„Normal is not something to aspire to, it’s something to get away from.” Normal ist nicht etwas, was man anstreben sollte, sondern etwas, von dem man möglichst Abstand nehmen sollte. Soll Jodie Foster gesagt haben. Man könnte fast annehmen, sie hätte die Wahlplakate jener Partei gekannt, auf denen vor Jahr und Tag stand: „Deutschland – aber normal“.
Die „normalen“ Freunde dieser Partei sagen gerne: „Wenn der Faschismus wieder kommt, wird er nicht sagen: ich bin der Faschismus, sondern er wird sagen: ich bin der Antifaschismus.“ Was ist das? Eine absurde Verkehrung der Tatsachen, die Demokraten als Faschisten brandmarkt. Denn die Grundlage jeder Demokratie, insbesondere der deutschen, kann nur der konsequente Antifaschismus sein. Sonst hat sie keinerlei Legitimation. Das wussten die Väter des Grundgesetzes.
Nein, der Satz muss anders heissen: „Wenn der Faschismus wieder kommt, wird er nicht sagen, ich bin der Fachismus. Nein, er wird sagen: Hallo, ich bin normal“. Der ganz aktuelle Faschismus sagt auch gerne mal: „Alles für Deutschland“. Oder für Menschen, die sich lieber mit Grunzlauten verständigen und dazu besoffen herumtorkeln: „Döp. Döp. Döp“.
Der aktuelle Faschismus nennt die liberale Demokratie der Bundesrepublik DDR 2.0. Er nennt die unabhängigen öffentlich-rechtlichen Medien Staatsfunk und träumt dabei selbst von der Wiederbelebung des Volksempfängers. Er glaubt, Parallelen zwischen dem Bundesverfassungsgericht und der mörderischen DDR-Juristin Hilde Benjamin oder wahlweise Roland Freislers NS-Volksgerichtshof zu erkennen und träumt dabei selbst von der Abschaffung einer unabhängigen Justiz. Er heuchelt nachmittags Solidarität mit Israel und geht abends ins Theater, um die antisemitischen Auswürfe drittklassiger Kabarettist:innen zu bejubeln, wenn er nicht gerade im Netz die Weltverschwörung des George Soros „recherchiert“ oder über 12 Jahre „Vogelschiss“ in der ansonsten selbstverständlich unbefleckten deutschen Geschichte bramabassiert.
Mahner missbraucht
Der neue Faschismus zitiert George Orwells „1984“ als Kronzeugen für seine kruden Theorien– dabei sehen seine Anhänger, die „Normalen“ – Mitläufer der kommenden Diktatur -, Orwells Dystopie nicht als Warnung, sondern als Handlungsanweisung. Der neue Faschismus schämt sich dabei nicht einmal, für seine Propaganda Zitate von Brecht, Tucholsky oder Hannah Arendt zu missbrauchen. Immerhin darin unterscheidet er sich vom alten.
Es ist erstaunlich. Früher gab es mal eine Zeit, da nannten sich Faschisten selbst Faschisten und waren stolz darauf. Was ist davon geblieben? Nichts ausser dem „Stolzmonat“. Stattdessen camouflieren sie sich als die einzig wahren Demokraten, gewählt von den ach so Normalen. Sie wollen ja nur Volksentscheide. Wie in der Schweiz. Also superdemokratisch.
Mit Wehmut erinnert man sich an eine Zeit, da hätte man auf diese Normalen mit dem Finger gezeigt und sie einfach schallend weg gelacht. Wenn man sie überhaupt jenseits dumpfer Stammtische vorgefunden hätte. In jener Zeit war es gesellschaftlicher Konsens, zumindest ungefähr zu wissen was Faschismus ist und was dazu führt. Die Medien wussten das, die Vertreter demokratischer Parteien, die Schriftsteller, die Philosophen, jeder Geschichtslehrer, jedes Schulkind, das im Geschichtsunterricht aufgepasst hatte. Das Grundgesetz hatte einen klaren Auftrag zur Bewahrung der Demokratie und Freiheit gegeben.
