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Fragmente dreier Wintertage – Milo Raus „Prozess gegen Deutschland“

Milo Rau & Ulf Kubanke bei der Afterparty nach dem Auftakt beim „Prozess gegen „Deutschland“. Thalia Theater, 13. Februar 2016. Fotocredit: (c) Zizino Kubanke

Ulf Kubanke mit einem ganz und gar subjektiven Eindruck von Milo Raus „Prozess gegen Deutschland“ im Hamburger Thalia Theater.

„First Murderer:

Banquo: “It will be rain tonight.”

First Murderer: “Let it come down.”

(Macbeth, Akt II, Szene 3)“

„Kunst wird dann interessant, wenn wir vor etwas stehen, das wir nicht restlos erklären können.“

(Christoph Schlingensief)

Das Ziel: „Prozess gegen Deutschland“ im Hamburger Thalia Theater

Die Situation:

Gothy Freitag der 13.

Ziel: „Prozess gegen Deutschland“ von Milo Rau

Tja.

S3 Ausstieg Jungfernstieg. Letzterer wenige Meter vom Thalia Theater entfernt (mit dem richtigen Ausgang, sonst „viel Spaß!“ beim Finden).

Wir?

Meine aus Tbilisi stammende Frau, Zizino und ich als bremischer Wahlhamburger.

Wohin?

„Prozess gegen Deutschland“ von Milo Rau im Thalia Theater zu Hamburg.

Tür öffnet sich zischend.

Steigen aus..

Direkt vor uns „Cuccis“.

Tabak, Presse, Sandwich.

Auf dem Weg: Die Frau am Boden. Tiefer Schmerz. Absoluter Zusammenbruch. Kein Geld

Direkt daneben eine Frau um die 40.

Am Boden.

Weinend.

Sich windend in Wellen tiefen Schmerzes.

Rechtes Bein.

Blut’ger Verband.

Absoluter Zusammenbruch.

Vor ihr ein paar Münzen.

Gute Münzen.

Kein Kleinscheiß.

Achtlos verstreut.

„Aaaaah, Hilfe….ah….helfen…. Schmerzen….kann nicht….aaahh.“

Zizi: „Niemand hilft. Das ist doch schrecklich. Nur, weil sie hier Zuflucht gesucht hat vor sibirischen Temperaturen?“

„Mein Süßes, was soll ich da sagen? Das Land funktioniert eher so, dass ihr zwar nicht unbedingt ärztlich geholfen wird, sie jedoch die Chance bekommt, sich bei minus 7 Grad draußen an der frischen, gesunden Nordluft zu erholen, während die Polizei eine Anzeige wegen womöglich Hausfriedensbruchs und aller weiteree in Betracht kommender Delikte aufsetzt. Wir werden es nicht ändern können.“

„Ich kann ihr wenigstens einen Euro geben, um ein wenig positive Energie auszusenden.“

Zizino fischt in ihrem Portemonnaie nach einer Euromünze.

Währenddessen drängen sich gut zwei bis drei Dutzend Passanten an der Frau vorbei. Die meisten mit mürrischem Gesichtsausdruck. Einige mit Äußerungen wie “ Ach herrje! Im Weg!“, „Auch das noch!“,

Zizino sucht die Security.

„Niemand da?

Da lach ich ja.

Sonst immer.“

Sie legt die Münze zu Boden.

„Nimm es. Wenigstens das. Wir können nicht mehr tun.

Sorry.“

Als Eiswürfel ins Thalia

Treppe hoch.

Eines funktioniert im Hamburger Winter seit Äonen zuverlässig.

Der fiese, Rheuma konstituierende Wind auf den Treppen zum Aufstieg von U und S-Bahnen.

Also raus als Eiswürfel und ab zum Thalia Theater.

Vor der Tür stehen zwei, drei Leute. Verteilen Sticker und Broschüren.

