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Vielleicht brauchen wir ein bisschen ganz gewöhnlichen Antisemitismus

Ich zögere, diesen Artikel zu veröffentlichen. Man muss sich heute darauf gefasst machen, dass einem jedes Wort im Munde umgedreht wird. Das hier ist nur ein fast schon komisches Beispiel:

http://antifo.wordpress.com/2010/02/08/alan-posener-die-gaskammern-wurden-nur-erfunden/

Also: Um von vorn herein möglichst viele Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: ich bin bekanntermaßen – man möchte beinahe sagen berüchtigtermaßen – ein Anhänger der politischen Korrektheit:

http://www.welt.de/politik/deutschland/article5466538/Eine-Verteidigung-der-politischen-Korrektheit.html

Davon nehme ich kein Wort zurück.

Aber vielleicht ist es mit der politischen Korrektheit so wie mit allen Tugenden der Zivilisation – also „Sekundartugenden“, um mit Oskar Lafontaine zu reden: Sie sind unnatürlich und anstrengend. In ihrer großen Weisheit hat die Katholische Kirche darum den römischen (und vermutlich sogar vor-römischen) Brauch der Saturnalien übernommen, der „tollen Tage“, in denen für kurze Zeit die Moralgesetze außer Kraft gesetzt werden, und auf die sinnigerweise nicht nur ein Kater, sondern auch die Fastenzeit folgt.

Betrachten Sie also bitte die folgenden Ausführungen als Plädoyer für eine gelegentliche – vielleicht sogar kalendarisch festgelegte – Auszeit von der politischen Korrektheit. Vor allem aber: Nehmen Sie das nicht allzu protestantisch-bierernst.

 

Als Kind im London der frühen 1950er Jahre war ich von einem selbstverständlichen Rassismus umgeben. Gab einer von seinen Bonbons nicht ab, sagten wir: „Don’t be a Jew!“ Franzosen waren „Frogs“, Italiener „Eyeties“, die man wegen ihres Versagens und Seitenwechsels im Krieg verachtete, anders als die tapferen Norweger und Polen. Man duldete die Schwarzen, die als Busschaffner und Krankenschwestern importiert worden waren und die meine Großmutter „Darkies“ nannte, aber auf die rhetorische Frage, „Would you like your daughter to marry one?“ antwortete niemand „Why not?“ Meine Mutter hatte nichts gegen Schwarze, verachtete jedoch Amerikaner, Iren und Waliser, nicht immer in dieser Reihenfolge. Jedes Jahr am 5. November verbrannten wir eine Puppe, die den katholischen Terroristen Guy Fawkes symbolisierte. Katholiken waren uns Kindern unheimlich. Ob ich je einen echten Katholiken zu Gesicht bekommen habe, weiß ich nicht.

 

In Kuala Lumpur war es wenig anders. Dass wir Briten dazu bestimmt waren, der Welt die Zivilisation zu bringen, war klar und nötigte uns bestimmte Verhaltensweisen auf.  Eine weiße Frau zum Beispiel zeigte sich nie im Bikini oder im aufreizenden Kleid vor den Eingeborenen. Man wusste, wie wenig sie sich in der Gewalt hatten. Deshalb gab es getrennte Schwimmbäder und Strände für uns und für die anderen. Ein weißer Mann sollte sich nicht betrunken vor den Eingeborenen zeigen, wegen der Würde. Deshalb schüttete man sich in seinen eigenen Clubs zu. Eine Rassentrennung gab es nicht, aber Nichtweiße verirrten sich fast nie dort hinein, und auch Juden wie mein Vater fühlten sich dort oft irgendwie nicht willkommen. Ein weißes Kind sollte immer ein Vorbild an Höflichkeit sein. Schließlich war man etwas Besseres. Inder waren gute Arbeiter, es sei denn, sie waren Sikhs oder Gurkhas, dann waren sie gute Soldaten und Polizisten. Malaien waren charmant, aber faul. Die Chinesen waren „die Juden des Ostens“: ehrgeizig – etwas zu ehrgeizig; klug – etwas zu klug; und geschäftstüchtig – etwas zu geschäftstüchtig. Die muslimischen Malaien verachteten die Inder, Chinesen und Europäer als Schweinefleisch essende Ungläubige. Die hinduistischen Inder hassten die Malaien wegen ihrer Überheblichkeit, die Chinesen wegen ihres Reichtums und die Europäer aus Prinzip. Die buddhistischen Chinesen verachteten die Malaien, fürchteten die Inder und beobachteten die Europäer mit unterwürfiger Herablassung. Kurzum: man kam gut miteinander aus.

 

Es war ein Schock für mich, nach Deutschland auf eine Reformschule zu kommen, wo es gar keine Vorurteile gab. Das stimmt natürlich nicht ganz: Es waren ja die 1960er Jahre. Erwischten die Lehrer einen Jungen und ein Mädchen beim Sex, wurde das Mädchen härter bestraft: sie hatte natürlich ihn verführt. Vor der Evangelischen Kirche hing ein Plakat, das ein Mädchen zwischen drei Jungen zeigte, dazu die Parole: „Wer wechselt, wird bald Kleingeld!“ Leute wie ich, die ihre Haare lang wachsen ließen, wurden als mädchenhaft, also schwul, dekadent und unzuverlässig im Kampf gegen den Kommunismus verdächtigt. Und meine damalige Freundin versichert mir, ihre Mutter habe gesagt, sie solle nie wieder „den dreckigen Juden“ mit nach Hause bringen, was ich bis heute schwer zu glauben finde. Das war eine sehr nette alte Dame. Dreckig ja, aber Jude? Trotzdem: Alles in allem war die ganze Atmosphäre in Deutschland, zumal auf der von der SPD geprägten Schulfarm, merkwürdig allgemeinmenschlich.

 

Manchmal frage ich mich, ob das gut war, ob das gut ist.

Jahrhunderte lang suhlt man sich in seinen Vorurteilen, insbesondere gegen Juden, lebt sie schließlich bis zum Exzess aus – und plötzlich, vom 7. auf den 8. Mai 1945, wird man allgemeinmenschlich. Das kann nicht gut gehen.

