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Die Perversion des Normalen. Wie Extremisten die bürgerliche Mitte zerstören

„Normal is not something to aspire to, it’s something to get away from.” Normal ist nicht etwas, was man anstreben sollte, sondern etwas, von dem man möglichst Abstand nehmen sollte. Soll Jodie Foster gesagt haben. Man könnte fast annehmen, sie hätte die Wahlplakate jener Partei gekannt, auf denen vor Jahr und Tag stand: „Deutschland – aber normal“.

Die „normalen“ Freunde dieser Partei sagen gerne: „Wenn der Faschismus wieder kommt, wird er nicht sagen: ich bin der Faschismus, sondern er wird sagen: ich bin der Antifaschismus.“ Was ist das? Eine absurde Verkehrung der Tatsachen, die Demokraten als Faschisten brandmarkt. Denn die Grundlage jeder Demokratie, insbesondere der deutschen, kann nur der konsequente Antifaschismus sein. Sonst hat sie keinerlei Legitimation. Das wussten die Väter des Grundgesetzes.

Nein, der Satz muss anders heissen: „Wenn der Faschismus wieder kommt, wird er nicht sagen, ich bin der Fachismus. Nein, er wird sagen: Hallo, ich bin normal“. Der ganz aktuelle Faschismus sagt auch gerne mal: „Alles für Deutschland“. Oder für Menschen, die sich lieber mit Grunzlauten verständigen und dazu besoffen herumtorkeln: „Döp. Döp. Döp“.

Der aktuelle Faschismus nennt die liberale Demokratie der Bundesrepublik DDR 2.0. Er nennt die unabhängigen öffentlich-rechtlichen Medien Staatsfunk und träumt dabei selbst von der Wiederbelebung des Volksempfängers. Er glaubt, Parallelen zwischen dem Bundesverfassungsgericht und der mörderischen DDR-Juristin Hilde Benjamin oder wahlweise Roland Freislers NS-Volksgerichtshof zu erkennen und träumt dabei selbst von der Abschaffung einer unabhängigen Justiz. Er heuchelt nachmittags Solidarität mit Israel und geht abends ins Theater, um die antisemitischen Auswürfe drittklassiger Kabarettist:innen zu bejubeln, wenn er nicht gerade im Netz die Weltverschwörung des George Soros „recherchiert“ oder über 12 Jahre „Vogelschiss“ in der ansonsten selbstverständlich unbefleckten deutschen Geschichte bramabassiert.

Mahner missbraucht

Der neue Faschismus zitiert George Orwells „1984“ als Kronzeugen für seine kruden Theorien– dabei sehen seine Anhänger, die „Normalen“ – Mitläufer der kommenden Diktatur -, Orwells Dystopie nicht als Warnung, sondern als Handlungsanweisung. Der neue Faschismus schämt sich dabei nicht einmal, für seine Propaganda Zitate von Brecht, Tucholsky oder Hannah Arendt zu missbrauchen. Immerhin darin unterscheidet er sich vom alten.

Es ist erstaunlich. Früher gab es mal eine Zeit, da nannten sich Faschisten selbst Faschisten und waren stolz darauf. Was ist davon geblieben? Nichts ausser dem „Stolzmonat“. Stattdessen camouflieren sie sich als die einzig wahren Demokraten, gewählt von den ach so Normalen. Sie wollen ja nur Volksentscheide. Wie in der Schweiz. Also superdemokratisch.

Mit Wehmut erinnert man sich an eine Zeit, da hätte man auf diese Normalen mit dem Finger gezeigt und sie einfach schallend weg gelacht. Wenn man sie überhaupt jenseits dumpfer Stammtische vorgefunden hätte. In jener Zeit war es gesellschaftlicher Konsens, zumindest ungefähr zu wissen was Faschismus ist und was dazu führt. Die Medien wussten das, die Vertreter demokratischer Parteien, die Schriftsteller, die Philosophen, jeder Geschichtslehrer, jedes Schulkind, das im Geschichtsunterricht aufgepasst hatte. Das Grundgesetz hatte einen klaren Auftrag zur Bewahrung der Demokratie und Freiheit gegeben.

Verharmloser am Werk

Dabei spielte es keine Rolle, ob man sich selbst links, liberal oder gut bürgerlich-konservativ verortete. Aber das hat sich geändert. Das Gift ist auch in die vormals immun geglaubte bürgerliche Mitte eingedrungen. Denn irgendjemand aus den vorgenannten Berufsgruppen meinte plötzlich: oh, „Faschisten“ – das klingt aber zu hart. Also dachte man sich den Euphemismus „Rechtspopulisten“ aus. Die Anhänger der so Verharmlosten wiederum nannten sich selbst „besorgte Bürger“. So lange, bis immer mehr bis dato gegen Propaganda immune Bürger anfingen, diese Leute irgendwie auch dem Bürgertum zugehörig zu halten. Dadurch ermutigt, gingen die „besorgten Bürger“ ihrem Beruf und ihrer Berufung – der Volksverhetzung – weitgehend unbehelligt auf den Straßen nach. So bei Pegida, so bei den „Querdenker“-Demonstrationen.

