dettling 29. Januar 2010 - 00:10
Von: Daniel Dettling

Arbeit plus Kinder – Warum der Babyboom ausbleibt

An die Meldung hat sich das Land inzwischen gewöhnt: die Geburten stagnieren oder gehen zurück. Je nach Berechnungsmethode wurde sogar ein Anstieg der Kinder verkündet und als Erfolg der neuen Familienpolitik interpretiert.

Nun ist es amtlich: so wenig Kinder wie im vergangenen Jahr wurden in der Bundesrepublik noch nie geboren. Trotz neuem Elterngeld, mehr Kindergeld und sonstiger materieller Anreize.

Auf mehr als 200 Milliarden Euro jährlich belaufen sich die familienpolitischen Leistungen. Freibeträge, Splitting und Kindergeld sind die größten Posten. Gemessen an der Geburtenrate sind diese Leistungen offenbar wenig wirkungsvoll.

Bei der finanziellen Förderung belegt das Land einen Spitzenplatz, bei der Anzahl der Kinder befindet es sich in der Schlusslichtgruppe. Die Politik ist mit ihrem Reproduktionslatein am Ende. Die jüngsten Zahlen des statistischen Bundesamts werden weder von der neuen Familienministerin noch von einem anderen Spitzenpolitiker kommentiert. Aus Angst, als reaktionär zu gelten.

Studien belegen seit langem, dass Länder mit einer höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen auch höhere Geburtenraten aufweisen. Allen voran die nordischen Länder, aber auch Staaten wie Frankreich, England und die USA, setzen auf eine Gleichheit der Geschlechter am Arbeitsmarkt und nicht auf einen finanziellen Lastenausgleich in der Familienpolitik.

Dabei gilt: Je höher die Sicherheit des Arbeitsplatzes, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass aus dem Kinderwunsch Realität wird. Die Anzahl der alleinerziehenden Mütter ist in Deutschland (West!) auch deshalb so hoch, weil die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen mit Kindern unter drei Jahren dort nicht gewünscht war. Hinzu kommen finanzielle Fehlanreize. Für viele Mütter lohnt es sich nicht einer Teilzeitbeschäftigung nachzugehen. Kinder machen Arbeit. Aber macht Arbeit auch Kinder?

Eine Familienpolitik, die mehr Kinder zum Ziel hat, muss daher bei der Arbeit ansetzen und verhindern, dass junge Frauen zu lange dem Arbeitsmarkt fernbleiben. Und sie muss gerade jungen Frauen eine sichere Perspektive auf dem Arbeitsmarkt bieten. Es geht dabei nicht um einen Ausbau des Mutter- oder Kündigungsschutzes, sondern um eine bessere Qualität der Arbeit und eine bessere Vereinbarkeit.

Viele Unternehmen, die es sich von der Größe her leisten könnten, bieten immer noch keine Kinderbetreuung an. Büros, der öffentliche Nahverkehr und Arbeitszeiten sind nicht familienkompatibel. Teilzeitarbeit wird von den Personalverantwortlichen als „geringfügige Beschäftigung“ faktisch diskriminiert.

Allein und ausschließlich mit Geld und finanziellen Anreizen werden wir nicht mehr Kinder in Deutschland bekommen. Frauen (und immer mehr Väter) wollen beides: eine gute Arbeit und eine bereichernde Familie. Solange das eine nur auf Kosten des anderen zu bekommen ist, leiden beide Welten – die Arbeits- und die Familienwelt.

Die alte und neue Familienministerin (Arbeitsministerin von der Leyen und Köhler) haben es in den nächsten Jahren in der Hand, gemeinsam für eine bessere Arbeitsmarkt- und Familienpolitik zu kämpfen. Noch sind beide Politikfelder zu sehr Klientelpolitik, die familienscheuen Männern und Vätern zugute kommt. Ein Land, das sich heute vor allem grüne Sorgen macht, tut gut daran, sich in gleichem Maße graue Sorgen zu machen. Das Postulat der „Nachhaltigkeit“ gilt auch für den Nachwuchs.

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6 Kommentare zu „Arbeit plus Kinder – Warum der Babyboom ausbleibt“

  1. Silvia Berger Silvia Berger sagt:

    Na ja, ob die Geburtenrate nur von genug Arbeitsplätzen für Mütter abhängt, wage ich mal zu bezweifeln.
    Wer möchte sich da noch Kinder anschaffen, wenn er weiß, daß er sie so rasch wie möglich in fremde Pflege sprich Kita, Ganztagsschule u.ä. abgeben muß und als Frau dann womöglich auch noch unvorhergesehen als Alleinerzieherin mit Doppelbelastung (die ja trotzdem bleibt = Arbeit + Kindererziehung) dastehen könnte, da ja keinerlei Schutz mehr für Ehe und Familie existiert und die Großfamilie zwecks Erleichterung der Aufgaben ebenfalls wegfällt.
    Warum soll sich “Frau” das antun? Wo sie doch alleine, ohne eine solche Belastung bzw. Verantwortung mit halbwegs gutem Einkommen und wesentlich besseren Karrierechancen viel bequemer durchs kommt, oder?
    Da liegt der Fehler viel tiefer, nämlich im System sprich in unserer heutigen Gesellschaftsordnung.

