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Rainer Bieling und die Judenverfolgung

 

Die neue Ausstellung des Jüdischen Museums, „A wie jüdisch“, habe ich noch nicht gesehen. Zufällig aber – nein, nicht zufällig: sie wurde mir zugeschickt – las ich folgende Besprechung von Rainer Bieling in dem „Hauptstadtbrief“ der Berliner Morgenpost. Sie ist in mehrfacher Hinsicht skandalös.

Die Ausstellung behandelt nach eigener Auskunft „Musik und Jugendkultur, Erinnerung und Traditionen, Sprachen und Heimat: Zweiundzwanzig Impressionen beleuchten deutschen Alltag von säkularen oder religiösen, alteingesessenen oder gerade in Deutschland angekommenen Jüdinnen*Juden.“

Bieling aber beginnt seine Besprechung mit folgendem Hinweis: „Den meisten Berlinern heute wird nicht bekannt sein, dass etliche Bürger ihrer Stadt einst großen Mut zeigten. Eine neue Ausstellung ist ein guter Anlass, daran zu erinnern. Sie heißt „A wie Jüdisch – In 22 Buchstaben durch die Gegenwart“

Nun hat die Ausstellung erkennbar nichts mit der Vergangenheit zu tun, und das ist gut so. Bierling aber widmet nur 5 Zeilen seiner Besprechung der Ausstellung und der Gegenwart, den ganzen Rest des Artikels jener Vergangenheit, die nicht in der Ausstellung thematisiert wurde. Schräg.

Noch schräger aber ist seine Darstellung jener Vergangenheit. Ich sehe darüber hinweg, dass Bieling – zumindest implizit – so tut, als wären die jüdischen Berliner von heute vor allem Nachfahren der 1700 Berliner Juden, die Hitler überlebten: die traurigen Überreste von einst über 160.000 Juden in der Stadt (und das waren nur die eingetragenen Mitglieder der jüdischen Gemeinde). Wenn die Zahl der Gemeindemitglieder dank osteuropäischer Zuwanderung nach 1945 und vor allem russischer Zuwanderung nach 1990 heute etwa 15.000 beträgt, also ein Zehntel der damaligen Mitglieder, so mag man das mit Bieling „ein kleines Wunder“ nennen, doch würde ich immer noch das Adjektiv betonen.

Waren die Nazis einfach irgendeine Regierung?

Ich sehe überdies darüber hinweg, dass Bieling schreibt: „Dass (dem) Vernichtungswillen (der Nazis) etwa 1700 jüdische Bürger entgingen, lag an jenen Berlinern, die ihren Mitbürgern halfen zu überleben.“ Ähm, nein. Diese Juden, die seit 1933 ständiger Verfolgung ausgesetzt gewesen waren, größtenteils unter dem Beifall ihrer Nachbarn und Arbeitskollegen, überlebten vor allen aufgrund ihrer Zähigkeit, ihrer Courage, ihres Willens – und auch einer Portion Glück. Das schmälert nicht die Leistung jener Berliner, die ihnen halfen. Aber die Überlebenden – ich wiederhole es – waren die Helden ihrer Geschichte.

Sehr merkwürdig ist, dass Bieling nirgends das Wort Nationalsozialisten verwendet und nie von Diktatur redet. Stattdessen spricht er von „(den) Politikern, die bis 1945 regierten und dann am 8. Mai kapitulierten“, was erstens falsch ist, denn am 8. Mai kapitulierten die Streitkräfte, nicht „die Politiker“, und zweitens so tut, als seien Hitler und Konsorten ganz normale „Politiker“, die normal „regierten“. Warum?