Sie brachten bürgerliche Politiker dazu, ohne Not Sätze wie diesen zu sagen: „Wir müssen die Sorgen und Nöte der Bürger ernst nehmen“. Was zur Folge hatte, dass zumindest einige von ihnen das als Aufforderung missverstanden, ihre Politik nach deren Wünschen auszurichten, obwohl die von jenem bevorzugte „Partei des Hasses“ (Michel Friedman) an keiner Regierung beteiligt war. Der Pöbel und seine Partei arbeiteten aber weiterhin, je mehr sie sich radikalisierten, an ihrer Selbstverharmlosung. Inzwischen ist in den öffentlichen Debatten immer mehr zu hören von den Befindlichkeiten „normaler Leute“. Und wer sollte schliesslich was gegen normale Leute haben? Schliesslich werden die Wortführer dieser „normalen Leute“ ja ständig in Talkshows der öffentlich-rechtlichen Medien eingeladen.

Da ist dann auch kaum jemand mit Gewicht in der Öffentlichkeit, der ihnen entschlossen entgegentritt und sagt: Nein, ihr seid keine „normalen Leute“. Oder, um noch einmal Michel Friedman zu zitieren: „Wie leidenschaftlich sind wir denn demokratisch? Warum sind viele so schüchtern?“ Leider scheint es aber auch eine traurige Wahrheit zu sein, was die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano enttäuscht feststellen musste: „Das Haus brennt und Sie sperren die Feuerwehr aus“.

Nochmal zum Mitschreiben: Es gibt keine Spaltung der Gesellschaft. Es gibt die Gesellschaft, und es gibt die, die sich „normale Leute“ nennen, die auch gerne mal den „gesunden Menschenverstand“ wie einen gestreckten rechten Arm vor sich hertragen.

Der „gesunde Menschenverstand“ wiederum ist eine schlecht kaschierte Chiffre für „gesundes Volksempfinden“. Das gesunde Volksempfinden trug in finstersten Zeiten Fackeln und veranstaltete Pogrome, und täte es heute nur zu gerne wieder. Im Netz zeigt der „gesunde Menschenverstand“ Fotos von Hochspannungsmasten mit der Bildunterschrift „Abenteuerspielplatz für Migranten“ oder ein Auto mit blutverschmierter Motorhaube, das als „Rammbock für Klimakleber“ empfohlen wurde.

Nicht geschwiegen werden soll aber auch von den vielen Varianten der „jüdischen Weltverschwörung“, die uns angeblich versklaven will. Beispielsweise zu finden in Darstellungen von Netanyahu mit Hakenkreuzbinde. Da sind sich die besorgten Pegida-Mitläufer doch sehr einig mit ihrem Spiegelbild, den BDS-Judenhassern – vorwiegend aus „antiimperialistischen“ Kreisen und den vorgeblich linken Freunden und Verharmlosern des blutsaufenden ruSSländischen Massenmörders Putin. Auch die finden immer öfter ihren Weg in die Quasselrunden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Das Netz als Brandbeschleuniger

„Verstösst nicht gegen unsere Gemeinschaftsstandards“, teilt der Betreiber des Netzwerks den Normalen jedweder Couleur als Antwort auf ihre Hassbotschaften immer wieder mit und ermutigt sie zum Weitermachen, gern auch mit persönlich adressierten Morddrohungen. So sind sie, die Normalen. Wir sollten spätestens jetzt anfangen, sie als das wahrzunehmen, was sie sind: pervers und brandgefährlich.

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Über Thomas Zimmer

Wollte mal Lehrer werden. Anglistik und Geschichte studiert, mangels Arbeitsplatz Journalist geworden und das sogar mit an- und abschwellender Leidenschaft. Erst Radio, dann Print. Alles, nur nicht Wirtschaft und Sport. Vorzugsweise Rock, Pop und Folk. Vier Semester Dozent für Pop- und Rockgeschichte an der Musikhochschule Karlsruhe. Biografie des BAP-Drummers Jürgen Zöller und ein Buch mit Konzertkritiken aus 20 Jahren. Interviews mit Rock-Größen wie Phil Collins, Ian Gillan, Beth Hart u.v.a. Interview-Podcast „Das Ohr hört mit“ - mit Musikern und anderen Kulturmenschen. Bei "Starke Meinungen" schreibe ich über alles, was mir gerade durch den Kopf rauscht. Podcast hier: https://open.spotify.com/episode/18TWjOfWR07gezCpidAsKV Homepage: www.thomaszimmermusik.de

14 Gedanken zu “Die Perversion des Normalen. Wie Extremisten die bürgerliche Mitte zerstören;”

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    Wieso habe ich bei einer bestimmten Art der Argumentation immer das Gefühl, da solle moralisch deklassiert werden..? So nach dem Motto: ‚Also jetzt bitte.. ich würde das ja dann doch bitte anders sagen und wie kann man überhaupt..‘. Kann man bei aller ‚Verstörung‘ nicht einfach nur schreiben, was man SELBER denkt, fühlt, glaubt, was auch immer.. es wirkt nicht nur überheblich.. auch unsympathisch. Lieber offen beschimpfen, das klärt die Positionen, wird aber kaum beschämen. Bei der Demonstration moralischer Selbstgewissheit jedoch vergeht einem jegliche Lust an der Argumentation, man nimmt lieber Abstand. Und im Vertrauen: .. allein das schon lässt das Gegenteil wählen.