 

Manchmal frage ich mich, ob der merkwürdige Selbsthass, der etwa im Antiimperialismus zum Ausdruck kommt, nicht der neurotische Ausdruck verdrängter Xenophobie ist. Man liebt afrikanische, südamerikanische oder arabische, ja auch portugiesische und italienische, selbst irische Volksmusik, hasst aber die Oberötztaler Holzfällerbuam. Blut und Boden ist eine reaktionäre Ideologie, wenn sie von Deutschen (oder Zionisten) vertreten wird, aber fortschrittlich, wenn es um „indigene Völker“ geht. Man ist gegen das Christen-, aber für das Schamanentum, gegen Klosterfrau Melissengeist, aber für die Heilkräuter der weisen Frauen vom Amazonasbecken. Man hasst den aufgeklärten Imperialismus, liebt aber irgendwelche hasserfüllten Befreiungschauvinisten. Man hasst die deutschen Vertriebenenverbände, aber vergießt heiße Tränen beim Gedanken daran, dass der Enkel eines der arabischen Vertriebenen von 1948 nie mehr seine Lehmhütte in Akko zurückbekommen wird, weil der Jude auf dem Grundstück eine Recyclinganlage gebaut hat.

 

Manchmal frage ich mich, ob die merkwürdigen Blüten der „Israelkritik“ nicht auch Ergebnis der Tatsache sind, dass ein ganz normaler Antisemitismus nicht ausgelebt werden kann. Es ist ja kein Zufall, dass überall – übrigens am heftigsten  unter Leuten, die sich ansonsten als Freunde Israels bezeichnen – gegen die „politische Korrektheit“ gewettert wird. Irgendwas will, ja muss raus. Inzwischen ist es OK, wenn auch nicht PC, zu sagen, dass der Islam keine Religion ist, sondern eine politische Weltunterwerfungsideologie. Beim Judentum – der Vorwurf gegen den Islam ist offensichtlich vom radikalen Antisemitismus abgekupfert – geht das immer noch nicht. Inzwischen ist es OK, wenn auch nicht PC, zu sagen, die muslimischen Zuwanderer verschlechtern bedenklich unser Genpool. Bei den Juden wird eher bedauert, dass es nicht mehr von ihnen gibt, damit wir alle so klug und geschäftstüchtig werden wie sie. Was natürlich auch eine Form des Antisemitismus ist – siehe oben unter Chinesen.  Wäre die Beschneidung eine rein muslimische Angelegenheit, sie wäre längst verboten. Da die Juden das auch machen, werden wir demnächst eine neue Castingshow haben: „Germany’s Next Top Mohel“.

 

Meinem Vater war der Philosemitismus in Nachkriegswestdeutschland ungeheuer. Die deutschen Sympathien für Israel im Sechstagekrieg tat er mit einem Achselzucken ab: „Sie jubeln Moshe Dayan nur zu, weil sie in ihm den neuen Rommel sehen. Und weil sie die zurückgelassenen Schuhberge der fliehenden arabischen Soldaten an etwas erinnern.“ Noch schlimmer fand er die deutsche Liebe zur Klezmermusik, die damals mit dem Musical „Anatevka“ aufkam, in dem die Zwangsehe verherrlicht wird. Nun gut, er mochte weder Dayan noch Klezmer, aber das war es ja: Warum sagte niemand außer mir, fragte er sich, dass Dayan ein arroganter Schnösel ist und dass Klezmer wie Katzengejaule klingt? Muss man alles toll finden, was Juden machen? Nun, das änderte sich bald darauf.

 

Es ist nicht so, dass der ganz normale Antisemitismus angenehm gewesen wäre. Mein Großonkel Paul Oppenheim war Privatgelehrter – ein anerkannter Paläontologe. Sein Wunsch, eine Professur ehrenhalber an der Berliner Universität zu erhalten, wurde um 1900 mit der Bemerkung abgelehnt, er offenbare die „typische Aufdringlichkeit seiner Rasse“. Mein Onkel Karl Posener meldete sich 1914 als Fünfzehnjähriger freiwillig zur Truppe. Als er vor Verdun nach einem Granateinschlag verschüttet und mit einem Schütteltrauma in die Schönower Nervenheilanstalt kam, diagnostizierten die Ärzte die „typische Nervenschwäche seiner Rasse“. Als er einige Monate später an die Front zurückkehrte, sprach natürlich keiner von der typischen Widerstandskraft seiner Rasse. Mein Onkel Ludwig wurde 1920 als Gymnasiast von einem auf den anderen Tag Zionist, nachdem sein bester Freund, ein Adeliger, ihn um Verständnis darum bat, dass er „jemanden wie dich“ nicht zu seiner Geburtstagsfeier einladen könne. Er meinte ja nicht: „einen Bürgerlichen wie dich“. Mein Vater kam um die gleiche Zeit oft mit einer blutigen Lippe von der Schule nach Hause, weil sein Vater darauf bestand, „Blut zu sehen, wenn von irgendwoher gewisse Bemerkungen fallen“. Sie fielen halt. Nein, das war nicht angenehm. Aber man wusste, woran man war.

 

Es ist ja nicht so, dass es heute keinen ganz gewöhnlichen Antisemitismus gäbe. Auch auf der Reformschule meinte ein – mir sehr gewogener – Geschichtslehrer: Dass die Juden Ferment der Dekomposition seien, das könne man kaum bestreiten und müsse es ja auch positiv verstehen. Schließlich sei nach Goethe alles, was entsteht, wert, dass es zugrunde geht. Der nette Kellner beim Griechen lobt seine Heimatstadt, insbesondere die schöne Promenade am Meer, „wo allerdings die besten Grundstücke den Juden gehören, wie überall in der Welt“. Ich lächele und beschließe, fortan einen anderen Griechen zu besuchen. Nicht, dass ich mir einbildete, dort würde man anders denken. Aber die Gedanken sind frei.  „Bei dem wird die Verhandlung schwierig, er ist Jude, du weißt doch, wie die sind“, sagt einer der beiden Immobilienmakler zum anderen am Nebentisch bei Borchardts. Der berühmte linksliberale Verleger lobt beim Kaffee im Literaturhaus hingegen die Juden, eben „weil sie immer zusammenhalten“. Der befreundete Jung’sche Psychotherapeut meint, es sei nun einmal eine Tatsache, dass die Juden nach dem Motto handelten Aug um Auge, Zahn um Zahn, während die Christen wenigstens in der Theorie das Gesetz der Rache überwunden, dabei also im Gegensatz zu den Juden wenigstens Gewissensbisse hätten. Der befreundete Reiseschriftsteller meint, auch ihm ginge Friedman auf den Wecker, wenn man den sehe, könne man verstehen, weshalb die Leute Antisemiten würden. Der Student am Büchertisch der BüSo verweist auf Bilderberg und Goldman Sachs: Wer beherrscht die Welt? Das wisse doch jeder. Und so weiter und so fort. Nur spielt das – anders als der Islam-, Türken- oder Araberhass, der Antiamerikanismus oder die Israelkritik – in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle.

