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Songs von Leonard Cohen (3): Hallelujah. Erste Annäherung

Ich dachte, ich könnte es langsam angehen, die Spannung steigern, den Höhepunkt hinauszögern – aber diese beim Sex durchaus empfehlenswerte Taktik funktioniert hier nicht – schlicht, weil mir der Song nicht aus dem Kopf geht und mir ständig neue Ideen dazu einfallen. „Hallelujah“ also. Leonard Cohens erfolgreichster Song, und leider aus den falschen Gründen erfolgreich.

Kitsch, las ich irgendwo, sei falsches Gefühl. Und wenn es einen Song gibt, der Sänger und Sängerinnen dazu verleitet, falsche Gefühle vorzutäuschen, dann dieser. Das Ergebnis ist fast immer peinlich, ob es Jeff Buckleys kunstloses Gejodele ist oder die berechnende Kunstfertigkeit von k.d. lang. Und fast alles – John Cale ausgenommen – dazwischen, einschließlich, so mancher Live-Auftritte des Meisters selbst, mit betenden, flehenden oder segnenden Händen, gelegentlichem In-die-Knie-Gehen usw.; immerhin bei der von John Lissauer produzierten Studioaufnahme ist die Stimme angenehm zurückhaltend.

Ich weiß, ich rede hier entgegen meinem Vorsatz von der Musik, genauer: von der Performanz, und nicht von der Lyrik, aber die peinliche Performanz hat wohl – außer im Fall Cohens selbst – etwas mit der Hermetik der Lyrik zu tun. Man weiß nicht genau, was der Text sagen will – Lissauer selbst bekannte, er verstehe den Song nicht – und  ersetzt den Humor und die Ironie des Texts (und ich verliere nicht die Hoffnung, dass ich irgendwann die Selbstironie in Cohens Auftritten durchschauen werde), durch vorgetäuschtes Gefühl und die begleitenden Kunsteffekte: Melismen, Koloraturen, Gospel-Inbrunst usw.; das erinnert mich ein wenig an das, was ich in meinem Dylan-Buch über  den Refrain von „Knockin‘ On Heaven’s Door“ geschrieben habe:

„Das klingt „irgendwie bedeutend, man kann das Gesicht dazu bluesschmerzverzerrt gen Scheinwerfer drehen und so tun, als dächte man an den Tod und glaubte an einen Himmel, während man in Wirklichkeit nur denkt: ‚Jetzt wäre ein Mädchenchor gut, um das Ooh-ooh-ooh-Stück zu singen.‘“

Dabei trägt „Hallelujah“ (den Text findet man wie immer unten) die Selbstironie von Anfang an dick auf. David der Harfenspieler habe, so die Legende, einen „geheimen Akkord“ gefunden, der dem Herrn gefiel. „Aber Du hast es nicht so mit der Musik, oder?“ Mit „Du“ scheint Gott gemeint zu sein. Trotz David hat es der Herr nicht so mit der Musik. Eher mit dem Wort und dem Singsang der Betenden. Die Synagoge Shaar Hashomayim, die Cohen als Kind in Montreal besuchte, gehört zu den wenigen Synagogen weltweit, die noch die musikalische Tradition der europäischen, vor allem deutschen, Synagogen fortführt, die mit ihrer Chormusik die christliche, vor allem protestantische Gestaltung des Gottesdiensts kopierten.

Dann sagt Cohen, und man darf annehmen, dass ich hier kein anderer ist: Pass auf, es geht so – und kommentiert die Akkordfolge, die er singt:   C, F, G, A moll, F: Ausgehend von C also die Vier, die Fünf, den Abfall in Moll, die Erhebung in Dur. So macht man das. So komponiert der König, der den geheimen Akkord nicht findet, den Song „Hallelujah“.

Man sagt, dass Cohen zwischen 80 und 180 Strophen für diesen Song schrieb, und das glaube ich gern, denn wer könnte der Versuchung widerstehen, möglichst ausgefallene Reime auf das heilige Wort zu finden? Ich nicht.

Also könnte man einen Vers machen über jemanden, der beleidigt wird:

„And if you say that one more time, I’ll sue ya“

Oder einen von sich überzeugten Liebhaber (und den Beatles-Song „Don’t Let Me Down“) zitieren:

„You know nobody does you like I do ya“

Oder:

„If you need me I’ll come by tonight to screw ya.“

Ein Verb, das man aber auch auf jemanden wie Elon Musk beziehen könnte:

„But in the end he’s only out to screw ya.“

Oder über eine männermordende Frau (dazu kommen wir gleich):

„She’ll spit you out but first she’s gonna chew ya.“

Was man auch auf Gott beziehen kann:

„He’ll spit you out but first He’ll have to chew ya.“

Und so weiter.