„Hey, willst du auch was haben?“

„Hm, sag mir erstmal, was auf deiner Broschüre steht. Ich bin viel zu kurzsichtig, alles spontan zu entziffern.“

„Pro AFD-Verbot jetzt.“

„Gib mal für uns beide bitte. Und hol dir nicht den Tod bei der Wolfskâlte. Du möchtest doch sicherlich das Ende der AFD noch erleben oder?“

Ich lachend „Das wird mein Motto der drei Tage sein.“

Szenenwechsel: Wir befinden uns im Theater.

Bereits die Räumlichkeit ist verblüffend in ihrer sowohl Widersprüchlichkeit als auch Einheit. Auf der einen Seite hat man in allen Ecken und Enden überall Aktionen von Theaterstudenten, die das ganze parallel flankieren.

Man konnte vor Ort an diesem Tag sogar eine Couch oder eine Waschmaschine kaufen.

„Alles muss raus!“

Versus

„Alles kommt rein.“

Drumherum als Kontrast die magische Erscheinung dieses altehrwürdigen Gebäudes.

Coole Metaebene.

Weit weniger cool:

Unser Gebibber vor der Türe samt Glimmstängel & Winterflüchen.

Wieder rein.

Wieder Türsteher.

Zizi wühlt in der Handtasche nach unseren Karten.

Security lächelt.

Winkt.

Zizino sieht es nicht, weil immer noch im Clinch mit der Handtasche.

Ich sehe es nicht, weil ein Deckenstrahler mich blendet.

„Ihr könnt r e i n gehen. Was wären wir für Loser, wenn wir Leute wie euch in unserem Job nach 5 min nicht wiedererkennen?“

„Achso, ‚zeihung.“

Der sympathische Eindruck des Theaterpersonals setzt sich innen ausnahmslos fort. So ist zunächst einmal nach der Eiswüste draußen, die Bar unser Ziel. Zizi nimmt einen Sekt, ich nen Riesling. Beide rattenteuer aber top Qualität.

Und hey? Warum sollte nicht das mit den Moneten ansonsten so klamme Theater auch einmal vom Lebendigen nehmen dürfen? So es doch sonst bereitwillig auch den Scheintoten seine letzte Energie spendet.

Ab in den Saal

Wird Zeit.

Garderobe.

Personal – wir nahmen ca ein halbes Dutzend Leute wahr – scheinbar widersprüchlich wie das Eingangsbild. Rein äußerlich legere gekleidet, boten sie gleichwohl Manieren und Gastgebertum, welches man auch in den besten Hotels nicht zuvorkommendar anzutreffen pflegt.

Im Saal bereits gedämpftes Licht.

Sicherlich angenehm lichttemperiert.

Für mich, bzw. meine Augen, gleichwohl

ein recht gravierender Kontrast.

Zizi: „Reihe 1 – mittig.“

Verführerische information. Unsicher wie ich mich ob der Lichtverhältnisse optisch fühlte, neigte ich selbstverständlich dazu,

alter Bremer Teebeutel der ich bin, jenes Gefühl zu kompensieren, indem ich an einem anderen Punkt spontan die Steuerung übernehme. So lag nichts näher als vollmundig zu verkünden:

„OK cool, so schwer kann das ja nun mal nicht sein. Reihe eins bedeutet natürlich, dass keine andere Reihe vor uns ist. Da müssen wir ja nur vom schick beleuchteten Part vor der Bühne reinkommen.“

Reihe 1 – Hinter Reihe 0 – Erste Begegnung: unbewusst: Milo Rau

Vergesst es.

Selbstverständlich kollidierte mit einem Herrn, der vor dem mittigen Platz dieser Reihe stand. Selbstverständlich war es die falsche Reihe, weil in diesem Theater die Sitzreihen mit der Gruppierung 0 beginnen.

Inzwischen war unsere eigentliche Reihe nahezu vollständig befüllt.

Während ich mit Oliver Hardy artiger Entschuldigungs-Geste per Kruzifix meiner Peinlichkeit darüber Ausdruck gebe, gefühlt 2 Dutzend Füße der freundlich aufstehenden Sitznachbarn versehentlich zu treten, schaut die eine Hälfte von ihnen mich an, als käme ich vom Mond.