 

„Das wird man doch noch sagen dürfen“ gilt nur in Bezug auf Muslime. Das ist nicht fair, wie es in der Kinowerbung für Ben & Jerrys Eis heißt. Israel kriegt den ganzen verdrucksten Antisemitismus ab. Das ist auch nicht fair.

 

Nur raus damit. Nicht jeder Antisemitismus ist eliminatorisch, es geht nicht um Gaskammern und Sonderkommandos. Juden sind ja auch Menschen, wie man noch in den 1960er Jahren in aller Unschuld sagte. Aber man wird doch noch sagen dürfen, dass man sie nicht besonders mag, oder? Sagen wir: an drei tollen Tagen im Jahr. Wer traut sich?

 

 

 

 

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133 Gedanken zu “Vielleicht brauchen wir ein bisschen ganz gewöhnlichen Antisemitismus;”

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    @ Parisien

    Sie schreiben “Und falls Sie hiermit “das mit dem Verhalten der Juden nicht das geringste zu tun hat” insinuieren , es hätte etwas damit zu tun, müssen Sie auch in Kauf nehmen, dass das entsprechend eingeordnet wird, Sie wissen wo.”

    Schauen Sie, Sie schauen noch nicht mal Anschauungsmeterial an, anhand dessen Sie entscheiden könnten, ob eine Aussage zutrifft oder nicht, Israelkritik zutrifft oder nicht und mit dem Verhalten von Israelis zu tun hat oder nicht. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie aus dem Stande eines blinden Huhns oder eines Vogel Strauß in den Stand eines mehr aufgeklärten Israelfreundes kommen können, wenn Sie den Tatsachen ins Gesicht schauen. Also schauen Sie mal die Doku “Töte zuerst” (The Gatekeepers). Serdar hat die Links gegeben. Wenn Sie sich das nicht zumuten wollen, sollten Sie in Zukunft schweigen, wenn das Thema Israel oder die Juden ist.

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    @Parisien: ein wundervolles Gedicht. Gerne dürfen Sie weiterhin nach Herzenslust meckern, aber auch ich darf mal.

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    @ Roland Ziegler

    Gut. Es gibt ja noch Messer zu kaufen. Stop meckern.

    Erklärung:

    Mein Kind, wir waren Kinder,
    Zwei Kinder, klein und froh;
    Wir krochen ins Hühnerhäuschen
    Versteckten uns unter das Stroh.

    …. weitere vier Strophen

    Wir saßen auch oft und sprachen
    Vernünftig, wie alte Leut’
    Und klagten, wie alles besser
    Gewesen zu unserer Zeit;

    Wie Lieb und Treu und Glauben
    Verschwunden aus der Welt,
    Und wie so teuer der Kaffee
    Und wie so rar das Geld! – – –

    Heinrich Heine, Die Heimkehr, XXXVIII

    Sehen Sie, es war schon immer so. Deswegen lassen Sie mich als Älteren, wieder Kindlicheren, ruhig mal meckern. In 20 Jahren sagen Sie vielleicht:
    Die Leute können nicht mal mehr eine Tastatur bedienen oder sich die Hände waschen, diese Unart mit dem touch screen mit den Fettflecken!
    Aber der Moritz Berger sollte schon seine Birnen auswechseln dürfen.

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    @Parisien: Ich muss schon wieder mit Ihnen meckern, tut mir leid. Aber Sie schreiben: “Sie finden sicher schon Leute, die nicht mehr wissen, wie man eine Ananas schält oder eine Kokosnuss öffnet.”
    Diese ältlich-pessimistische Litanei durchzieht 90% Ihrer Äußerungen, wenn Sie nicht gerade über andere Länder oder künstlerische Produkte schreiben, was wesentlich angenehmer zu lesen ist. Entschuldigung, aber das ist nichts anderes als das übliche Gejammere von wegen früher war alles viel besser und die Jugend von heute. Wenn es nur die Tonart wäre! Blues höre ich schon auch sehr gerne; da geht es aber nur um die persönlichen Malessen, ein viel bescheidenerer Ansatz. Bei Ihnen geht es immer gleich um die anderen und die ganze Welt. Nur Sie selbst sind auf dem richtigen Dampfer; eine einsame Reise. Aber es ist oft auch einfach falsch: Früher gab es beispielsweise in weiten Regionen Europas weder Ananas noch Kokosnuss, die man überhaupt öffnen konnte. Fragen Sie mal unseren blondenhans. In USA weiß keiner, wie man Brot schneidet, seit irgendwer auf die Idee kam, geschnitten Brot anzubieten. Das ist dann aber wahrscheinlich keine kulturelle Degeneration wie die geschnittene Ananas, sondern genial?

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    Auch im Dritten Reich gab es so etwas wie Political Correctness – der korrelierende Begriff fällt mir leider gerade nicht ein. Bestimmte Ausdrücke (“LTI”) sollten Ideologie in die Bevölkerung transportieren. Man fürchtete bestimmte Dinge anzusprechen, bestimmte Meinungen zu vertreten oder sich falsch auszudrücken – auch ohne dass eine rechtliche Strafandrohung im Raum stand.

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    @ Lyoner

    “wenn sie sich mit der Goldenen Regel, die ein Broder immer wieder aufwärmt, beruhigen, dass Antisemitimus ein Hirngespinst ist, das mit dem Verhalten der Juden nicht das geringste zu tun habt; wenn man dann noch “Israelkritik” auf hundsgemeinen und/oder exterminatorischen Antisemitismus herunterbricht, recodiert, glaubt man, aus dem Schneider zu sein, ist es aber nicht.”

