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Gute Feuilletons gibt es in Deutschland noch immer. Auch ohne Frank Schirrmacher. Warum eine solche zwischenmenschlich nicht einfache Persönlichkeit heute dennoch gebraucht wird, zeigt die Entwicklung des Kulturjournalismus seit seinem Tod.
Am Ende hat er dann doch versagt. Es gab keine Nachfolger, denen seine übergroßen Schuhe gepasst hätten. Vermutlich hatte er nicht mit einem derart frühen Ableben gerechnet. Vielleicht aber lag es auch daran, dass er keine Götter neben sich duldete. Schon gar nicht junge und aufstrebende, die sich ihren Weg genauso entschlossen und gerissen nach oben bahnen wollten wie einst er.
Seit Frank Schirrmacher 2014 im Alter von 54 Jahren starb, ist das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum bloßen Kulturteil verkommen. Natürlich werden dort auch weiterhin neue Bücher, Filme, Platten, Ausstellungen und Theaterstücke besprochen (man hat ja schließlich eine Servicepflicht gegenüber den Lesern), aber öffentliche Debatten werden keine mehr angestoßen.
Man liest, was man denkt
In der guten alten bundesrepublikanischen Presseherrlichkeit gab es für jede demokratische Gesinnung die passende Tageszeitung. Die WELT galt als rechts, die FAZ als konservativ, die Süddeutsche als liberal und die Frankfurter Rundschau als sozialdemokratisch. Mit dem Aufkommen der Grünen erhielten auch Linksalternative ihr eigenes Presseorgan, die taz.
Wer heute beklagt, in den sozialen Netzwerken würden sich die Menschen in Blasen befinden, dem sei gesagt: Auch früher machten sich die wenigsten die Mühe, den Argumenten des politischen Gegners zu lauschen. Man las eine bestimmte Zeitung, weil man in seiner Meinung bestätigt werden wollte. Diese Art Selbstvergewisserung („Da denkt jemand das Gleiche wie ich“) diente der Seelenhygiene. Die Leitartikelschreiber und Kommentatoren vermittelten einem das beruhigende Gefühl, dass das eigene Weltbild stimmte.
Störenfriede im eigenen Haus
Doch es gab einen Ort, an dem es erst unmerklich und später deutlich wahrnehmbar rumorte: das Feuilleton. Hier wurden Inszenierungen und Bücher bejubelt, die man im Politikteil als Landesverrat oder Ketzerei empfunden hätte. Der Theaterkritiker und spätere Intendant des Schauspiels Frankfurt Günther Rühle sorgte als FAZ-Feuilletonleiter gemeinsam mit Literaturchef Marcel Reich-Ranicki dafür, dass die FAZ in den 70ern und 80ern auch von Leuten entdeckt wurde, die mit der politischen Ausrichtung der Zeitung wenig anzufangen wussten.
Ab 1994 trieb Frank Schirrmacher das Ganze auf die Spitze, indem er das Feuilleton dazu nutzte, das Gegenteil von dem zu behaupten, was weiter vorn im Blatt als heilige Lehre verkauft wurde. Beispielhaft hierfür war der Kosovo-Krieg in den späten 90ern. Die Politikredaktion ließ keinen Zweifel daran, dass Deutschland und die NATO gefälligst offensiv auf dem Balkan mitmischen sollten. Schirrmacher hingegen ließ Essayisten und Literaten zu Wort kommen (unter ihnen Susan Sontag, Norman Mailer und Gabriel Garcia Márquez), die sich teilweise massiv von der grassierenden Kampfeslust distanzierten. Der später veröffentlichte Sammelband trug dann auch den passenden Titel: „Der westliche Kreuzzug: 41 Positionen zum Kosovo-Krieg.“
Die Zwei-Klassen-Gesellschaft
Auf diese Weise wirkte das Feuilleton subversiv. Frank Schirrmacher konnte sich das erlauben, weil er das Aushängeschild der FAZ war und zudem als Mitherausgeber über die nötige Machtbasis verfügte. Es kam aber noch etwas nicht Unwichtiges hinzu. Im Selbstverständnis von Politikredaktionen ist das Kulturressort nur ein Anhängsel. Eine Spielwiese, auf der sich jene austoben dürfen, die „irgendwie ein bisschen künstlerischer veranlagt“ sind.
Das trifft nicht nur auf die großen Tageszeitungen zu, sondern galt früher auch für die zahlreichen alternativen Stadtmagazine. Deren erklärtes Ziel war es, „Gegenöffentlichkeit“ zu schaffen, also jene zu Wort kommen zu lassen, die nicht zum Establishment gehörten. Zudem berichteten sie über Kungeleien, Ränkespiele und Skandale, die von der örtlichen Tageszeitung gern mal verschwiegen wurden.