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    Hallo Stevanovic, na dann will ich auch mal auf die Schnelle was zum Klassentreffen beitragen. Beim Gastgeber ging es ja um die Afd, dazu wurde zwar schon alles gesagt, was sich überhaupt denken, ahnen oder fühlen lässt, und sogar auch fast von allen. Trotzdem : Die AfD ist eine zutiefst oppprtunistische, dumme, hässliche Partei, mit vielen hasserfüllten Leuten, die immer für das Gegenteil von dem sagt, was die anderen (insb. die Grünen) sagen, egal ob das richtig oder falsch ist. Das hat sich z.B. in der Pandemie gezeigt, wo die eine 180°-Kehrtwendung vollzogen haben, nachdem „die anderen“ ihre anfängliche Position zum Bevölkerungsschutz umgesetzt haben. Dies ist das denkwürdige tribalistische Muster, das zu Flat-Earthern und wohltemperierten Grausamkeiten führt. Wenn die AfD verfassungsfeindlich sein sollte, dann sollte sie verboten werden – ich möchte keine relevanten verfassungsfeindlichen Parteien auf dem Stimmzettel sehen. Wenn nicht, dann natürlich nicht. Ob sie verfassungsfeindlich ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Aber falls sie es ist, dann müssen ihre Unterstützer eben eine andere Partei oder gar nicht wählen. Das wäre mir beides recht – die demokratietheoretischen Einwände überzeugen mich nicht. Ihre Überlegung, dass die Hasserfüllten sich dann alle im Untergrund radikalisieren, schreckt mich nicht – die radikalisieren sich auch ohne Verbot, wie man sieht, und ich glaube, dass die meisten der verirrten Bürger, die sich derzeit für die AfD erwärmen lassen, dann lieber zuhause bleiben.
    Ohnehin sollte man sich nicht so erschrecken lassen. Politik, insb. populistische Politik ist eigentlich ein furchtbar irrationales Gebiet, das viel mehr mit Gefühlen, insb, Ängsten zu tun hat, als es oberflächlich scheint, wo sich die maximalen Auskenner gegenseitig zu verdrängen versuchen. Diese irrationale Grundierung haben Sie auch erkannt, wenn sie von den verlorenen Hoffnungen usw. erzählen. Aber nicht jede verlorene Hoffnung hat ihre Berechtigung, nicht für jede Frustration gibt es einen Schuldigen. Diese ständigen Schuldzuweisungen sind neben den verletzten Gefühlen ein weiteres Hauptkennzeichen von populistischer Politik. Nun sollte man aber gar nicht erst versuchen, die Leute in ihren hyperempfindlichen Gefühlswelten zu schonen, sich ständig vor ihnen verbeugen, um sie maximal anzuerkennen usw. – das klappt sowieso nicht, hat keinen Sinn. Die Leute müssen stattdessen selber anfangen zu überlegen, z.B. ob es ihnen mit der AfD wirkich besser gehen würde. Und hier muss man kein Abitur haben, um die Realität zu erkennen.

    Ich wollte eigneltich noch mehr schreiben ,auch z.B. zu ihrem Ehegattensplitting (z.B. dass in meinem durchaus weiten Bekanntenkreis kein einziger Fall vorhanden ist, wo ein Perlhuhn oder -hahn zuhause sitzt, selbst die Frau des Mercedes-Managers der Kita-Eltern arbeitet, allerdings nicht aus Geldnot. Ich selber wäre liebend gern ein Perlhahn ohne jede Erwerbsarbeit und gerne in größerer Geldknappheit, würde mich zuhause auch ohne Fernseher + Auto + Fernreise keineswegs langweilen oder über die AfD gruseln und denke daher, dass die Ehepartner sich eben einen Job suchen müssen, wenn das Eheplartnersplitting nicht mehr da ist) – aber leider reicht die Zeit grad nicht. Die liebe Erwerbsarbeit ruft.
    Na denn.
    Viele Grüße!

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    https://www.bild.de/politik/inland/xxl-reformen-klingbeil-will-ehegattensplitting-abschaffen-69c2bfdaffcdb2ce7075ca6d

    Ich schreibe hier oben, weil das in den Spalten alles schlecht lesbar ist, ist aber eine Antwort auf Sie. Die Spalten sind bei längeren Texten eine Zumutung. Nur ein kleiner Einblick in meinem morgendlichen Busch-Funk:

    Ein guter Teil lebt konservativ oder immer wieder mal konservativ oder was eben als konservativ gilt. Ehegattensplitting ist ein Thema. Übrigens sind es nicht nur Frauen, die mal zu Hause bleiben. Es lohnt sich dann, dass keiner mehr zu Hause ist, wenn man den Leuten Geld wegnimmt. Gute Idee. Dazu passt auch, dass die Kranken-Mitversicherung für Partner aufgehoben werden soll. Stringent. Vorstellen will Klingbeil das nicht vor Gewerkschaften sondern vor der Bertelsmann Stiftung. Klingt nach einer britischen Komödie aus den 80ern.
    Meine Tochter hat keinen akademischen Hintergrund, sie ist Verkäuferin. Unter den Jungen Frauen ist Only Fans eine Seuche, wir Eltern zittern bei dem Wort. Gleichzeitig ist Only Fans ein Spender für AIPAC und IDF (der Gründer ist gerade gestorben, steht in jeder Zeitung). Kalauer: Wir halten für Isreal wirklich den Hintern hin. Abgesehen von dem Irankrieg. Ja, das Öl wird teurer. Das Geld ist nicht weg, sondern nur woanders. Fragen sie Ihre KI nach den Gewinnen der Ölkonzerne, habe ich eben gemacht.
    Pflegenotstand. Thema in dem Alter, Eltern leben noch und die ersten kommen gerade an die Reihe. Bild-Zeitung meinte die Tage, dass wieder Wartezeiten länger werden. Obwohl in meiner Generation die deutsche Bevölkerung von 78 auf 84 Millionen wuchs. Remember: Wer soll uns im Alter pflegen? Dafür bekomme ich jeden Tag Memes mit sich prügelnden und radikalisierenden Pflegefachkräften.