    Stimmt nicht. Es gibt keine andere Gruppe, bei der Kritik am Staat (ab 1871/72 Banken) auf alle Angehörigen umgemünzt wird.
    Oder haben Sie schon mal gehört, dass Perser es irgendwo schwer hätten? Oder Chinesen?
    Oder Amerikaner im Urlaub?
    Oder Russen?

    Deswegen geht Henryk Broder davon aus, dass der Antisemitismus zuerst da ist und mit der Kritik am Staat nur gerechtfertigt wird, und dass er auch da wäre, wenn der Staat Israel ein einsamer altruistischer Waisenknabe unter den Szaaten wäre. Und ich fürchte, dass das richtig ist. Erst war es die Religion, dann die Banken, dann Israel. Irgendein Vorwand lässt sich immer finden.

    Und falls Sie hiermit “das mit dem Verhalten der Juden nicht das geringste zu tun hat” insinuieren , es hätte etwas damit zu tun, müssen Sie auch in Kauf nehmen, dass das entsprechend eingeordnet wird, Sie wissen wo.

    Dann sagt ja Henryk Broder auch, dass die meisten Antisemiten gar nicht wissen, dass sie welche sind.

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    @Posener

    Zu ergänzen ist, dass die deutsche Sprache neben der Höflichkeit und dem Anstand auch noch den Takt und das Taktgefühl kennt. Daneben gibt es noch die Diplomatie und den diplomatischen Ausdruck. Das alles ist schon vor Auftauchen des Begriffs PC bekannt und in Übung gewesen. Es ist klar, dass ein öffentlich redender Politiker und Staatsmann sich anders ausdrücken muss als ein nicht-öffentlicher Stammtischredner.

    Für Philosophen und (Vor-)Denker wie Sloterdijk sollte eine Art Narrenfreiheit gelten, anzudenken, was sein könnte, auch wenn es für irgendeine Gruppe kränkend, schmerzhaft oder unnachvollziehbar ist.

    Dass Politiker wie Sarrazin aus einer Partei geschmissen werden, wenn sie die Parteilinie, die spezifische politische Korrektheit ihrer Partei, in ihren Äußerungen zu weit verlassen, daran finde ich nichts auszusetzen. Wenn die SPD allerdings meint, viele Meinungen dulden zu können, ist das auch in Ordnung.

    Beunruhigend finde ich an politischer Korrektheit dass Angst, nicht Überzeugung, im Spiel sein kann, die Äußerung bestimmter Ansichten zu unterdrücken. So besteht die Gefahr, dass wichtige Diskurse nicht stattfinden.

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    @ Moritz Berger

    Ganz recht:

    “Apfelstückchen portioniert in Plastikschalen, Ananas in kleinen Stücken etc etc.

    Irgendwann werden wir nicht mehr in der Lage sein einen Apfel mit einem Messer zu zerteilen und Kinder kennen nur noch Apfelstückchen.”

    Sie finden sicher schon Leute, die nicht mehr wissen, wie man eine Ananas schält oder eine Kokosnuss öffnet.
    Kein Überbrückungskabel oder Abschleppseil im Auto: Gängig. Anerzogene Abhängigkeit, beruhend auf einer richtigen Grundannahme: Der Mensch ist faul.
    Folge: Derjenige, der nicht faul ist, kann seine Scheinwerferbirnen nicht mehr auswechseln.

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    Lieber KJN

    auch von mir ein Nachtrag:

    Gehen Sie am Morgen einmal in einen ganz gewöhnlich Edeka-Supermarkt oder auch REWE:

    Was sehen Sie gleich am Ende:

    Apfelstückchen portioniert in Plastikschalen, Ananas in kleinen Stücken etc etc.

    Irgendwann werden wir nicht mehr in der Lage sein einen Apfel mit einem Messer zu zerteilen und Kinder kennen nur noch Apfelstückchen.

    Eine Kindergärtnerin hat mir vor kurzem berichtet:

    Kinder wissen nicht mehr wie man einen Apfel schält!!

    Die Frage stellt sich nun:

    Brauchen Kinder auch einen Ernährungscoach.

    Wird es (überspitzt formuliert) eines Tages soweit sein, dass Kinder auch wieder lernen müssen wie man von der Wohnung zur Schule geht (Verkehrsclubs bieten solche Kurse bereits an)

    Oder ohne app des smart-phone traut man sich nicht mehr auf die Straße.

    In was für eine wundervollen fortschrittlichen Welt leben wir eigentlich.

    Hier etwas aus der armen aber sexy Hauptstadt unserer Nation:

    http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1060519

    Und meinen Hinweis auf
    http://en.wikipedia.org/wiki/Nature_deficit_disorder

    kennen Sie sicher bereits.

    Die US Coaches werden mit 100 US$ pro Stunde bezahlt, um den Kindern wieder die Nastur zu zeigen.

    Vielleicht sollten Sie in Köln-Rodenkirchen diese Dienstleistungen anbieten 🙂

    Und zu Ihrem Satz:

    “Es wird mir zuviel Staat an den falschen Stellen privatisiert.”

    Fällt mir nur PPP ein Private Public Partnershit

    Im übrigen den deutschen Bundesbürgern ist immer noch nicht aufgefallen, dass das PPP Modell der LKW Maut immer noch dem deutschen Fiskus eine Entschädigung von > 5 Mrd. Euro schuldig ist.

    http://www.n-tv.de/wirtschaft/Daimler-und-Telekom-bangen-article3832196.html

  10. avatar

    @ 68er

    Da Sie Ihre Besorgnisse über die “braune Sosse in unseren östlichen Nachbarländern an mich adressieren: Ich muss gestehen, dass ich hier nicht ganz auf dem laufenden bin, dass mein Radar hier nicht so funkt. Vielleicht liegt das daran, dass die Capitolinischen Gänse – Sie kennen das Gleichnis? – schon so häufig zu Zeit und Unzeit geschnattert haben, dass ich etwas schwerhörig geworden bin und gerne noch mein Schläfchen fortsetze. Vielleicht auch daran, dass ich reichlich germanozentrisch bin, empfindlicher für das, was hier abläuft. Wahrscheinlich beides zusammen.