Damit einher ging ein Gefühl von Wichtigkeit. Es reichte zwar nicht zur Weltrevolution, aber zumindest mischte man die heimische Stadt ein wenig auf. Da konnten die „Kulturfuzzis“ nicht mithalten. Sie wurden redaktionsintern nur toleriert (weil die Leser halt erwarteten, dass ein Stadtmagazin auch über Konzerte, Theaterstücke, Platten und Filme berichtete), aber nicht respektiert.
Diesen Dünkel nahmen die Politredakteure mit, wenn sie später zu größeren Zeitungen, Rundfunk oder Fernsehen wechselten. Was sie dabei verkannten: Es ist ein Unterschied, ob man über Politik schreibt oder Politik macht. Und wer über Mächtige berichtet, wird dadurch noch lange nicht zum Mächtigen.
Auffallen!
Das gilt natürlich erst recht für Kulturredakteure, die innerhalb der Ressorthierarchie weiter unten rangieren. Frank Schirrmacher wird dies gespürt und darunter gelitten haben. Es lohnt sich, Michael Angeles Buch „Schirrmacher – ein Portrait“ zu lesen. Gerade zwischen den Zeilen. Angeles Biografie ist eigentlich ein Psychogramm. Er beschreibt einen Aufsteiger, der seinen Hans Fallada verinnerlicht hat: „Ein Mann will nach oben“.
Beim Lesen der investigativen Biografie stellt sich ein eigentümliches Gefühl ein. Man versteht auf einmal, warum Schirrmachers Texte häufig so pathetisch waren. Wie damals, 2013, als er unter der Überschrift „Die Geschichte deutscher Albträume“ die Leser mit dem Flakscheinwerfer abholte: „Warten Sie nicht auf einen hohen Feiertag, versammeln Sie jetzt Ihre Familie: Der ZDF-Dreiteiler ‘Unsere Mütter, unsere Väter‘ beginnt am Sonntag und ist die letzte Chance, über die Generationen hinweg die Geschichte des Krieges zu erzählen.“
Anders sehen
Krawumm! Hier wollte jemand Aufmerksamkeit um jeden Preis. Dem ehemaligen FAZ-Literaturchef genügte es nicht, Bücher zu besprechen. Ihm ging es darum, öffentliche Diskussionen zu entfachen. Er spekulierte darauf, dass andere Zeitungen die Kanonenkugel, die er abgefeuert hatte, aufnahmen und wieder luden.
Und es funktionierte. Davon profitierte die FAZ, die stärker denn je das feuilletonistische Leitmedium der Republik war. Aber auch dem Debattenleben taten Schirrmachers Ansichten gut. „Ansichten“ ist dabei wörtlich zu verstehen. Schirrmacher suchte einen neuen Blickwinkel auf das Vertraute. In seinen Texten vermittelte er den Lesern: Man kann die Dinge auch ganz anders betrachten.
Schirrmacher starb, bevor der Krieg in Syrien Hunderttausende in die Flucht trieb und viele davon in Deutschland Asyl beantragten. Bald darauf ging ein Riss durch die Gesellschaft, und die AfD, die bei der Bundestagswahl 2013 gerade mal 4,7 Prozent erreicht hatte, startete durch.
Ich hätte gern erfahren, wie Schirrmacher auf diese Entwicklung geschaut hätte. Welche Perspektive er eingenommen hätte. Aber es gab niemanden mehr, der durch seine Sichtweise eine Debatte hätte anstoßen können. Es gab nur ein Stimmengewirr, aus dem jeder für sich das herausfilterte, was er hören wollte.
Best Practice: NEUES DEUTSCHLAND
Das Feuilleton ist nicht tot. Es hat sich lediglich zurückgezogen in Nischen. Was dort passiert, kann aufregend und erhellend sein. Das ND (wie sich das Neue Deutschland mittlerweile nennt) ist hierfür das beste Beispiel. Vorne, im Politikteil, wird die Stammleserschaft bedient. Wähler der Linkspartei werden sich dort wiedererkennen – muss halt so sein! Doch spannend wird es erst im Feuilleton.
Das wird geleitet von einem „Wessi“, dem Hessen Christof Meueler, der bekannt wurde durch Biografien über Alfred Hilsberg, Vater der Neuen Deutschen Welle und der Hamburger Schule, sowie Wiglaf Droste, Enfant terrible des Kulturbetriebs. Meueler ist ein Popintellektueller, dessen Herz für Nonkonformisten schlägt und der von den 80ern geprägt wurde, als links sein und in die Disco gehen kein Widerspruch war.
Und der sich bewusst ist, dass ein Feuilleton nicht nur von der Ethik lebt, also den Inhalten und Botschaften, sondern auch von der Ästhetik, also der Form, in der diese Inhalte präsentiert werden. Einfacher gesagt: Meueler kann schreiben und die Mehrzahl seiner Autoren kann es auch – was im Feuilleton leider keine Selbstverständlichkeit ist. Die ehemaligen Ressortleiter Ulrich Greiner (ZEIT) und Patrick Bahners (FAZ) haben bewiesen, dass ein verquastes Deutsch kein Karrierehindernis sein muss.