    Mir ist schon klar, dass das alles verzerrt ist. Deutschland hat heute doppelt so viel Ärzte wie 2000. Mir ist schon klar, dass ein ökologischer Umbau Treibstoff auch teurer machen würde. Mir ist schon klar, dass bei Only Fans Junge Frauen selbstbestimmt Geld machen (könnten. Nur mal so gefragt: wer hält da die Kamera?). Mir ist schon klar, dass das gut situierte Perlhuhn am meisten vom Ehegattensplitting profitiert. Aber bei der ist es auch egal. Wichtig ist es für andere. Und das sind nicht wenige.

    In meinem Stadtteil haben wir satt über 50% Migrationshintergrund. AfD hat 20%…und sie wird noch mehr bekommen. Es sind ihre Kinder die Drogen nehmen, sich radikalisieren und in Schulen gehen, die Teilnehmerurkunden ausstellen. Die einen ziehen sich in Moschee-Vereine zurück, die anderen wählen AfD. Oder beides. Deutschland kaputt. Und mit ihm Lebensentwürfe und Hoffnungen. Dafür kommt neue Konkurrenz auf den Arbeits- und Wohnungsmarkt. Damit der erbende Regenbogen jemanden hat, der mit ihm spricht und ihn pflegt, wenn er/sie/them/they alt ist. Weil Mutter-Vater-Kind doof sind. Yeah, sure. Klingt nachhaltig gedacht. Was meint der Imam dazu?
    Die AfD zielt bewusst auf diese Gruppe. Zuerst die Russlanddeutschen, dann Polen und Jugos, jetzt Türken. Das rollt gerade gut an.

    Würde eine bessere Sozialpolitik helfen? Ich glaube nicht. Letztlich ist der Wohlstandsverlust real, aber nicht so, dass die Leute sich nicht adaptieren könnten. Der Abstieg ist ungleich verteilt und schleichend. Die Leute werden auch diese Runde aushalten. Viel mehr ist es das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Und das verkauft die Publizistik fulminant, jeden Morgen. Denn sie verdient Geld damit, mit den Negativschlagzeilen. Und die AfD macht Werbung. Es ist Wahlkampf, also mit Negativ-Klicks. Und ich werde hier gelesen, mit Nachrichten aus dem Düsterwald. Und Sie haben Angst, vor Hitler. Die Meinungsfreiheit frisst ihre Kinder. Aus dem Kreislauf kommt hier keiner mehr raus.

    Spannend wird es nicht mit der AfD, die keine andere Politik machen wird, vielleicht mit Gehässigkeiten gegenüber einzelnen Gruppen, die wenig helfen werden. Es trifft bestimmt andere und bisschen Schwund ist immer. Und ändern wird es wenig. Es macht mir Freude Ulf Porchard und seine Begeisterung für Milei zu sehen. Relatable. Ein neuer Cäsar wäre ein feines Ding. Jemand der Hoffnung gibt und diese Breschnew Ära beendet. Irgendwas mit Kettensäge und Triumfzug, die Details sind egal. Kann mit Trump und dem Krieg natürlich auch schief gehen, war aber nur der erste Versuch. Sulla. Den Cäsar hat die AfD nicht. Ich fürchte die Zeit nach der AfD und dass ich es bedauern werde, dem sympathischen Chrupalla keine Chance gegeben zu haben.

    Warum schreibe ich Ihnen das alles? Sie sind nicht doof. Sie wissen das doch alles. Ich schreibe Ihnen, weil ich Ihnen die Sorge abnehme, ehrlich. Und ich versuche Sie zu trösten. Das Problem ist nicht die AfD. Die ist nur ein Zwischenstadium. Das Rad ist viel größer und mit Parteiverbot und Zivilgesellschaft und Mahnwachen und Appellen und Haltung zeigen nicht in den Griff zu bekommen. Das alles riecht nach Verzweiflung. Hoffnung verkauft sich nicht und gewinnen wird am Ende der, der Hoffnung doch verkaufen kann. Immer mehr meiner Nachbarn würden Hoffnung wählen, auch wenn sie dezimiert werden. Ich merke, dass meine Tochter Recht hat. Ich bin richtig scheiße im Trösten. Okay, kann sein, dass ich Mist rede und das alles Unfug ist. Jung war ich ganz Links und dann für Links mit globalisierten Mitteln. Meine Trefferquote ist erbärmlich.

    Mit besten Grüßen aus dem Düsterwald

    PS: Oh Gott, ich lache gerade Tränen. Ihr Kollege nebenan hat die Zusammenarbeit mit dem Bundespräsidenten eingestellt und rutscht in den Separatismus. Ich hoffe, der gute Mann bewaffnet sich nicht, die meisten verletzen sich selbst

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      „Meine Trefferquote ist erbärmlich.“..Nö Stevanovic.. voll auf die 12. Der eine hat Angst vor Hitler und die Anderen sollen jetzt Angst von den neuen kleinen Atomkraftwerken bekommen.
      https://www.welt.de/vermischtes/article69c341f98f5761671715e5f7/akw-streit-bei-maischberger-viele-kleine-atomkraftwerke-sind-viele-wunderbare-angriffsziele-sagt-goering-eckardt.html
      Das sind uralte Debatten. Wir werden vor allem alt und den Alten sagt man ja nach, daß sie irgendwann anfangen, in der Vergangenheit leben. Währenddessen ordnen gerade die Nerds die Welt neu. China-Indien-Iran-Russland USA-Arabische Halbinsel-daskleineIsrael..
      https://www.welt.de/wirtschaft/plus69b5647e1d2f30593708d710/blockbildung-die-welt-zerfaellt-der-neue-kalte-krieg-hat-begonnen.html
      Und zu den anderen Zeitungen bin ich heute noch gar nicht gekommen..