    Ich habe ja weiter oben meiner Besorgnis über die für Alan Posener für ein starkes Europa unverzichtbare Zuwanderung (http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-30010/report-die-armut-kommt_aid_931446.html) Ausdruck gegeben. Es dreht sich für mich nicht darum, Witze über Muslime oder Sinti und Roma zu reissen, meine Frage geht dahin, ob wir in der Lage sind, diese Zuwanderung zu meistern, eine Willkommenskultur zu etablieren, zu vermeiden, dass sozialer Stress in Aggression, sei es bei den Zuzüglern, sei es bei den Einheimischen, umschlägt. “Deutschland ist reich genug, um die Integration von ein paar tausend Roma zu schaffen. Dieses Land hat schon so vieles gut gemeistert: Die Aufnahme ausländischer Gastarbeiter, den Mauerfall und Wiedervereinigung. Es ist nicht die Frage des Geldes“, hält Hamze Bytyci, Sozialarbeiter und Mitgründer des Bundes Roma Verband, dagegen.” Ja, ja “Deutschland ist reich genug” und “ein paar tausend” und “es ist nicht die Frage des Geldes” – das klingt gut, meinen Sie nicht? Halten Sie es für angemessen, wenn Alan Posener der Befragung seiner Position ausweicht? Was die werten Mitkommentatoren angeht, habe ich den Eindruck, dass sie sich z.Z. hinter dem warmen Ofen verkrochen haben, sich wohlig räkeln, schnurren und am Cassoulet und an Blutwürsten schnuppern. Bis Ostern läuft hier wohl nichts mehr.

    Ich meine wie Sie, dass es nicht mehr um den alten, sei es hundsgemeinen oder exterminatorischen AS geht, sondern um die Bewertung der “Israelkritik”. Diese soll mit der Recodierung AS diskreditiert werden.

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    @ Lieber Alan Posener,

    wir haben doch das gleiche Anliegen, nämlich daran zu arbeiten, dass aus einem Voruteil kein Urteil wird, die Guillotine fällt (aus Antisemitismus exterminatorischer Antisemitismus wird) – und dass wir Vorurteile als Vorurteile erkennen (wir werden immer Glück haben, wenn eines unserer Vorteile den einen oder anderen Realitätskern hat). Wir unterscheiden uns doch lediglich in der Ansicht über die Methode, das Unheil abzuwenden.

    Ich habe den Terminus “auserwähltes Volk” deswegen in dem von Ihnen eröffneten Kontext gewählt, weil ich noch durch eine starke religiöse Erziehung geprägt wurde (ich kann nur vermuten, wie A-Religöse reagieren). Wir wissen beide, dass dieser Terminus einer Auslegung bedarf, in der Geschichte eine toxische Wirkung hatte, wir unterscheiden uns jedoch wahrscheinlich darin, dass ich das Toxische in dem Begriff selbst angelegt sehe, nicht nur in einer defizienten Rezeption.

    Sie schreiben:
    “Lieber Lyoner, Ihr Judenknacks beginnt damit, dass Sie den Begriff des auserwählten Volkes missverstehen. Vermutlich gewollt missverstehen. Denn in der Bibel sagt Gott völlig unmissverständlich (ich paraphrasiere): “Glaubt ihr, dass ich euch erwählt habe, weil ihr so ein tolles Volk seid? Dann hätte ich mir doch die Ägypter nehmen können. Nein, grad weil ihr mehr oder weniger der Abschaum der Erde seid, habe ich euch ausgewählt. Weil, wenn ich mit euch meine Zwecke erfüllen kann, sehen wohl alle, wie groß ich bin.”

    Lieber Alan Poser, wo hat denn Gott das “völlig unmißverständlich” gesagt? Können Sie mir die Textstelle nennen, die Sie paraphrasiert haben? Ich vermute, dass könnte in den phophetischen Schriften stehen, Gott hatte ja mit seinem störrischen und halsstarrigen Volk immer wieder ein Hühnchen zu rupfen. Es ist zwar liebenswürdig – wir kennen Sie ja als feingeistigen Dogmatiker -, wenn Sie Gott völlig unmißverständlich verstehen, aber stehen Sie nicht stante pede als begossener apologetischer Pudel da, wenn wir im Deuteronomium diese “völlig unmißverständliche” Ansage lesen?

    “Denn Du bist ein Volk, das dem Herrn, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der Herr, Dein Gott, auserwählt, damit Du unter allen Völkern, die auf Erden leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört … du wirst mehr als die anderen Völker gesegnet sein … Alle Krankheiten wird der Herr von dir ablenken. Keine der schweren ägyptischen Seuchen, die du kennst, wird er dir auferlegen, sondern über alle deine Feinde wird er sie bringen. Du wirst alle Völker verzehren, die der Herr, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen, und du sollst ihren Göttern nicht dienen , denn dann liefest du in eine Falle.” (Deuteronomium, 7, 1-16)

    Im Gegensatz zu Ihnen, lieber Alan Posener, sehe ich in diesem Komplex etwas, das zu schwerwiegenden Mißverständnissen geradezu eingeladen hat, nicht nur bei den “dämlichen” Goyim, die den Juden, die ihnen Konnubium und Tischgesellschaft verweigerten, sich in den Zäunen, die um das Gesetz errichtet wurden, absonderten, die exceptionelle Stellung neideten, sondern auch bei den Juden, auch wenn sie klare Augen haben mögen.

    Sie schreiben “Ich möchte in der Geschichte ein anderes Volk sehen, das mit solchen klaren Augen auf sich schaut wie das zu seinem Leidwesen “erwählte”.” – Hier stimme ich Ihnen gerne teilweise begeistert zu; ich habe ja vor kurzer Zeit auf die Dokumentation “The Gatekeeper” (http://org-videos.arte.tv/de/videos/dokumentation-the-gatekeepers–7237078.html – leider ist das Video der Doku inzwischen weltweit gesperrt) hingewiesen; diese Insider-Analyse ist mir aus keinem anderen Land bekannt; andererseits finde ich, dass viele Juden geblendet sind, die Implikationen (das Anstössige) ihrer paradigmatischen historischen völkischen Existenz wahrzunehmen, wenn sie sich mit der Goldenen Regel, die ein Broder immer wieder aufwärmt, beruhigen, dass Antisemitimus ein Hirngespinst ist, das mit dem Verhalten der Juden nicht das geringste zu tun habt; wenn man dann noch “Israelkritik” auf hundsgemeinen und/oder exterminatorischen Antisemitismus herunterbricht, recodiert, glaubt man, aus dem Schneider zu sein, ist es aber nicht.