Zizino findet unsere Plätze.

Wir nehmen Platz.

Sie formvollendet.

Ich schweißgebadet.

Wir sitzen direkt hinter dem freundlichen Mann aus der Reihe 0, den ich vorhin fast umgerannt habe.

Wir grüßen einander noch einmal kurz.

Er wird von der Bühne angesprochen.

„Milo…..“

„War so klar. 500 Leute im Saal. Und ich renne fast Milo Rau über den Haufen.“

Gleich beginnt es – Beginnt was? Das „Spektakel“?

Was genau ist das denn hier für ein …… Goth, jetzt hätte ich fast geschrieben, „Spektakel“.

Im Kontext meiner womöglich typischen Wortwahl hätte ich diesbezüglich gerne zugegriffen.

Gleichwohl:

Bereits im Vorfelde bemühten sich so mannugfaltig viele Stimmen jedweder Couleur von allen Seiten, mit diesem Begriff eine mindestens skeptische (legitim) bis polemisch vorverurteilende (nicht ganz so legitim) Wertung zu konnotieren.

Unterkomplex of Death.

Andererseits sollte man sich ja auch n Dreck dafür interessieren, wie andere das Wort nutzen.

Also nicht kneifen, lieber rückerobern.

Ich erwarte mir tatsächlich ein Spektakel im besten Sinne.

Warum?

Meine Antwort – unsere – fällt da freilich rein subjektiv aus.

Darum wird es gehen: Um die Fragen unserer Zeit

Die Chance: Anhand d e r Fragen unserer Zeit:

  1. verschiedene politische Positionen aus höchst unterschiedlichen sozialen wie biografischen Milieus einander so gegenüberstellen, wie sie es im Alltag eher zu vermeiden verstehen.
  2. dasselbe auch sich sagen und daran glauben, selbst als Teil des Publikums und damit der Inszenierung nicht zu versagen auf der Ebene des gefühlt Tolerablen.
  3. einerseits darüber aufgeklärt werden, wie genau die juristischen Hürden gestrickt sind
  4. andererseits genug über das allgemeine Gesamtbild zu erhaschen, sich ein eigenständiges Urteil analog der Geschworenen bilden zu können.

Warum im Theater? 

Theater ist genau jener zwar öffentliche, gleichsam geschützte Raum, dessen Bühne es gerade ermöglicht, die wichtigsten, essentiellsten Fragen unserer Zeit zu verhandeln.

Wo denn sonst?

Wenn nicht an einem solchen Ort der Debatte und Kultur.

Wer derlei Vorgänge verquengelt zu delegitimieren trachtet, offenbart sich selbst als Hinderer des Diskurses, des Themas, des notwendigen Enttabuisierens.

Ein Hauch episches Theater oder doch fieser Schauprozess?

Schauprozess?

Weit gefehlt.

Es ist offenkundig das Gegenteil. Während bei einem Schauprozess das Ende bereits im Vorhinein feststeht, handelt es sich bei Milo Raus Ansatz um ein offenes Konzept.

Somit handelt es sich um das Gegenstück zum Schauprozess.

Hier findet drei Tage ein pluralistischer Meinungsbildungsprozess statt.

Danach bleibt jede einzelne Silbe per YouTube und als Schriftprotokoll für die virtuelle Ewigkeit.

Einsehbar für alle.

From here to eternity.

Ist es nicht in Wahrheit nur eine Bühne für extremes Gedankengut?

Offenkundig nicht.

Man schaue doch bitte hin,

indem man den Rahmen, den Fokus vergrößere, nicht verenge.

Warum ist diese Perspektive wichtig?

Milo Raus simultane Verengung und Erweiterung 

Ganz einfach: Die große Errungenschaft Milo Raus besteht zumindest aus meiner Sicht darin, dass Verengung und Erweiterung letzten Endes simultan vorhanden sind.