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      Herzlich willkommen zurück lieber Herr Stevanovic,

      wir haben – ich erlaube das zu verallgemeinern -, da APO das ja auch schon gesagt hat, Sie her alle sehr vermisst. Ich habe das immer sehr gern gelesen, was Sie geschrieben haben, gerade auch aus der – ich erlaube mir das wieder einfach (ironisch) zu schreiben – „jugoslawischen“ Perspektive.

      Aber die Zeiten haben sich anscheinen so zum Schlechten gewendet, dass ich schon nach wenigen Absätzen aufgehört habe zu lesen. Nicht, dass ich irgendetwas an dem auszusetzen habe, was Sie schreiben, nein, Ihr Humor, ihr Sarkasmus – eine Eigenschaft, die mir auch zueigen ist -, tut mittlerweile so weh, dass ich es nur schwer aushalte, weiterzulesen.

      Ich weiß nicht ob es an den Zeiten liegt oder vielleicht kommt später in Ihrem Text ja noch etwas, das mir Hoffnung spenden kann, aber das ist für mich ein schlechtes Zeichen, dass Sie, der ja immer recht rational und humorvoll waren, mir – ausser, dass ich weiß, dass es Sie irgendwo geben muss -, keine Hoffnung mehr geben, dass wir den Wagen noch aus dem Dreck gezogen bekommen.

      Ich weiß nicht, ob ich heute noch dazu komme weiter zu schreiben – ich halte den Laden hier auch nicht mehr wirklich vertrauenswürdig, seit Herr Greven im Impressum steht – ich melde mich aber die Tage noch einmal und klinke mich vielleicht ab und an ein, wenn Sie was schreiben.

      Herzliche Grüße

      Ihr 68er

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        Das Misstrauen gegen Ludwig Greven ist völlig unangebracht, lieber 68er. Außerdem – ob Sie das beruhigt, weiß ich nicht – kümmere ich mich um die Kommentare.

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      Vielen Dank Leute!!!! Posener, KJN, 68er, fehlt Ziegler…Klassentreffen. Stuss, ich lese die ganze Zeit mit. Mein Gastspiel im politischen Teil ist aber nur kurz. Ich bleibe bei der Musik. Herr Zimmer hat mich berührt, weil es wie der Besucher aus einer anderen Welt war. Ich habe eigentlich alles gesagt. Ich drehe mich im Kreis.
      Deswegen doch noch ein positiver letzter Ausblick auf die Zukunft, für 68er:
      Trump landet in Belutschistan. Mit Kurden reicht das für einen Bürgerkrieg. Pakistan exportiert seine Balutschen-Problembären wie damals Paschtunen, Aserbaidschan greift ein, um Aseris zu schützen. Wenn schon Begriffe wie „30.000 ermordete“ und „Genozid am eigenen Volk“ kursieren, ist der Drops gelutscht. Routine: Hunderttausende Tote, Millionen auf der Flucht. Wo wir eine Wüste schaffen, werden wir es Frieden nennen. Der „30-jährige Krieg“ tritt in die nächste Phase und die wird natürlich immer weitere Kreise ziehen. Die Türkei…mmmmh, lecker. Überhaupt interessieren muss uns das wegen der Panik, die hier ausbrechen wird. Gewinnen wird den Diskurs (okay – kann auch was anderes werden) hier, der in dieser Situation Hoffnung verkaufen kann. Wie der sein wird, weiß ich nicht, ich schätze, der wird so sein, wie wir ihn heute nicht wollen und nicht wenige von uns werden ihm Dankbar sein. Es werden (wie auch immer) Weichen für die Zukunft gestellt und nicht mit dem Ukrainekrieg, sondern erst da endet das 20. Jahrhundert in Europa. Und es beginnt was Neues.
      Weiß`mers?! Nein, natürlich nicht. Wir könnten eine Wettbörse machen, wer wie viel von 10 Euro auf welches Szenario setzt. Es muss gar nicht bis Ende gehen, es müssen nur genug Leute auf mein Szenario wetten und dann werden wir als Panikreaktion die Illiberale Demokratie schneller bekommen, als wir „Existenzrecht des Iran“ rufen können. Hui-Buh Stimme: Achtet auf Belutschistan. Also, alles gar nicht mal so schlecht, es kann alles noch viel, viel schlimmer kommen. Kopf hoch!
      Im Vergleich zu Herr Zimmer lebe ich in einer deutlich anderen Erlebniswelt. Zwei Blasen, die sich im politischen Kosmos zufällig berühren. Hat mich ehrlich berührt. Und weil ich nichts neues, gar kluges mehr zu sagen habe, überlasse ich den Herrn die politische Bühne und empfehle mich weiterhin mitlesend.

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        Lieber Stevanovic,

        vielen Dank für den Versuch der kleinen Ermutigung. Ja, Ihre Kinder haben Recht, gut machen Sie das nicht.

        Ich hätte noch viel zu erzählen, halte das Umfeld hier aber nicht mehr für geeignet, z. B. etwas über meine Tochter zu schreiben. Man weiss ja nie, ob der im Impressum genannte Herr, wie schon einmal geschehen, die gewählte Anonymität ignoriert und einem mit dem – von mir immer in meiner Mail genannten -Klarnamen „outet“.