    Sie schreiben “Im übrigen behaupten die Christen, Gott habe mit ihnen einen “neuen Bund” geschlossen. Das heißt, seit 2000 Jahren behaupten die Christen, sie – und nicht die Juden – seien “das auserwählte Volk”. Niemand, so weit ich das sehen kann, wirft ihnen deshalb Hochmut vor – auch Sie nicht. Und da liegt’s.” – Lieber Alan Posener, wenn dieses Privileg alle haben, Krethi und Plethi, alle Völker, ist dies keine Privileg, Differentialmerkmal mehr. Dann wird man doch eher wie Groucho Marx argumentieren: “Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied will.” Woraus soll hier Hochmut kommen? – Was meinen Sie zu diesem Vorschlag? Die chassidischen Höfe, die israelischen Oberrabbiner und der Vatikan laden zu einem ökomenischen Konzil ein und bitten gemeinsam alle Menschen um Vergebung für einen jahrtausendealten gefährlichen Irrweg “Der einzig gute Weg in die Zukunft besteht für uns im Verzicht auf den quasi-theologischen Begriff des “auserwählten Volkes” und des damit verknüpften Anspruchs auf mentale Weltherrschaft. (Ernst Nolte, Späte Reflexionen, S. 49)

    Sie sehen, dieser apologetische Versuch ging voll in die Hose, ist ein Koloss auf tönernen Füßen. Müßte ich nun befürchten, dass Ihre Apologetik auch in den andern Casi von Vorurteilen, die Sie hier aufgezählt haben, genau so auf die Nase fällt? Führen Sie das doch mal exemplarisch an dem Vorurteil, die jüdische Lobby führt den amerikanischen Kongress am Gängelband (Paraphrase von “Die Juden beherrschen die Welt”), vor. Hier als Anschauungsmaterial: http://www.youtube.com/watch?v=Xi0GPEXOzng. Sind diese La Ola Wellen Wag the dog oder was anderes?

    Ob Sie mir glauben oder nicht, ich bedaure sehr, wenn die Verteidiger Israels ein schwaches Bild abgeben und Israel einen Bärendienst erweisen, wenn sie nicht glaubwürdig, d.h. konsistent und präzise genug, formulieren. Ich bedaure auch sehr, dass Sie hier zumeist, wenn man Ihnen auf den Zahn fühlt, ausweichen.

    P.S. Hat “Judenknacks” für Sie noch eine differentialdiagnostische Bedeutung? Gibt es welche ohne Knacks, wenn ja, wer ist das? Hier z.B. dhb, KJN, Roland Ziegler, EJ, Parisien, J.L Levasydas, Moritz Berger? Beim 68er haben Sie ja suggeriert, dass er den Judenknacks eher bei den Magyaren als bei uns sieht (“wir doch nicht”).

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    Nachtrag @M.B.
    Im Übrigen teile ich Ihr Unbehagen, was den Liberalismus betrifft: Es wird mir zuviel Staat an den falschen Stellen privatisiert. Der Staat als Dienstleister, der Bürger als Kunde: Das ist auch totalitär!

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    @M.B.
    Was die Ernährung betrifft geht’s natürlich nicht nur um die Nährstoffe. (Der junge Mann mit seiner gequirlten Astronautenkost sieht ja auch nicht gerade gesund aus). R.Z. und Sie haben ja recht: Obst, Gemüse, selber kochen, Bewegung, das “normale” eigentlich. Aber alles das machen viele nicht. Und da hilft auch kein Vollkornriegel (plakativ) und functional food. Gut ist, wenn Kinder schon mal einen Apfel gesehen haben.
    Da wird sich die ich-esse-meine-Pizza-nur-über-der-Computertastatur-Phase irgendwann von selbst erledigen. Ich selber hatte als Kind Süßigkeiten im Überfluss und war vielleicht genau deswegen (?) nicht übermäßig scharf drauf.

    @EJ
    Danke für die ausführliche Antwort. Ich sehe das auch so, daß die Tiefe verloren geht, wenn die eigenen Standpunkte nur stilisiert und reproduziert werden. Therapeutisch i.O., führt aber nicht weiter. Moderation würde helfen, aber dann wird’s zum Proseminar und die Schwelle höher. So hat man tatsächlich (@68er) lediglich eine Abbildung der soziologischen Milieus (-> SINUS Milieus). Und, wirklich, man hängt auch schon zu lange hier. Vielleicht bringen auch frische Stimmen (-> Stevanovic scheint vielversprechend) wieder Schwung.

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    Cher Jean-Luc,

    Merci für den Hinweis auf Richerances, dort war ich noch nicht. Ich muss gestehen, dass unser kleiner Diskurs mir plötzlich extreme Lust bereitete, mal wieder in die Provence zu fahren, am liebsten im Sommer, wenn es heiß ist, und der Lavendel blüht und wieder einmal nach Sénanque:
    http://www.decouvrez.fr/fr/-Provence/gordes-abbaye-senanque.html
    Dann natürlich auch nach Richerances, gerne. Und zurück nach Gigondas. Vor Jahren fuhren wir an einem Hotel vorbei, das gerade geöffnet hatte und uns zu einem sehr annehmbaren Preis ein Zimmer gab. Wir verbrachten den Tag an der Piscine und hörten abends die Zikaden in den Wäldern. Das ist die Hostellerie de Phèbus im Lubéron. Später schloss sich das Hotel Relais et Châteaux an, so dass wir es uns nie wieder leisten konnten. Aber ich werde nie diese Tage vergessen, diese dampfende, duftende Wärme, abends die Zikaden. Wir haben das Grab von Albert Camus in Lourmarin besucht. Ich habe über Camus mein mündliches Französisch-Abitur gemacht, und er blieb dadurch mehr für mich als ein französischer Autor. Ich saß vor dem Abi zwei Wochen im Garten (wir hatten eine Schönwetterperiode), und der ganze Garten begann, durch Camus, nach der Provence zu riechen. Er war ein Genie im Beschreiben von Gerüchen.
    Ja, ich muss mal wieder dort hin und diesen meinen Autor vorher lesen und natürlich Marcel Pagnol de nouveau.
    Une bonne semaine à vous aussi!