Foto: Christof Meueler (privat)
„Die Freiheit nehm ich mir“
Zudem hat Meueler als Kulturchef seinen Schirrmacher verinnerlicht: Auf den Blickwinkel kommt es an. Wenn die russischstämmige Deutsche Jana Talke in ihrer Kolumne „Talke Talks“ ihr Familien- und Alltagsleben in Dallas (Texas) beschreibt, erfährt man mehr über die USA als im 874sten schnarchgähnlangweiligen Leitartikel über Donald Trump. Und „Die gute Kolumne“ von Thomas Blum offenbart Woche für Woche, wie ein bürgerlicher Anarchist (oder anarchischer Wertkonservativer) nicht nur am rechten Spießbürgertum und am linken Antisemitismus verzweifelt, sondern auch an seinem Wohnort Berlin, einer Stadt, die vom ÖPNV über den Winterdienst bis zur pappeähnlichen Schrippe nichts gebacken kriegt.
Auch lässt Meueler seinen Mitarbeitern die Freiheit, über Kulturgüter zu berichten, die nicht immer brandaktuell sind. Die Unsitte Bücher und Filme zu rezensieren, noch ehe diese auf dem Markt verfügbar sind (was für den Leser hochfrustrierend ist), macht er nicht mit. Stattdessen füllt er schon mal eine ganze Seite mit einem eher wenig bekannten Album, das vor zig Jahren erschienen ist (einfach mal auf nd-aktuell.de „Andromeda Heights“ im Suchfeld eingeben).
Die Motivation dahinter: Ein Autor, der das Interesse von Lesern wecken will, muss erstmal selber interessiert sein. Neugier und Begeisterungsfähigkeit zeichnen daher Meuelers Redakteure und Mitarbeiter aus. Ganz gleich, ob es um „Genosse Shakespeare“ (die etwas andere Theaterserie von Erik Zielke) oder Thrash Metal geht.
Mit diesem Enthusiasmus gelingen dem ND-Feuilleton auch immer wieder publizistische Knüller. Während der Rest der Republik über Amanda Knox und ihren Prozess- und Gefängnisalbtraum in Italien nur schrieb, nahm ND-Redakteur Klaus Ungerer einfach Kontakt zu ihr auf und führte ein längeres Gespräch (eben jener Ungerer wurde übrigens einst von Schirrmacher zur FAZ geholt). Und als Kid P. (Andreas Banaski), einer der Bahnbrecher des Popjournalismus, nach langer Zeit im Pflegeheim starb, da konnte das ND als einzige Zeitung mit einem Interview aufwarten, das Christof Meuler vor vielen Jahren – kurz vor dessen schwerer Erkrankung – im Rahmen seiner Hilsberg-Recherche geführt hatte.
Der Prophet gilt nichts im eigenen Haus
Andere Zeitungen würden mit solchen Pfunden wuchern. Doch in den Social-Media-Aktivitäten des ND auf Facebook und Instagram findet die Kultur nicht statt. Auch als die Zeitung im letzten Jahr eine Spendenkampagne startete, um ein Loch von 150.000 Euro zu stopfen, verwies sie nur auf die politische Notwendigkeit eines „linken, engagierten, aufklärerischen Journalismus“. Das eigene Feuilleton, das zu den besten in Deutschland zählt, wurde nicht einmal in einem Nebensatz erwähnt.
Das ist der Moment, in dem man begreift, warum Frank Schirrmacher sich immer wieder in den Vordergrund drängte. Es war nicht nur Geltungsdrang. Schirrmacher war sich bewusst: Inmitten der politischen Scheuklappenschreiber hat der Feuilletonist nur dann eine Chance, wenn er unablässig auf die Pauke hat. In einer Zeit, in der das Blasen- und Lagerdenken Hochkonjunktur hat, sollte man Kulturredaktionen deshalb daran erinnern, lauter und penetranter zu werden. Gute Gedanken entstehen dort genug.
Frank Jöricke, Jahrgang 1967, ist Autor des antinostalgischen Nostalgiebuchs „Früher war alles anders“. Er schreibt für den „Playboy“, „Die Welt“, „Neues Deutschland“, „Trierischer Volksfreund“, „Cicero“ und „Freitag“. Seinen Durchbruch als Autor hatte er mit dem Roman „Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage“.
Schlagwörter: Frank Schirrmacher, Feuilleton, Christof Meueler, FAZ, Neues Deutschland, Klaus Ungerer, Erik Zielke, Jana Talke, Thomas Blum, Kid P., Popjournalismus, Alfred Hilsberg, Wiglaf Droste.
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