Nachtrag: Erst nachdem ich das geschrieben hatte, machte mich ein Leser darauf aufmerksam, dass auch Adam Sandler der Versuchung nicht widerstehen konnte:

 

Dieses lyrische Konzept – zu Shakespeares Zeiten sprach man von einem „Conceit“ – trägt den Text, und sein Humor (ich meine nicht Sandler, ich meine Cohen) konterkariert das Bedeutungsschwangere des Refrains Hallelujah: „Lobt Gott!“ Man ermisst den Humor, wenn man sich fragt, ob es jeweils möglich sein wird, dass ein moslemischer Pop-Sänger „snackbar“, „machbar“ oder „nackt war“ auf „Allahu Akbar!“ reimt.)

Wir bleiben in der zweiten Strophe biblisch, dann mache ich für heute Schluss. Der Song ist wie Walt Whitman und Bob Dylan, it contains multitudes.

Jetzt ist das Du nämlich nicht mehr Gott, sondern zuerst der König David, der Batseba auf dem Dach beim Baden beobachtete, sie schwängerte und sich dazu verleiten ließ, Batsebas Mann, seinen treuen Krieger Urija, in den Tod zu schicken. Der Mann jedoch, der von einer Frau an einen Küchenstuhl gefesselt wird und dessen Haare geschnitten werden, ist der biblische Held Simson, der sich in die Philisterin Dalila verliebte, ihr das Geheimnis seiner Superkräfte verriet – seine ungeschnittenen Haare nämlich – und von ihr verraten wurde, so dass er, geblendet und gefesselt zum Gespött der Philister im Baal-Tempel zu Gaza ausgestellt wurde. Freilich wuchsen seine Haare und seine Kräfte, so dass Simson – der Urahn aller Selbstmordattentäter – die Säulen des Tempels auseinander schob und das Dach auf sich und die feiernden Philister herabfallen ließ.  Hallelujah! Allahu Akbar!

Vielleicht aber geht es hier in den ersten beiden Strophen gar nicht um den Verführer David, die schöne Ehebrecherin Batseba, die untreue Heidin Dalila, den verratenen Superhelden Simson, sondern um den Tod oder die Erniedrigung eines Frauenhelden, „Death of a Ladies‘ Man“, wie ein unterschätztes Album Leonard Cohens heißt. Und vielleicht ist dieses „You“ doch nicht Gott, sondern je nach Kontext der Ladies‘ Man und die femmes fatales, die ihm dann doch das Wasser (oder vielmehr den Wein) reichen können.

Ein Andermal mehr.

 

 

 

I’ve heard there was a secret chord

That David played, and it pleased the Lord

But you don’t really care for music, do you?

Well it goes like this

The fourth, the fifth

The minor fall, the major lift

The baffled king composing Hallelujah

 

Hallelujah, Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah

 

Well your faith was strong but you needed proof

You saw her bathing on the roof

Her beauty in the moonlight overthrew you

Well she tied you to a kitchen chair

She broke your throne, and cut your hair

And from your lips she drew the Hallelujah

 

Hallelujah, Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah

 

Baby I’ve been here before

I’ve seen this room, and I’ve walked this floor

I used to live alone before I knew you.

I’ve seen your flag on the marble arch

Our love is not a victory march

It’s a cold and it’s a broken Hallelujah

 

Hallelujah, Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah

 

There was a time when you let me know

What’s really going on below

But now you never show it to me, do you?

And remember when I moved in you

The holy dove was moving too

And every breath we drew was Hallelujah

 

Hallelujah, Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah

 

Maybe there‘s a God above

But all I‘ve ever learned from love

Was how to shoot at somebody who outdrew you

It‘s not a cry that you can hear at night

It‘s not someone who has seen the light

It‘s a cold and broken Hallelujah

 

Hallelujah, Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah

 

You say I took the name in vain

I don’t even know the name

But if I did, well really, what’s it to you?

There’s a blaze of light in every word

It doesn’t matter which you heard

The holy or the broken Hallelujah

 

Hallelujah, Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah

 

I did my best, it wasn’t much

I couldn’t feel, so I tried to touch

I’ve told the truth, I didn’t come to fool you

And even though it all went wrong

I’ll stand before the Lord of Song

With nothing on my tongue but Hallelujah

 

Hallelujah, Hallelujah

Hallelujah, Hallelujah

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