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    Alan Posener
    @ 68er: Die Frage, wo und wie der Liberalismus in sein Gegenteil umkippt, ist in der Tat sehr spannend. Ich habe das verschiedentlich hier thematisiert, so am Beispiel des Geert Wilders und am Beispiel der Beschneidung.

    Die Frage stellt sich m.E. doch sicherlich auch dann, wenn man sich z.B. zunehmend den Beratungssektor als Dienstleister in unserer Gesellschaft betrachtet.

    Steuerberater und Anwälte haben per se kein Interesse daran, dass die Gesetze und Vorschriften vereinfacht werden.

    Statt dass Prozesse in unser Gesellschaft dereguliert, vereinfacht, liberalisiert werden, wird alles nur komplexer.

    Angefangen von dem vermeintlich so notwendigen Qualitätsmanagement bis hin zur Tatsache, dass ich zunehmend auf externe Spezialisten angewiesen bin wenn ich z.B. die Scheinwerferlampen am Auto austauschen will.

    Eine wundervolle liberale Gesellschaft.

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    Cher Parisien

    Je confesse, ich habe auch toxische griechische Anleihen in meinem portfolio !!

    bisher eine gute Beratung meiner deutschen Bank !!

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    Cher Parisien,

    “Ich wollte mal fragen, wie das kommt, dass Ihre Banken toxische Anlagen (griechische Staatsanleihen – zufällig auch zypriotische?) hatten/haben ”

    Meine Fragen:

    Warum haben die deutschen Banken toxische griechische Anleihen.. mehr als die Franzosen?

    Wussten die Deutschen schon 2010 dass man mit griechischen Anleihen viel Geld verdienen kann?

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    Cher Parisien:

    Could William Shakespeare be French?

    New evidence unearthed at the site of his Stratford home suggests that the mother of England’s most famous son was French.

    The French Ministry of Culture has told the Today programme that it wants to honour the playwright as a member of France’s own pantheon of great writers.

    Nicola Stanbridge reports on the Shakespeare’s hidden past.

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    Cher Parisien,

    was fuer ein Glueck, dass ich auch einen US passeport habe, dann kann ich solchen Diskussionen immer wieder ausweichen 🙂

    Mais, ich verstehe die Bourbonen auch nicht mehr und bleibe daher zunehmend beim Bourbon.

    Mais gab es nicht auch eine sklerose in Deutschland vor HARTZ IV?

    Wann hatten sie zuletzt 5 Millionen chômeurs?

    France braucht wahrscheinlich auch eine Agenda 2020

    Und ein anderes Schulsystem vielleicht wie Deutschland ?

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    APO: Die Frage, wo und wie der Liberalismus in sein Gegenteil umkippt, ist in der Tat sehr spannend. Ich habe das verschiedentlich hier thematisiert, so am Beispiel des Geert Wilders und am Beispiel der Beschneidung.

    … lässt sich simpel beantworten: Liberalismus kippt genau dann in sein Gegenteil, wenn das Team zum (sozialistischen) Kollektiv degeneriert. Siehe Beschneidungsdebatte.

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    @ 68er: Die Frage, wo und wie der Liberalismus in sein Gegenteil umkippt, ist in der Tat sehr spannend. Ich habe das verschiedentlich hier thematisiert, so am Beispiel des Geert Wilders und am Beispiel der Beschneidung.
    BvG: Das ist so, als würde man fragen: Wenn es Benimm gibt, wozu braucht man Manieren? Mit Worten jonglieren ist leicht, argumentieren ist schwieriger.

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    Hommage à la Grande Nation (pour faire Jean-Luc dormir bien):

    SONNET 18

    Shall I compare thee to a summer’s day?
    Thou art more lovely and more temperate:
    Rough winds do shake the darling buds of May,
    And summer’s lease hath all too short a date:
    Sometime too hot the eye of heaven shines,
    And often is his gold complexion dimm’d;
    And every fair from fair sometime declines,
    By chance or nature’s changing course untrimm’d;
    But thy eternal summer shall not fade
    Nor lose possession of that fair thou owest;
    Nor shall Death brag thou wander’st in his shade,
    When in eternal lines to time thou growest:
    So long as men can breathe or eyes can see,
    So long lives this and this gives life to thee.

    William Shakespeare

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    Ach übrigens, Jean-Luc, trotz meiner Vorliebe für foie gras muss ich Ihnen noch etwas Kummer bereiten.
    Ich wollte mal fragen, wie das kommt, dass Ihre Banken toxische Anlagen (griechische Staatsanleihen – zufällig auch zypriotische?) hatten/haben und trotzdem zweimal hintereinander den/die president für den IWF/FMI stellen dürfen.
    Wir verstehen das hier nicht, wir boches. Das muss wohl an unseren mangelhaften geographischen Kenntnissen liegen. Wir verstehen was von Autos und Straßenbau. Das andere ist jenseits unseres Horizonts.
    Wir kapieren auch gar nicht, dass ein Land, das seine Jugendarbeitslosigkeit nicht in den Griff kriegt, wirtschaftlich also schlecht geführt ist, ein Land, in dem chômage seit Jahren zum Frühstück, Mittag- und Abendessen gehört, so dass Kleinkinder dieses Wort bald früher lernen müssten als ‘Maman’, zweimal hintereinander so einen Top-Ökonomen stellt, wobei beide vorher Finanzminister(in) waren. Sehen Sie, strohdumm – wir verstehen die Bourbonen einfach nicht.

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    Mon dieu, cher ami Jean-Luc, ich wusste gar nicht, wie empfindlich Sie sein können, wenn man die Grande Nation ein wenig beharkt:

    “Wenn alles so schlecht ist warum bleiben sie dann nicht in Bayern in ihrer région?

    Ich vermute dass sie heute ihren cafard haben, darum entschuldige ich hier ihre Kritik.

    Vielleicht essen sie statt ihres Hamburgers einmal eine gute deutsche Linsensuppe.”