        Ich für mich habe keine Lust den Kopf in den Sand zu stecken und mich nur noch mit Musik und Katzen ins neue Biedermeier zurückzuziehen.

        Ich hab in den Jahren 2023 bis 2025 in einem deutschen Landtag in der Verwaltung gearbeitet und denke mir immer, was die Piefköppe von der AfD machen, müssten wir doch eigentlich besser können. Können wir auch, wir müssen es nur machen. Deshalb bin ich jetzt aktiv und versuche, jungen Leuten bei ihren politischen und kulturellen Projekten zu helfen.

        Denn ich bin immer noch der Meinung:

        „Wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat, eine Welt, die sich auszeichnet, keinen Krieg mehr zu kennen, keinen Hunger mehr zu haben, und zwar in der ganzen Welt. Das ist unsere geschichtliche Möglichkeit – und da aussteigen? Ich bin kein Berufspolitiker, aber wir sind Menschen, die nicht wollen, daß diese Welt diesen Weg geht, darum werden wir kämpfen und haben wir angefangen zu kämpfen.“

        Ich lese gerade Agamben „Ausnahmezustand“. Wenn man Dutschke hinzunimmt, der damals sinngemäss sagte, dass 1967 lediglich ca. 15 bis 20 Leute im Berlin den Motor der Bewegung gebildet haben, darf man, wenn man glaubt es geht den Berg hinunter, nicht die Hände in den Schoß legen, sondern dies als Chance sehen. Die Rechten sind darauf vorbereitet, ja, sie ersehen den Ausnahmezustand, Trump Arbeiter gezielt auf ihn hin. Alle, die links der AfD sind, sollten auch darauf vorbereitet sein. Und zwar nicht durch die Bereitschaft Gewalt anzuwenden, wie es auch einige Linke denken und all unsere Sicherheits-und Innenpolitiker von den Grünen über die SPD, der FDP bis zur CDU/CSU, die seit Jahrzehnten versuchen, unsere Normalgesellschaft in eine Notstandsgesellschaft zu transformierten. Nein, wir, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlen, müssen den geistigen Leerraum füllen durch Vorbild, Vorleben und der Bereitschaft, für unsere Ideale zu kämpfen. Gewaltfrei aber bestimmt, ja, vielleicht holen sie uns ab, ja, vielleicht erschlagen sie uns, aber so, wie Sie sich gerade anhören, werden Ihre Kinder und Enkelkinder irgendwann den Respekt vor Ihnen reduzieren.

        Herzliche Grüße

        Ihr 68er

        P. S. : Wenn Sie mir antworten wollen, gerne auch per Mail. Herr Posener kennt meine Kontaktdaten.

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      @ Thomas Zimmer, Stevanovic
      „Würde eine bessere Sozialpolitik helfen? Ich glaube nicht. Letztlich ist der Wohlstandsverlust real, aber nicht so, dass die Leute sich nicht adaptieren könnten. Der Abstieg ist ungleich verteilt und schleichend. Die Leute werden auch diese Runde aushalten. Viel mehr ist es das Gefühl der Hoffnungslosigkeit.“
      War die soziale Marktwirtschaft westeuropäischer Prägung womöglich nicht das gleichsam automatisch erreichbare Ziel kapitalistischer Entwicklung und damit eben nicht die „gültige Widerlegung der Marx`schen Verelendungstheorie“, (so etwa H.Geißler schon in den 80er Jahren)? Vielmehr ein Sonderfall – mit einer Sonderkonjuntur nach zwei Weltkriegen, der parallelen Existenz des real existierenden Sozialismus zwar als perhorresziertes Gegenbild, immerhin aber als Motivation zum Ausbau des eigenen Sozialstaates, um die eigene Attraktivität gegenüber der Systemkonkurrenz zu erhöhen. Einen Sozialstaat, den man sich als „Kollateralnutzen“ des hohen Wachstums vorzustellen hat?
      Vielleicht ist das auch die Antwort auf die Frage, was den Niedergang der SPD verursachte: Es gibt immer weniger zu verteilen; die durch das geringe Wirtschaftswachstum erwirtschafteten Renditen reichen wohl noch für die Anteilseigner.
      Die „normalen Leute“ aber werden mit Angst auf die Sparmaßnahmen eingestimmt: Angst vor der „Rentenlücke“, das Gesundheitssystem angeblich nicht mehr bezahlbar, Angst vorm Russen, Angst vor Islamisten, etc.
      Ende des „Arbeiteradels“ in Wolfsburg und anderswo – Zeit für Sündenböcke – Konjunktur für die AfD. „Fortschritt“ mutiert vom selbst Erfahrenen zum Elitenprojekt.
      Die Sprache: Bei „Meine Welt, meine Meinung“ auf Welt-TV ist man am laufenden Band „fassungslos“, „empört“ – wie der halbbesoffene Onkel, der nach fünf Bier allen, die es hören wollen, die Welt erklärt. Nur noch schwarz oder weiß. Eine AfD – kritische Haltung nurmehr als Lippenbekenntnis. So adressieren „die Normalen“ mit dem „Gesunden Menschenverstand“ die „Normalen“.
      Und die „Progressiven“? Glauben, eine nachhaltige Klimapolitik wäre innerhalb des kapitalistischen Systems möglich. Beschäftigen sich mit vielen Dingen, aber nicht mit der Systemfrage. (Bald ist man schon mit der lächerlichen Forderung nach einer Vermögenssteuer ein Kommunist.)
      Die „Linken“ oder als „links“ Gelesenenen können auf diese Weise gar kein glaubhaftes Widerstandspotential entwickeln. Sie repräsentieren ein System, dessen Legitimation für einem immer weiter steigenden Bevölkerungsanteil verschwindet. Emanzipatorische Bestrebungen oder „Wokeness“ werden bis weit in die „bürgerliche Mitte“ hinein allenfalls als Nebenprobleme wahrgenommen, deren Lösung „man“ sich erstmal leisten muss. Wenn nicht gleich als „unnormal“. Und nicht nur hier:
      Bezeichnend ist, wie schnell „die Wirtschaft“ die Regenbogenfahnen einholt, wenn der Zeitgeist sich ändert. Die ideologische Flexibilität ist da sehr hoch, nicht nur im Silicon Valley.
      Kapitalismus entwickelt sich nicht zwangsläufig zur Demokratie. Er kann auch gut ohne. Siehe Deutschland 1933 – 1945. Oder Russland und China heute. Und in den feuchten Träumen von Bannon und Co. bald auch die USA.

