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Zwischen Gletscher und Glut – zum Tode Sly Dunbars eine Hommage an Sly & Robbie

Foto: Sly & Robbie, „Language Frontier“, Cover Artwork photographed by Chris Garnham, © 1985 by Island Records

Premiere bei SM: Erstmals gibt es einen Artikel nicht nur als gewohnte Bleiwüste. Nein, Ulf Kubanke stellt seine Artikel nunmehr zusätzlich auch per YouTube Video als Leseclip zur Verfügung: Kubanke liest Kubanke

Sly & Robbie haben die Lichtung am Ende ihres Pfades erreicht. Nach Robbie Shakespeare hat nun ebenfalls Sly Dunbar das Gebäude verlassen. Ein Nachruf. 

Reggae, Dub, Dancehall, Rock oder Pop – mit tausenden von Kollabos und eigenen Tracks zählen beide Jamaikaner zu den musikhistorisch bedeutendsten Duos überhaupt.

Zwei musikalische Grenzgänger, die dazu beitrugen, das Grenzen in der Kunst, respektive der Musik verdientermaßen gesprengt wurden.

Eine dieser bahnbrechenden Verbindungen möchte ich heraus greifen. Ganz einfach weil es mein ganz persönlicher Liebling von ihnen ist. Tolles Spätwerk aus dem Jahr 2018.

„Nordup“ – Das Album der Gegensätze 

Tiefer Süden trifft hohen Norden.

Jamaika trifft Norwegen

Feuer trifft Eis.

Sly & Robbie treffen Nils Petter Molvaer.

Das Album: „Nordup“ (2018)

 

Warum ist das interessant?

Ganz einfach:

Das sinnliche Erlebnis stachelt ebenso auf wie es simultan entspannt 

Manche künstlerische Zusammenarbeit liest sich bereits auf dem Papier zu schön, um wahr zu sein. Diese Musik-Ehe scheint im Himmel geschlossen. Mit Sly & Robbie und Trompeten-Guru Nils Petter Molvaer treffen die karibischen Kollabo-Weltmeister auf den nordischen Kollabo-König. Beide Acts schmecken normalerweise so verschieden wie Rum und Aquavit; doch beide wirken hochprozentig. Ihr gemeinsames Baby „Nordup“ verbindet scheinbare Widersprüche zum lavabelamptem Sound-Abenteuer.

„Nordub“ erweist sich von Anfang bis Ende als langer Trip in eine bewusstseinserweiternde musikalische Dimension. Großer Pluspunkt: Das sinnliche Erlebnis stachelt dabei ebenso auf wie es simultan entspannt.

Die Kollabo-Genies inklusive Remix-Tunes von Madonna-Tracks

Ihr gemeinsamer genetischer Code ergibt sich aus der variablen Philosophie beider Parteien. Obwohl S&R nicht nur wegen Black Uhuru Götter des Reggae sind, wirkten sie gern auf bedeutenden Alben stilistisch vollkommen andersartiger Ikonen mit. Die Skala reicht von Grace Jones über Mick Jagger bis Marianne Faithfull, Serge Gainsbourg (unter anderem für sein herrliches Skandal-Album „Aux Armes“ oder Bob Dylan (u.a. sein „Infidels“ & spielt die Harp auf ihrem „Language Barrier“ Album). Daneben etwa Remixe für Madonna – die selbstverständlich besser klingen als das jeweilige Original. Auch ihr Remix für New Orders „Ruined in a day“ („Republic“) zeigt sie als souveräne Spieler auf allen Ebenen.

Demgegenüber stehen:

Jazzer, Black Metal-Typen, Elektro-Frickler und Soul-Musiker – vereint im Musizieren

NPM und sein Musik-Ehemann Eivind Aarset (beide verantwortlich für den kniefallwürdigen ECM-Meilenstein „Khmer“) sind als Norweger ohnehin der Ansicht, dass es ganz normal sein sollte, wenn Jazzer, Black Metal-Typen, Elektro-Frickler und Soul-Musiker nicht nur miteinander trinken, sondern auch gemeinsam musizieren.