Bieling über die Judenverfolgung in Deutschland: „(Sie) beginnt gleich nach dem Regierungswechsel 1933. Eine neue Generation von politischen Entscheidern löste binnen weniger Wochen ihr zentrales Wahlversprechen ein: Arbeitsplätze schaffen für deutsche Volksgenossen. Im damaligen Politsprech waren das jene Bürger, die mit dem Taufschein nachweisen konnten, dass sie christlich waren.“

1933 war aber kein einfacher „Regierungswechsel“, und die Nazis waren keine „neue Generation politischer Entscheider“. Damit die Judenverfolgung richtig in Gang kommen konnte, musste Deutschland in eine Diktatur verwandelt werden durch die Selbstentmachtung der bürgerlichen Parteien – das „Ermächtigungsgesetz“ – und das Verbot von KPD und SPD, die entsprechenden Gesetze und Notverordnungen, die Rollkommandos von SA und SS und so weiter.

Machte der Taufschein aus einem Juden einen Volksgenossen?

Außerdem waren deutsche Volksgenossen keineswegs „jene Bürger, die mit dem Taufschein nachweisen konnten, dass sie christlich waren“. Vielmehr mussten auch Bielings Vorfahren einen „Ariernachweis“ vorlegen, der bewies, dass alle vier Großeltern und beide Elternteile getauft worden waren. Ein Taufschein nutzte einem Juden, also einem Menschen mit drei oder vier jüdischen Großeltern gar nichts, einem „Halbjuden“ wie mir mit zwei jüdischen Großeltern immerhin etwas – machte aber aus ihm noch lange keinen „Volksgenossen“.

Es ging doch nicht um die Religion, sondern um die Rasse. Ja, obwohl sie Taufscheine der Großeltern als „Ariernachweise“ verlangten (die DNA war damals unbekannt), waren die Nazis antireligiös und hatten langfristig vor, die christlichen Kirchen zurückzudrängen. Viele NSDAP-Mitglieder traten aus ihren jeweiligen Kirchen aus. Wie kann ein Deutscher im Jahr 2018 so wenig über die Rassenpolitik des Dritten Reichs wissen?

Wurden die Juden bekämpft, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen?

Geradezu irre ist Bielings Erklärung für Hitlers Erfolge im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit:

„Gleich im April 1933 legte das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums fest, dass alle Bürger jüdischer Religionszugehörigkeit aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen seien. Tausende von ihnen mussten ihre Stellen räumen. Arbeitslose Juristen und Mediziner profitierten besonders: Die einen kamen in der Verwaltung unter, die anderen in staatlichen Krankenhäusern. Das akademische Prekariat war damals so groß, wie es heute wieder ist.“

Nun, erstens ist das akademische Prekariat, was immer das sein soll, heute keineswegs so groß wie damals. Und zweitens wurde der öffentliche Dienst nicht deshalb arisiert, um arbeitslosen Akademikern Stellen zu verschaffen, auch wenn das hier und dort ein Kollateralnutzen der Berufsverbote gegen Juden war. Die Arierparagraphen im Öffentlichen Dienst waren der erste Schritt der von vorn herein geplanten völligen Entfernung der Juden aus Deutschland – ein Plan, den der offensichtlich immer noch in vulgärmarxistischen Begriffen denkende Bieling nicht erwähnt.

Im Übrigen hatte die Reduzierung der Arbeitslosigkeit von über sechs Millionen 1933 auf 2,5 Millionen im Juni 1934 – und dann auf etwas mehr als eine Million 1935 so gut wie gar nichts zu tun mit der Entfernung der Juden aus dem öffentlichen Dienst und dem Geschäftsleben. Da es in ganz Deutschland 1933 nur 563 733 Juden gab, so hätte – selbst wenn man unterstellt, dass jeder von ihnen eine Arbeitsstelle hatte, die einem Volksgenossen gegeben werden konnte, was offensichtlicher Unsinn ist – die Wegnahme der Arbeit von Juden, um sie Ariern zu geben, kaum etwas an der Arbeitslosenstatistik geändert.