Verharmloser am Werk
Dabei spielte es keine Rolle, ob man sich selbst links, liberal oder gut bürgerlich-konservativ verortete. Aber das hat sich geändert. Das Gift ist auch in die vormals immun geglaubte bürgerliche Mitte eingedrungen. Denn irgendjemand aus den vorgenannten Berufsgruppen meinte plötzlich: oh, „Faschisten“ – das klingt aber zu hart. Also dachte man sich den Euphemismus „Rechtspopulisten“ aus. Die Anhänger der so Verharmlosten wiederum nannten sich selbst „besorgte Bürger“. So lange, bis immer mehr bis dato gegen Propaganda immune Bürger anfingen, diese Leute irgendwie auch dem Bürgertum zugehörig zu halten. Dadurch ermutigt, gingen die „besorgten Bürger“ ihrem Beruf und ihrer Berufung – der Volksverhetzung – weitgehend unbehelligt auf den Straßen nach. So bei Pegida, so bei den „Querdenker“-Demonstrationen.
Sie brachten bürgerliche Politiker dazu, ohne Not Sätze wie diesen zu sagen: „Wir müssen die Sorgen und Nöte der Bürger ernst nehmen“. Was zur Folge hatte, dass zumindest einige von ihnen das als Aufforderung missverstanden, ihre Politik nach deren Wünschen auszurichten, obwohl die von jenem bevorzugte „Partei des Hasses“ (Michel Friedman) an keiner Regierung beteiligt war. Der Pöbel und seine Partei arbeiteten aber weiterhin, je mehr sie sich radikalisierten, an ihrer Selbstverharmlosung. Inzwischen ist in den öffentlichen Debatten immer mehr zu hören von den Befindlichkeiten „normaler Leute“. Und wer sollte schliesslich was gegen normale Leute haben? Schliesslich werden die Wortführer dieser „normalen Leute“ ja ständig in Talkshows der öffentlich-rechtlichen Medien eingeladen.
Da ist dann auch kaum jemand mit Gewicht in der Öffentlichkeit, der ihnen entschlossen entgegentritt und sagt: Nein, ihr seid keine „normalen Leute“. Oder, um noch einmal Michel Friedman zu zitieren: „Wie leidenschaftlich sind wir denn demokratisch? Warum sind viele so schüchtern?“ Leider scheint es aber auch eine traurige Wahrheit zu sein, was die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano enttäuscht feststellen musste: „Das Haus brennt und Sie sperren die Feuerwehr aus“.
Nochmal zum Mitschreiben: Es gibt keine Spaltung der Gesellschaft. Es gibt die Gesellschaft, und es gibt die, die sich „normale Leute“ nennen, die auch gerne mal den „gesunden Menschenverstand“ wie einen gestreckten rechten Arm vor sich hertragen.
Der „gesunde Menschenverstand“ wiederum ist eine schlecht kaschierte Chiffre für „gesundes Volksempfinden“. Das gesunde Volksempfinden trug in finstersten Zeiten Fackeln und veranstaltete Pogrome, und täte es heute nur zu gerne wieder. Im Netz zeigt der „gesunde Menschenverstand“ Fotos von Hochspannungsmasten mit der Bildunterschrift „Abenteuerspielplatz für Migranten“ oder ein Auto mit blutverschmierter Motorhaube, das als „Rammbock für Klimakleber“ empfohlen wurde.
Nicht geschwiegen werden soll aber auch von den vielen Varianten der „jüdischen Weltverschwörung“, die uns angeblich versklaven will. Beispielsweise zu finden in Darstellungen von Netanyahu mit Hakenkreuzbinde. Da sind sich die besorgten Pegida-Mitläufer doch sehr einig mit ihrem Spiegelbild, den BDS-Judenhassern – vorwiegend aus „antiimperialistischen“ Kreisen und den vorgeblich linken Freunden und Verharmlosern des blutsaufenden ruSSländischen Massenmörders Putin. Auch die finden immer öfter ihren Weg in die Quasselrunden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
Das Netz als Brandbeschleuniger
„Verstösst nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards“, teilt der Betreiber des Netzwerks den Normalen jedweder Couleur als Antwort auf ihre Hassbotschaften immer wieder mit und ermutigt sie zum Weitermachen, gern auch mit persönlich adressierten Morddrohungen. So sind sie, die Normalen. Wir sollten spätestens jetzt anfangen, sie als das wahrzunehmen, was sie sind: pervers und brandgefährlich.