Jeder einzelne Beitrag steht für sich genommen, für eine Verengung, eine Facette, einen Ausschnitt.

Durch das ständige Strobo-Wechselspiel von Pro und Contra sowie die Ansammlung der einzelnen Fragmente zu einem schlussendlich mosaikartig komplettierten Leviathan.

Isoliert betrachtet zeigt sich bei verständigem Augenschein mithin schnell, welche Beiträge der Zeugen und Sachverständigen von diesen selbst konstruktiv oder destruktiv angelegt werden.

Die qualitative Trennlinie liegt in der Comedy Humaine

Die qualitative Trennlinie verläuft meines Erachtens gar nicht mal unbedingt zwischen links und rechts.

Überraschung – es ist wie immer in der Comedy Humaine.

Sie verläuft evident zwischen Leuten die für etwas stehen, und anderen die lediglich konfrontativ das Trennende das Spaltende, das Zerstörende suchen und sich dabei über die bewusste Dramatisierung lediglich selbstherrlich in Szene setzen.

Der Clou: für den Gesamtzusammenhang können sogar die demagogisch oder sonst wie destruktiv angelegten Vorträge sich als konzeptionell nützlich erweisen.

Sichtbar wird etwa, wer Zusammenhänge bewusst verkürzt und selbstreferentiell polemisiert, erhält womöglich das Strohfeuer des Punktens in der eigenen Szene für ein paar Tage. Auf lange Sicht gesehen bleibt es selbstverständlich ein ethisches Negativbeispiel. Aber ein künstlerisches Positivbeispiel. Denn im dramaturgischen Zusammenhang des Bühnenstücks funktionieren solche Leute selbstverständlich auch wunderbar als gute Schurken. Kein gutes Drama, keine gute Comedy, überhaupt kein gutes Stück ohne einen guten Bösewicht.

Authentizität der Menschen auf der Bühne als Kirsche auf der Torte

Die Kirsche auf der Torte:

Das Konzept garantiert maximale – nicht immer ganz freiwillige oder gar vorteilhafte – Authentizität.

Wodurch?

Spontanität.

Niemand weiß, was gleich folgt. Jeder bereitet nur seinen Text vor.

Alle werden direkt aufeinandergeworfen und müssen sich miteinander ins Benehmen setzen, einander aushalten für ein paar Minuten ohne dass im Saal das deutsche Kettensägenmassaker Teil 2 ausbricht.

Wenn das Publikum als wahrnehmbarer Faktor den Kommunikationsraum betritt

Das funktioniert in dem Moment erstaunlich gut, wenn das Publikum – selbst keine homogene Masse – als wahrnehmbarer Faktor den Kommunikationsraum betritt.

Da ist die Bandbreite nicht kleiner.

Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich mich bei dem einen oder anderen Beitrag wirklich zusammenreißen muss, ruhig zu bleiben. Eine ganz gute Übung in Selbstbezähmung.

Auf der anderen Seite will man ja auch kein Zombie Publikum. Und da Hamburg hier ohnehin relativ bunt aufgestellt ist, ergab sich spiegelbildlich zur Bühne ebenfalls ein Poppourri aus interessanten emotionalen Reaktionen und der totalen Facepalm jener, die das Konzept weder verstanden haben, noch es ertragen konnten.

Als Beispiel für letzteres sei an dieser Stelle nur der bewusst eingeschobene pseudo-winterhustende Mann imPublikum genannt, der absichtlich genau darauf ausgerichtet war, das Bühnengeschehen durcheinander zu bringen und die Protagonisten, in diesem Fall die Verteidigerin Liane Bednarz zu irritieren.

Das Publikum – wir alle – fingen auf einmal an mit miteinander zu diskutieren – „Der Prozess gegen Deutschland“ als Begegnungsstätte

Aber gut, solche Knicklichter kalkuliert man ja auch im Vorhinein ein. Sie werden automatisch Teil der Satireebene. Leider nicht freiwillig. Aber irgendwas ist ja immer.

