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Deutschland, der Aufarbeitungsweltmeister

„Aufarbeitung“, so erklärt die deutschamerikanische Juristin Inga Markovits ihrem englischsprachigen Publikum, „ist ein äußerst deutsches Wort.“

Aufarbeitung ist nicht Geschichtsschreibung, schon gar nicht Geschichtswissenschaft. Um wieder Inga Markovits zu zitieren:

„Aufarbeitung meint, über die Vergangenheit zu Begriffen zu kommen. Aber zu wessen Begriffen?“

Und sie weist darauf hin, dass „Aufarbeitung“ im Deutschen auch eine Doppelbedeutung habe („Freudian connotation“): Es bedeute auch, ein altes Kleidungsstück so umzunähen, dass es aussieht, als wäre es neu („Ein Kleidungsstück aufarbeiten“).

Nicht ganz wortgetreu übersetze ich das manchmal mit:

„Aufarbeitung ist auch die Wiederverwertung von Lumpen.“

Das hat mir schon Meldungen aufmerksamer Melder bei diversen staatlichen Aufarbeitungseinrichtungen eingebracht.

„Bodo Walther?“

So fragte mich die Leiterin der Gedenkstätte Kassberg, als ich diese vor sechs Monaten mit meinem Sohn besuchte,

„… der Name sagt mir was.“

„So? Komme ich als ehemaliger Insasse dieses Hauses nun doch nicht ohne Eintrittsentgelt rein?“

„Kommen Sie, kommen Sie!“

Das Zitat Markovits‘ entstammt ihrem Aufsatz: „Aussortierte Erinnerung. Wie Gesetze unser Erinnern und Vergessen verändern. Der Fall Ostdeutschland. Selective Memory: How the Law Affects What We Remember and Forget about the Past: The Case of East Germany

Des Ministers für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik und seines Apparates werde erinnert. Die übrigen Mitglieder des DDR-Ministerrates werden vergessen.

Eine in den 1990er Jahren durchaus gewollte Unterscheidung des Ossis in Gut und Böse. Die mit Geschichtswissenschaft so wenig zu tun hat wie die Behauptung, die Wehrmacht sei eine Versammlung von Ehrenmännern gewesen und die Waffen-SS eine Bande von Verbrechern.

Aber wenn eine Diktatur zusammengebrochen ist, kann man nicht alle dieser DDR-Staatsangestellten, die nun einmal 99 % der Berufstätigen der DDR mittelbar oder unmittelbar waren,…

… kann man die ja nicht alle zu Schergen der Diktatur erklären. Den weit überwiegenden Teil der Bevölkerung braucht man, um einen neuen Staat zu tragen.

Übrigens: Wussten Sie, dass auch das in der DDR existierende Staatliche Amt für Preise neben dem Minister für Staatssicherheit Mitglied in diesem DDR – Ministerrat war? Ein staatliches Amt für Preise legte in der DDR Herstellungspreise fest. Wieviel also mein Vater in seiner Weberei für jeden Schussfaden in einem Gewebe verlangen durfte.

Das Amt legte aber auch Verkaufspreise fest. Dass für Wohnraum höchstens ein Mietpreis von 1 DDR-Mark und 20 Pfennig verlangt werden durfte, zum Beispiel. Warmmiete übrigens, also inklusive Wasser, Abwasser und Heizung. Strom wurde auch in der DDR vom Mieter gesondert abgerechnet.

Wer sich an die Vorgaben dieser DDR-Institution nicht hielt, den konnten aufmerksame Zeitgenossen bei diesem Amt für gerechte Preise melden. Dann nahm die Gerechtigkeit aber ihren Lauf, sag ich Ihnen!

Na ja, werden Sie vielleicht sagen, da gebe es doch einen Unterschied zwischen dem Ministerium für Staatssicherheit, unter dem die 17 Millionen DDR-Bürger gelitten hätten und diesem Preisamt, das mit seiner Mietpreisbremse doch eher ein Segen gewesen sei?

Aber sind Sie sich da sicher?

Litt nicht die Masse der DDR-Bürger unter dem Wohnungsmangel und dem Verfall der Städte, der nun einmal aus Wunschpreisen für eine Wohnungsmiete resultiert? Weil auch eine Wohnbaugesellschaft in sozialem, also staatlichen oder kommunalen Eigentum, ein Mindestmieteinkommen braucht, um zu bauen? Sogar die „Wiener Wohnen„?

Von den Kosten des Erhaltes von Wohnraum ganz zu schweigen! Von den 60 DDR-Mark Miete, die mein Vater dafür erhielt, dass er einen Mieter in seine Doppelhaushälfte zugewiesen bekam … Also davon konnte er doch das Dach nicht neu decken.

Und andersherum: Litten „die DDR-Bürger“ wirklich unter dem Ministerium für Staatssicherheit?

3.000 Verhaftungen durch das Ministerium jährlich betrafen doch „nur“ 0,0176 % der Gesamtbevölkerung, also einen Promillebereich. Die immer wieder bemühten Zersetzungsmaßnahmen des MfS durch „Operative Vorgänge“ betrafen gar nur einige hundert Menschen.

Und was waren das auch für Menschen, mit denen sich „die Stasi“ beschäftigte?

„Die Hauptsorge amnesty internationals“, so heißt es in den Jahresberichten der Organisation in den 1970er und 1980er Jahren zur DDR, „gilt der Verhaftung von Menschen, welche die DDR verlassen wollen.“

Ausreiseantragsteller also. Die Hälfte der jährlich 3.000 vom MfS Verhafteten war direkt einer versuchten Republikflucht beschuldigt. Strafbar nach § 213 des Strafgesetzbuches DDR.

Litten „die DDR-Bürger“ darunter? Wollte wirklich die auch nur Mehrheit von ihnen abhauen? Es gibt keinen Staat auf dieser Welt, wo dies der Fall wäre. Die Mehrheit der Menschen will in ihrer Heimat bleiben, selbst wenn dort der Teufel auf der Straße tanzt. Und vielleicht sogar gerade dann. Weil „man“ die Familie doch nicht verlässt in solch einer Lage.

„Aufarbeitung“ ist eben keine Geschichtswissenschaft ist. Sondern Geschichtspolitik.


„There is much talk today in Germany about the AUFARBEITUNG (literally, the >>working over<<) of its recent history – a very German word that is usually translated as >>coming to terms with the past<< (on whose terms?) but that also evokes Freudian connotations …,

… and that, in a more mundane and domestic meaning, also can be used to describe the remodeling of an old garment (>>ein Kleidungsstück aufarbeiten<<) to make it look as good as new.“

„Heute wird in Deutschland viel über die AUFARBEITUNG der jüngeren Geschichte gesprochen – ein sehr deutsches Wort, das üblicherweise mit „Zur Vergangenheit in Wertungen kommen“ (zu wessen Wertungen?) übersetzt wird, das aber auch freudianische Assoziationen weckt …

In einer eher banalen und häuslichen Bedeutung kann es auch verwendet werden, um das Aufarbeiten eines alten Kleidungsstücks zu beschreiben, damit es wieder wie neu aussieht.“

Inga Markovits, Selective Memory: How the Law Affects What We Remember and Forget about the Past: The Case of East Germany, in: Law and Society Revue, 2001, Seite 513 ff.

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Über Bodo Walther

Bodo Walther, geboren 1960 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt, studierte 1985 bis 1991 Rechtswissenschaften in Tübingen und Bonn. Er war aktiver Landes- und Kommunalbeamter in Sachsen-Anhalt, ist heute im Ruhestand und Anwalt in der Nähe von Leipzig.

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