      Wenn man es recht bedenkt, ist der Aufstieg und der anhaltende Höhenflug einer Partei wie der AfD kein Wunder.
      So wie die SPD seit Schröder in die vermeintliche „Mitte“ strebte, so strebt die CDU nach rechts, um ihren Bedeutungsschwund aufzuhalten. Die Brandmauer wird bald fallen. Ob das der AfD schadet?

      „Faschismus als Widerstand gegen die theoretische und praktische Transzendenz“ – Ernst Noltes „Faschismus in seiner Epoche“ von 1963 verdient eine erneute Lektüre.

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        Ergänzung:
        T-Online meldet heute:
        „Mit Unterstützung rechter Parteien wie der AfD hat die EVP-Fraktion im EU-Parlament für die Verschärfung der EU-Asylpolitik gestimmt. Es soll nun auch Abschiebezentren geben.“
        Selbstverständlich außerhalb der EU.
        „Wir“ disponieren schonmal wie selbstverständlich über die anzustrebenden Zustände in Nicht – EU – Ländern, die die „Drecksarbeit“ zugunsten der Verschönerung auch des deutschen Stadtbildes machen sollen.
        Es gibt keine „Brandmauer“.
        So weit, so normal – mittlerweile.

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    Ja, die Faschisten 2.0 bieten einen Gegenpunkt an, um den sich die ausgestoßenen Schafe der DDR 2.0 scharren können. Ich kenne niemanden, der denen Kompetenz zuspricht. Aber viele die sie wählen. Die Leute sind nicht blöd. Bei jedem Event fällt eine Gruppe raus: bei Corona Homöopathen und Naturheilkundler, bei der Ukraine die Kompromissbereiten, bei Gaza die Humanisten, bei der Migration die Arbeiter…usw. Über „Diskurse“ sind Freundschaften zerbrochen, Nachbarn verdächtigen sich, Menschen entfremden sich über Themen wie Taiwan oder Sibirische Rohstoffe oder Polizeieinsätze in einer US-Stadt, deren Namen ich nicht mal richtig aussprechen kann. Zitieren Koran und Tora, um Motive von unbekannten Menschen zu erklären. Ich gehe auf die Straße und bin verzweifelt, dass ich keinen Hamas Ableger finde, dem ich sagen kann, was ich von ihm halte. Vielleicht nehme ich das Thema auch nicht ernst genug. Ich weiß, dass mein Nachbar Antisemit ist, trotzdem lebe ich mit ihm. Dabei wird alles bunter, bin ich doch selbst ein pachtvoller Beitrag. Zumindest geht die fehlende jüdische Gemeinde in meinem Ort nicht auf mein Konto. Bei ihrem Kollegen im Artikel wird Israel auch in der Vulkaneifel verteidigt, Mazel Tov. Immer Doomsday, Mahnen und Mobilisieren. Sie hat einen türkischen Freund und trotzdem wählt sie die AfD. Geht heute. Ohne radical chic geht ja auch gar nichts mehr, weder im Antisemitismus noch im Antifaschismus. Vielleicht sind die Faschos 2.0 einfach koalitionsfähiger als die Zivilgesellschaft? Waidel never called me Reichsbürger. Oder Putinversteher. Es war wahrscheinlich weder Ihre Zielrichtung, noch ist es Ihre Aufgabe, aber nur mal zum Spaß: Auf einer Skala von 1-10. Wie sehr, meinen sie, finden sich Menschen, die mit dem Gedanken spielen, sich der Zivilgesellschaft abzuwenden, in ihrem Artikel wieder? Und, nur als Lockerungsübung, wie reagieren die auf ein Parteiverbot? Ist dann die Serie zu Ende, oder gibt eine neue Staffel? Dabei denke ich nicht an die Schutzstaffel, weil ich in meiner Nachbarschaft keine Neonazis habe, aber dafür Graue Wölfe. Ich glaube, die sind nicht bunt. Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf, wo sich was dann kanalisiert. Vor paar Tagen haben deutsche Mittelschichtskinder mit Regenbogenfahnen einer Minderheit gegen einen schwarzen AfD Kandidaten demonstriert, der meinte, dass Deutschland uns alle einigt. Postmoderne ist richtig anstrengend, oder?