Viel besser: Das Publikum – wir alle – fingen auf einmal an mit miteinander zu diskutieren. Ganz spontan in der Fluppen-Pause oder an der Bar etc.

Einer unserer Sitznachbarn etwa klatschte meist bei Sachen, die aus unser beider Sicht eher Quark waren. Und umgekehrt.

Das hat uns alle drei amüsiert. Später ins Quatschen gekommen über Goth und die Welt. Die politischen Unterschiede verschwanden natürlich nicht einfach wie durch zauberkraft die Magie bestand darin, dass sie für uns keine emotionale oder humanistische Differenz mehr bedeutete in der Wahrnehmung des jeweiligen Gegenübers. Wir entdeckten sogar künstlerische Gemeinsamkeiten.

Wären wir einander überhaupt je begegnet,ohne diese Aufführung als Begegnungsstätte? Wohl kaum.

Soll heißen: die ultimative Qualität des Stückes liegt aus meiner Sicht darin dass es also auch in diesem erweiterten Rahmen des quasi Stadtgesprächs bei allem und jedem einen Impuls zu Aktivität und Kommunikation auslöst. So rudimentär diese mittlerweile mitunter auch ausgeprägt sein mag.

Die Besetzung?

Ulf & Zizino Kubanke mit Herta Däubler-Gmelin, Thalia TheaterFotocredit: (c) Ulf Kubanke.

Thalia Theater on Stage: Als Vorsitzende Herta Däubler-Gmelin.

Vor und hinter der Bühne empfanden Zizino und ich es folgendermaßen:

Sie war so lässig.

So spröde.

Dabei absolut empathisch.

Mir freundlich ironischen Humor.

Teaching without Teaching.

Mehr geht nicht.

Über alle 3 Tage betrachtet mit Abstand die Coolste im gesamten Saal.

Urgestein.

Verteidigung wie Anklage? Hatten alle vier Eier. 

Keiner bühnenerfahren.

Aber allesamt dauerpräsent.

Trotz emotionslisierter Live-Situation und ebensolchen wechselnden Publikum.

Am ersten Tag geholpert.

Am zweiten Tag das Feld von hinten aufgerollt.

Am dritten Tag als Rampensäue geflogen.

Chapeau allen fantastischen Vier.

Freimütig gestehe ich, dass die Vertreter der Anklage zumindest uns beiden inhaltlich sowohl emotional als auch politisch und in der rechtlichen Bewertung näher stehen als die Positionen der Verteidigung. Auch der Mut einer der Vertreter der Anklage, eigene körperliche Schwächen im öffentlichen Vortrag nicht zu verstecken, sondern in ethisch-empathische Stärke zu wandeln (Stichwort „lebensunwertes Leben“), nötigt mir tiefen Respekt ab.

Die große Leistung der Verteidigung besteht aus meiner Sicht aus zwei Faktoren.

Liane Bednarz gelang die Quadratur des Kreises: Tanz am Vulkanrand, ohne in die glühende Lava zu fallen

Zum einen in der eigentlich unmöglichen Quadratur des Kreises, die Liane Bednarz zu erbringen hatte.

Was meine ich?

Nun, sie hatte die undankbarste Position.

Einzige Juristin im Team der Verteidigung. Dazu der konstante Spagat, einerseits einen guten „Bad Guy“ ab zu geben.

Daneben jedoch eingewoben ihr tatsächliches Wirken im realen Leben – Das Aufklären über rechtsextreme Strukturen, Ideologien und die Abgrenzung deren völkischen Weltbildes zu unserem demokratisch pluralistischen.

An diesem Rand des Vulkans konstant performen zu müssen, ohne in letzteren zu stürzen, ist aller Ehren wert.

Liane Bednarz, Frédéric Schwilden und Ulf Kubanke, Thalia Theater, Fotocredit: (c) Zizino Kubanke

Frederic Helmut Johannes Schwilden – Für die Bühne gebühren

Und dann ist da noch dieser eine Mensch auf der Bühne.

