘ Schutzhaft für politisch Andersdenkende. In 2020 ist das ganze Volk ‚politisch andersdenkend‘. Oder?

      Elon Musk spricht von Faschismus. Ich auch.

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        Ich habe keine Lust, meine Zeit damit zu verschwenden, auf diesen Stuss, Sie Blonder, einzugehen. Ich lasse ihn deshalb so stehen.

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        Meine Güte: „Welche Pandemie?“ – machen Sie Ihre Augen auf. Schalten Sie Ihr Hirn ein. Fangen Sie an zu rechnen. Beginnen Sie mit 1, da ist es am einfachsten. Aber dann weiter mit 1,1. Schlagen Sie die Bevölkerungszahl nach. Kratzen Sie sich, falls das hilft, an Ihrem blonden Kopf. Sie schaffen das.

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        Also Sie glauben Bill Gates schmiert die Wissenschaftler und deshalb ist es bestimmt falsch, was die Wissenschaftler sagen?
        Und wenn Elon Musk von Faschismus spricht, dann weird das wohl richtig sein?
        Und was Armin Laschet nicht versteht, kann auch für denblondenhans nicht verständlich sein?
        Ich glaube und hoffe, Sie unterschätzen sich. Sie schmieren doch Bill Gates, oder benutzen Sie einen Mac? Und was sagt uns das, wenn der von Ihnen geschmierte Bill Gates seinerseits Wissenschaftler „schmiert“? Genau. Nichts.

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        Schick-Schnack-Schnuck. Lassen die Regierung die Geschäfte offen, opfert sie Menschen für Mammon. Schützt sie die Bevölkerung, ist es Faschismus. Bill Gates ist aus Eigeninteresse ein böser Mensch, Musk spricht dagegen klug, auch wenn gerade bei ihm das Eigeninteresse aus jeder Pore quillt. Das spielt auch alles keine Rolle, denn am Ende sind wir immer von den bösen Mächten beschissen worden. Noch nie war so offensichtlich, dass die Kollegen der Mustererkennung selbst mit denkfaulen Mustern arbeiten.
        Es gibt durchaus einen sinnvollen Diskurs über die Maßnahmen. Man kann zum Ergebnis kommen, dass man es anders machen würde und es gibt gute Argumente dafür. Eine Abwägung, ob man überhaupt die Ziele erreichen kann, gehört dazu. Um nichts davon geht es bei Palmer.
        Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die eine oder andere Maßnahme als übertrieben oder gar zu lasch erweisen wird. Geschenkt. Was sich aber jetzt schon zeigt ist, wer ernsthaft argumentiert und wer nur die gewohnten Knöpfe des Publikums drückt.

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        … mein lieber Herr Gesangsverein; ich liebe Diskussionsorgien. Nun ja, ich knabbere dafür keine Fingernägel.

        BILD, man glaubt es kaum; ‚Nur Ideologien kennen Absolutismen. Die Stärke der Demokratie ist, dass sie auch die unbequemsten Debatten aushält. Wenn sie sie aber verhindert, macht die Demokratie sich überflüssig. Das Einzige, was in der Demokratie alternativlos ist, ist die Debatte.‘

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        Nur Ideologien kennen Absolutismen.
        So isses lieber hans. Ihre Verschwörungstheorien hin oder her – Sie scheinen hier der einzige von den Damen und Herren ‚Demokraten‘ hier zu sein, die die Demokratie auch in Anwesenheit eines Grippe-Virus (Kekulé, gestern, Maischberger) hochhalten. Für mich sehr erhellend.

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    Danke für diesen Text. Ich gehöre zur Risikogruppe – offensichtlich wegen meines Alters (70J. – Meines Wissens keine Vorerkrankung – nie krank gewesen, nur einmal im Kontext einer Entbindung im Krankenhaus. Ich habe unmittelbar nach meiner Zurruhesetzung in diversen Projekten weitergearbeitet in den Ländern, zu denen ich davor schon beruflich Kontakt hatte, zuletzt in Ägypten, wo ich immer wieder für längere Zeit lebe und dort auch 2 Wohnungen habe. Ich habe im März kurzfristig einen Kongress in Russland abgesagt, viele Termine in Deutschland und am Ende eine Reise nach Kairo Ende März. Also auf Null heruntergefahren. Ich wohne wenige Minuten vom Haus meines Sohnes entfernt (wo ich eigentlich auch wohne – aber nun in meine Zweitwohnung, die gerade frei wurde, umgezogen bin), wo auch meine 3 Enkelkinder wohne, der jüngste hat das Licht der Welt gerade noch vor Corona erblickt mit allem Schönen, was dazu gehört, mein Sohn war dabei, die Großeltern waren wie die zwei älteren Kinder zu Besuch – und jetzt sind wir in der ungewöhnlichen Lage, dass wir die Kinder weder sehen, noch anfassen noch irgendetwas mit ihnen machen kann – natürlich Skypen etc. etc. Ich lese viel, ich schreibe, ich bin in einem sehr interessanten Philosophiekurs, den ich mit einem Kollegen organisiert habe – einmal wöchentlich. Ich treffe mich einmal in der Woche zu einem 2-stündigen Spaziergang mit einer Freundin, deren Mann seit 11 Jahren im Rollstuhl sitzt – und wo von einem Tag auf den anderen die Pflegerin aus Rumänien nach Hause geflogen ist (eine Riesenaufwand an Organisation, das wieder geregelt zu bekommen). Das alles habe ich bisher sozusagen treu und brav und im Vertrauen vor allem in Angela Merkel (klug, besonnen, verlässlich m. E.) und in den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg (besonnen, verlässlich). Ich halte Abstand und alle Regeln ein, die ich auch einsehe. Und heute höre ich den unsäglichen Satz von Boris Palmer und finde keine Worte mehr vor Empörung – und seine Erklärungen bei Markus Lanz waren dann noch schlimmer – da hat sich offensichtlich ein Männerbund zusammengetan und derartiges mit hanebüchenen Argumenten ausgetüftelt. Und Kekule hat von einem Fort Knox gesprochen, dass dann für Alte (und Vorerkrankte) errichtet werden muss, um sie zu isolieren (Fürsorge? – na ja, auf jeden Fall grundgesetzwidrig). Vermutlich hat er Probleme damit, dass er bei der Beratung der Regierung nicht an erster Stelle steht – so kommt mir das jedenfalls vor. Ich bin zumindest immer noch fit genug, um zumindest innerlich zu rebellieren. Wenn es so schlimm kommt, werde ich so bald wie möglich nach Ägypten fliegen und dort bleiben – da hilft nur noch auswandern.

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