Diese ebenso seltene wie sympathische Einstellung führte 2015/16 bereits zu gemeinsamen Konzerten und liegt auch dieser Platte zugrunde. Zu Beginn der Aufnahme-Sessions gab es bereits ein eingespieltes Team. Das hört man den Tracks ausnahmslos an. Handwerklich verstehen sich alle Beteiligten hier blind. So eröffnet sich ihnen viel Raum für das Entwickeln kreativer Ideen, die jede Genre-Grenze geboten mitleidig verspotten.

Deshalb ergibt etwaiges Etikettieren das hier Vorgefundenen keinerlei Sinn. Ist das nun eher Reggae, Dancehall, Dub oder Jazz? Solche Fragen stellt niemand mehr, sobald die erste Minute verstreicht.

Stattdessen rücken zu Beginn die scheinbaren Nebenfiguren Eivind Aarset (Gitarren) und Klangtüftler Vladislav Delay (Elektronik) in den Fokus. Beide verfügen zwar nicht über die zugkräftigen Namen der Hauptdarsteller, stehen diesen in Bezug auf essentielle Ideen und Umsetzung dieser zehn Stücke dennoch absolut gleichberechtigt gegenüber.

Lava-trifft-Gletscher-Musik

Diese Lava-trifft-Gletscher-Musik hält für altgediente Fans beider Seiten zunächst die Herausforderung der Umgewöhnung bereit, denn alles fließt hier simultan ineinander. „How Long“ dürfte Molvaerianer mit Reggae-Vocals aus der Reserve locken. S&R-Kenner könnten sich dagegen von den daraufhin einsetzenden Nu-Jazz-Elementen irritiert zeigen. Doch es lohnt sich gleichwohl am Ball zu bleiben.

Delays Elektronik übernimmt jenen Part zwischen Untermalung und Gegengewicht, den im artverwandten Kollabo-Kosmos von Trompetenbruder Erik Truffaz der Mexikaner Murcof inne hat. Ähnlich wie auf deren „Being Human Being“-Album liefert der Finne durchgehend den entscheidenden Brennstoff für den gemeinsamen Motor. Anspieltipp hierzu: „Norwegian Sword Fish“.

S&R/NPM bleiben relativ puristisch bei ihren angestammten Stärken. Das Jamaika-Feeling der beiden Rastafari dubbt sich nahezu stoisch als roter Faden durch die gesamte Platte. Molvaers Trompete wirbelt mitunter elegisch, oft jedoch recht schneidig dazwischen.

Am Ende gewinnt der Dschungel, Baby

Die elektrische, oft angezerrte Verstärkung geht dabei jenen Weg, den Miles Davis Anfang bis Mitte der 70er auf Alben wie „Get Up With It“ ging: Am Ende gewinnt der Dschungel, Baby.

Als Höhepunkt des schicken Gemischs schält sich „Was in The Blues“ heraus. Der Song verkörpert eine Kreuzung aus schamanischer Melodie, hypnotischem Rhythmus und kreissägender Trompete. Schon nach dem ersten Durchlauf krallt sich dieser Übertrack fest und verlässt des Hörers Ohr stundenlang nicht.

 

Fazit: Karibik trifft Nordpol auf eine Runde Ohrengras.

Schön, dass es euch gab, Sly und Robbie.

From Hamburg with Love

UK

Keywords: Sly & Robbie, Sly Dunbar, Robbie Shakespeare, Reggae, Dub, Dancehall, Pop, Rock, Nils Petter Molvaer, Khmer, Eivind Aarset, Erik Trufazz, Murcof, Mick Jagger, Marianne Faithfull, Bob Dylan, Infidels, Serge Gainsbourg, Aux Armes

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