Frederic Helmut Johannes Schwilden.

Jurist?

Achwas.

Publizist.

Heimlicher Publikumsliebling.

Extrem charismatisch on Stage.

Der Mann gehört den ganzen Tag auf die Bühne – könnte auch ein antiquarisches Adressbuch vorlesen.

Es würde reichen.

Die Geschworenen – Ein in jeder Hinsicht differenziert aufspielender Souverän

Die Geschworenen?

Sich dieses Bombardement von Eindrücken exponiert ausgeleuchtet in Saunatemperatur 3 Tage zu geben.

Und dann von den in jeder Hinsicht filmreif unterschiedlichsten Sorten Mensch das Mehrheits- und Minderheitenvotum vortragen zu lassen, war schon großes Kino zum Schluss. Ein in jeder Hinsicht differenziert aufspielender Souverän.

Unser persönlicher Höhepunkt?

Die Rede Michael Abdollahs.

Weshalb?

Na hört doch selbst.

Das ist wie mit „Giri“.Wer es nicht spürt,

hat es nicht.

Ulf & Ziziino Kubanke mit Michael Abdollahs, Thalia Theater. Fotocredit: (c) Ulf Kubanke

Gesamtergebnis „mein Senf“

Vielen Dank an Milo Rau samt aller Beteiligten für ein – trotz kleiner Schwächen und Unwägbarkeiten – herausragendes Theaterexperiment auf philosophischem wie philanthropem Weltniveau.

Eine Frischzellenkur zwischen Gewürzen der Sorte Brecht, Dürrenmatt und Schlingensief – schlussendlich jedoch Milos und des Ensembles ganz und gar eigene Kreatur.

Sogar diese Geburtshelfer müssen das Stück nunmehr allesamt loslassen und der Welt per Mausklick überantworten. Jedem neuen Zuschauer.

Manche werden verstehen dass dieses Loslassen in Wahrheit ein Akt ultimativer Verbindung ist.

Kein Verlust.

Ein bisschen mehr Pantha Rei

Ein Haarriss weniger Fragmentierung

Gut so.

Was für ein Musiktipp dazu? 

Klar.

John Cale – Fragments Of A Rainy Season (1992)

„I’ve been chasing ghosts and I don’t like it.“

Oft jagte John Cale fremden wie eigenen Geistern nach. Auf Fragments Of A Rainy Season stellt er sie 1992 schließlich.

„I wish someone would show me where to draw the line.“

Mit diesem Album – einem der eindringlichsten Akustik-Konzerte überhaupt – zieht er 1992 seine eigene Linie.

Ohne Koks.

Ohne Alkohol.

Der musikalische Solotanz auf der Rasierklinge

Weder davor noch danach gelang ihm der musikalische Solotanz auf der Rasierklinge so präzise wie in diesen knapp dreißig Songs.

Die Veröffentlichungsgeschichte zum Titel: verregnet, fragmentarisch.

Das Album?

Nur kurz erhältlich, schnell vergriffen.

Um alles auf eine CD zu pressen, strich man Stücke, änderte die Chronologie.

Erst die späteren Ausgaben an 2016 bieten das komplette Konzert.

Entscheidend: Cales Dramaturgie entfaltet sich endlich ohne Brüche.

Viel braucht er nicht.

Piano. Akustische Gitarre. Ein stilles Publikum

Reicht.

Mehr Gefühl als manches Aushängeschild der MTV-Unplugged-Ära. Mehr auch als viele seiner eigenen Studioscheiben.

Weshalb?

Kein Zufall.

Die 70er und 80er verbrachte Cale im alkoholischen Nebel. Große Songs entstanden trotzdem.

Ihre Produktionen? rumpelnd, spröde, klinisch.

Erst die letzte Zusammenarbeit mit Lou Reed – Songs For Drella, im Gedenken an Andy Warhol – brachte ihn künstlerisch ganz zu sich.