Bieling aber unterstellt weiterhin die Habgier als Hauptmotiv für die Judenverfolgung: „Von der Dankbarkeit ihrer Gefolgschaft beflügelt, machte die neue Regierung bald vor nichts mehr halt, wenn es darum ging, den einen zu nehmen, um den anderen zu geben: Berufsverbote für jüdische Bürger zwangen Ärzte ihre Praxen, Anwälte ihre Kanzleien, Geschäftsleute ihre Läden, Gewerbetreibende ihre Unternehmen aufzugeben. Entrechtung und Enteignung gingen Hand in Hand. Am Ende wurden jüdische Bürger, die sich dem Zugriff nicht rechtzeitig durch Flucht aus Deutschland entzogen hatten, deportiert und umgebracht.“

Bieling unterstellt, die „neue Regierung“ habe also keinen Plan gehabt, Deutschland „judenrein“ zu machen, obwohl es so im Parteiprogramm stand und von allen Parteigenossen als Bekenntnis abverlangt wurde, wie Himmler in seiner „Posener Rede“ feststellte, sondern sei „durch die Dankbarkeit ihrer Gefolgschaft beflügelt worden“ weiter zu gehen. Man fasst sich an den Kopf angesichts solcher Pseudo-Geschichtsschreibung, auch noch im „Hauptstadtbrief“ einer angesehenen Berliner Zeitung.

Rainer Bieling ist dringend zu raten, wenigstens eine Darstellung der Judenverfolgung im Dritten Reich zu lesen, bevor er sich erneut zum Thema zu Wort meldet. Ich empfehle die Arbeiten Saul Friedländers.

 

 

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13 thoughts on “Rainer Bieling und die Judenverfolgung

  1. avatar

    Lieber Herr Posener,

    warum schreiben Sie denn von mir wie von einem Alien? Sie kennen mich doch seit Jahren, und wir haben uns in diesem Jahr 2018 gelegentlich unterhalten und auch ein Bier zusammen getrunken. Ich bin doch nur einen Mausklick entfernt, ob mit Email oder SMS, wenn Sie mir als Kollegen sagen wollen, dass Sie gar nicht einverstanden sind mit einem Artikel, oder fragen wollen, ob Sie mich richtig verstanden haben, wenn ich dies oder das schreibe.

    Fast alles, was Sie schreiben, ist Projektion: Posener, nicht Bieling. Gut, dass Sie meinen Beitrag im HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag verlinkt hatten, da konnte jeder Leser, den es interessiert, nachsehen, was schreibt Bieling, was glaubt Posner zu lesen. Ich kann Ihnen also nichts entgegnen, was nicht schon in meinem Beitrag gestanden hätte.

    Einen Satz möchte ich gern zurückgeben: „Wie kann ein Deutscher im Jahr 2018 so wenig über die Rassenpolitik des Dritten Reichs wissen?“ Das, lieber Herr Posener, sollten Sie als Rechercheauftrag an sich selbst begreifen. Was Sie nicht wissen können: Die Asymmetrie zwischen dem, was Sie glauben, und dem, was ich weiß, ist riesig. Das liegt daran, dass ich seit 8 Jahren wöchentlich das Abendgymnasium für die Geschichte des Nationalsozialismus besuche. Es heißt Topographie des Terrors, und dort habe ich alles das gelernt, was meinem Beitrag explizit und mehr noch implizit zugrunde liegt.

    Der Text ist also gerade nicht in vulgärmarxistischen Begriffen gedacht, sondern ganz auf der Höhe der Zeit – und die ist eben nicht mehr die maoistische von 1970. Gern lade ich Sie auf ein Bier ein und teile mein Wissen mit Ihnen. Bei 48 Jahren Rückstand wird das dann wohl bei einem nicht bleiben. Darauf freut sich