    Ich habe heute französische Blutwurst gegessen, das ist die, bei der man das Fett nicht sieht, eine homogene braunrote Masse, dazu Bratkartoffeln, Zwiebeln und Apfelmus.
    Meine Familie isst das nicht – ein Versäumnis. Sie hatten Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Dass man in der Bretagne säuft, stört mich nicht. Ich finde es nur schade, dass ich nicht mitmachen kann, weil ich meistens noch fahren muss.
    Im Gegensatz zu Ihnen hatte ich keinen cafard, sondern recht viel Spaß an der Unterhaltung. Haben Sie noch mal nachgelesen, dass ich weiß, wo das Périgord liegt? Ich weiß das schon deswegen, weil ich messerscharf auf foie gras und Trüffeln bin. Das Piemont ist mir daher auch bekannt. Das liegt südlich von Courmayeur. Auch das mit der Leber werfen meine Kinder mir vor, aber ich entschuldige das damit, dass die Gänse ja schon tot seien und sich in meinem Magen wohler fühlen als woanders. Ich weiß – das ist nicht nett. Cuissons de grenouille finde ich ebenso delikat wie Schnecken, wobei man zugeben muss, dass es eigentlich nur die Kräuterbutter ist, die man genießt. Den Fisch habe ich schon zweimal fast roh bekommen, was ich damit kommentierte, dass ich nach Japan fahren würde, wenn ich rohen Fisch wollte. Aber sonst kann man nicht klagen, wenn man nicht Lasagne bestellt. Aber wie gesagt, das ist kein französisches Problem, sondern ein kapitaler internationaler Zynismus. Ich hoffe, ich habe Sie mit meinem Lobpreis französischer Spezialitäten etwas darüber hinweggetröstet, dass ich auch gern mal einen Big Mac esse und Sie manchmal miserabel lesen. Plus les crêpes, les salades, les omelettes, la baguette. Salut, votre con de géographie

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    Ich finde es auch langsam interessant, was von wem und wie kommentiert wird. Nehmen wir z.B. Herrn Broder, der doch angeblich so ein gutes Näschen für alles antisemitische haben soll, ist doch, soweit ich es mitbekommen habe, recht still, wenn es um Ungarn geht. Das könnte daran liegen, dass die Rechtsradikalen in unseren südöstlichen Nachbarländern meist als Ettiketten-Liberale auftreten.

    Ich hatte vor längerem hier im Blog auf die braune Sosse in unseren östlichen Nachbarländern hingewiesen. R.E.G. natürlich auch.

    Allem Anschein nach sind marktliberale Antisemiten in mancher Leute Augen nicht so schlimm, wie israelkritische Sozialdemokraten. Mit den “liberalen” Freunden kann man wahrscheinlich beim Bier seine Witze über Sinti und Roma und Muslime machen, ha, ha, ha, ha!

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    Cher Parisien,

    es scheint ihr cafard ist vorbei!

    Und ich muss mein Deutsch etwas verbessern sagt meine maîtresse de maison! Daher mea culpa wegen der géographie!

    Was ihre Passage von Avignon nach Périgueux betrifft. Ich bin froh dass das Land der Katharer nur sehr wenig Autobahnen kennt. nature pure

    Was Pierre Perret betrifft, kennen sie den Saenger nicht?

    Er gehoert zum Standard in der Schule und auch Le Zizi, wie auch Lili oder mon p´tit loup

    Unsere kinder haben bereits mit 5 Jahren diese Chansons in der maternelle gelernt. In der konservativen US waere das Chanson ein Skandal, nicht in Frankreich.

    Und in Deutschland?

    Diesen Satz werde ich mir merken:

    “Gespräche mit Google.” ist es ein Zufall, dass Google mit Go anfängt wie Gott oder Gonorrhoe?

    Zur Ergaenzung, wenn sie wieder einmal nach Frankreich reisen nehmen sie

    http://www.ouigo.com/fr

    und ich spiele sehr gerne Go!

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    @ Jean-Luc

    Ich habe mir Ihr Autobahnnetz angeschaut und muss zugeben, dass es besser aussieht als früher. Trotzdem müssen Sie, wenn Sie von dort, wo Sie jetzt sind, nach Périgeux fahren, erstmal nach Süden nach Narbonne, dann übr Toulouse wieder nach Norden. Aber ich akzeptiere natürlich Ihre Ansicht, sie hätten genug Autobahnen. Wer fährt auch schon von Mitte Provence ins Périgord außer mir? Und Ich stimme Ihnen zu, dass man das gemütlich mit einem kleinen Stop machen kann. Da haben Sie Recht, durchaus.
    Übrigens sind ja die alten napoleanischen Straßen mit ihrem Auf und Ab und ihren Bäumen schön.

    Was péage betrifft, finde ich ihn gerechter, weil der Nutzer die Sache zahlt. Wenn man die Rente versteuert, kriegt man Leute, die für Straßenbau zahlen, aber gar nicht mehr fahren. Auch Leute, die von vornherein kein Auto haben, zahlen dafür, wenn Autobahnbau über die allgemeine Steuer finanziert wird. Und ganz Europa ist über Dekaden umsonst durch Deutschland gefahren, während die deutschen Bürger die Reparaturen schultern mussten. In Frankreich haben Sie nicht mal so viele Ausbesserungen wie hier.
    Aber übel ist, wenn ein Land péage hat und gleichzeitig zu hohe Steuern. Was macht Frankreich damit? Bau des Hexagone, Krieg? Ganz wie bei den Bourbonen? Oder ausschütten in die Sozialhilfe bei hoher Jugendarbeitslosigkeit?

    Übrigens wollte ich noch addieren, dass ich meine Geographiekenntniss für potentiell besser halte als die Ihres zweiten president, dem der von Ihnen so bezeichneten “banana republic”. Zumindest würde ich die Malediven nicht mit den Malvinas verwechseln.

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    @ Jean-Luc,

    ich weiß einen guten Trick, um dem Autodiebstahl zu entkommen: Man fährt mit dem Zug nach Frankreich oder fliegt und nimmt sich einen französischen Mietwagen. Der hat dann ein fr. Kennzeichen und eine Plakette von Avis oder Co. Die machen erheblich mehr Ärger, wenn ihre Karossen geklaut oder angezündet werden.
    Die Begehrlichkeiten bezüglich deutschen Eigentums sind gewaltig. Man denkt, wir wären reich, dabei sparen wir nur, z.B. auf ein Häuschen oder ein Auto. Die Anderen sind teilweise reicher, aber verprassen mehr. Wir sparen. Das stößt offensichtlich auf Unverständnis. Deswegen müssen wir Verständnis mit den Prassern haben.
    Genug des Absurden: Noch eine bonne journée et meilleur temps!

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