Privat fast zurück an die Flasche.

Aus dieser Spannung erwachsen definitive Versionen seiner Schlüsselstücke. Manche Originale erstarren daneben.

Entbehrlich.

Zwischen die eigenen Songs legt Cale zwei Fremd: Presley und Cohen.

Elvis Presleys „Heartbreak Hotel“ verliert jeden Mythos. Zurück bleibt Einsamkeit in Zeitlupe.

Leonard Cohens „Hallelujah“ wird nicht zur Hymne.

Reine Demontage.

Kein Trost. Nur Stimme, Desillusion und Fallhöhe. Jeff Buckley hörte genau hin. Nutzte Cales Flow für seine Version.

Fast so gut.

Cohen nannte Cales Fassung die intensivste.

„I got the style it takes!“

Und er hat ihn.

Klassik im Blut. Rock im Nerv.

Am Piano reicht ein Atemzug vom perlenden Schwelgen zum harten Akkord.

Sein Gesang: stoisch, brüchig, plötzlich lodernd.

„I’m Waiting For My Man“ zerlegt jede Coolness.

Kein distanziertes Flirren – volle Substanz im Blutkreislauf.

 

„Fear Is A Man’s Friend“: Eine Runde blank gelegte Innenwelt voller Panik Attacken?

„Life and death are just things you do when you’re bored.“

Als Gegengewicht Momente beinahe schmerzhafter Ruhe.

„Buffalo Ballet“ liegt in der Mittagssonne, bevor Geschichte und Gier alles verschlingen.

„Gold came and went, quickly spent.“

Und dann: „Dying On The Vine“.

Im Studio einst unscheinbar, steht das Stück hier nackt im Raum. Keine Produktion als Versteck. Nur Melodie. Nur Text. Die Zeilen schwanken zwischen Burroughs Surrealismus und den Narben realer Kriege.

Cale singt nicht dramatisch. Ganz klar.

Nahezu geläutert.

Jede Phrase sitzt. Jede Pause atmet.

Früher Behauptung.

Hier Bekenntnis.

Vielleicht sein menschlichster Moment.

Zum Schluss „Style It Takes“.

Drei Minuten Verdichtung: Warhol. Velvet Underground. Individualismus

Cale braucht nicht mehr.

„You want your freedom, make your freedom mine!“

 

Es gibt Platten, die man hört.

Es gibt Platten, die bleiben.

Diese bleibt.

Viel Spaß zum runterkommen nach diesen aufregenden Tagen mit drm John:

From Hamburg with Love

UK

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Yaho

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9 Gedanken zu “Fragmente dreier Wintertage – Milo Raus „Prozess gegen Deutschland“;”

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    Habe mal, liebe Liane Bednarz,

    tatsächlich die AfD, also die AfD-Stadtratsfraktion von Halle verteidigt dagegen, dass ihr die Stadtrats-Mehrheit die ihr zustehenden Sitze in den Ausschüssen nicht zugestehen wollte.

    Vier Verfahren. Alle gewonnen.
    https://dubisthalle.de/sondersitzungen-noetig-die-naechste-klage-der-afd-gegen-den-halleschen-stadtrat/

    Schon nach dem dritten Urteil sagte ich dem Beigeordneten:

    „Bisher habe ich mich ja an der Sturheit Ihres Stadtrates nur dumm verdient. Würde mich aber gern noch dumm und dämlich verdienen.“

    „Ich fürchte, sie haben es jetzt begriffen.“ Erwiderte dieser.

    Hm, hätte ich jetzt noch mit ihm ne After-Show-Party machen sollen?

  2. avatar

    U.K.: ‚Ein Hauch episches Theater oder doch fieser Schauprozess?
    Schauprozess? Weit gefehlt.
    Es ist offenkundig das Gegenteil … handelt es sich um das Gegenstück zum Schauprozess.‘

    … doch, doch, werter Hr. Kubanke, ein Schauprozess, ein ‚geplatzter Schauprozess‘. Das unterstelle ich mal rotzfrech.