    herzlichst Ihr
    Rainer Bieling

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      Lieber Rainer Bieling, Ihr Kommentar ist argumentationsfrei und insofern in der Sache uninteressant. Interessant finde ich aber Ihre Vorstellung, dass ich, wenn ich einen “Kollegen” kritisiere, das nicht öffentlich tun sollte – jedenfalls nicht, wenn ich mit ihm gelegentlich ein Bier getrunken habe. Genau so stellt sich Klein-Erna von der AfD die Sache bei der “Lügenpresse” vor: Da hackt keine Krähe der anderen ein Auge aus. Ich halte es anders. Jede Kritik ist selbstverständlich auch ein Gesprächsangebot. Aber bitte mit offenem Visier und mit Argumenten statt mit dämlichen Anspielungen: “Der Text ist (…) ganz auf der Höhe der Zeit – und die ist eben nicht mehr die maoistische von 1970.” usw. usf. Das ist selbst unter Ihrem Niveau.

    2. avatar

      Und was die Topographie des Terrors angeht, so zeugt Ihr Artikel in WELT von jener bräsigen Selbstzufriedenheit, die auch den Artikel im “Hauptstadtbrief” kennzeichnet:
      https://www.welt.de/kultur/history/article107737611/Von-Deutschland-lernen-heisst-erinnern-lernen.html
      Dass Sie ihn beenden mit dem Vorschlag, die Erinnerung an Käthe Niederkirchner, eines Opfers der SS, ausgerechnet an dieser Stelle auszulöschen, weil sie das Pech hat, als Kommunistin in Ihren Augen der Erinnerung nicht wert zu sein, passt zu jener Einstellung, die Sie selbstentlarvend genug so beschreiben: “Im Wochenrhythmus flaniere ich (…) durch eine Welt der Verbrechen gegen die Menschheit, die ich aus immer neuem Blickwinkeln kennenlerne. Am Ende ziehe ich mit dem guten Gefühl einer gedanklichen Bereicherung von hinnen, das sich nicht nur aus der Genugtuung speist, dass wir, die Deutschen von heute, den Nationalsozialismus nach 67 Jahren tatsächlich politisch und moralisch besiegt haben…” Womit sie genau das Falsche gelernt haben: “Von Deutschland lernen, heißt erinnern lernen.” Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre.

  2. avatar

    Ich maße mir weder über die Ausstellung noch über die Besprechung von Herrn Bieling ein Urteil an.
    Aber wurde das Thema Habgier als Motiv nicht schon öfters angebracht, und ist es wirklich falsch ?
    Für die überzeugten Ideologen war es wohl nur ein willkommener Nebeneffekt, aber für viele willige Komplizen war es möglicherweise Hauptantriebsgrund.

  3. avatar

    “Rainer Bieling ist dringend zu raten, wenigstens eine Darstellung der Judenverfolgung im Dritten Reich zu lesen, bevor er sich erneut zum Thema zu Wort meldet. Ich empfehle die Arbeiten Saul Friedländers.”
    Nun, Götz Alys “Volksstaat” wird er wohl gelesen haben.

    1. avatar

      Nein, das glaube ich nicht. Aly unterstreicht, weshalb Hitler populär war: KdF usw. Aly unterstellt aber nicht, die Arisierung des Öffentlichen Dienstes sei eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Volksgenossen.

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        Er wird Alys “Volksstaat” nicht selbst gelesen haben. Meint aber (so guten Gewissens wie völlig ahnungslos), Alys ‘materialistischen Ansatz’ fortzuschreiben. Sieht schon arg danach aus.

  4. avatar

    Es gibt Blog-Beiträge die wirken wie eine vollendete Kantate, wo jeder Zusatz nur stören
    würde – dieser hier ist so einer. Als Nachfahre jüdischer Großeltern in einer Linie darf es mir erlaubt sein ein Danke für diese Sätze schreiben, denn jedes Nach-Wort würde eben nur den Inhalt stören.
    Nur ein Zitat soll mir gestattet sein:
    “Aber die Überlebenden – ich wiederhole es – waren die Helden ihrer Geschichte.”

  5. avatar

    Rainer Bieling: “Politiker […], die bis 1945 regierten”

    Adolf Hitler gelesen: “Ich aber beschloß, Politiker zu werden.”

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