  2. EJ EJ sagt:

    Unzureichende Familien- und Arbeitsmarktpolitik dürften nur am Rande der Grund für niedrige Geburtenraten sein. Frau Berger deutet in der selbstverständlichen Befürchtung einen Trennung vom Kindesvater an: Ein Fundamentaler Mangel an Mit-Menschlichkeit ist es.

    Wer heute in Deutschland zwei oder drei Kinder hat, muss sich über zwanzig und mehr Jahre tagtäglich auf ein Leben einlassen wollen – und können, das in seiner Wertorientierung dem Leben völlig entgegensteht, das seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Deutschland propagiert wird. Lebensgenuss, gern auch Lebensgier, Herr Posener – selbstverständlich: Leben will leben – spielen sich in Sujets ab, von denen die leptosome „neoliberale“ Armeseligkeit keinen Schimmer hat.

    Kinder groß zu ziehen, dass sie am Tisch – früher über Broders, heute eher nur noch über Poseners Texte – Tränen lachen oder eine Viertelstunde die hitzigste Diskussion führen, ohne sich die Köpfe einzuschlagen, setzt eine inzwischen nur noch subkulturell mögliche Lebensperspektive voraus. Mich hat immer gewundert, dass unsere Ideologen des Neoliberalismus nie bemerkt haben, dass ihrer Single-Freiheit der fundamentale Fehler anhaftet, dass sie nur die „letzte“ Freiheit, nur die Freiheit des „letzten“ Menschen ist. (Gier propagieren – und sich wundern, dass Afghanistan in Deutschland keinen politische Größe ist!)

    Die Pseudo-Amerikanisierer haben nicht begriffen, dass – jenseits aller deutschen/ europäischen Familien- und Arbeitsmarktpolitik – Freiheit genau das in Amerika gerade nicht ist. Unsere (neue) deutsche/ europäische Freiheit ist aufgesetzt. Sie ist keine Freiheit, die die deutsche/ europäische Ausgangslage verarbeitet hat. Unsere deutsche/ europäische Freiheit ist – und das ist wörtlich zu nehmen – keine lebensfähige Eigenentwicklung.

  3. Connie Spee Connie Spee sagt:

    “Studien belegen seit langem, dass Länder mit einer höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen auch höhere Geburtenraten aufweisen” – So einfach ist es ja nicht. Die Theorie ist vielmehr die, dass eine Zunahme der Erwerbstätigkeit der Frauen zunächst zu einem Geburtenrückgang führt. Erst wenn die Gesellschaft den Gleichheits- bzw. Gendergedanken voll und ganz verinnerlicht habe, würde sich die Geburtenrate wieder erholen.

    Ich halte allerdings andere Gründe für wichtiger:
    1. Das Sicherheitsdenken der Deutschen ist sehr ausgeprägt, auch in seinen Unterformen Materialismus und Egoismus. Kinder zu haben bedeutet aber Ungewissheit in zigfacher Hinsicht.
    2. Wir analysieren und studieren unsere Gesellschaft bis ins letzte. Dann aber stehen wir wie Kinder vor ihrem in Einzelteile zerlegten Spielzeug und können es nicht mehr zusammensetzen. “Einfach leben” wird schwierig, wenn man statt eines “intelligenten Herzens” (Alain Finkielkraut) einen rudimentär emotionalisierten Computer im Brustkasten hat.

    Im übrigen meine ich zu beobachten, dass der Feminismus latent kinderfeindlich ist. Warum nur, ist in seinen Augen die kinderreiche Großfamilie der Super-Gau für Frau und Gesellschaft? Die Frau hätte eine höchst verantwortungsvolle, abwechslungsreiche, anspruchsvolle Arbeit (frühkindliche Bildung, Sozialisierung, medizinische und psychologische Betreuung, Kreativitätsmanagement …) – und die Kinder haben ihre optimale Kita (altersgemischte Kleingruppe mit fester Bezugsperson und voller Flexibilität).
    Nur eines fehlt den Großfamilien-Frauen: gesellschaftliche Anerkennung.

  4. dummdresit dummdresit sagt:

    Rom ist auch an seinem Bevölkerungsrückgang gescheitert.
    Weil immer mehr Menschen in prekären, unsicheren Verhältnissen keine Kinder mehr aufziehen wollten.

  5. Silvia Berger Silvia Berger sagt:

    Oje!
    Wurde erst jetzt von mir entdeckt, daß im vorletzten Satz das Wichtigste fehlt, nämlich “…….durchs LEBEN kommt…..”!
    Ich hoffe, daß der Sinn nicht darunter gelitten hat!
    Sorry! ;-)

  6. EJ EJ sagt:

    @ dummdreist in prekären, unsicheren Verhältnissen keine Kinder

    In anderen Weltgegenden und über die längst Zeit unserer Geschichte reproduzieren wir uns “in prekären, unsicheren Verhältnissen”. Und aus heiterem Himmel sind die “prekären, unsicheren Verhältnisse” ein Hinderungsgrund?

    Das müssen sehr spezielle “prekäre, unsichere Verhältnisse” sein. Oder?

    Die USA mit 14 Geburten pro 1000 gebärfähiger Frauen leben in weniger “prekären, unsicheren Verhältnissen” als wir mit 8 Geburten?

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