    Ein ‚geplatzter Schauprozess‘ beschreibt ein Gerichtsverfahren, das – obwohl ursprünglich als inszenierte Veranstaltung mit vorbestimmtem Urteil geplant – vorzeitig abgebrochen wird oder nicht das von den Machthabern [sic!] gewünschte Ergebnis liefert.

    Definition: Ein Schauprozess ist eine öffentliche Inszenierung, oft in Diktaturen, [sic!] um Gegner einzuschüchtern.

    Es gibt historische Beispiele; ‚DDR‘, Harich/Janka-Prozess (1957): Die Stasi inszenierte einen Schauprozess gegen kritische Intellektuelle. Obwohl die Urteile feststanden, dokumentieren Tonbandprotokolle, dass die Angeklagten nicht immer wie gewünscht gestanden, was den Schauprozesscharakter teilweise entlarvte.

    … kann aber noch werden, werter U.K., müssen die Sozialisten halt noch ein wenig üben. 😉

    … ich verrate Ihnen aaaber nix Neues; jede Diktatur, insbesondere eine rot-braun-grün-sozialistische, scheitert von Anbeginn. Die Historie mit seinen -zig gescheiterten Sozialismus/Kommunismus-Versuchen innerhalb der letzten 100 Jahre auf verschiedenen Kontinenten, unter verschiedenen wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen sind der Beweis. Nur Bekloppte sind noch der Überzeugung; beim nächsten Mal klappt ’s bestimmt!‘

    1. avatar

      Bekanntlich hat die Jury ein sofortiges AfD-Verbot abgelehnt. Es war kein Schauprozess. Frédéric Schwilden und mir gelang es, die Jury insoweit zu überzeugen:

      „Dass die Geschworenen sich so weit von mir und meiner Kollegin Liane Bednarz überzeugen lassen konnten, dass die AfD nicht sofort verboten werden soll, hat mich und viele andere sehr überrascht. Und es zeigt, Argumente können doch noch überzeugen. Man muss es nur versuchen. Und nur, weil andere pöbeln, sollte man es selbst nicht tun.“

      https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6994bda66e842744e5c58bcc/prozess-gegen-deutschland-vorurteile-rassismus-sexismus-und-klassismus-und-zwar-von-links.html

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        Selbstverständlich. So wie das bei Premieren im Theater ist. Erst recht bei einem einmaligen Stück. Ensemble & Zuschauer & Regie des Stücks. Spannende Gespräche.

      2. avatar

        Fr. Bednarz, Ihr Zitat: ‚Dass die Geschworenen sich so weit von mir und meiner Kollegin Liane Bednarz überzeugen lassen konnten, dass die AfD nicht sofort verboten werden soll, … ‚

        ‚ … die AfD nicht sofort verboten werden soll … au-haua-ha. Mag sein, das Martensteins ‚Plädoyer‘ vom Verbot der AfD vorerst abhielt. Für mich aaaber ist dieser Passus inszeniert, ein Nachweis eines geplatzten Schauprozesses eben.

        In der ‚BRD‘ gibt es beim Schwurgericht keine Geschworenen. Schöffen sind keine Geschworenen. Im anglo-amerikanischen Rechtssystem aaaber, also Jury und Geschworene … 😉 … sähe das Urteil wohl wie aus?

      3. avatar

        Es war ein Fantasiegericht, deshalb auch die Geschworenen. Ein Theaterstück. Kunst. Kein reales Gericht nach deutschem Prozessrecht.

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        … na ja. Wenn das ein ‚Fantasiegericht‘ sein sollte, würde die Fairness es gebieten CDUCSUSPDFDPLINKESED auch auf die Anklagebank setzen. Ich mach‘ gern den Kläger. 😉 Das wäre dann ein Prozess gegen die ‚BRD‘-Politik. Ein Prozess gegen Deutschland, wie kolportiert, ist, zumindest fragwürdig. Meine ich.

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