    Wenn ich gefragt werde, was man anders machen soll, kann ich nur mit den Achseln zucken. Die Zivilgesellschaft ist ein Auto, bei dem alle Bremsen ausgebaut wurden und einen Meter vor der Wand braucht mir niemand das Lenkrad zu geben. Winter is coming. Ich verharmlose nicht, ich bin ratlos.

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      Da haben Sie ein paar gute Denkanstösse geliefert, die man sicher diskutieren kann. Mein Beitrag ist auch kein in Stein geemißelte es Statment, aber das Resultat von über die Jahre gemachten Beobachtungen und daraus abgeleiteten Befürchtungen. Nein, ich. bin ehrlich: Geradezu ratloser Angst. ich habe schon 2013 die AfD für eine extrem gefährliche Partei gehalten und bin von vielen nicht verstanden worden. Kann man Sie mir der NSDAP vergleichen. Ja man kann. Ist mir egal, ob es stimmt. ich kenne totalitätes Denken, weil ich als Postpubertierender eine Weile strammer DKP-Fan war. Und ich habe als 16 jähriger „Mein Kampof gelesen und meinen Vater gefragt: „Sag mal, da stand doch alles drin, man hätte es wissen können. Er hat geantwortet: „Ach, den Quatsch konnte doch niemand ernst nehmen.“ Tja.
      Und zum Thema AfD-Verbot bin ich ganz bei Maxcim Biller, der 2025 in der SZ schrieb: „Wann ist, liebe Politiker, Publizisten und Sozialarbeiter, eigentlich der perfekte Moment gekommen, um den Propheten der Unfreiheit durch ein kleines, finsteres Parteiverbot in die Hacken zu treten? Wenn sie – meine Antwort – noch relativ still und leise davon träumen, Ausländer, ihre Kinder und Kindeskinder und diesmal erst ganz zum Schluss die Juden in Züge, Flugzeuge und Lkws mit unbekanntem Ziel zu setzen? … Oder soll man – frage ich rein rhetorisch – erst dann darangehen, eine auf taktisches Chaos und strategischen Demokratie-Rückbau zielende Partei wie die AfD mithilfe des Verfassungsgerichts zu verbieten, wenn sie schon so groß, wichtig und einflussreich ist, dass sie ihre eigenen Leute überall dort sitzen hat, wo sie ein solches Verbot verhindern könnten?“
      Sie sehen: Ich habe keine eigene Gedanken und kann auch keine formulieren. In diesem Sinne nur das Beste.

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      Ich persönlich würde Menschen, die Putin gerne die Ukraine zum Fraß vorwerfen würden, nicht „kompromissbereit“ nennen, Impfgegner nicht „Naturheilkundler“ und Menschen, die Israel die Existenz der Hamas anlasten, nicht „Humanisten“, lieber Stevanovic. Und, fair enough: Die meisten AfD-Wähler sind keine Arbeiter. Aber das nur am Rande – ich weiß, ich gebe nichts wieder, das Sie so geschrieben hätten, aber man könnte Sie so verstehen.

      Die AfD ist nicht „koalitionssfähiger als die Zivilgesellschaft“ (sonst würden auf Demos gegen Rechts ja nicht Erdogan-Wähler neben Putin-Apologeten neben humanistischen Religionskritikern stehen). Schon im Gründungsaufruf zur Wahlalternative 2013 war klar formuliert, was die Idee ist: Die etablierten Parteien haben entweder Deutschland in eine Diktatur verwandelt oder wollen das, die Gegner dieser Entwicklung müssen sich zusammenschließen, gleich, was sie sonst trennen mag. Dass das, was sich da einfand, von Harmonie von Anfang an weit entfernt war, sieht man schon daran, dass die Partei erst drei Jahre nach ihrer Gründung ein Grundsatzprogramm formuliert hat und die meisten der ursprünglichen Gründer sie zu diesem Zeitpunkt schon verlassen hatten.

      Man sollte sich nicht davon irritieren lassen, dass die AfD auch Migranten in ihren Reihen hat und von ihnen gewählt wird. Das ist gar nicht mal postmodern. Menschen aller Hautfarben haben begriffen, dass die AfD eine egoistischere Welt will. Eine Welt, in der man sich nicht wirklich fragen muss, ob ein Land ein anderes kassieren darf oder ob ein Präsident berechtigt ist, Paramilitärs auf seine Bürger loszulassen, oder ob wir Rohstoffe beziehen dürfen, mit denen Angriffskriege finanziert werden. Sie finden es anstrengend, dass man sich über sowas auseinandersetzen, streiten und womöglich entzweien muss? AfD-wählende Deutschtürken vermutlich auch.

      Die AfD verspricht vor allem die Erlösung von dem, was Sie ja offenbar auch frustriert: Dieses lästige „verantwortlich sein“, „sich betroffen fühlen“, „Haltung zeigen“. Diese ständige Konfrontation damit, dass alles mit allem zusammenhängt und kein Mensch eine Insel ist. Dass die Menschheit tatsächlich in einer finalen Phase sein könnte und dass einen das unmittelbar angeht. Dass man auch über die Rechte von Grauen Wölfen nachdenken muss und es nicht ganz selbstverständlich ist, ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen. Dass Regenbogenfahnen eben nicht für ein Minderheitsanliegen stehen, kein absurder Luxus sind, sondern das Individuum gegenüber der Norm stärken.

      Sie halten die Zivilgesellschaft für defekt? Die Populisten auch. Und darin gleichen sie durchaus den historischen Faschisten, auch wenn ich die Analogie in vielen Punkten für irreführend halte.

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